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Jüdische Zeitung · 1919-08-08 · 32 (8.8.1919) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
13 (1919)
Issue
32 (8.8.1919)
Date
1919-08-08
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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b ■ fi; ». Seite 2 ‘Trotzdem brachte am 31. Juli die „Arb. Ztg.“ einen Leitartikel, der eine wüste Hetze gegen die Flüchtlinge enthielt und stellte eine gleichzeitige Verordnung der Niederösterreichischen Landesregierung in Aussicht, daß sämtliche Flüchtlinge / bis 15. August das Land verlassen müssen. Infolge dieser Mitteilung der „Arb. Ztg.“ intervenierte Abgeordneter S tri cker bei der Landesregierung und hatte eine Unterredung mit dem Landeshauptmann Sev'cr. Die Unterredung endete mit der Erklärung des Landeshauptmannes, daß eine Pauschal aus wej.su n gderFlüchtlinge nicht erfolgen werde. Die Durchführung der ganzen Maßregel ist dem Polizeipräsidium übergeben worden. Es sollen, wie wir erfahren, von den Flüchtlingen jene ' ausgewiesen werden, die sich einer strafbaren Handlung schuldig gemacht haben, keine -ständige Beschäftigung jjjichweisen ,können und die deutschösterreichische .Staatsbürgerschaft nicht erworben haben. Zu diesem Behufe wird eine Perlustrierung aller Zugewaiiderien ange- ordnet und erst auf Grund dieser mit Ausweisungen vorgegangen werden. Es ist selbstverständlich, daß wir, wie Strikker erklärte, an jenen Elementen desinteressiert sind, welche über genügend Mittel verfügen, um - anderswo leben zu können, oder die hier irgendwelche unsaubere Geschäfte treiben. Die Mehrzahl der Flüchtlinge lebt aber in größter Not und ’ Eiend, und wir werden nicht dulden, daß diese Elenden in noch größere Not gejagt und in die - Verzweiflung getrieben .werden. Hinter ihnen steht die ganze Judenschaft, deren Vertreter die gewählten jüdischnationalen Mandatsträger sind. Daß es ihnen gelungen ist, die jüdischen Flüchtlinge vor "grausamer Unmenschlichkeit zu schützen, wird Ihnen nicht vergessen werden. Das Vertrauen der. jüdischen Oeffentlichkeit, das diese Männer in die Vertretungskörper entsendet hat, hat eine glänzende Rechtfertigung erfahren. Warburg, Hantke und Weizmann in der Schweiz zusammengekommen Das Kopenhagener Zionistische Bureau meldet: Am 29. Juli fand in Engelberg eine Konferenz von Mitgliedern des engeren Aktionskomitees der . zionistischen Weltorganisation statt, an der Professor War barg, Dr. Weizmann und Doktor Hantke teiinahmen. Es wurden die Auigaben der zionistischen Organisation für die ökonomische 'und kulturelle Entwicklung Palästinas besprochen, hingehend beraten wurdest auch die Probleme, welche die zionistische Orgamsation in naher Zukunft zu lö&n haben wird. Es ist beabsichtigt, binnen kurzem eine Konferenz des Großen Aktionskomitees einzuberufen. Dies wira die erste Konferenz seit Kriegsausbruch sein, an der alle Mitglieder des Großen Aktionskomitees werden teilnehmen können. Ihm wird die wichtige Aufgabe zufallen, die in Verbindung mit dem Wiederaufbau Palästinas unmittelbar zu unternehmenden Schritte zu bestimmen. * Es ist außerordentlich erfreulich, daß durch die Zusammenkunft der genannten Führer nunmehr der persönliche Kontakt zwischen den zionistischen ' Leitungen in, London und Berlin hergestellt ist. Die Nachricht von der bevorstehenden Einberufung des Aktionskomitee wird mit umso größerer Befriedigung aufgenommen werden^ als der Wunsch danach längst in den Kreisen der österreichischen Zionisten rege war. KSSR33 JÜDISCHE ZEITUNG Der erste Zionistentag In Anwesenheit von 97 Delegierten (47.aus Böhmen. 