Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 13 (1919)
- Issue
- 38-39 (24.9.1919)
- Date
- 1919-09-24
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 genommen: Es war en Jahr bitterster Enttäuschungen, blutiger Judenverfolgungen, die sich in fast allen Ländern Mittel- und Osteuropas abspielten.zugleich aber ein Jahr der Hoffnung auf ein jüdisches Palästina, ein Jahr gesteigerter, selbstbewußter, jüdischer Tätigkeit auf allen Gebieten des nationalen Lebens, ein Jahr voll des J-ebens und der Ereignisse, wie es das jüdische Volk, seitdem es in die Verbannug zog, nicht mehr geschaut hat Wenn es noch Sitte wäre, Klagelieder zu schreiben, ach, wie viele Kinnoth hätten sich im vergangenen Jahre der Seele unserer unglücklichen Brüder entrungen. Kaum hatte der Krieg an den verschiedenen Frönten ein Ende genommen, so warf sich auch schon der zügellose Mob auf die wehrlosen Juden, um sie hinzumorden. Im Oktober 1918 begann es in Galizien mit wüsten Ausschreitungen, dann kamen die furchtbaren Ereignisse rn Lemberg, die alles Vorhergegangene In Schatten gestellt haben. Und hernach die vielen, vielen Orte in Polen, wo jüdisches Blut geflossen. Wer zählt noch die Namen? Mit einer planmäßig vorbereiteten, gewollten Judenverfolgung haben wir es hier zu tun, der von den obersten bis zu untersten Stellen Unterstützung und Förderung zuteil wird. Und dieses Polen kann den erschütternden Tatsachen nichts anderes entgegensetzen als Dementis, in'denen alles glatt geleugnet wird. Leider bleb nicht Polen allein der traurige Ruhm beschieden. Auch in der Ukraine brachen blutige Unruhen aus, wobei ganze Judengemeinden — wie Proskurow, Felsztyn — ausgeroitet wurden. Auch Ungarn und die Tschecho-SIowakei lieferten Beiträge zu der blutigen Judengeschichte des verflossenen Jahres. Ir. Deutschland wird eine regelrechte Hetze gegen die Juden geführt. Roher Antisemitismus ist heute in fast allen Staaten Mittel- und Osteuropas Trumpf. Das nach dem Sturze der Räteregierung errichtete ungarische Kabinett führt in Ungarn ein wahres Schreckensregime. Die „Weißen Garden“ treiben ihr Unwesen in ganz Transdanubien, sie brandschatzen, nrßhandeln und morden die Juden, wo sie ihrer nur habhaft werden können. Während jedoch das Judentum im Osten unter tausend Verfolgungen felsenfest treu zum Judentum steht, haben viele ungarische Juden während der Bolschewikenherrschaft aus Furcht vor zu gewärtigenden Pogromen und während des weißen Regimes ein Bild beispielloser Feigheit und Charakterlosigkeit geliefert Tausende und Abertausende haben in Budapest allein dem Judentum den Rücken gekehrt und sich der Kirche zugewendet. Die Not der jüdischen Massen wächst ins . Maßlose. Und da hat das amerikanische Judentum, das. sich in diesem Kriege so oft bewährt hat, wieder einmal ganz riervorravendes geleistet Das „Jo'nt Distribution Commitee“ hat überall im Osten seine Bureaus eröffnet und greift allenthalben mit großzügiger Hilfsbereitschaft ein. Der im Herbst 1918 eingetretene Zerfall der östeiTeichisch-ungariscben Monarchie in verschiedene Nachfolgerstaaten stellte die jüdischnätionalen Organisationen allenthalben vor neue Aufgaben Es ging überall um die Wahrung der Rechte des jüdischen Volkes in Osteuropa. Währenddem es früher noch in Frage gestellt werden konnte, ob eine „Gegenwartsarbeit“ iir der Diaspora zulässig sei, entschied jetzt die Zeit. Den zionistischen Organisationen in den Nachfolgestaaten erwuchs die Pflicht, allenthalben für die Sicherung der jüdischen Rechte Sorge zu tragen. Es entstanden überall jüdische Vertretungskörperschaften, -auf nationaler Grundlage: jüdische Nationalräte. Zuerst wurde der jüdische_ Nationalrat für Deutschösterreich in Wien gegründet, derdie staatliche Anerkennung der jüdischen Na- __JÜDISCHE ZEITUNG _. _ tionalität, . die jüdische. Schulautonomie und Umwandlung der Kultussemeihde in eine wahre Volksgemeinde auf seine Fahne schrieb.. Im< raschen