Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 13 (1919)
- Issue
- 37 (12.9.1919)
- Date
- 1919-09-12
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG _Nr. 57 Dies ist der Grund für die Entstehung der Partei „Haesrach“, welche von mir und meinen Freunden gegründet wurde. Wir sehen in dem sozialistischen Fieber nur eine neue Form dei Missionstheorie, welche dem jüdischen Volke die Existenzberechtigung bestritt, wenn es nicht eine Mission zu erfüllen hätte. Jetzt ist wieder die Lehre verbreitet, daß das jüdische Volk kein Recht auf Palästina hätte ohne das Streben nach Verwirklichung des sozialistischen Ideals. Unsere Partei ist keine Gegnerin der sozialistischen Prinzipien. Wir wissen wohl von dem Geäst der sozialen Gerechtigkeit, für den die jüdischen Propheten des Altertums gekämpft haben und welcher uns aus jedem Buchstaben der Bibel anweht. Aber wir verschließen nicht unsere Augen vor der schwierigen Situation der gegenwärtigen Existenz in Palästina. Palästina ist heute noch nicht reif für kostspielige und gefährliche Experimente, die die ganze Zukunft unseres Volkes aufs Spiel setzen. Wenn Palästina ein jüdischer Staat wird auf einer gesunden Grundlage mit den verschiedenen sozialen Klassen, dann wäre es für einen großen und starken Volkskörper möglich, den raschen U ebergang von der Privatwirtschaft zur Nationalwirtschaft zu vollziehen und er würde nicht untergehen, wenn das Experiment fehlgeht. In Palästina müssen wir für alles erst das Fundament schaffen, und da wir das Land nicht besitzen und unser Einkommen in hohem Maße aus Almosen besteht, ist es offenbar, daß es fraglich äst ob wir überhaupt Erfolg haben werden, wenn womit gefährlichen Experimenten beginnen. Man könnte sich vorstellen, daß England seine Industrien nationalisiert ohne den Ertrag zu mindern. Aber ich zweifle, ob eine Industrie jemals in Palästina geschaffen werden kann, wenn wir ein für'- allemal den privaten Unternehmungsgeist töten, welcher der mächtigste Faktor beim Aufbau des industriellen Lebens seines Landes ist Das jüdische Volk als Ganzes ist ein Mittelstandsvolk. Die Aufgabe, einen Teil unseres Volkes, das in der ganzen Welt zerstreut äst, nach Palästina zu bringen, und in ihm den Geist der Disziplin , zu erzeugen, ist schwer genug, auch ohne daß diese Aufgabe noch durch voreilige soziale Reformen erschwert wird. Palästina kann nicht auigebaut werden ohne ein großes Kapital und wir. werden dies nichtbekommen, wenn wir die Möglichkeit privater Unternehmung ausschalten. Palästina ist nicht ein Land, das eine unabhängige-Wirtschaft haben könnte. Es kann nicht unabhängig von der Wirtschaft sein, welche alle Nationen, der Welt-so eng zusammenschließt; Die Sachlage in . Rußland zeigt, daß Großrußland'seine sozialistischen Ziele nicht erreichen kann, solange die Welt sich, von seiner Unterstützung und Mitarbeit fernhält Palästina mit Aegypten-im Süden und dem reichen. Syrien im Norden .kann nicht existieren als sozialistische ökonomische Insel. « Palästina ist für uns von zu großer nationaler Bedeutung; als daß wir unseren Traum als nationale Renaissance der Möglichkeit eines Fiaskos, aussetzen könnten. Das bedeutet nicht, daß wir soziale Reformen ablehnen, welche nicht unsere Position aufs Spiel setzen. Das Programm des. „Esrach“ enthält folgende Punkte: 1. Bodenspekulation hat zu unterbleiben. Es wird jedem erlaubt sein, so viel Grund und Boden zu-besitzen, als er ohne Mithilfe anderer zu bearbeiten imstande ist 2. Der Verkauf von Boden hat Wertzuwachssteilem unterworfen zu sein. 3. Vom Jüdischen. Nationalfonds erworbener Böden, ist Natiönaleigentum. Gleichzeitig wäret jedöcb der private Besitz kleiner Parzellen gestattet da unser Ziel Staatskontrolle uiid nichi Staatsmonopol ist ‘ -t. Der Fortschritt des Handels, und der Industrie wird vom Staat überwacht lind gefördert. „Es existiert noch eine andere 'Gruppe“, bemerkte Dizengoff, „nämlich die „Radikalen“, welche das. Bindeglied zwischen dem „Esrach“ und den sozialistischen Fraktionen sind. Das Programm der Radikalen gleicht in manchen Punkten dem des „Esrach“, aber es unterstreicht einige unserer Grundsätze.