Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 13 (1919)
- Issue
- 38-39 (24.9.1919)
- Date
- 1919-09-24
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Kr." 38-89__;_JÜDISCHE ZOTUNO Seite 5 Erklärungsgründe des vielfach zum Bestialisjnns ausartenden Wütens derVölk ei gegeneinander und gegen die Juden sind, dürfen nicht weiters ohne Gefährdung de? ernstesten jüdischen Volksinteressen weder in Palästina noch in der Diaspora übersehen werden. Der einseitige Materialismus und! alle auf ihm aufgebauten Programme haben Europa dorthin gebracht, wo alle Völker und speziell auch die Juden angelangt sind; sie dürfen daher weder für unsere Arbeit in den europäischen Staaten noch in Palästina ln Zukunft richtunggebend «ein. Im jetzigen Stadium der Entwicklung muß endlich über gewisse grundlegende Prinzipien, auf Grund deren die Tätigkeit des jüdischen Volkes in allen Ländern vor sich gehen soll, auf den nächsten Kongressen und Parteitagen, sowie in der Presse die unbedingt notwendige Klärung erfolgen. Die traditionelle Auffassung, daß man zu den nationalen, religiöses und ökonomischen Problemen in der Diaspora in einem anderen Sinne als in Palästina Stellung nehmen könne oder überhaupt .sie auf die Dauer zu negieren in der Lage sei, hat sich als unhaltbar erwiesen. Ebenso war und ist es eine Illusion, anzunehmen, daß, wenn nicht eine Umwertung der Menschen und eine Klärung der Geister der jüdischen Emigranten vor ihrer Auswanderung aus Europa nach Palästina stattfindet, sich in dem Momente eine Ausgleichung der Gegensätze von selbst ergeben würde, sobald sie palästinensischen Boden betreten, Die Auffassungen über die Aufgaben des Staates und die Stellung zum Staate, über das Wesen und die Grenzen des Nationalismus, über die Stellung der Juden zu den übrigen Völkern und nicht nur in der Diaspora, sondern auch zu den'Arabern in Palästina, das Verhältnis der jüdischen Nation zur jüdischen Konfession, die Anschauungen über die Ziele eines modernen Sozialismus und den Weg hiezu erheischen eine weit gründlichere und objektivere Erörterung, auf Grund aller bisher gemachten Erfahrungen, als sie ihnen bisher zuteil waren. Der Satz „quieta non movere” mag ja vom organisatorischen Standpunkt aus einer jeden Partei sehr bequem sein, er mag als ein geeignetes Mittel zur Erhaltung der Einigkeit In einer Bewegung manchen erscheinen. Auf die Dauer aber lassen sich — das zeigt sich bei allen Völkern — der Gegensatz der Weltanschauungen, in religiösen und sozialen Fragen, nicht durch die Zugehörigkeit zu einer Nation — und gerade bei der Eigenart der iüdi sehen Nation — bei dieser nicht erhalten. In einem Momente, wo sämtliche alten Parteiprogramme der Kulturvölker sich als unrealisierbar in ihrer Gänze erwieseh haben, in einer Zeit der Zersetzung der alten Parteiformationen, wäre es eine arge Täuschung, anzunehmen, daß diese Erscheinungen andern jüdischen Leben in Palästina, geschweige denn an dem jüdischen Parteiieben in der Diaspora, spurlos vorübergehen. Tatsächlich sehen wir bei Orthodoxen, wie bei Assimilanten verschiedener Schattierungen, Zionisten und l’caiezk'iiistc'i. jüdischen Nationalisten und Sozialisten in den einzelnen Staaten die verschiedensten Unterströmungen, Schattierungen und Gegensätze, die in einem Momente, wo der Antisemitismus größere Dimensionen als je an nimmt und eine Ausgleichung der inneren Gegensätze im jüdischen Volke notwendiger als je wäre, eine besondere Beachtung verdienen. Wohl bestehen alle die Gegensätze, die das jüdische Volk zerklüften, mehr oder weniger auchbei allen anderen Völkern; aber wenn es sich datum handelt, gewisse Minimalforderungen des Gesamtvolkes durchzusetzen, besteht in jedem Volke eine gewisse Einheit, eine nationale Gemeinbürgschaft und verschafft dadurch auch jedem Volke Verbündete unter anderen Völkern. So sollte