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Jüdische Zeitung · 1919-08-08 · 32 (8.8.1919) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
13 (1919)
Issue
32 (8.8.1919)
Date
1919-08-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Jahrgang XIll. — 'Nr. 32 jüdifehes Organ Redaktion und Adoaiaiitratioi: M5t der Beilage : „Der jfidiSChe NatlonatfOndS“ Win II., Taberstraft« I . ' '— Fernsprecher Kr. 44038 u. 43319 '«fr* FruHafl, fern 8. August Ml» . Bengapreia: Vierteljät rfs 6 R ganzj. 24 K, Emaoliuminer 50 \ PoslBparkaaaenkonto 133.404 f „Geistiger“ Nationalismus Der Zionismus ist durch die Entwicklung der letzten Zeit, und zwar nicht nur, wie oberflächliche' Beurteiler meinen könnten, durch die ■■ äußere politische Entwicklung, sondern auch durch die geistigen* Umwälzungen in der Menschheit, so mächtig, in seiner Wahrheit so offenbar geworden* daß es für jeden Juden, der nicht ganz haltlos ta der Welt stehen will, der Zwang besteht, sich mit ihm aüseinanderzusetzen. Es geht nicht mehr ah, sich an dein Problem des jüdischen Nationalismus .vorbeizudrücken und auch die „geistigen“ Menschen, an denen das Judentum niemals Mangel gelitten hat, empfinden es als unzeitgemäß; mit . schweigendem Achselzucken an ihm vorüberzugehen. Der Zionismus knüpit aber an die Er- .kenntnis der jüdischen Nationalzugehörigkeit eine unerbittliche Konsequenz: Er fordert von den jü- - dipchön Menschen, daß sie in die Wirklichkeit des Lebens, das nicht immer den idealen Vorstellungen einer Schreibtischphantasie entspricht, hinab- : at£igen und mit ihrer ganzen Persönlichkeit sich dafür' einsetzeh, dem jüdischen Volk Lebensbedingüngen zii^schaffen, die seine freie Entfaltung zulassen. Die. Juden sind in Westeuropa vor hundertzwanzig. Jahren emanzipiert worden. Aber die Emanzipation des jüdischen Volkes, ist noch nicht',gekommen und jeder volksbewußte Jude muß fühlen; daß er inmitten seiner äußeren Freiheit in tiefster geistiger' Knechtschaft drinsteckt, solange das Volt'nicht seine.Freiheit hat nnd er joit.ihm.: ... . D(fr jüdtschet'Nationalismns ist die Erkenntnisder--l:atsache der 'dJxistehz des, jüdjschens-Volkes? . Aber um: die unangenehmen Folgerungen dieser Erkenntnis abzuwehreh, wird jetzt und gerade in ' neuester'Zeit immer häufiger ela neuer Natfonalis- . , rous konstruiert" ein „geistiger“ Nationalismus, der die gegenwärtige Situation des jüdischen Volkes bejaht und ihm eine neue Art Mission vihdiziert,; wie schön ' oftmals der unglückselige Missionsgedanke die .Geister verwirrt und die Menschen von ihrer natürlichen Verpflichtung abgelenkt hat. -Gerade weil-wir den jüdischen Nationalismus, der * M'Zionismus verkörpert ist, nicht nur für eine .politische ..und ökonomische, sondern in seinem tiefsten Wesen für eine geistige Bewegung halten, ist es notwendig, in aller Deutlichkeit von jenem;%eufcn'sich geistig nennenden Nationalismus abzurücken; ...... Ein-rühriger Propagator. des neuen Nationalismus Ist der aktivistische Literat Rudolf Kays er, der jüngst an weithin beachteter . Stelle,' in Deutschlands vornehmster Revue, der „Neuen Rundschau“ (S- Fischerv Verlag, Berlin) einen Auf- •sätz '„Der Judenstaät“ veröffentlichte, in dem er zum Zionismus kritisch Stellung nimmt und seine Auffassung des jüdischen Nationalismus klärlegt. . Zunächst: kann festgestellt werden, daß Kaysers -Anschauung in vielen Punkten Richtiges trifft und gegenüber ähnlicher Kundgebungen früherer Zeit ’ einen J gewissen Fortschirtt bedeutet Im Grunde aber Verkenrit er'das: Wesen der zionistischen Förderung durchäijs'-'und ist in seinem Ethos weltenweit von ihr entfernt. Kayser beginnt mit einer Kritik, von Herzls „Judenstaat“. Er; will nachweisen, daß der Zionismus, -dessen Programm in dem Willen zur Schaffungeines Judenstaates gipfelt, . ganz- und gar ein Produkt der europäi- „schen'Realpolitik ist, ein Kind , des geistverlas- .ascnen,-.technisch-ökonomischen neunzehnten Jabrrhunderts. Herzi keime kein geistiges Ziel. Der ' Stadtsgedanke sei eine 'Verirrung des politisch- 'organi^törischen; Triebes, det aal Abwege: gerät, -Weil ihm . die geistige Einsicht mangelt; Es ist äußerst' charakteristisch, daß einem geistig sich rdunl<eBden nachgeborenen Juden, die’ Größe der .Gestält'tterzls'sb .völlig