“. Welches sind Ihre Ansichten bezüglich der Araberfrage? „Ich glaube, daß unsere Haltung gegenübei den Arabern eine besonders freundschaftliche und brüderliche sein muß. Diese Frage äst seitens unserer zionistischen Führer etwas vernachlässigt worden. Wenn wir den Arabern die Freiheit nehmen, in unseren Kolonien zu arbeiten, veranlassen wir sie dazu, mit uns auf den Gebieten des Handels zu unserem Nachteil zu konkurrieren. Ich sehe voraus,. daß wir mit ihnen große Schwierigkeiten haben und durch spätere Ereignisse gezwungen sein werden,-säe in der eben von mir empfohlenen Weise zu behandeln.“ „Aber glauben Sie denn nicht, daß ein jüdisches Palästina ohne jüdische Arbeit unmögächist?“ . „Ich bin der Ansicht, daß unsere Bemühungen gegen die arabische Arbeit gefährlich sind. Wir müssen die Araber zu unseren Kameraden machen. Auf jeden Fall muß in diesen Bestrebungen Mäßigkeit gezeigt werden.“ -Palästina Die Stockung in Palästina Pressestimmeu. Das Kopenhagener Zionistische Bureau berichtet: Die jüdische Presse in Palästina begrüßte in zahlreichen Artikeln und Kundgebungen die Anwesenheit van Justice Brandeis. Einige Presseäußerungen verdienen besondere Beachtung. - . „Chadaschoth Haärez“ schreibt am 24. Juli: „Nun sind die Festlichkeiten und die feierlichen Empfänge vorüber und die nüchternen realen Wochentage müssen zu. ihrem Rechte kommen. Wir wissen, ein Mann wie Brandeis urteilt nicht nach Festreden und geschmückten Empfangssälen. Sein offener Blick dringt tiefer und er sieht die Dinge, so, wie sie in Wirklichkeit sind. - Zwanzig Monate sind es her. daß wir vom türkischen Joche befreit wurden. Im Laufe dieser ganzen Zeit sind wir in unserer nationalen Arbeit auch nicht um einen Schritt vorwärts gekommen; nicht einen Fuß breit Boden«haben wir erworben und nicht eine einzige nationale Position - haben wir uns errungen. Eie Städte unseres Landes scheinen uns, ungeachtet der großen -Zuhl'ihrer, jüdischen 'Einwohner, völlig fremd; zu sein,' Unser ^Anteil an der Stadtverwaltung ist selbst in Jerusalem ein ganz geringer. In den Aemtern. hat die., hebräische Sprache keinen Platz und wir sind, oft sogar. mehr als früher, gezwungen, für die verletzten Rechte unserer Sprache zu kämpfen. V . Das. Hauptübel' liegt m den ökonomischen Verhältnissen des Landes und‘hinzu kommen noch die" kollidierenden Handlungen unserer Institutionen, angefangen von der Amerikanischen medizinischen : Expedition bis ■ zur Palästina-Kommission Ein Mann wie Brandeis wird zweifellos die politische Bedeutung unserer Position verstehen. Er wird einsehen, daß dort, wo andere nur Chauvinismus sehen wollen, ein gerechter und gesunder Nationalismus vorhanden ist.“ Viel schärfer -äußert sich das Organ der jüdischen Arbeiterschaft „Hapoel Hazair“ in seiner Nummer vom 25. Juli:. „Gern wollen wir. aus dem Munde von Brandeis vernehmen, .was er über unsere zukünftige Arbeit denkt Gleichzeitig aber haben wir auch das Bedürfnis, ihm klar und deutlich zu sagen, was wir brauchen und was zu tuii ist. Wir brauchen eine r e a I e und offene Politik Um keinen Preis können wir uns damit abflnden, daß unsere historische Forderung nach Palästina nur mit toten Buchstaben im Friedensvertrag anerkannt wird, -während in Wirklichkeit unsere Sache heute aus diesem politischen Grunde, morgen aus jenen taktischen Erwägungen hinaüsgeschoben wird. Der größte Teil unseres Volkes befindet sich zurzeit in einer Lage, die eine sofortige Erfüllung unserer Forderung notwendig macht. Die Führer des Zionismus, die bisher als Führer einer Partei galten und vor der Partei verantwortlich waren, werden jetzt von dem größtem Teile des jüdischen Volkes als die Führer des ganzen Volkes angesehen und vor dem ganze* Volke tragen sie die Verantwortung. Sie sind daher