Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 13 (1919)
- Issue
- 37 (12.9.1919)
- Date
- 1919-09-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Bedafetion und Administration ' WIsb II., Taboratraße I FernsDreeherNr, 44038 u, 43319 Mit der Beilage : „Der jfldisclle Nationalfonds“ Wien, Fr«Kaa, dsa 12. September 191* Bezugspreis: Vierteljährig 8 -8 ganzj. 24 X, Einzelnummer 50 h Postaparkasaenkonto 133.404 Anläßlich der Feiertage erscheint die : »Jüdische Zeitung“ als Roschliasctianali' Festnummer bereits Dienstag, am 23. d. M. in verstärktem Umfang. ,Infolge dessen fällt die Hummer vom 17. d. M. aus. Sammelbestellungen auf die Rosch haschanah-Nummer werden bereits jetzt entgegengenommen. Der Friebe * Der Friede ist unterzeichnet und nach fünfjährigem Druck dürfen wir wieder frei aufatmen. Das Oesterreich, das in den Krieg zog, ist nicht mehr, und an seiner statt unterzeichnet ein neuer Staat, die kleine Republik Oesterreich, den Vertrag. Die Gründe, warum Oesterreich . zugrunde gehen mußte, die katastrophal irrsinnige Nationalitätenpolitik, haben wir gerade im Verlauf der letzten Jahre, soweit die Zensur es züließ, genug oft auseinandergesetzt.und noch unmittelbar Vor dem Zusammenbruch vor diesem Fehlweg gewarnt. Heute der werden' kann, zeigter sich doch schon,, daß auch die neuen,.Staaten nicht aus der Geschichte_gelernt haben. Die nationale Unduldsamkeit ist größer, das'Verständnis für das nationale Problem geringerais jemals. . .. Das österreichische Judentum hat Im Kriege Unsägliches gelitten. Aber auch der Friede scheint gerade für uns noch' keine Rühe-zu bringen. Am Tage der Unterzeichnung erscheint in Wien eine Kundmachung, durch die alle Fremden aus Oesterreich ausgewiesen werden. Betroffen sind ‘ vor allem die galizischen Flüchtlinge, weil nur sie gesetzlich von der. Erwerbung der Staatsbürgerschaft ausgeschlossen waren. Die sozialdemokratische Regierung;wirft der Gasse die Juden als Opfer hin. Die Leiden der Juden haben kein Ende. Wenn auch angesichts der UndurcKitthrbafkeit der Maßregel die Realisierung zunächst nicht wahrscheinlich ist, ist doch diese Anordnung ein Symptom des neuen Geistes. Hoch fehlt das Fun-’ dament, auf dem wirklich der. Bau des Friedens errichtet werden könnte. Der Frieqensvertrag leitet* für. Oesterreich eine schwere Zeit ein. Lange wird das kleine Land an den Lasten des. unseligen Krieges zu tragen haben. Aber es ist «lässig, immer wieder den verbrecherischen Kriegsapstittcrn zu fluchen, und es hat, wenig Sinn, jetzt zu jammern lindzu klagen. Das österreichische Vollj. darunter auch die österreichischen Juden, werdet^ arbeiten und. jnlt Umsicht, Fleiß, Klugheit upd gutem Willen werden sie das Land bald wieder zu Höhe und Ansehen bringen können. Alles bängt. davon ab, ob' niän endlich die alte Methode gjjfgibt lind, statt Demagogie und PhrageutumJ Verträglichkeit und Sachlichkeit einführt.; Die Stadt Wien muß, ein kulturelles Zentrum werden, das'sie in den letzten Jahren 'läftgst'. iücl^V mehr' war; und wenn alle Nationen:kjiltureWef Freihiit und Entwicklungsmöglichkeit haben, ^ird sie auch eine* Anziehungskraft;l»sonderer-Art besitzen: FüF uns "Juden' ist „cs wichtig,; daß; wir durch'’dea.Minoritätehschirtz die Jyiögli^öteit bekommen, unsere* Institutionen irnm wirklich frei .auszuhauen. Nach den bisher ^bekannten Bestinummge«-- werden-:wfr7 das- Reibt haben,; Schülen,' Erziehtmgsanstaiten'iimd.1: sonstige, kulturelle Institutionen1 auf eigeÜA Kosten'zU1 errichten undautcmqm zu Verwaltern Soweit'das allgemeine Budget entlastet wird, .wird der Staat zu den Kosten beizutragen haben. Es ist klar, daß, das jüdische Erziehungswesen sich nicht auf dasvorgeschriebene Minimum beschränken wird, sondern daß wirklich getrachtet werden muß,, nunmehr ®la mustergiltiges und .weitverzweigtes Bildungswesen, ein geistiges Zentrum der jüdischen Diaspora ln Wien zu schaffen. Wir sind'überzeugt, daß " die Wiener Judenschaft die Mittel.hiefür. aufbringen wird. Das Judentum hat noch: nie versagt, wenn es sich um die Rettung seiner geistigen Güterhandelte. Die übrigen Bestimmungen des Minoritätenschutzes werden hoffentlich nicht in 'Anwendung kommen brauchen; * wir hoffen,' daß Oesterreich ein Rechts- und Kulturstaat sein wird und daß eine Anrufung des Völkerbundes zum. Schutz von Leben,’ Freiheit - und. Eigentum, .