es denn auch im jüdischen Volke, dessen Existenz als gleichberechtigtes Volk nicht nur von antisemitischer Seite, sondern auch — trotz allem, was bisher vorgefallen ist, — von einem Teile seiner eigenen Konnationalen geleugnet wird, eine Kooperation wenigstens in jenen Fragen geben, wo es sich um die Existenzbedingungen des jüdischen Volkes, um die staatsbürgerliche Gleichberechtigung und um die Beseitigung seiner wirtschaftlichen Notlage handelt. Damit soll keineswegs gesagt sein, daß die Differenzen über die grundlegenden Probleme, bei denen es ach um Sein oder Nichtsein des iüdi— sehen Volkes handelt, die Gegensätze betreffs der religiösen, sowie ethischen Probleme und vor allem die unüberbrückbaren Gegensätze zwischen Anhängern der heutigen kapitalistischen Ordnung und Sozialisten der verschiedenen Schattierungen, verkleinert werden sollen. Aber alle diese Fragen, (auf die ich in einem späteren Artikel zcrückkomme), müssen unter neuen Gesichtspunkten erörtert, die Streitteile einander nähergebracht werden, soll nicht unter den Trümmern einer zasammer.b rech er ä?* *• Wirtschaftsordnung und des sterbenden Europas in erster Linie das'jüdische Volk.begra-« ben werden Die Wiener Kultnsgemeinde Von Dr. Jakob Ehrlich. Das Wiener jüdische Gemeindehaus liegt abseits vom Leben. Zwischen Trödieriaden und altem Gerümpel, freudlos und Wehrlos, wie ein Wahrzeichen der jüdischen Erniedrigung. Und auch die gegenwärtigen Beherrscher des Hauses sind vom Leben, vom jüdischen Leben wenig berührt. Sie sind gewählt von einer dünnen Schichte, eines Teiles der jüdischen Gesellschatt, deren Interesse für jüdische Fragen sich in einigen Angelegenheiten des Kultus erschöpft; der die Orgelfrage den Schlaf der Nächte raubt; die das Judentum zu retten glaubte mit kleinlichen, an Aeußerlichem hängenden Reformen, über weiche die freier Denkenden bestenfalls lächeln, die Strenggläubigen aber rasen; die unsere Jugend schon dadurch jüdisch erziehen zu können vermeint, wenn sie ihr N^uausgaben von Gebetbüchern in die Kami drückt oder die Mädchen „Konfirmiert”, die das Fortschreiten und sieghafte Vordringen des Gedankens der nationalen Wiedergeburt unseres Volkes mit Haß und Mißgunst aufzuhalten versuchte; die zu einer Zeit über Palästina lachte und spottete, als sie noch ungestraft die ersten Pioniere des zionistischen Gedankens als Narren oder Lumpen hinzustellen sich erdreisten durfte; und die heute gelegentlich mit scheinheiliger Miene ihre Palästinaliebe beteuert, um dann um so hinterhältiger über jene herfallen zu können, denen die Einigung des Judentums der ganzen Welt unter dem jüdischen Banner zum Lebenswerk wurde. Das Judentum Wiens wird bald vor die schicksalsschwere Frage gestellt sein, ob es die Leitung einer der größten jüdischen Gemeinden weiter dieser kleinen Schicht überlassen will. an der die Entwicklung der Zeit spurlos vorübergegangen ist, die niemals die intellektuelle und moralische Eignung hatte, das Judentum Wiens und Oesterreichs als Glied dies über die Weltverstreuten Judentums zu erfassen und zu werten und an deren Stumpfheit die gewaltigen Ereignisse der letzten Zeit auch nicht den geringsten Eindruck zu hinterlassen vermochten. Der Wiener Kultusvorstand sieht seine Aufgabe in der Verwaltung der Angelegenheiten des jüdischen Kültus und einiger Zweige der Armenpflege. Wenn er wenigstens auf diesen Gebieten seine Fähigkeit erwiesen hätte! Man werfe aber nur einen Blick auf die jüdische Erziehung I Ein Lehrerstand, verbittert und verhungert, den das doppelte Elend des j ü d i s c h en Lehrers niederdrückt, soll unsere Jugend zu Juden erziehen, die sich ihres Judentums freuen! Die Flucht aus diesem Stande ist gerade unter den jüngeren, energischeren Elementen keine Seltenheit mehr, für Nachwuchs wurde nie gesorgt und zu Ende des letzten Schuljahres war die