verpflichtet, die Wahrheit öffentlich bekanntzugeben:, daß es in Palästina nur eine einzige politische Frage gibt — die Frage der Errichtung des Judenstaates. Andere politische Fragen können m Palästina nicht von entscheidender Bedeutung sein. Diese Klarstellung muß sofort kommen. Sie muß vor allem dazu führen, daß das Verhalten zu uns ein anderes wird. Das Verhalten uns gegenüber, wie wir es jetzt oft sehen, ist in der Tat dazu angetan, jede Gegnerschaft unserer Bestrebungen zu stärken. Wir sind durchaus nicht so naiv, zu glauben, daß in einem Tage jenes grandiose Ziel der Errichtung unseres nationalen ’ Heimes durchzuführen ist, aber wir glaube* ebensowenig, daß dieses Verhalten den Beginn der Verwirklichung unseres Zieles bedeuten kann. Wir wissen, daß nach den internationalen Gesetzen der juridische Status quo ante im okkupierten Gebiet seine Geltung behalten muß, bis' das Schicksal des Landes entschieden ist.- Nun hatten wir in_ Palästina zwei Status, den einen während des Krieges, wo Zionismus mit Staatsverbrechen identisch' war und wo zionistische GesinnunT zum Anlaß von-Verhaftungen, Quälereien und Hinrichtungen genommen .wurde, und den anderen Status vor dem Kriege, wo die Juden in der Tat’eine innere Autonomie besaßen, wen* sie sich auch auf kein Gesetz stützte. Das damalige Verhalten der herrschenden Macht uns gegenüber War ein respektvolles. wie 'zu Europäern. Wir kamen hieher nicht als Emi- _ granten, sondern als Rückwanderer; dies wußte sowohl die Regierung wie die Bevölkerung, denn unser Zieh war offen und klar. Gewisse Pölitikmacher versuchten zwar auch damals, uns Hindernisse in den Weg. zu legen; aber es gelang ihnen nicht. Sie fanden weder bei der Regierung noch bei der Bevölkerung irgendwelche Unterstützung. Dennoch waren wir unzufrieden mit unserer Arbeit, weil sie uns klein schien im Vergleich zu dem uns gesteckten Ziel: der Gründung eines nationalen Helmes unter Ansiedlung von Millionen!.Juden'' Große Arbeit zu. leisten, , war nicht möglich, weil' es an' einer Macht fehlte. Sie l.eben und Sicherheit im notwendigen Maße gewährleisten könnte. Die Zionistische Organisation richtete daher ihre Blicke auf England; ln welchem sie die zukünftige Beherrscherin Palästinas sah und, das ihr dazu berufen schien, zur Verwirklichung ihrer Ideale beizutragen. Diese Hoffnung war keine trügerische — bald nach dem Einmarsch der' Engländer in Palästina kam jene wunderbare1 Deklaration, die von' unserem Volke gleich jener Prophezeiung Ezechiels aufgenommen wurde. Das ganze jüdische Volk war von neuem l.eben beseelt. Nun. sind bereits anderthalb Jahre vergangen, seitdem das Land von den Engländern besetzt ist ln dieser-ganzen Zeit ist es offiziell unbekannt geblieben, wer das Mandat in Palästina ausüben wird. Es war auch nicht klar, wie sich die Friedenskonferenz zu der Baifourschen Deklaration verhalten werde. Inzwischen — so sagt man uns, und wir glauben es auch — konnte die englische Regierung an die Verwirklichung der Artur Bryks Von Hugo Bergmann. Zum. Verständnis der jüngsten Kunst gehört sicherlich vor allem das .Gefühl dafür, daß die Gestalt, der feste Umriß der Linien, den wir als etwas Absolutes hinzunehmen gewohnt« sind,* nichts anderes.-ist, als der Niederschlag fließender, schöpferischer Kräfte. Dich entzückt die fein geschwungene Linie einer Blüte, die sanfte Neigung eines, Zweiges, wie ihn etwa die Japaner gezeichnet naben. Aber wisse, daß diese Linie nur vorläufiger Abschluß ist Die Pflanze-entstand aus schöpferisdien Naturkräften, die sich in ihr verkörperten; die Blüte ist durchpulst van Gewalten, die,sich deinem Auge entziehen und die dennoch unaufhörlich auch die Linie weitergestalten und verändern, die du bewunderst Aus dieser dynamischen , Weltauffassung heraus "muß natürlich für den-Maler die Farbe eine Priorität vor der Linie bekommen;- die Farbe, die das -flutende, bewegte, schöpferische Element darstellt muß die Linie erst aus sich heraussetzen. Die Farbe ist das Geistige, die Linie das Manifeste, das Gewonnene.