Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 13 (1919)
- Issue
- 37 (12.9.1919)
- Date
- 1919-09-12
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 Sr 57. Balioinschen Deklaration nicht schreiten. Indessen sollte doch das Verhalten, selbst in dem Rahmen des jetzt Möglichen, wenigstens zu einem geringen Teile von dieser großen Deklaration beeinflußt sein. Wir aber sehen eine tiete Kluft zwischen der. realen. Wirklichkeit Von heute und jehern großen Versprechen, dasmorgenverwirklicht werden soll. Unwillkürlich entsteht in uns die Befürchtung, daß dieses Verhalten den Gang unserer zukünftigen Arbeit nachhaltig beeinflussen könnte. ‘"“'Gewiß haben wir das Vertrauen, daß die zentrale Regierung nicht zum Scherz die Deklaration betreffs des jüdischen Heimes in Palästina erlassen hat, und daß es ihr fern liegt, mit den Gefühlen einer ganzen Nation ein Spiel zu treiben. Wir sind überzeugt, daß ihre Versprechungen mit ganzem Herzen und in voller Aufrichtigkeit gegeben würden und daß sie gewissenhaft eingelöst werden. Aber im Sprichwort heißt es: „Gott ist hoch, der Herr ist fern, und die Diener tun, was ihnen beliebt.“ Wir dürften daher nicht mit Gleichgültigkeit Zusehen, daß dieses ver- ' letzende Verhalten zur Methode wird. Die zionistischen Führer haben eine Aenderung durchzusetzen. Wir verlangen von ihnen, daß sie sich bei Ihrer Arbeit für unsere Zukunft nicht gleichgültig zur Gegenwart verhalten. Die Gegenwart soll eine Basis für die Zukunft sein. Und auf die Gegenwart, wie sie jetzt ist. können wir unsere Zu- ' kunft nicht bauen.“ Die Handelskammer in Palästina Im Monat Mai dieses Jahres beschlossen die Okkupationsbehörden, eine Handelskammer in Palästina zu eröffnen, lii das Direktorium dieser Kämmer wurden vier Juden, zwei Mohammedaner, zwei Christen und zwei Vize-Direktören berufen. Vorsitzender der Kammer ist der militärische Befehlshaber. Von den Juden sind folgende Herren ernannt worden: Izchak Elischar. Salman Levin, Barasch und Blum, zu Vize-Direktoren wurden der Dixektoider Anglo-Egyptian Bank und der Direktor der Gredit-Lyonnais gewählt. ’■ Vor Eröffnung der Kammer versammelten sich die jüdischen Delegierten, um über die zu stellenden nationalen Forderungen zu beraten,' und es würde beschlossen, zu fordern: a) daß' man die hebräische Sprache gleich der englischen und der arabischen Spräche anerkenne; t») daß alle offiziellen Mitteilungen der Kammer in allen drei obenerwähnten Sprachen zu erfolgen haben; e) daß man einen Sekretär ernenne, der alle drei Sprachen beherrscht, oder zwei Sekretäre; einen für Englisch und Hebräisch und eiriep für Englisch und Arabisch; d) daß;: dadie gewählten zwei Vize-Direktoren Nichtjuden, sind.* ein dritter Vize- Direktor aus der Anglo Paiestine Company ernannt werde. In der ersten Sitzung der Kammer wurden diese Forderungen vorgebracht, von denen die ersted drei einstimmig angemommen wurden. Die vierte Forderung wurde dem militärischen Befehlshaber vorgelegt, der dieser Forderung' zustimmte und Herrn Dr. Izchak Levi zum dritten' VTz'e-'Direktor' ernannte. Vomi Arbeitsmarkt in . Palästina. Das Kopenhagener Zionistische Bureau veröffentlicht Angaben;über die Handwerker in J af f ä: ' 1. Maler: Juden: 3 (Unternehmer), Araber 8, hiervon 1 Unternehmer. Malergesellen: Juden 17, die sich mit einfachen Malerarbeiten beschäftigen; Araber 30. ‘ Vor dem Kriege wurde für: Oelbemalang bei Bauten pro Meter 1,50 Frs. gezahlt, jetzt 8 Schü- Literatur Drei Hauptprobleme ln der. Auseinandersetzung zwischen Judentum and Christentum. Von Pastor E Schaffer. (1919, Verlag von C. Bertelsmann in Gütersloh. — Mk. 1.60.) Pastor Schaffer gibt im Aufträge der ..Gesellschaft zur Beförderung des Christentums unter den Juden“ zwanglose Hefte über Christentum und Judentum heraus, zur Einführung der Christen in das Verständnis ihrer wechselseitigen Beziehungen. Die vorliegende Arbeit ist Heft 1 der ersten . Serie, und erörtert drei religiöse Grundprobleme in .ihrer historischen Erscheinungsform im biblischen und nachbiblischen Judentum, um dann kurz die christliche Auffassung als-Lösung und Vollendung kinzusetzen. Die Probleme sind: Sünde und Sühne; der Messias; die Einheit Gottes bzw. Dreieinigkeit Das Büchlein erschöpft , seinen Gegenstand auch nicht annähernd; es ist nicht viel mehr als ein oberflächlicher Hinweis und wird dem Wesen der jüdischen Religiosität ganz und gar nicht gerecht. Aber schon dabei zeigt sich dem schärfer Zusehenden die interessante Tatsache, daß bei der Gegenüberstellung der beiden Religionen das Judentum besser abschneidet . . . eine unbeabsichtigte Wirkung einer Missionsschrift die sich aber/ verstellen muß, wenn, man — wie der Verfasser — mit ehrlich', naivem primitiven Rüstzeug zu Felde zieht. Aber gerade darum klingt der Ton des Büchleins uns, deren Ohren von dem antisemitischen Unflat aller Kategorien widerhallen, beinahe sympathisch. jedenfalls bietet die Determination der religiösen Angriffe manches Interesse. fing; Oelbemalung bei Holzarbeiten vor dem Kriege 1.— Frs., jetzt 8 Schilling; Oelbemalung bei Kunstarbeiten vor dem Kriege 4.— Frs., jetzt 15 Sclnlling; Bemalung von Türen oder Fenstern vor dem Kriege 6—8 Frs., jetzt 25 Schilling. Der Malergeselle hat vor dem Kriege 3 bis 5 Frs. pro Tag' verdient, jetzt' 8—15 Schilling. Arabische Malergesellen beziehen einen niedrigeren Lohn, weil ihre Arbeit nicht so gut ist wie die der jüdischen. 'Die Preise für Farbstoffe sind sehr hoch, vor dem Kriege wurden trockene Farbstoffe aus Deutschland eingeführt, jetzt versucht man Farben aus England zu beziehen oder behilft sich mit von früher her aufgespeicherten Vorräten. 2. Tüncher. Juden 10 (Unternehmer), Mohammedaner 5, Christen 20. Die Hauptarbeit besteht in Tünchen der Wände von innen und außen, wozu außer Kalk auch Zement verwandt wird. Gesellen: Juden 20 (hiervon 10 Jemeniten). Die Zahl der christlichen nnd mohammedanischen Gesellen ist weit größer. Die Tüncher (Unternehmer) arbeiten selbst, aber ihre Lage ist trotzdem keine gute. Unter den arabischen Tünchern gibt es zwar viele Haus¬ und Bodenbesitzer, aber ihr Vermögen haben sie nicht durch diese Arbeit erworben. Momentan herrscht in diesem Gewerbe große Arbeitslosigkeit Der Kalk wird im Lahde selbst gebrannt, der Zement wird aus dem Auslande bezogen. Der Verdienst des Tünchers (Unternehmer) wird pro Quadratmeter bemessen. Vor dem Kriege wurden pro Quadratmeter 75 Centimes gezahlt.' letzt 1.— Frs. Dieser geringe Lohn ist die Folge der arabischen Konkurrenz. Die Tünchergehilfen verdienten, vor dem Kriege 3 bis 5 Frs. pro Tag, jetzt 4—5 Schilling. Die arabischen Gehilfen beziehen noch geringere Löhne. Eine gute Entwicklung dieses Gewerbes wie sämtlicher Arbeitszweige auf dem Gebiete des Bauwesens wird mit, dem Beginn der jüdischen Immigration erwartet Kleine, Pal äst [ p. n ach •**; c ’1 n In einem in der Nähe der Kolonie Rosch- Pinah gelegenen arabischen Dorfe hat der Verwalter der Kolonie Rosch-Pinah eine Schule für die arabischen Kinder gegründet Der Unterricht in Hebräisch und Rechnen wird von einem der besten Lehrer der Schule in Rosch- Pinah, der Unterricht :n arabisch, Koran und Religion von zwei Scheichs aus dem Dorfe selbst erteilt. Die Schüler machen gute Fortschritte. Die Aeltesten sowie die anderen Bewohner des Dorfes bringen dieser Gründung sehr viel Vertrauen