Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 13 (1919)
- Issue
- 32 (8.8.1919)
- Date
- 1919-08-08
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 32 lieh nachstehende R e s o 1 u t i ö u einbringt, die r.aeh längerer Debatte angenommen wird: . „Der. tsche'cho-slowakische Zionistentag ’ anerkennt die Arbeit des JNF. als die einzige ..'Möglichkeit. den Grund und Boden in Palästina '.als unveräußerliches Eigentum, des jüdischen Volkes auszulösen. Jeder organisierte Zionist ist verpflichtet, ach zugunsten des JNF. mit mindestens feinem Prozent seines jährlichen!. E,i n k o rii m en s zu besteuern.“; Die kommenden Aufgaben.. Das- Referat'über unsere künftige Arbeit erstattete Dr. Hugo Herrmann, der eine Reihe von Thesen vorschlug, die dem Zentralkomitee als Richtlinien zugewiesen werden; die wichtigste dieser< Thesen ist folgende: Der Zionistentag beauftragt (fas Zentralkomitee,' folgende Kommissionen einzusetzen, an: deren Spitze je ein Zentralkomiteemitglied steht, das dem Zentralkomitee für die Arbeit seines Ressorts :verantwortlich ist: a) Palästinakommission. b) Propagandakommission, c) Pressekommission, d) Kultusgemeindekommission, e) Finanzkommission, i) Kommission für die Slowakei, g); Kommission für Jugendarbeit. Außerdem soll das Zentralkomitee je einen Referenten für Landespolitik und für soziale Fürsorge bestellen, der den Kontakt mit dem jüdischen Nationalrat bzw. mit dem Hilfskomitee herzustellen hat. Ebenso wird der Wunsch des Herrn Doktor Sipo$, Preßburg, daß das Zentralkomitee beauftragt werde, die Anlegung einer Statistik, die sich auf Zahl, Beruf, Bildung, Hebräischkenntnisse, Zugehörigkeit zur zionistischen Organisation usw. bezieht, durchzuführen, da diese Statistik die einzig mögliche reale Basis für jede jüdische Arbeit bildet, dem Zentralkomitee als Anregung zugewiesen. Das Organisationsstatut. Den wichtigsten Gegenstand der Tagesordnung bildete die Beratung des neuen Organis at i o n s s t a t u’t e s. um das schon seit Wochen eine lebhafte Diskussion in den tschecho-slowakischen Preßorgarten geführt wird. Nach dem Referat Dr. Rufeisens (Mähr.-Ostrau) wurde der vorgelegte Entwurf angenommen. Die wichtigste Neuerung ist der Aufbau der Organisation auf dem Orts gruppen prinzip. Die Landespolitik. '* ' Norbert Adler hält das Referat über die Galuthpolitik. Er stellt die Entstehung des. jüdischen Nationalrates und seine Tätigkeit dar und begründet eingehend die Bedeutung der Landes- , Politik für den Zionismus. Seine Ausführungen ergänzt der Korreferent Dr. Siegmund Werner (Iglau). ■ •- :Ueher Antrag des Herrn Dr,-Katznelson werden folgende Resolutionen angenommen: ■a) Der Zionistentag erklärt, daß die. GaluthpoUtik eine .notwendige Konsequenz der zionistischen Ideologie ist. Ans diesen Gründen begrüßt der Zionisten- •tag mit. Genugtuung .die von den Zionisten im Nationalrai geleistete Arbeit und spricht ihnen dafür den Dank und das Vertrauen aus. -Der Zionistentag spricht sich dafür aus, daß (aus taktischen Gründen) die organisatorische Trennung der politischen und zionistischen ■ Leitung beibehalten wird. b) Der Zionistentag erklärt es für die Pflicht eines jeden Zionisten des Staates, sich bezüglich seiner politischen..Betätigung dem Nationalrat zu unterstellen und seinen Weisungen Gefolgschaft zu leisten. Die zionistischen Mitglieder des Nationalrates sind dem. Zionistentag für ihre Arbeit innerhalb des. Naiionalrates verantwortlich. Das neue Zentralkomitee. Uqber Vorschlag des Permanenzausschusses erfolgen die Wahlen für das neue Zentral- JÜDISCHE ZEITUNG kpmi te.e und ergeben das folgende Resultat: Aus* Böhmen die Herren: Norbert Adler, Prag. Emil Arnstein, Dobris, Alex Feig, Prag, JUC. Emst Lebenhart, Prag. Dr. Hugo Pick, Aussig. Ing. Felix Seideman,n, Teplitz- Schönau, Ing. Hugo S.l o n i t z, Prag, Emil Thein, Prag. Ans Mähren-Schlesien: Dr. Robert Altbach, Mähr.