österreichischer. Juden nicht erforderlich sein wird. -Aber gerade heute, wo noch Üebergangszeit ist, muß mit allem Nachdruck betont werden, daß die' österreichischen, die hier „heimatsberechtigten“ Juden sich mit ihren Brüdern, solidarisch fühlen, und auch eine Rechtsverletzung oder Barbarei den galizischen Flüchtlingen gegenüber nicht dulden werden. Die1 Frage der Staatsbürgerschaft wird in.. dem Friedensvertrag unzulänglich geregelt. Die darauf bezüglichen Paragraphen sind so unklar, daßein Kommentar dazu abgewurtet. werjden muß:.' Auch, mit den andern kleinen Staaten wird, gelegentlich der Unterzeichnung, des österreichischen Friedens der Vertrag über den Mihoritätenschultz abgeschlossen.^-werde^. Das ".p.ermäne.nte jüdische Komitee in.Pari?.. wird djiiliunoch.dafür : zu sorgen habenrdaß anch dii^fnterpretation lind Handhabung eine dem Geiste" dies Vertrags entsprechende sei./ Wenn man z. B. in der'Slowakei die Juden zwingt, sich bei der Volkszählung als Deutsche, Magyaren oder Slowaken zu deklarieren, so ist das das alle System der Verlogenheit, an dem Oesterreich-Ungarn zugrunde ging. Der Friede ist bisher nur ein Fetzen Papier. Von den Völkern bängt es ab, ob er im Leben Wirklichkeit wird, ob die ersehnte Befreiung gekommen ist. Ein Interview mit M. Dizengoff Die Aeußerungen. dde Herr Dizengoff dem Redakteur des „Jewish Chronicie“ machte, sind außerordentlich charakteristisch für die Denkungsart gewisser palästinensischen: Bürgerkreise. Man muß immerhin hoffen, daß auch, unter den Kolonisten Menschen sind: welche die Eigenart des zionistischen Problems besser erkennen als Dizengoff und die großen Aufgaben,, welche das jüdische Volk zu lösen hat» um aus - Palästina ein jüdisches Land zu machen, schärfer sehen als er. Herr . Dizengoff geht an der "wichtigen Tatsache völlig vorbei, daß Palästina nur durch jüdische A r b eit jüdisch werden kann, er spricht von der jüdischen Arbeit hi wegwerfendem Ton und schiebt mit einer .verdächtigen Versöhmmgsgeste die Araberfrage vor. Dementsprechend wird . auch der nationale Idealismus, dem Herr'Dizen- goffauch die soziale Gestaltung Palästinas opfern möchte, einzuschätzen sein. Der Nationalismus geht über alles; aber NationäKsmüs soll nach. Ansicht des „Esrach“ nicht dafirn' verstanden werden, daß ein bestimmtes Id.eal des nationalen Lebens aufgestelltf-wird, sondern nur rein animalisch und vegetativ; die Juden sollen sich äuslebeii und dabei hebräisch sprechen. Wieder würde durch dieses Prinzip die verhängnisvolle Zweiheit von Leben und Geist ans'der .Gäluth ' in unser Land gebracht, wieder würde' nian in Synagogen gehen und dabei Wucher treiben'; den hebräischen Geist der Bibel literarisch1 bewundern und dabei: in allen Ehren im „Ernst“ des Lebens, d. h. im Wirtschaftsleben, das private Eigeninteresse über alles -stellen. Es ist sehr verdächtig», wie diese Bürgerklasse für Nationalismus und-für arabische Arbeit Zugleich emtrittJ J^äJästmai tstnjehtreif für soziale Experinfente“. Gilt. ungeprüft» andere- 'sind"anderer Ansicht; aber'es kommt gar mcht auf soziale Experimente an, -sondern'. auf .'soziale ” Gesinnung- 'Eskommt darauf ilqft wirk- ] lieh alle'Menschen des-neuen Jischuw des Be- : wnßtseins voll smd, "daß leihe neue;’große‘-Ztät Jur ' das -Volk beginnp daß- /in diesem- Momentdas’ Interesse■■des’ Einzelnen a u r ü c k'ste h-en muß vor dmn Ziel der Gesamtheit, daß dieses Ziel nur ein gesundes, arbeitendes, produktives, glückliches,, Volk'im jüdischen Land sein kann. Der Araber soll die eigentlibhe Arbeit’ leisten, aber nur. 1» nicht „auf dem Gebiet des Handels mit uns 'konkurrieren“-:; das ist Qäluthgelst; der .von. Nationalismus trotz nationalen Phrasen Unberührt geblieben ist. Wenn.sich Herr Dizengoff gegen die amerikanischen Zionisten und1 gegen die zionisti-' scheu Führer kehrt,, weil diese für die sozialen Forderungen eintreten» so wird er