entgegen. Die Einwohner-derbenachbarten Dörfer wandten sich an die Schulverwaltung mit dei Bitte,' auch in ihren Gemeinden Schulen zu errichten, in denen jüdische Lehrer aus Rosch-Pinah unterrichten sollen. — Joset.S p r i n z a k, der Führer des Hapoel Hazair in Palästina, ist nach London abgereist um von dort aus eine Agitationstournee durch verschiedene europäische Länder zu unternehmen. — Der Direktor des HeDräischen Gymnasiums in Jaffa. Dr. Mossinsohri, der Vertreter der Chowewe Zion, Herr Sehe inkin, uiid der Vizepräsident des Misrachi, Herr Rabbiner Fisch'mann, die seinerzeit von Djemai Pascha aus Palästina ausgewiesen worden sind, sind aus Amerika nach Palästina zurückgekehrt ‘ — ln. Jaffa Erscheint jetzt eine,.von jüdischer Seite herausgegebeae Zeitung hAckbar“ in arabischer Sprächet Der jetzige Zeitpunkt ist für unsere Bewegtmg nnd daher für das Schicksal unseres Volkes entscheidend. Nor ais starke Organisation mit entsprechend ausgestatteten Bureaus und Aemtem können wir der Situation gerecht werden. Wir müssen nicht nur die Agitätions- und Propagandatätigkeit aufs höchste steigern und die Verbindung mit den Bruderorganisationen der ganzen Welt und unserer zionistischen Zentralleitung aufrechterhalten, sondern auch — im Sinne des Kopenhagener Manifestes und des Beschlusses unseres letzten Parteitages — die innerpolitische Arbeit besorgen und die Eroberung der Kultusgemeinden und ihre Umwandlung, in Volksgemeinden vorbereiten. Dazu brauchen wir Geldmittel, deren Höhe zu den Eingängen an regulärer Parteisteuer in keinem Verhältnisse stehen. Wir schreiben daher eine außerordentliche Parteisteuer iür das Jahr 1919 aus, die wir unter dem Titel eines Mischmarbeltrages bei allen Organisationen einheben. Jeder muß nach seinem Vermögen geben. Unsere Idee ist im siegreichen Aufstieg begriffen, unsere politische Arbeit von Erfolg gekrönt Gesinnungsgenossen! Ihr müßt euer Aeußerstes tun, um uns die weitere Arbeit zu ermöglichen. Euch trifft die Verantwortung, ebenso wie die Leitung! Der, Mischmarbeitrag ist an das Zionistische Lahdeskomitee, 2. Bezirk, Zirkusgasse 33, abzuführen. Die Eingänge an außerordentlicher Parteisteoer (Mischmarbeitrag) werden in der" „Jüdischen Zeitung“ veröffentlicht werden. \ Zionistisches Landeskomitee für Deutschösterreich Jakob Ing. Robert Strick«r. Memorandum der rumänischen Juden Das Komitee zum Schutz der Juden in Rumänien hat soeben der Friedenskonferenz folgendes Memorandum über die rumänische Judenirage vorgelegt Rumänien hat immer Mittel gefunden, um der Erteilung politischer und bürgerlicher Rechte an die Juden auszuweichen. Dieser Staat hat die jüdische Bevölkerung systematisch von dem Zutritt zu der ihnen logisch und natürlicherweise zustehenden Einbürgerung ferngehalten. Diese Politik der Täuschung (troraperie), die die rumänische Oligarchie hartnäckig veriolgt hat, ist es, die alle Vorurteile, alles Mißtrauen rechtfertigt. Und aus diesem Grunde verlangt das „Komitee', daß die Friedenskonferenz Ln den Friedensvenrag die keiner Zweideutigkeit und keiner böswilligen Interpretation seitens der rumänischen regierenden Persönlichkeiten unterliegende Verpflichtung förmlich autnimmt, das Problem der Juden in Rumänien zu einer endgültigen Lösung zu bringen. Die Ueberwachung durch den Völkerbund soll eine Garantie iür die ehrliche und vollständige Ausführung dieser Verpflichtung sein. Das Komitee für den Schutz der Juden in Rumänien hat vorgeschlagen, folgenden Entwuri in den Vertrag auizunehmen: 1. Es werden zu Recht und en bloc als r umänische Bürger erklärt, und’ ohne jede Verpflichtung zu irgend welchen Förmlichkeiten oder zur Beibringung von Beweisen: alle Juden, Männer und Frauen, die auf rumänischem Territorium geboren sind oder dasselbe bewohnen, ausgenommen diejenigen, die am 14/27. August 191b in den Registern der ausländischen Konsulate eingetragen waren. Das gleiche Recht steht denjenigen Juden zu, die nach diesem Datum der fremden Reichsangehörigkeit entsagt haben. Die Erbringung des Gegenbeweises obliegt der rumänischen Regierung. Ebenfalls werden alle Juden za rumänischen Bürgern erklärt, die aus denjenigen Ländern stammen, von denen Rumänien Teile annektieren wird und die in Rumänien geboren, sind oder dort am F4./27. August 1916 lebten. Diese Personen haben die Möglichkeit, für ihre frühere Reichsangehörigkeit im Verlaufe von 2 Jahren zu optieren. Frauen und minderjährige Kinder teilen die ihren Gatten, resp. Eltern zuerkaimten Rechte 2. Im Recht und in der Tat werden die Juden vollständig den eingeborenen Rumänen gleichgestellt. (Romani de Bastma.) 3. Die Juden, die zu den Parlaments-, Departements- und Kommunalwahlen berufen sind, werden eine zu der Zahl der Wähler und der Sitze proportionale Anzahl Kandidaten wählen. Diese Wahlen,.werden in einer einzigen und besonderen- Kurie stattfinden oder auf jede andere Weise, die ihnen die genannte Proportionalität, sichern kann. 4* Den-jüdischen Gemeinden wird die Eigenschaft der juristischen Persönlichkeit zuerkannt , werden. Diese werden eine v o-l 1ständige Autonomie genießen, ihre kulturellem philantropischen, religösen Institutionen selbst verwalten, indem ihnen das . Recht zusteht, ihre Sprache zu pflegen und in derselben Unterricht zu erteilen. Diese Institutionen werden vom Staatsbudget unterhalten werden, proportioneil. demSteueranteil der jüdischen Bevölkerung. Die» Institutionen.dürfen Schenkungen annehmen. Die von den jüdischen Schulen ausgestellten Zeugnisse werden als gültig anerkannt 5. Die. Gewissensfreiheit ist garantiert;. infolgedessen werden diejenigen Personen, die den von Ihrer Religion vorgeschriebenen wöchentlichen Ruhetag beobachten, nicht an ihren Feiertagen zur Arbeit verpflichtet, noch gehindert, werden, an den anderen Tagen ihren Geschäften nacjhzngehen. 6. Die Pogrome. Verwüstungen und Plünderungen, die in Rumänien seit dem 14/27. August. 1916 stattgefunden haben, ebenso wie diejenigen, die m Zukunft noch stattfinden könnten, werden vom Staate eine integrale Wiedergutmachung finden. 7. Diese Verfügungen treten am gleichen Tag in Kraft; an dem der Vertrag von den rumänischen Delegierten unterschrieben wird. Alle entgegengesetzten Verordnungen, Gesetze oder Verfügungen, sei es von dem alten Königreich Rumänien. sei es von den annektierten Ländern, sind und bleiben aufgehoben. 8. Der Völkerbund ist beauftragt, über die genaue undvollständige Ausführung des vorliegenden Vertrages zu wachen. Der'Riesenpogrom In der Ukraine Der bekannte Advokat M. L. Goldstein, Vorsitzender des Kiew« Zentralkilfskomitees für die Pogromopfer fn der Ukraine; weilt gegenwärtig auf der Reise von Kiew nach Paris in Warschau und übergab Morgenthan einen genauen Bericht über die Judenmassakers in der Ukraine. Einem Mitarbeiter des Jlajnt“ gegenüber äußerte sich Goldstein über den Zweck seiner Reise nach Paris folgendermaßen: ~ Ich will die öffentliche Meinung Europas UHd Amerikas mit der schrecklichen Lage in der Ukraine und insbesondere mit dem genauen Material über die grausamen und bestialischen Judenverfolgungen in der Ukraine, die noch andauem, bekanntmachen Bis zu meiner Abfahrt aus Kiew (dis Reise von Kiew nach Warschau dauerte iünt Wochen) hatten wir Nachricht über 90.000 ermordete Juden in 60 Städten; Tausende jüdischer Frauen wurdeu geschändet Dann glaube ich auch,