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Jüdische Zeitung · 1919-09-24 · 38-39 (24.9.1919) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
13 (1919)
Issue
38-39 (24.9.1919)
Date
1919-09-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Neujahrs-Nummer Preis 80 Heller. I Jahrgang XUL Kr. 38—39 Redaktion and Administration- WIm II., Taborstrmte I Fenupreoher Nr. 44038 n. 43319 I Nalional-jüdifches Orfian Mit der Beilage: »Der jüdische Nationalfotids* ■Im, Mittwoch, 24. September 19» ■tzifHfela: Vierteljährig 6 Jt ganzj. 24 S, Einselnammer 60 h Foetspaikasaenkonto 133.404 Zionistische Neujahrsbetraditung Das Jahr 5679 bedeutet einen Wendepunkt in der jüdischen Geschichte. Zum ersten Mal hach jahrtausendelanger Passivität ist das jüdische Volk wieder handelnd und fordernd vor das Forum - der Völker hingetreten. Das jüdische Volk, das durch den Zionsgedanken Theodor Herzls aus seiner Erstarrung auigerüttelt worden ist. wai in den letzten Jahrzehnten nur durch einen' kleinen Teil repräsentiert, in dem das Bewußtsein der Unerträglichkeit der jüdischen Lage ganz wach geworden war. Diese Menschen haben unter Herzls Führung in rastloser Arbeit, unbeirrt durch Spott und Gegnerschaft, das Werk vorbereitet, das jetzt der Erfüllung entgegengeht. Der erste Schritt zur Erweckung des jüdischen Volkes zu geschichtlichem Handeln war die zionistische Organisation, jene ungeheure Schöpfung Herzls, die aus einem Haufen Menschen, aus einer irrenden, dennoch durch Gemeinschaftsinstinkt zusaminengehaltenen Herde den ersten embryonalen Ansatz eines -werdenden Volkes gemacht hat, eines Volkes, das wieder reif wird, aktiv in die Geschichte einzutreten, sein Schick- . sal und sein Leben selbst zu bestimmen, entschlossen. die volle Konsequenz dieser Selbstbestimmung, die Verantwortung für sein Tun zu tragen. Die zionistische Organisation hat sich, so klein sie auch numerisch gewesen ist, immer als die eigentliche Repräsentantin des Volkes gefühlt! sie. wußte,vdaB .das •'wöhTvefstähdene’!' das' ideale lnteresse des Volkes auch gegen dessen Willen zu wahren berufen ist Die Mehrheit des Volkes blieb stumm, skeptisch, ablehnend; aber auch politisch belanglos, weil zu einem Willen nicht fähig. Die kleine Schar der Zionisten hat durch' alle Anfeindungen hindurch die Fahne der Idee unverbrüchlich hoch und aufrecht gehalten. Die Stärke und Größe der Idee bat ihr unerhörte Macht gegeben, in imaufhaltsamem Siegeszug vermochte sie' die Kerzen der iugend- | liehen und schaffensfrohen Menschen im Judentum; zu entflammen. Als die entscheidende Stunde kam, wo über diie Schicksale von Völkem beschlossen werden sollte, da war auch das jüdische Volk zur Stelle, denn die zionistische ' Organisation war das lebendig schlagende Herz . des Volkes. Was Herzl in visionärem Traum geschaut hat das ist in dem Jahr, das heute seinen Abschluß findet, Wirklichkeit geworden. Die Judenfrage ist in ihrem ganzen Umfang der Beachtung der Kulturmenschheit aufgezwungen worden. Nicht etwa, daß ein mitleidiges Wort irgendeines Feuilletonisten an sie verschwendet wurde, sondern der oberste Rat der Völker, der die schier beispiellose Macht hatte, die Lose der Völker zu werfen, hat sich ernsthaft auch mit der jüdischen Frage beschäftigen müssen. Der größte zionistische Erfolg ist in diesem Jahre erzielt worden. Die zionistische Politik hat ihr Ziel erreicht; der Zionismus wurde als das gerechte Streben eines unmenschlich gedrückten Volkes nach endlicher Erlösung auch von den Staaten und Mächten anerkannt. Die Mächte haben eingesehen, daß es hier’ gilt, das größte Unrecht der Weltgeschichte wieder gutzumachen. Man mag immerhin einwend'en. daß der Zionismus der Entente in ihre Berechnungen gepaßt hat, daß er sich als idealistische Verbrämung des englischen Imperialismus eignete usw„ man wird doch nicht über die Tatsache hin Weggehen können, daß die ernstesten und bedeutendsten Staatsmänner den menschlichen