Kultusgememde nicht mehr m der Lage, für den Religionsunterricht an allen Wiener Schulen aufzukommen. (Daß die jüdische Erziehung sichlediglich im Rahmen des „Religions“unterrichtes abspielt, ist ein Kapitel für sich, über das Vieles zu sagen wäre) Geld1 zur menschenwürdigen Bezahlung der Lehrer und Beamten ist nicht vorhanden. Die Mittel reichen aber auch nicht mehr, um den gesteigerten Bedürfnissen der Gemeindeanstalten Rechnung zn tragen. Kranken- und Siechenhaus bereiten dem Kultusvorstand die-schwersten Sorgen. Aber nichtsdestoweniger wehrt man sich krankhaft gegen jede Reform des Stenerwesens, gegen jeden Versuch, der Gemeinde neue Einnahmequellen zn erschließen und nimmt Steuerzahlern, soweit sie nicht Staatsbürger smdt das Wahlrecht, verletzt hiedurch eine große Zahl von Geraeindeangehörigen und erschlägt ihr Interesse für das Schicksal der Gemeinde. Und welch jämmerliche, zähneklappernde Angst vor dem Volke! Welch langer, erbitterter Kämpfe bedurfte es, um den armseligen Brocken einer unzulänglichen Wahlreform zu erringen! Weite Volksschichten, und gerade jene, welche den Angelegenheiten der Gemeinde ein geradezu leidenschaftliches Interesse entgegenbringen, werden engherzig und in blinder Verkennung der Notwendigkeit der Heranziehung aller Kräfte zurückgestoßen. Dagegen ist man von servilstem Glückgefühl erfüllt, wenn einige „Notabein“ die ihnen aufgezwungenen Mandate anzunehmen geruhen. Ein Herr, der vor vier Jahren in den Kultusvorstand kooptiert wurde, ist noch in keiner einzigen Sitzung erschienen. Aber auch viele andere Mandatare der Kurie der Höherbesteuerten, für deren Beibehaltung Herr Vizepräsident Doktor Pappenheim bis zum letzten Augenblick des Wahlrechtskampfes mit größter Hartnäckigkeit eingetreten ist, dürfte vielen Mitgliedern des Kultusvorstandes kaum dem Namen nach bekannt sein. Welch beschämende, einer Großgemeinde unwürdige Zustände! Und das heitere an diesem Kultusvorstand ist, daß er desto eigensinniger seine bisherige Orientierung betont, daß er umso lebhafter seinen rein konfesionellen Charakter behauptet, je geringer und dürftiger die religiösen Bedürfnisse seiner Mitglieder sind. Es ist daher begreiflich, daß er der Orthodoxie nichts, dem nationalen Judentum aber noch weniger als nichts bedeutet, daß sich a u ß e r ha 1 b der Kultusgemeinde ein reiches jüdisches Leben voll großer Zukunftshoffnungen entwickelt hat, und daß all das, was den Keim der Zukunft in sich trägt, sich von der Kultusgemeinde immer weiter entfernt nicht um dem Judentum verloren zu gehen, sondern* um ihm zuzuströmen. Alle diese neuen Kräfte in einer jüdischen Volksgemeinde zu sammeln, wird Aufgabe der Männer sein, welche die Wiener Judenschaft in den nächsten Wahlen zu ihren Mandataren bestimmen wird. Welt Menschen geben, die dreizehn Sprachen verstehen, ohne eine einzige zu beherrschen? Es dauerte eine ganze Weile, bis der Sprachforscher, uns und wir-den Sprachforscher verstanden. Von sämtlichen dreizehn Sprachen schien der jüdische Jargon ihn am geläufigsten zu sein, weil (wie uns der Forscher erklärte) im Jargon sämtliche Elemente der Weltsprachen enthalten sind. Nach langen Hin-und Herreden erfuhren wir, daß wir laut Gesetz des Landes folgender drei .Vergehen beschuldigt wurden: 1. Wir seien Spione, die das Land auskundschaften wollen; 2. wir hätten ein fremdes Territorium besetzt; und 3' wir hätten uns an fremden Ziegen vergriffen und uns ihrer Milch bedient. Welche Strafe wir für diese Vergehen zu gewärtigen hatten, konnten wir nicht wissen, doch es war uns klar, daß es keinen Honig zum lecken geben würde. Das Schlimmste war, daß man uns als Spione betrachtete. Man weiß, daß Spione in unserem zivilisierten Land barbarisch behandelt •werden; wie schlimm mußte die Strafe in einem wilden Lande ausfallen, wo es an Stelle des Gerichtsgebäudes einen