-Ostrau, Gustav Finzi. Troppau. Dr. Leopold Goldschmid, Proßnitz, Dr Adolf G r ü n f e 1 d, Brünn, Dr. Hugo Hermann, Mähr:-Ostrau. JUC. Paul März; Ung.-Hradisch, l>. Josef R u f e L s e n. Mähr.-Ostrau-. Doktor Meisner, Olmütz Aus der Slowakei: Dr. Karl F ä r fast ein, Eperjes, D.r. Moritz Juskowitz, Uzgorod, Dr. Josef Löwy. Kaschau. Emil Ne unlann Nyitra. Siegmund Sametz, Preßburg. Richai d Schlesinger, Pistian. Dr. Fridycs S z i 1 r a d, Zolyon-Lipcze, Bernhard Weiß, Preßburg. Schluß der Tagung. Dr. Goldschmid gedenkt der Gefallenen, dankt dem Präsidium für die geleistete Arbe:t Der äis Ciast anwesende Vizepräsident der Federation sioniste de France in Paris-Herr Schapira wird begrüßt und berichtet in französischer Sprache über seine Palästinäreise im Jahre 1918. (Lebhafter Beifall.) Der Parteitag wird hierauf durch Herrn Finzi geschlossen. Die Namensänderungen der Juden Rede des Abg. Robert Stricker in der deutschösterreichischen Nationalversammlung am 30. Juli 1919. Es tut mir sehr leid, daß hier nicht Gelegenheit geboten worden ist, zuerst über die Bedingungen! zu sprechen, unter welchen eine Namensänderung zulässig sein soll, sondern daß diese Sache hier lediglich vom fiskalischen Standpunkt besprochen wurde. Ich kann Ihnen gleich sagen: Meiner Ansicht nach sind 95 Prozent der*Gesuche um Namensänderung aut Feigheit und Charakterlosigkeit zurückzuführen, und — das geht mich ja ganz besonders an — was die Gesuche um Namensänderung seitens zier Juden anlangfc, so stimmt das vollkommen. Es gibt nur einige Fälle, die davon auszunehmen sind, und zwar handelt es sich da um die Gutmachmig einer alten, von Ihren Vor fahren begangenen Sünde. (Lachen bei den Christlichsozialen.) Ja, vor zirka 140 Jahren wurden die Juden durch die deutsche Regierung gezwungen, deutsche Namen anzunehmen, und dabei hat sich etwas Amüsantes ereignet. Ihre deutschen Beamten haben es für gut befunden, den Juden, die nicht genug Bestechungsgelder geben wollten, appetitliche Namen beizulegen, daher kommt es. daß heute Juden herumgehen mit dem Namen Bauchgeschwür, Asten und' wie sie heißen. (Heiterkeit bei den Christlichsozialen.) I h r Lachen ist ein Zeichen Ih rer Schande! Nicht die Träger schändet dieser Name, sondern diejenigen, die frivol genug gewesen sind, menschlichen Geschöpfen Namen aufzubürden, die Ekel erregen, und das sage ich Ihnen, wenn es sich um Gutmachimg dieser von Ihrem Volk an meinem Volk begangenen Verbrechen handeln wird, werden Sie Rechnung tragen müssen der Stimme der Zeit und zugeben müssen, daß diese Namen geändert werden. Anders liegt es mit den Namen, die jüdischen Charakter tragen, mit Aenderungen dar Namen Kohn, Löwy und Ab e 1 e s und wie sie heißen. Sehen Sie: ich finde an diesen Namen nichts! Abg. Schönsteiner (christlichsozial): Das ist die Schande Ihres Volkes! Abg. Stricker : Das kann doch keine Schande sein, wenn ich Ihnen erkläre: ich finde an Seite 3 diesen Namen nichts! Wenn ich zum Beispiel Kohn hieße,, ich ließe es mich nicht einen Kreuzer kosten, um mit ihnen verwechselt zu werden! Das kann ich ihnen sagen! (Stürmische Heiterkeit) Was die Gebühr betrifft, wollte ich nicht über Gebühren sprechen, weil ich. auf dem Standpunkte stehe, Unanständigkeiten soll man schließlich und endlich nicht zur Einnahmsquelie machen, geradeso, wie man auf die Prostitution keine Steuer legen soll, um dem Staate Steuern zuzuführen, sollte man auch auf solche Unanständigkeiten keine Steuern legen. Da es, aber schon einmal so ist, stehe ich auf dem Standpunkte: wenn schon, denn schon. Ich werde eine Abänderung dieses Gesetzes in diesem Sinne beantragen, daß ich sage: „Wenn Sie schon nehmen, nehmen Sie gefälligst mehr!” , Wann