Aufeinander erfolgte die Gründung der jüdischen Nationalräte für West- und Ostgaliziem für die Tschecho-SIowakei, für Südungarn in Temesvar, für Nordostungarn in Märmarossziget, für Siebenbürgen in Klausenburg, für Jugoslawien in Agram; es bildete sich ferner ein Vclksverband für die Juden in der-Slowakei und ein jüdischer Volksrat in Posen. ' Die Delegationen der Nationalräte traten nach einer Vorbesprechung in der Schweiz in Paris zusammen, wo am 31. März 1919 die Konstituierung des jüdischen Natäonalkomitees stattfand. Es nahmen «eil: die Delegationen der jüdischen NaFonalräte. dezior/stiFchen Weltorganisation, des amerikanisch-jüdischen Kongresses, des jüdischen Gemeindebundes für Italien, des Ordens Bne-Berith und der nationalen Organisationen in Rußland und Rumänien. Das Nationalkomitee hat vor .allem über die Schritte verhandelt, um die Friedenskonferenz für die Anerkennung des Prinzips der nationalen Gleichberechtigung der Juden in der Diaspora zu gewinnen und trat einstimmig für die zionistischen Palästinaforderungen e;n. Die Frage der Minderheitsrechte der jüdischen Nation ist besonders kompliziert in den östlichen Ländern, vor allem in Polen und der Ukraina. Die Polen wehren sich noch immer mit aller Macht gegen die Gewährung nationaler Rechte an die Juden. Sie suchen durch Proklamierung von bürgerlicher und religiöser Gleichberechtigung und ähnlicher zu nichts verpflichtender Phrasen der Oeffentlichkeit Sand in die Augen zu streuen. In der Ukraine wurde zwar nationale Autonomie allen Minderheitsnationen gewährt, eine endgültige Beurteilung ist aber heute noch unmöglich, da die chaotischen Zustände in der Ukraine und der Kampf mit dem Bolschewismus die Konturen des verfassungsmäßigen und des tatsächlichen Lebens gar nicht erkennen lassen. Soviel steht jedenfalls fest, daß in gesetzgeberischer Hinsicht die ukrainische Autonomie vorbildlich für die Gestaltung der rechtlichen Verhältnisse der Juden in der Diaspora seKi Ein günstiges Auspizium für die Erfüllung der nationalen Forderungen bildet 3ie Bestimmung des mit Deutschösterreich abgeschlossenen Friedensvertrages, worin in allen Nachfolgestaaten die nationalen Minderheitsrechte gewährleistet ’ werden. Pa in den Nachfolgestaaten das jüdische Volk sich entschlossen bat, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, war es nur selbstverständlich, daß es seine Vertretung in den verschiedenen politischen Körperschaften nicht mehr — wie es bisher geschah — anderem anvertrauen'konnte. Am 16. Februar 1919fanden die Wahlen zur konstituierenden Nationalversammlung in Deutschösterreich statt. d!e in Wien der jüdischen Sache einen großen Erfolg beschieden. Wiewohl die Ostjuden aus dem Wahlrecht enscpschlocsen waren, wurde der zionistische Kandidat Ing. Robert Stricker zum Abgeordneten gewählt. Kurz darauf erfolgten die Landtagswahlen in Polen — mit Ausnahme von Ostgahzien — die trotz ungünstiger Wahlkreiseinteilung und verschiedener Drangsalierungen neun jüdischnationale und eip poale-zionistisches Landtagsmandat brachten. Ebenso beteiligten sich die Wiener Juden im Mai 1919 an den Gemeinderatswahlen, bei denen sie drei Mandate eroberten. /In der Tschecho-SIowakei wurden anläßlich der Gemeinderatswahlen im Mai 72 jüdischnationale Mandatare gewählt. Die liberale .Judenpolitik hat in Deutschösterreich und der Tschecho-SIowakei unter dem Drucke der Verhältnisse vollständigen Schiff- Nr. 58-59 bruch erlitten. Der jüdische Gemeindebund für :. Mähren bat sich bereits im- Herbst 1919 für das Nationaljudentum ausgesprochen. Der deutschjüdische Liberalismus ist mm wohl tot, nicht aber dis Assimilation, die eine neue rote Form gefunden hat, indem sie vorderhand in fremdnationalen sozialistischen Lagern Unterschlupf sucht und findet --- Allgemeine und jüdische Probleme Von Dr. Hermann Kadisch. Man hat in den letzten Jahren vor und während des Krieges bei allen Völkern und nicht in letzter Linie im