41 aus Mähren und Schlesien und 9 aus der Slowakei) wurde am 27. Juli in Prag der erste Zionistentag der tscheciio-slowakischen Republik eröffnet. Zum Vorsitzenden wurde gewählt: Dr. Gustav Zweig (Proßnitz), zu Stellvertretern Emil Arnstein (Dobris), Theodor Wist er (Preßburg) und Gustav Finzi (Troppau). Der Rechenschaftsbericht. Das vorbereitende Zentralkomitee, das im Monat Jänner von den - anläßlich des Nationalkongresses in. Prag weilenden Delegierten beider Distrikte eingesetzt wurde, war nur ein provisorisches. und hatte dem definitiven vorzuarbeiten.!Die Vorarbeiten erstreckten sich wesentlich aüi die Abfassung des Entwurfes eines Organdsationsstatutes, das nicht wie bishei ' auf Vereinen, sondern auf Ortsgruppen beruht. Die Ortsgruppe ist die Zusammenfassung aller Zionisten, welche den Schekel und die Partsisteuer an die I andesorganisation abführen. Durch Einführung des Ortsgruppenprinzips soll die Organisation auf breitere Basis gestellt werden. Der Zionistentag, der über das Statut zu entscheiden hatte, konnte zuerst aus politischen Gründen, dann wegen der Gemcindewahlen nicht einberufen werden. Das provisorische Zentralkomitee hat Vorsorge getroffen für eine Organisierung der Zionist e n i n der Slowakei Die slowakischen zionistischen Ortsgruppen sollen in einem einheitlichen Dis.triktsverband zusam- ' mengefaßt werden, was einer Tagung Vorbehalten ist, die in den nächsten Wochen zusammentreten soll. Um die zionistische Tätigkeit daselbst zu ermöglichen, wurden von Seiten des Zentralkomitees bei. den kompetenten Stellen Schritte unternommen. Das Zentralkomitee vertrat den Standpunkt, daß die zionistische Arbeit von den zionistischen . Behörden gefütirt werden müßte, während die rein politischen Angelegenheiten aus technischen Gründen den-jüdischen politischen Institutionen überlassen wurden; doch wurde diirch stetige Fühlungnahme dafür gesorgt, daß die Politik in zionistischem Geiste geführt werde. Der Rechenschaftsbericht hebt besonders das Einverständnis mit der Londoner ‘ Le i tung , hervor und erwähntdie Gründung eines Bureaus, das die Zentralisierung der Arbeit ermöglicht, ferner die Ausgestaltung des Nationalfondsbureaus, welche sich als notwendig erwies, um die vom Haag vorgeschriebene Summe von zwei M i 11 i o.n en-K.t on e n aufzubringen. Ferner erwähnt der Bericht die Tätigkeit der Paläs ti na komm is sion. Diese hat erst zu arbeiten angefangen, als sie vom Zentralkomitee übernommen würde. Im Sinne der Weisungen, die aus London ergingen, und in Erkenntnis der Wichtigkeit der Chaluzim-Bewegung wurden junge Leute in landwirtschaftlichen Berufen untergebracht und auch Vorarbeiten für die Gründung einer landwirtschaftlichen Schule getroffen. Behufs Mitarbeit an der zu gründenden jüdischen Hochschule in Palästina ist dies Zentralkomitee mit einigen prominenten jüdischen Persönlichkeiten in Verbindung getreten. Für die Propaganda war besonders die Tätigkeit des Herrn Prof. Engel in der Slowakei erwähnenswert. Es erfolgte die Herausgabe einer Broschüre in tschechischer Sprache, die von Herrn Norbert Adler unter dem Titel „Novä ’doba a Zide“ verfaßt wurde, in Mähren dreier Broschüren, eine von Dr. Rufeisen über „Nationale und soziale Judenfragen“, zwei Broschüren von Trictsch, die sich mit Palästinafragen beschäftigen. Das Zentralkomitee war bestrebt, auch die während des Krieges in England und Amerika er- Nr. 32 der Tschechoslowakei '' ** schieneue Literatur unseren Gesinnungsgenossen zugänglich zu machen. Infolgedessen hat es sich an die Londoner Leitung gewendet und bereits di* erste Sendung der verlangten Literatur erhalten. Das Palästinareferat. Herr Feig erstattet sodann das Palästinareferat, das mit großem Beifall zur Kenntnis ge- ' mommen wird. Am Schlüsse seines Referates stellte Herr Feig folgende Resolutionen: I. Der Parteitag beschließt die Schaffung eines besonderen Palästinaausschusses, der sich mit allen Fragen der Palästinaarbeit zu beschäftigen hat. Dieser Palästinaausschuß ist gegleitet von der Palästinakommission des Zentralkomitees und setzt sichJerner zusammen aus den Palästinareferenten der Distrikte und Kreise und 'besonders befähigten und interessierten Zionisten. Der Palästinaaiisschuß tagt mindestens .jeden zweiten .Monat Der Palästinaaiisschuß wird die gesamte Palästinaarbeit im tschechö-slowakischen Staate leiten und derart .vorbereiten, daß- .im gegebenen Zeitpunkt der Anteil unserer Organisation - an der Aufbauarbeit mit aller Energie durchgeführt werden kann. Bis dahin wird er, verschiedene Fragen, .wie die soziale Frage der Kolonisation, die Frage der Berufsums ch ich tung, die Frage der Vorbereitung, der Information über Pal äs tina. 