und sittlichen Gehalt der zionistischen Idee erfaßt haben und. daß ganze Völker in einer ehrlichen Aufwallung der Menschlichkeit für das jüdische Volk eingestanden sind. .Am 27. Adar des vergangenen Jahres haben die zionistischen Führerder Friedenskonferenz die Forderungen des jüdischen Volkes vorgelegt: Bald nachher wurde ihnen bedeutet, daß die Friedenskonferenz die Forderungen im Prinzipe angenommen hat. Seither allerdings hat sich wenig Entscheidendes vollzogen. Der Friedensschluß mit der Türkei, der auch die Palästinatrage regeln muß, ist hinausgeschoben worden, der französisch-englische Konflikt in Syrien, der in einer immer gereizter werdenden Pressediskussion sich widerspiegelt, bereitet ernste Komplikationen; eine von verschiedenen Staaten geschürte arabische Gegenbewegung entfaltet eine immer mächtigere Agitation; und auch die uns leider wohlbekannte Gestalt des jüdischen Denunzianten hat nicht geichii.' Dennoch wird von der zionistischen Leitung im Vollbewußtsein ihrer Verantwortung versichert, daß unsere Aussichten noch genau so günstig sind, wie am 27.. Feber. In der politischen Arbeit und Entwicklung kann es nicht nur süße Sensationen geben; der große zionistische Erfolg bleibt bestehen, auch wen» noch manche Reibungen und Schwierigkeiten seine Entwicklung hemmen. Das jüdische Volk wird die Freiheit erhalten, seine nationale Heimstätte fn Zion wieder aufzurichten. Dürfen .wir, feiernd und zurückschauend, ob dieses Erfolges frohlocken? Das beendete Jahr ist nicht nur ein Höhepunkt auf dem Wege unserer . nationalen Wiedergeburt, sondern es ist auch ein Höhepunkt unseres Leidens gewesen. In gesteigertem Ausdruck! in riesenhaften Umrissen ist noch einmal das Gespenst der jüdischen Galutfigeschichte äufgetaucht. Strömejüdii^chejii..Bln|j^jsind.;.gbflosse^B§it&e'^ vöif - jüdisclien’ Leichen türmen sich auf. sinnlos, schuldlos hingemordet, Opfer der fürchterlichen Tragik eines vertriebenen, verkrüppelt und gefesselt weiterlebenden. auf Erlösung wartenden Volkes. Eine grausige Apotheose des jüdischen Leidens ist dieses Jahr, es ist, als ob noch einmal die ganze Fürchterlichkeit unseres .Schicksals lebendig werden sollte. sich in wenige Monate znsammendrängend, in dem Augenblick, wp schon von ferne das Licht der Freiheit erglänzt Fassungslos stehen wir vor diesem Leiden, wir vermögen nicht za frohlocken über die verheißene Freiheit, wir fühlen nur zutiefst den Ernst, die furchtbare Schwere, die heilige Verantwortung dieser Stunde. Wohl wissen wir, daß große Massen von Juden auch weiterhin äußerlich und innerlich zu leiden verurteilt sein werden, aber wir wissen auch, daß es auf unsere Generation ankommt, diesem Leiden ein Ende zu machen; wir wissen, daß uns und dem Volke nichts geschenkt werden wird, daß uns keine Geburtswehen, keine Schmerzen des Schaffens erspart bieiben werden, aber auch, daß in diesem schmerzensvollen Schaffen und in dieser Arbeit die Seligkeit liegt mit eisernem Griffel auf Tafeln von Erz Worte für Jahrtausende zu schreiben. Alles Kleine, das in Zion entsteht wird Unendliches wirken, sofern es im rechten Geiste geschieht. Darum müssen wir heute, während wir auf dieses Jahr des zionistischen Erfolges zurückblicken, eingedenk sein, daß alles auf den rechten Geist ankommt Das Volk als Ganzes wird durch Zion befreit. wo immer es lebt; es wird geheilt, verwandelt aufgerichtet durch die Berührung mit dem Mutterboden, wofern es dieses Ereignis mit der großen^ Weihe der Einmaligkeit, mit geschlossener Kraft und in der Intention der Erlösung erlebt. Auf diese Sammlung kommt es an. Darum kann das Bewußtsein des Erfolges schädlich sein, wenn es zur Ueberhebung und Laxheit verführt! Tn dem Augenblick, wo sich sichtbar vor aller Welt die Richtigkeit des zionistischen Gedankens erwies, nachdem die offizielle Anerkennung durch offiziell anerkannte Instanzen erfolgt war, hat ein großer Teil des jüdischen Volkes, teils freudig, teils mit