jüdischen Volke selbst den großen Fehler begangen, den organischen Zusammenhang der verschiedenen Zeit- und Streitfragen zu übersehen; man versuchte vielfach eine Gruppe derselben ei n z ei n zw lösen, stellte^diesbezügliche Thesen und Antithesen auf, unterließ es aber, zur Synthese zu schreiten und gelangte auf diese Weise schließlich anstatt zu einer wirklichen Lösung des Gesamtkomplexes zu einer allgemeinen Begriffsverwirrung. Dazu trug besonders der Umstand bei, daß das Parteiwesen erstarrte, unverstandene Schlagworte an die Stelle klarer Prinzipien traten und die als Mittel zum Zweck der Verwirklichung der Ideen gewiß notwendigen Organ Ls a.ti.onslragen so überwucherten. daR die Klärung Her Ideen von den sogenannten Realpolitikern aller Parteien überall den Utopisten und Ideologen überlassen wurde. Die Früchte dieser sogenannten Realpol'tik haben sich bei allen Völkern gerade in dem Zeiträume vom'Jahre 1866 bis zur Gegenwart deutlich gezeigt. Sie haben uns zuerst durch Jahrzehnte einen bewaffneten Frieden, eine einseitig© Macht polit;k — die sich auf chauvinistisclieni Nationalismus, religiösen Zö- Jotismus, Rassen- und Klassenhaß stützte — gebracht, die in .weiterer Konsequenz zum Weltkriege führte und nun einen Frieden zeitigte, der alle Probleme zur Lösung der künftigen Generation überläßt * „ * * Nur die vollständige Erkenntnis von der Richtigkeit dieser Tatsachen ermöglicht den-Einblick in uie Ursachen der Rntlosigkeit, mit der'die blick in die Ursachen der R:iffnsi'rkfiit mit <ter die tionalen, religiösen und ökonomischen Fragenkomplex und der mit ihnen enge zusammenhängenden Judenfrage gegenüberstehen. Daß das assimilatorische Judentum, welches sich als Anhängsel fremdnationaler .und fremdsozialer Gruppen betrachtet, naturgemäß in derselben Lage sich befindet, ist leicht erklärlich; keineswegs aber ist; damit die bedauerliche Tatsache erklärt, daß die jüdische Moderne in der Fundierung ihrer Weltanschauung und in der Stellungnahme zu den Lebensfragen des jüdischen Volkes sowie in ihrer Stellung zu den . anderen Völkern sich noch nicht von überlebten Theorien, Programmen und Schlagworten anderer Völker emanzipiert hat, die so viel Unheil gerade in der jetzigen historischen Zeitperiode an der gesamten Ku'turwelt anstiften und in ihrer Gesamtheit auch das jüdischeVolkinseine jetzige kritische Situation brachten. Das Haften an der Oberfläche der Erscheinungen und der Probleme führte zur Verkennung der wirklichen Verhältn'sse in Europa, zur Verwechslung wirklicher Kultur mit der Scheinkultur, sowie auch zur Verwechslung des Parteiwesens mit seinen Programmen als notwendiges Mittel zum Zweck mit dem Selbstzweck. Besonders aber der Mangel an Verständnis für die. Tatsache, daß psychische Motive und mangelhafte ethische Erziehung der Massen die Das Ende der Dreizehn , Von Scholem Aleehem. Wir entnehmen nachstehendes Schlußkapitel einer Erzählung aus dem Novcller.buch ..Die erste jüdische Republik“ von Scbalom Aleehem (Verlag Osterheld & Co.. Berlin 1919). In der Erzählung wird eine aus dreizehn Personen verschiedenster Herkunft zusammengewürfelte Gesellschaft geschildert. die sich auf einem Schiff, weiches sie nach dem Ausland bringen sollte, zusammengefunden hat. Sie erleiden Schiffbruch und .werden an ein Land geworfen, wo sie lange Zeit leben, ohne einen Menschen zu sehen. Sic richten sich hier ein und gründen „dreizehn Kolonien“, da sie sich auf eine einheitliche ..Staatsverfassung“ nicht einigen können. Durch einen Zufall werden sie .endlich von Menschen, den Einwohnern des Landes, entdeckt und gefangen genommen. * * . . * Die Welt ist nicht verrückt. Wenn in der Welt behauptet wird, daß dreizehn eine «blechte Zahl ist, so Ist etwas Wahres ■ daran. Ich kenne Menschen, die nicht in ein Haus mit Nr. 13 ziehen würden, die am dreizehnten nie eine Reise anrtreteu und die es iür -ein Unglück halten, dreizehn Kinder zu haben. Ich bin derselben