großen, säuberlichen Hof gab. und wo an Stelle des Richters ein Gouverneur saß. Ich habe mehr als einmal gelesen, daß die wilden Völker mit Spionen nicht viel Umstände 'machten; sie schlagen ihnen im Nu ein Paar Finger ab, reißen ihnen die Zunge aus dem Mund und lassen sie dann frei. ... Ein Glück, daß uns die Möglichkeit gewährt wurde, uns zu verteidigen. Wir gaben uns die größte Mühe, die ganze Begebenheit von Anfang bis zu Ende dem Dolmetscher zu schildern, wie der Sturm uns ins Meer warf, wie wir uns an ein Brett klammerten und drei Tage und drei Nächte daran festhielten, bis uns das Meer schließlich hinauswarf, in ein Land, von dem wir nicht wußten, wie es fließ und wo es sich befand. Wir waren in derselben Lage, wie Robinson Crusoe. . . .Ohne die Bananen und Nüsse, die wir auf den Bäumen fanden, ohne die Ziegen, die fast von selbst zu uns gelaufen kamen und fast danacn schrien, gemolken zu werden, wären wir längst dort gelandet, woher niemand zurückkommt. Der Gouverneur hörte uns geduldig an, dann richtete er an den Dolmetscher eine Reihe Fragen, die ich hier wörtlich wiedergebe: Der Gouverneur: ..Warum habt ihr die ganze Zeit ienseits des Berges verbracht? Warum habt ihr nicht versucht, tiefer ins Land einzudringen?“ Wir: „Wir haben uns hier niedergelassen und das Land zwischen uns geteilt.“ Der Gouverneur: ..Womit habt ihr euch befaßt?“ Wir: „Mit der Organisation unserer Gesellschaft.“ Der Gouverneur: ..Worin bestand eure Organisation?“ Wir: „Wir teilten das Land in dreizehn Kolonien. begründeten dreizehn vereinigte Staaten, wählten dreizehn Präsidenten und arbeiteten dreizelm verschiedene Konstitutionen in dreizehn verschiedenen Sprachen aus.“ Per C«.?!vcn:eur: .-Gehört dir dreizehn verschiedenen Nationen an? Habt ihr dreizehn verschiedene Glauben?” Wir: „Das gerade nicht. Wir gehören alle dreizehn ein und demselben Volke au, wir haben alle dreizehn ein und denselben Glauben, wir dienen alle ein und demselben Gott.“ Der Gouverneur: ..Wie kommt ihr zu dreizehn Sprachen?“ Wir: „Daran ist unsere Geschichte schuld. Wir sind in der ganzen Welt zerstreut, befinden uns in verschiedenen Ländern, unter verschiedenen Völkern und reden in verschiedenen Sprachen.“ Per Gouverneur: ..Was für ein Volk seid ihr denn? Was für eine Nation? Welchem Gott dient ihr?“ Wir: „Wir sind Juden.“ Der Gouverneur: „Israeliten?“ Wir: „Ja, Israeliten.“ Der Gouverneur: „Seic^ihr das Volk, das von Abraham. Isaak und Jakob abstammt? Hattet ihr das Land, das Zion hieß? Einen König namens Salomo? Einen Propheten, der Jesaias hieß? Einen Tempel, den die Römer verbrannten? Und hat man euch in alle vier Winde verjagt? O, ich habe in unseren Büchern viel über euch gelesen. . . . Wir alle wissen von euch aus den Büchern, eure Biber gilt bei uns als heilig. Schwört mir bei eurer Bibel, daß alles, was ihr hier geschildert habt, wahr ist, dann lasse ich euch frei. ...“! Wir schwören selbstverständlich alle ohne Ausnahme; auch der amerikanische Atheist, der sich stets rühmte, nicht an Gott zu glauben, und der Sozialist, der niebt viel auf diese Dinge gab, beteuerten mit uns anderen, daß wir die reinste Wahrheit gesprochen, nichts übertrieben hätten, und daß wir harmlos und unschuldig seien. . . . Nachdem der Gouverneur unseren Schwur vernommen, schrieb er etwas auf einen Bogen Papier, dann richtete er sich auf und las uns den Urteilsspruch vor, den der Dolmetscher wörtlich wie folgt übersetzte: „Mir wurden heute dreizehn Fremde vorgeführt, die in unserem Lande, ienseits des Berges mit einer Herde gestohlener Ziegen abgefaßt worden sind. Die Anklage gegen die dreizehn Frenzen bestand in folgenden drei Punkten;, Erstens, daß sie Spione sind, die das Land ans kundschaften wollen; zweitens, daß sie unser ohne unser Wissen an sich gerissen ha&lf drittens, daß sie sich nachts zu unseren Hirten Ink