bald erfahren müssen, daß es der überwältigenden Mehrheit der ganzen zionistischen Organisation mit diesen Förderungen außerordentlich ernst ist. Und es wird' auch nicht gedulde^ werden, daß dieser einheitliche Wille durch 'dumme Schlagworte des Tages, in. der Oeffentlichkeit 'diskreditiert., wird.. - Vor' allem aber kömmt*.' es" darauf. an,. daßdie Menschen,, welche-wirklich die Erlösung, nicht nur die Uebersfedlung des jüdischen Volkes wob len, zur Steile sind und durch ihre Arbeit und ihr Leben das neue Gemeinwesen schaffen. W„ * > * - AVir geben nachstehend den Hauptteil des Interviews in deutscher Uebersetzühg wieder: Ein, Redakteur des - ..Jewish Chronicie“ hatte eine Unterredung mit Herrn M. Dizengoff ,dem Bürgermeister von Tel-Awiw über die Verhältnisse in Palästina. Dizengoff ist bekanntlich! einer der Führer der palästinensischem bürgerlichen Partei „Haesrach“ und hat auch, an der Londoner Zionistischen Konferenz als Vertreter Palästinas teiig'e.nönimen. Die erste Frage betraf die, Parteigliederung des palästinensischen J udentums. „Bis vor kurzem — antwortete Herr Dizengoff —„existierte in Palästina nur eine einzige . Partei: Die Arbeiterpartei. Diese Partei war in ■ zwei Gruppen geteilt: Die Poale-Zion und Hapoel- Hazair. Die Poale-Zion sind radikale Sozialisten, während Hapoel-Hazair die Notwendigkeit der jüdischen Arbeit und der.hebräischen Sprache be- 'tontr 'Sie habea iefzEein vereinigtes Komitee gegründet, „fiitachduth haawodah“ und arbeiten zusammen in. allen die. Wahlen zur Konstituante betreffenden Fragen.*) Der Mittelstandwar bis in die jüngste.Zeit nicht organisiert. Nur der Misrachi existierte.' Der Mittelstand, bestehend aus Kolonisten» Kaufleuten, Handwerkern und freien Berufen, verhielt sich passiv, ohne politisches Bewußtsein und ohne; Vertretung. D»e jüdischen Kolonisten waren nur auf Wirtschaft 1 asis organisiert, zur Wahrung ihrer Interessen. Doch nach der Befreiung Palästinas durch die britische Armee fühlte diese -Judenschaft die dringende Notwendigkeit, . eine repräsentative Körperschaft zu schaffen, die berechtigt ist. in ihrem Namen zu sprechen undzu handeln. Allgemein wurde emgesefien, daß politischer Einfluß nicht ohne politische Organisation zu erzielen ist. Auch die soziale Fra ge verstärkte die Notwendigkeit einer sofortigen Organisation. Obwohl die Arbeiter nur eine winzige Minorität darstellen (es sind ihrer ungefähr 1600). sind ihre Forderungen unverständlich übertrieben. Sie fordern die sofortige Nationalisierung aller Zweige der landwirtschaftlichen und industriellen Unternehmungen. - Sie verlangen, daß das jüdische Gemeinwesen in Palästina nicht auf europäischen Grundlagen aufgebaut werden, soll,- welche sie als durchaus verrottet bezeichnen. ■ Mich ihrer Meinung soilen wir Juden in Palästina das letzte Wort in diesen ernsten Problemen sprechen, weiche jetzt noch in Europa zur Diskussion stehen.. Palästina soll das erste Land sehr, in dem die Träume von Karl Marx realisiert werden, andernfalls habe es nach ihrer Meinung keine Bedeutung für das jüdische Volk. Die Stellung unserer Arbeiterpartei wird gestärkt durch den Beistand der Zionisten in Amerika» i welche, so sehr sie auch mit dem kapitalistischen .System in-Amerika zufrieden sein mögen, and so sehr sie es: ablebnen würden, diese» gewaltsam zu stürzen, sich in die begeistertsten Sozialisten, verwandeln; wenn von Palästina die Rede ist. Die» ist auch'die Art der Führer der ganzen zionistischen Bewegung», welche, den Zionismus zu einer anziehenden modernen Bewegung machen möchten, als ob es nicht genügend wäre, dem jüdischen Volkeemo: Heimstätte zu geben ohne Rücksicht auf diepolitischen und. sozialen Formen, die das jüdische Gemeinwesenannehmen wird. Sie wollen dem Gemeinwesen nicht gestatten, sich nach natürlichen Gesetzen zu" entwickeln entsprechend den Eigentümlichkeiten des Landes und des GeisteA unseres Volkes: ) Dies ist unseres Wissens unrichtig. H ji hazair hat ausdrücklich die Vereinigung In rede gestellt. HUachduth haawoda renräse - nur die Poale Zinn Es ist unbegreiflich, daß D. so. Bninformlert ist. fRed,X -