Meinung. Unser Schicksal auf der Dreizehninsel bestätigt •mir die Wahrheit dieser Behauptung. Als wir auf dem Schiff bekannt wurden, ■waren wir dreizehn. Ais der Sturm sich erhob, das Schiff zerschellte und Ous Meer uns-*ünausschleuderte, waren wir auch dreizehn. Wie wir ans auch drehen mnd wenden mochten, überall verfolgte uns die Zahl dreizehn. Wir waren also in die Hände von Wilden mit langen Bärten und großen Peitschen geraten und ließen uns mit der Ziegenherde treiben, die uns so treu mit Milch versorgt hat. Wie gehorsame Schafe, ohne ein Wort zu wechseln, gingen wir dahin, unglücklichen Prinzen gleichend, die aus ihrem Lande - vertrieben' und in Gefangenschaft geraten sind. Dunkel lag die Zukunft vor. uns. Wir ahnten nicht, was uns zustoßen würde, noch bevor die Sonne unterging. Kein Wunder, daß wir so unmutig und finster dreinschauten und keinen Laut von uns gaben. Wir hörten nur unsereeigenen Schritte, das Meckern der Ziegen und den Peitschenknall der Wilden, die uns von Zeit zu Zeit zum schnelleren Gehen antrieben. Wir waren etwa fünf Meilen gegangen, immer bergauf, durch Wald und über Steine. Als wir den Wald1 verlassen und jenseits des Berges angelangt waren, bot sich unseren Blicken eine neue Welt mit Straßen und Häusern, mit Bahnen, _ Fabriken und Menschen. Wie traurig unsere Lage auch immer sein mochte, ergriff uns doch solche Freude, daß wir einander am liebsten umarmt und geküßt’ hätten. Was immer auch mit uns geschehen sollte, — es lebte in uns die Hoffnung auf. unsere Angehörigen .wiederzusehen. Als wir die Kinder mit den Büchern unter dem Arm kommen sahen^ traten uns die Tränen in die Augen .... Tränen der Freude .... Als die Jugend die dreizehn gefangenen fremden Menschen sah, die in Begleitung der Wilden mit den langen Peitschen und der Ziegenherde ankamen, blieben sie* stehen und brachte uns eine seltsame Huldigung dar. Sie verfolgte uns auf Schritt und Tritt und schrie unausgesetzt ln ihrer wilden Sprache unverständliche Laute. Wir varen 'duck.ich. als man ums zusammen mit den Ziegen in einen Hof einschloß und auf diese Weise von der Strolchbande befreite. Auf dem Hofe wurden wir untersucht, ob wir keine Waffe bei uns führten und zu diesem Zwecke sehr höflich entkleidet. Durch diese menschliche Behandlung ermutigt, fanden ■ wir unsere Sprache wieder und versuchten, uns zu wehren. Zuerst trat der Sozialist mit einem Protest in seinem russischen Dialekt hervor und erklärte, daß es eine große Schweinerei wäre, an friedlichen Bürgern einen Gewaltakt auszuüben. Auch der amerikanische Gentleman erhob Widerspruch. Aber die Proteste richteten nichts aus. Nach der Leibesuntersuchung wurden wir in ein Haus geführt, das wahrscheinlich das Gerichtsgebäude, war. Ich erriet es an den wild und eigenartig ausschauenden Gendarmen, die uns zugewiesen wurden. Sie trugen wunderliche, hohe Helme auf dem Kopf. Als ich zur Seite blickte, gab mir «der Gendarm zu verstehen, daß ich schneller gehen müsse. Wahrscheinlich hatten sie es mit der Untersuchung sehr eilig. \ _ Wir wurden in einen schönen Saal geführt und auf dreizehn weiche Stühle gesetzt; solcher Sitzgelegenheiten hatten wir uns schon lange nicht mehr bedient. Ein alter Herr von würdigem Aussehen, mit einer Blume im Knopfloch, begrüßte uns freundlich und richtete an uns eine Frage In seiner wilden Sprache. -Er war wahrscheinlich Präsident oder Gouverneur. 'Als er nun merkte, daß wir ihn nicht verstanden, klingelte er -einen der Gendarmen herbei, voraussichtlich, damit er einen Dolmetscher heranschaffe. Es dauerte nicht . lange, und es erschien eine kleine, schwarze Gestalt'mit .Glatze; eine Brilleauf. der Nase,, mit r -i'tii Nä' f ln p'nem dünnen Schnurrbart, ein Mann mit feinen Manieren — ein echter Europäer. Er stellte sich uns in mehreren Sprachen als Gelehrter und Sprachforscher vor. der mehr als dreizehn Sprachen verstand, scheinbar ein Jude, ebenso wie wir. Denn wo sonst mag es in der