läßt sich denn — ich rede nur von Juden — ein Jude den Namen ändern? In welchen jüdischen Kreisen ist das Bedürfnis nach Wechsel der Konfession und des Namens, das Bedürfnis nach Christentum und christlichen Namen am stärksten entwickelt? ln den zahlungskräftigen Kreisen! (Lebhafte Zustimmung.) Deswegen bin ich der Ansicht: Nützen Sie das aus! Wenn sich so ein reicher Jude taufen läßt und dann weiter noch Abcles heißt, hat er keine Freude mehr an dem ganzen Christentum. (Schallende Heiterkeit.) Und er läßt es sichschon etwas kosten! Das wird auch von der anderen Seite stimmen. Es wurde ja erwähnt, daß auch Aristokraten ihre Namen sich ändern lassen. Sie werden auch unter diesen Leuten zahlungskräftige Namen finden. Ich beantrage also zu § 1, Absatz 2, eine Aenderung in der Weise, daß es heißen soll: „eine Gebühr in der Höhe der fünffachen für das laufende- Jahr vorgeschriebenen Einkommensteuer, zumindest aber 20.000 Kronen zu entrichten.“ Den andern Teil des Paragraphen bitte ich, unverändertzu lassen, um tatsächlich die Möglichkeit zu geben, daß, wo eine wirklich anzuerkennende Notwendigkeit für die Namensänderung vorliegt, tatsächlich an eine Ermäßigung geschritten werden darf. Aus der Bukowina. Dem Kopenhagener Zionistischen Bureau wird geschrieben: Die Auflösung des staatlichen Gefüges der eehmaligen österreichisch-ungarischcen Monarchie im November 1918 setzte in der Bukowina, in gleicher Weise wie in einigen anderen Landesteiien. mit Judenprosromen ein. Dieselben traten im südlichen rumänischen Teile auf und wurden in der Weise praktiziert, daß die Bauern in einigen Gebirgsdörfern die Juden samt und sonders vertrieben. Die Juden mußten in nahegelegenen Städte flüchten und konnten oft nicht einmal ihre bewegliche Habe mitnehmen. Hierbei hieß es seitens der Bauern ..Juden geht nach Palästina“ und es wurden auch Zettel mit derlei Aufschriften an jüdischen Häusern angeschlagen. Diese Vorkommnisse riefen unter der jüdischen Bevölkerung größte Erbitterung hervor und obwohl sie sich nach der Okkupation durch die rumänischen Truppen nicht mehr wiederholten, konnte ein allgemeines Gefühl der Unsicherheit, genährt durch die politischen Veränderungen, nicht weichen. Hierzu kam. daß infolge der Unterbindung des Verkehrs mit dem Westen authentische Nachrichten in das Land nicht gelangten und die tatsächlichen zionistischen Erfolge ihren Weg mir als Gerüchte, und daher ins Maßlose, vergrößert fanden. Die Czernowitzer Blätter waren darauf angewiesen, ihre Informationen aus rumänischen Zeitungen zu holert und fanden dort die phantastischsten Nachrichten von Proklamationen der jüdischen Republik, jüdischen Ministerien, massenhafter Auswanderung aus anderen Ländern usw. Diese zwei Monate riefen eine mächtige Auswanderungsbewegung hervor, die zu einer wahren Voiksbwegung anwuchs. Nationalismus usw. die Menschheit korrumpiert. Bei dieser richtigen Aburteilung des jüdischen Literaten. dessen Assimilationsgebärde von den Deutschen mit Recht zurückgewiesen wird, scheint Blühe,- doch einigermaßen zu übersehen, in welchem Maße an der Erzeugung dieses" Typus das Phänomen der europäischen Zivilisation Anteil hat. das doch keineswegs ein jüdisches Produkt ist. Und der Sozialismus ist in seinem jüdischen Ursprung auch Keineswegs nur „Rationalisierung des Staatsphänomens“, sondern der Ausdruck des leidenschaftlichen Strebens nach Gerechtigkeit und die Konzeption eines vollkommenen menschlichen Gemeinschaftslebens .in einem idealen Staate. Gerade das Judentum hat niemals das Bewußtsein verloren, daß die letzte Bindung der Völker eine schlechthin .irrationale ist. Die rein materialistische Komponente, die den politischen Sozialismus soweit vom wirklichen Weg abführte, ist keineswegs jüdische Schöpfung, wenn auch gerade sic in