'die Abhaltung von Kursen. . Schaffung von Aus- ■bildungsmögliclikeiten usw. gründlich und mit Fachleuten durchberaten, um dem in diesen Gebieten bestehenden Dilettantismus zu beseitigen. II. - Der Parteitag beschließt: Es ist Pflicht jedes Zionisten, insbesondere derjenigen in führender- Stellung, mit unbedingter Konsequenz unter Hintansetzung alles Uebrigen sich für Palästina vorzubereiten, damit dieses, ob der Betreffende nun hingeht oder nicht, in seinem ganzen Leben die Orientierung bedeutet. Hiezu gehört vor allem äußerste Intensivierung des H eb r äi s ch e n; jede Ortsgruppe muß einen besonderen Referenten für Hebräisch einsetzen, der seinerseits wieder dem Hebräischreferenteh des 'Kreises, .des Distriktes und in letzter Linie dem Hebräischreferenten des Palästinaausschusses untersteht. Dieser hat in allen Ortsgruppen hebräische Sprachschulen einzurichten, die von allen Zionisten zu besuchen sind, eine Evidenz der Hebräischlehrer, der Lernenden, Anfänger und Fortgeschrittenen anzulegen, das verfügbare hebräische Lehrmaterial zu sammeln und Neues zu beschaffen, den Zusammenhang mit den.ähnlichen In- ..slituUonen der ganzen Welt, insbesondere dem / Erziehungs- und Kulturdepartement der zionistischen Organisation in' London- und den palästinensischen Zentralstellen zu wahren und überhaupt mit aller Kraft und Unterstützung aller Zionisten die weitgehendste Hebräisierung .der.Zionisten zu erzwingen. Dr. Goldschmid (Proßnitz) verlangt, daß alle Zionisten, die Mitglieder von Kultusgemeiiideverwaltungen sind, in ihren Gemeinden dahin wirken, daß der Religionsunterricht von dem. un- . nötigen Ballast befreit und die hiedurch frei werdende Zeit der Erlernung des Hebräischen gewidmet werde. Die Anträge des Palästinaamtes mit dem Zu*, satzantrag Dr. Goldschmids werden an ge- * nommen.- In-der Sonntagsitzung gelangt zunächst eine von Rabb. Dr. Goldschmid (Proßnitz) eingebrachte Pretest-Resolution gegen die Pogrome zur Annahme. Hierauf erstattet der neue Sekretär des Jüdischen Nationalfonds. Herr Emil Kafka, den Nationalfonds-Bericht, indem er ein ausführliches Expose über die Organisation der künftigen Arbeit vorlegt und ■ schließ- . Verwandte Wege*) Der ruchlos begonnene Krieg führte nicht nur zum völligen Zusammenbruch des Deutschen Reiches, sondern er hat auch das deutsche Volk ln seinem innersten Kern getroffSn und ins Wanken-gebracht. Die Schicksalsfrage ist es. ob aus dem chaotischen Zustand der haltlos gewordenen j-Seelen sich eine Bewegung losringen wird.- die dem Volke wieder; Einheit und schöpferische : Energie. Kultur geben wird. Heute bretet die Zerfahrenheit des deutschen Geistes ein trübes Bild. ..Nur schwache Anzeichen deuten darauf hin, daß das Volk die Kraft haben wird, sich an einer Idee . neu aufzurichten. Das gegenwärtige Bild ist verschleiert von dem politischen Geschehen des Talges. welches auch die suchenden, nach neuen Zie- Jen tastenden Menschen, vor allem die Jugend ..völlig in seinem Banne hält Die idealistisch gesinnte Jugend steht zum größten Teil im'sozialistischen Lager. und zwar gewöhnlich auf der äußersten Linken. Aber durch diese politische •Orientierung ist noch kein Sinn und Bewußtsein ‘ der Verpflichtung in die Menschen gekommen, .vielmehr wirkt gerade -die sozialistische Doktrin ".verwirrend auf die Gemüter, die letzte Ziele sehen, '. wo nur Methode und; Mittel ist. Der Sieg des Sozialismus-hat .