-- Linie wird aus Farbe. 1 * ' - * : Dies scheint mir das Grundgefühl eines jungen-und leider noch , wenig .bekannten Malers zu sein; dessen Bilder ,ich in seinem Züricher Atelier sah.’Er heißt Arthur Bryks, ist 1893 auf einem Dorf im Gouvernement Radom (Polen) geboren, und hat ein buntes Leben hinter sich, trotz seiner. JugiencL Seit ihn der Drang, zur Kunst ans der Heimat trieb, war er Schreiner) Iügeöieur, Schlosser, Schneider.' Buchdrucker, Schildemäler, San-' ger — nur um Maler sein zu können, die Gestalten zu bewältigen, die: sich-?* seine Phantasie herändrängten, um mit Pinsel, oder Meißel geformt zu werden. Ich sagte: Bryks' scheint — wenn man in Worte kleiden darf, was vielleicht ganz unbewußt in seiner Kunst lebt — dies zu fühlen: daß alles Körperliche sich aus dem Geiste heraus, gestaltet. Man kann auf den meisten seiner Bilder diesen Schöpfüngsprozeß fast greifen: wie Ungestaltetes,- Bewegtes gestaltet werden will. Da hängt in; seinem .Atelier ein Bild. Drei kleine Kinder auf einer .Wiese spielend. Dieses Bild ist nur Farbe, nur Frühling, ein unendlich buntes Beet; und die drei” Krnder rückwärts, die spielend beisammensitzen, sind wie aus* diesen Blumen herausgewachsen, selbst wie Blumen in diesem Frühlings?. beet. Oder .auf einem. Bilde eine Frauengestalt,, ganz umflutet .von Licht und Farbe, auf einem anderen ein MenscÜenpaar, aus einem Regenbogen heräustretend. Auf einem Bilde, das der Künstler „Morgenschreiten“ nannte, zieht weihevoll' eine Fraii'engestalt dahin,, in grünem Mantel, die Hände vorgestreckt und offen gefaltet, als müßte sich in .sie der; Segen-des Lichtes/ringsum hinabsenken. . Licht, .Luft, Farbe, sind auf diesen Bildern fast, aktiv' in ihrer Bezogenheit auf die menschlichen Gestalten, die nun selbst, wiederum völlig durchgeistigt', wie aus dem Aether .heraus geboren erscheinen. ' 'Neben diesen..lichten dann ganz dunkle Bilder,; Ein. träumender Jude, die Hand im Barte, die Augen geschlossen, die Zukunft erträumend; das geht unmerklich in die abgedämpften Wärhgiy'df^iXuft über; rings um den Kopf sind Flph^twg^fauenaugen ins Dunkel gesetzt. Diese buhten’ÄVfgetj auf dunklem,Grunde befremden iylejieichi aber der Maler empfand sie, als notwen- $flg,”iylö $cs den* überfaanpt elm strenges Gefühl der - Notwendigkeit für jede Farbe hat, die sein Pinsel hinsetzt. An der Wand des Ateliers hängt eine Sammlung bunter Schmetterlinge; da lernt Bryks, wie die Natur notwendig Farbe und Form gestaltet. Ein großes Bild ist aber in Arbeit. Die-Nacht Drei Engel ‘ heraustretend, herausgeformt aus dem bunten Dunkel.der Nacht.-Ich hatte immer das Gefühl: wie aus einer Metallösung sich Krystalle formen, indem die Moleküle, sich Zusammenschlüßen, so wird hier der Körper herausgestaltet-aus geistig bewegter Farbe' Dabei ist Bryks. durchaus nicht der Mann, der die Zeichnung, diesen Ausdruck der reinen Linie, verachten würde. In seinem Atelier steht eine'kleine Zeichnung eines in einem Stuhle zu-; ■ sammengekaüerten Menschen. In; der Linienfüh-. rung, däi kühnen Verkürzungen-'des kleinen Bildes zeigt, sich der meisterhafte Zeichiier. Und nicht minder .in einer Reihe seiner Rötelporträts. Wenn auch Vom Inhalt der Bilder von Arthur Bryks'etwas gesagt werden darf: sie sind entweder Gebet oder Protest Protest gegen diese , Welt, an der der Künstler unendlich leidet. Ein Bild) „Gottes, Schölte“ sollte im Vereinshaus eines Arbeitervereines hängen: „Gottes Schölle“, das sind menschliche Leiber auf dem Ackerfelde, selbst; schon wie zn Schollen geformt. Ein Bild zeigt den Krieg, mit weit offenem Maul dahinfließend, die-Haare des grausigen Kopfes rot flat-, ternd, das eine Zyklopenauge erbarmungslos' starr. ' ’ ' Aberdie meisten Bilder sind ein Gebet in ihrem:lichten Glanze.; Und es ist wohl kein Zufall, daß zuerst ein .Buddhist Arthur; Bryks; den jüdischen Maler, in Zürich entdeckte und über ihn schrieb!. - ”