verwundertem Kopfschüttehr, teils widerstrebend, seine Gegnerschaft aufgegeben und ist ins zionistische Lager übergegangen. Unbestritten, nicht nur der Idee, sondern auch der Tatsache nach, vertritt der Zionismus heute das jüdische Volk. Wir begrüßen freudig die erwachende Erkenntnis ui den jüdischen Herzen: aber hüten wir uns. aui die Menge Jener z« bauen, die abseits standen, als es gegen eine Welt von Feinden zu kämpfen galt, und die nun herankommen, da der Erfolg greifbar und nahe ist. Am heutigen Tage, der ein Tag der Einkehr ist, an dem nicht nur alle Ereignisse des vergangenen Jahres an dem Gedächtnis vorüberziehen sollen, sondern auch das eigene Bewußtsein vom inneren Aiuge durchdrungen werden soll, ist es zionistische Pflicht, sich gegenwärtig zu machen, was zionistische Gesinnung ist. Zionistische Gesinnung ist die unbedingte, die vorbehaltlose Entscheidung für Zion. Es gibt Leute, die denken so: Palästina ist durch England m den Kreis der westlichen Zivilisation gezogen worden; der Jude, der in allen Ländern der Welt lebt, denkt sich, nun könne man auch m Palästina leben (während man es vorher für unsinnig, für absurd hielt, in Palästina zu leben). Man übersiedelt. weiß Gott, dahin und dorthin; warum könnte man nicht» auch nach Palästina gehen? (während cs vorher überspannt und abenteuerlich war, nach Palästina zu gehen.) Heute kann jeder, selbst der berechnendste Jude, auch wenn er nicht selbst nach Palästina will, es verstehen, daß einer hingeht — vielleicht wird es gar ein Geschäft dort zu machen geben. Wir waren im Ueberschwang unseret Siegesfreude stt betäubt- “tfäS^-Wiri-aHe Söhne des jüdischen Volkes gern im zionistischen Lager vereinigt hätten. Wir waren Gegnerschaft und selbst Hinterlist so sehr gewöhnt, daß wir uns schon glücklich schätzten, wenn man uns etwas freundlicher entgegenkam . und wenn man den Zionismus mit einem verbindlichen „warum nicht?“ gelten ließ. Wir wollten, daß die zionistische Bewegung die Massen ergreift, in die Breite wächst, daß alle Juden mitgerissen werden. Aber in der Stunde der Besinnung müssen wir es uns sagen und müssen die Wahrheit festhalten: nicht alle Juden sind Zionisten. Wir freuen uns dessen, daß viele den Widerstand gegen den Zionismus aufgegeben haben. Aber um dessentwillen allein sind diese n>>ch nicht Zionisten. Gerade an diesem Wendepunkt, wo alles auf die Spannung ankommt, müssen wir, zu Beginn des arbeitsreichsten Jahres, das uns je bevorstand, zur Reinheit der Idee zurückfinden. Es kann auch diesmal nicht anders sein als dereinst: ein Rest wird zurückkehren. Wenn wir auf den ungeahnten, überwältigenden Erfolg dieses Jahres zurückblicken, so seien wir dessen eingedenk, daß er uns nicht befreit, sondern verpflichtet. Der Fanfarenton des Schofar ist uns erschütternde Mahnung. Für jeden Einzelnen gilt es, daß er nicht feiern darf. Wir gehen in das neue Jahr hinüber mit dem Bewußtsein, daß eine neue Zeit für unser Volk angebrochen ist. Kommende Generationen schauen auf unsere Generation herab. Jetzt gilt es. den Staub der Knechtschaft labzuschütteln und ein neues Leben zu beginnen. Rosch haschanah, der Tag des Gedenkens, dt , lg der Posaune, ist Rückschau und Neube"inn: durch nnser nationales Erwachen ist auch der tiefe, auf das Leben gerichtete Smn alter jüdischer Religiosität wieder lebendig geworden. R. w. Das Jahr 5679 in der Diaspora Von Ludwig Bat ö.*) Kriegsjahr war es nicht mehr, da das Massenmorden nach den ersten zwei Monaten des jüdischen Jahres plötzlich ein Ende -nahm, and doch wie fern liegt es uns, von dem „Friedensjahre 5679“ zu sprechen. Es sei gleich vorweg *) Wir entnehmen diese Abschnitte der umfangreichen Jahresrückschau, die den nächster Tage erscheinenden, reichhaltigen ..Jüdischen Nationalkalender“, Almanach auf das Jahr 5680, herausgegeben von Otto Abeies und Ludwig Batö, Verlag „Jüdische Zeitung“, Wien, einleitet

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