ähnliche Folgen gehabt wie in frü- ,*) Dieser Aufsatz erschien zuerst im neuesten -Jjeft tier, vom Wiener. Jüd. Hochschulausschuß fltrausgegebenen „EsraV Das Heft enthält; außerl'dem eine Wiedergabe der.auf dem Wiener Stuüententäg gehaltenen Ansprache Dr. HugoB e r gmäjin-sV sowie,,Beiträge.von Eugen Ho ef l ieh. Psfcar- Kar.baeh, 'Eljahu Rappoppr t, Adolf ÖiÖJi'm.' Fficdfitfii Th i c b e r ge. r.' _:; ‘ ‘ heren Epochen die Aufklärung und der Liberalismus: durch die große Ueberschätzung der Bedeutung der wirtschaftlichen Verhältnisse für die Erneuerung der Menschheit wurde der Blick vom Wesentlichen abgelenkt. Sogar die Jugend, dieser für geistige Dingo empfänglichste Teil -der Menschheit. übersieht, daß das Zusammenleben der Menschon niemals von der Wirtschaft her. sondern immer nur vom Geiste her gestaltet werden kann: daß auch der echte Kommunismus nur eine Folge der Gemeinschaft des Geistes, des gemeinsamen Glaubens sein kann und nicht umgekehrt, weil sonst niemals Kommunismus wirklich wird, sondern die Raubtierinsiinkte letzthin siegreich bleiben. Immerhin hat der sozialistische Gedanke.* de.n wenigstens der Wille zum Neuen innewohnt. wenn auch dessen Bewußtsein durch die evoluticnistische Doktrin verdrängt ist. die stärkste Anziehungskraft auf .die Jugend. In diese Verwirrtheit und.dieses Abweicheii vom richtigen Weg Licht zu bringen, ist die. Absicht einer Ansprache, die'einer der besten Geister des jugendlichen Deutschland; Haris B1 ü h e r,- an die freideutsche Jugend gehalten hat und die jetzt unter , dem Titel „Deutsches Reich, Judentum un 1 Sozialismus“ im Verlag Georg C. Steinicke In München erschienen ist. Die Formel; mit der Blüher der deutschen Jugend neue Ziele setzt ist für uns Ueberraschung und Genugtuung zugleich: die Idee des Deutschen Reiches, sagt er. muß für die Deutschen das werden, was den Juden Zion ist Das nationale Symbol muß mit dem geistigen Zusammenfällen. -. Die Idee des* Reiches un:i die Lehre vorn den letalen Dingen, der Wille zum Volkstum;iihd\,cler''Wille .zur-.menschlich tiefsten iind gewaltigstem“ Bewegung,das'ist für den Juden der Name Zion, die Gntterimrg. zu der hin er gerade in unserer Zeit (während in der Volksseele irgend ein Dunkles sich ereignet), die für den außenstehenden Betrachter erstaunliche Rückkehr vollzieht. D.enn im jüdischen Volk hat ' sich in antiker Zeit das beispiellose Geschichtswunier ereignet, daß schon das irdische Leben, das von Königen beherrschte Reich, der Schauplatz eines Geisteskampfes wurde, indem der Wille zur Durchsetzung des Geistes mit -den entgegenstrebenden Lebenstendenzen rang. Diese religiöse Erfüllung des Volkslebens hatte aber die Folge., daß im Innern der Volksseele eine vernichtende Zweiteilung geschah: das heilige Volk mußte zugleich das versuchte sein, weil nirgends so wie in solchem Vorgang die Polarität der Menschenseele offenbar werden mußte. Blüher erkennt richtig, daß Auserwähltheit stets identisch ist mit ■ höchster Verpflichtung. Erfüllung und Abfall. Gnade und'Verworfenheit ' untrennbar verschlungen sind. Daher war auch der fürchterliche Leidensweg . der Juden zugleich ein Missionsweg. vAus dieser ahnungsvollen Deutiing des jüdischen .Wesens ergibt sich für.Blüher auch eine gerechtere Beurteilung des Judentums und des Zionismus. Im Zionismus erkennt er eine Bewegung von unbedingter geschichtlicher Größe, den Willen. aus einer Herde wieder Volk zu werden; Volk: das immer nur durch Berührung des Geistes entstehen kann.: Dem gegenüber stellt er als niedersten Typus Jude jene ganz und gar irdisch1 gebundenen Geschöpfe. ' in denen der Ghettogeist noch;lebt und die aus ihrem.; Mangel an Bodenständigkeit und. Volksverbundenheit sich eine, ganz besonders' fläche Philosophie, zarecht zimmern, die 'dann" als Liberalismus, Förtschrittsaberglaube, » V.

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