jüdischen Vertretern besonders geschäftige Propagatoren fand. Aber gerade darum können wir Juden der Warnung Blühers vor der sozialistischen Modekrankheit, die das wahr Ziel verrückt und den Sozialismus verdirbt, zustimmen. Die Rettung für den irrenden deutschen Geist und für das geknechtete und erniedrigte deutsche Volk weist Blüher durch die Forderung der Hingabe an die Idee des deutschen Reiche«, die eine völlig: irrationale Macht ist Träger, der Erneuerung kann nur der „germanische“ Mensch sein, das ist. der dem Geist und, dem Mythos verbundene, zur. Erfüllung des‘ Höchsten strebende Deutsche. In Uebertragung psychoanalytischer Erkenntnisse auf das soziale Leben deutet Blüher jede-Kultur als Produkt des Ausweichens vor einem seelischen Konflikt. Die wirkliche Leistung kann nur unter ungeheuren Leiden, gewissermaßen nebenbei und „aus Versehen“ entstehen. Der dazu fähige Deutsche ist der Germane. Der eigentliche Gegenpol dieses Schöpferischen ist der „Völkische“, der sich selbstgefällig in seinem Nationalismus Bespiegelnde, der in absichtsvollem Stümpertum nationale Werke zu schaffen sich vermißt. Die Ablehnung dieses Phrasen-Nationalismus ist für jede nationale Bewegung erstes Gebot. Die Darstellung Blühers scheint uns, wenn auch im Prinzipiellen richtig, so doch im Tatsächlichen nicht immer einwandfrei und unanfechtbar. Unversehens passiert es ihm, daß sein Begriff des deutschen Reiches sich von der Aequivokation verleiten läßt, in jenes andere, empirische Deutsche Reich hinüberzugleiten. Dies zum Beispiel, wenn er von dem Verdienst der sozialdemokratischen Mehrheitspartei um den Reichsgedanken spricht. Es kann auch nicht übersehen werden, daß solche politische Romantik im Lauf der Entwicklung zu politischer Reaktion führt, die ein System von Unterdrückungen ist und den aus Freiheit und Geist entstandenen Bund durchdie. Schwere des entseelten staatlichen Zweckverbandes erdrückt, wie es gerade die Geschichte der deutschen. Romantik und ihrer Folgen lehrt Darum scheint es ans ein geistiges Wagnis, in diesem Zusammenhang eine Hypostasierung des Stäatsgedankens vorzunehmen. Denn Liberal«^ mus, Aufklärung, Kapitalismus, - „völkischer“ Nationalismus liegen ganz und gar in der Entwicklungslinie dieser seelenlosen, vom Staatsbegriff beherrschten politischen Reaktion. Der Staat ist ein notwendiges und nützliches Gebilde, wofern die Grenzen seiner Bedeutung richtig erkannt werden: der Träger der eigentlichen, wahrhaften, lebensvollen, geisterfüllten Gemeinschaft kann er ebensowenig sein wie die zur dogmenhaften Kirche erstarkte Religion der Ausdruck wahrhaft religiösen Lebens. Dies-zu wissen, tut den nach Zion zuriiekkehrenden Juden ebenso not, wie den Deutschen, die Blüher zur Erneuerung ' auf ruft! Es sind oft. besonders von .assimilatorischen deutschen Juden, Versuche gemacht worden. Uebereinstimmungen zwischen Deutschtum und Judentum aufzuzeigen, die edelsten, aber ebenso wie die anderen völlig mißglückten, von Hermann ( Cohen. Hier aber ist etwas grundsätzlich anderes. Hier wird eine Uebereinstimmung nicht im Inhalt, nicht in der Substanz, sondern im Weg, in Form des Lebenwillens und nicht von jüdischer , Seite, sondern, von einem frei- und hochdenkenden Deutschen angedeutet. Diesen Versuch können wir, ohne an unserer Würde Schaden zu leiden und Fälschungen zu begehen, annchmen. Aus solcher Verwandtschaft des Weges ergeben sich Möglichkeiten einer menschlichen Annäherung, die wir freudig und erhobenen Hauptes begrüßen. Wenn nur jeder weiß, wohin er seiner tiefsten Verbundenheit nach gehört, dann kann ohne Verwischung und ohne Preisgabe eine Gemeinschaft der besten Geister der Völker in ganz neuem Sinne .entstehen. Und diese Gemeinschaft ist es, die der zerbrochenen Menschheit not. tut. . R oh.e r t W e 11 sc h.