verborgen bleiben konnte. •HerzlS'. Werte ist nichfdie Broschüre „Der-Jude»- •staat“, Seinb Schöpfuhg isf die zioxnstiSche Bewe- \ .gpng.r'vgtt.der. .Kaiser.'selbst sagt, daß ..durch', sie ’dfevJu^"imMtf-1iCT-}RäÖoagkeitd^,ijj^stiscliei Jahrezw Erkenntnis des eigenen; Wesens, zum * " \ Bekenntnis seiner Art, zum Bewußtsein seines Wertes“ gelangt ist Man darf eben historische Menschen nicht nach ihrer literarischen Produktion, man muß sie nach ihren Taten, nach ihrer Wirkung im wirklichen Leben beurteilen. Das Phänomen Herzi hat das schier Unglaubliche zustande gebracht, die dumpfen, beschränkten, vom Materialismus und Rationalismus zerfressenen jüdischen Massen, die gar nicht .wußten und nicht fühlten, wie gottlos und entartet ihr Dahinleben war, ln den ungeheuren Schwung eines ethischen Wollens zu versetzen, ihr die erleuchtende Offenbarung höherer, über das persönliche, materielle Lebensinteresse des Einzelnen, hinausreichender Ziele zu geben. Die. tiefste Erkenntnis des Zionismus ist das Bewußtsein der Knechtschaft;. sein tiefster Sinn ist der Wille zur Freiheit Freiheit bedeutet Verantwortung. Das Gefühl für Verantwortung geweckt zu haben, die unerschütterbar scheinende Trägheit und Passivität eines ganzen Volkes in bewußte Aktivität verwandelt zu haben, ist das eine Agelegenheit von geistiger Belanglosigkeit? Sieht Kayser Wirklich nicht daß Herzi für das jüdische Volk eine Gestalt von beinahe schon mythischer Größe geworden ist durch die alles, was an guten Instinkten in diesem Volke lebt, in einer revolutionären Auiwühlung ohnegleichen zur Tat freigemacht worden ist?.. -bst' es möglich, daß ein Mann, der von der ethisch-religiösen Gemeinschaft der Juden spricht, für die Manifestation des jüdischen Ethos kein. Organ hat? Kayser lehnt den: Zionismus ab, weil er meint, daß die Judenfrage nicht „im Rate der Kulturvölker“ zu lösen sein wird, sondern nur durch die „geistige, .ethisch-religiöse Gemeinschaft der . NätJoa?1 Gleich’‘idaraufv:HÄ^^^^r;deiEhiän2äpg» tion, deren Werr doch’ auch von zionistischer Seite niemals in Erage gestellt wurde. Aber auch diese Emanzipation ist doch ein Geschenk der Kulturvölker an die Juden gewesen; und wenn die Juden von der auf diesem Weg erlangten Freiheit .dann.einen Gebrauch gemacht haben, der zu kultureller Mitarbeit und zur Erweiterung des Gesichtskreises führte, so war diese Entwicklung nicht ohne jene Voraussetzung, möglich. Kein Zionist hat jemals geglaubt,^ daß durch den Beschluß der Völker, dem jüdjSchen Volk Pälastina zu.geben, der Zionismus erledigt ist; vielmehr beginnt nach dieser Voraussetzung erst seine eigentliche Aufgabe. Aber. wer sich geringschätzigder Aufgabe entzieht, an der Schaffung dieser Voraussetzung' mit allen Kräften, mit, dem Einsatz seiner ganzen Existenz, zu arbeiten, der wird auch ( bei der aufbauenden Arbeit, des Geistes versagen, da er über iiterari- ’ sehe Reflexionen nicht innquskommen wird. Der . Zionismus verlangt eben von jedem Jjiden Ganzheit der Hingabe, was die iit Skepsis und Halbheit erzogenen Westjuden, die sich geistig nennen, nicht zu leisten vermögen, wofern sie nicht die revolutionierende Kraft der zionistischen Idee an sich erfahren haben; deren größter Vertreter, Theodor Herzi,' auch sein Leben hingegeben hat Durch den Zionismus ist zum erstenmal seit zweitausend . Jahren wieder heroisches; Leben im jüdischen 'Volk Wirklichkeit geworden, nnd seine höchste ' Bezeugung: Das Opfer. .„Wir wissen, daß es die geistige Gemeinschaft der Juden in besonderer Glut und Stärke gibt.“ So spricht Rudolf Kayser. Aber es scheint, daß er dlp Glieder dieser Gemeinschaft sich aussuchen will, In der Wirklichkeit, die nicht papieren ist, gibt es die Gemeinschaft der Juden, in der das Niedrigste neben dem Höchsten, das Schmutzigste lieben dem Reinsten, die- Bosheit irad Verstockt- . heit neben der heiligen Gfah der Wuchergeist neben der Leidenschaft der Berechtigtet wohnt Es geht nicht an, sich irgendwo außerhalb der .Welt.eine grüne Insel derfAbstraktion.zu suchen, wo man die „ethisch-religiöse Gemeinschaft" der "Juden? etabliert. Wer sich zur jüdischen Nation 'zugehörig weiß,r der muS <JIe Konsequenz für sein Lebenijauch für das' politische Leben ziehen. Er mnß' in den Schänitz 4$s berabstdgen, er muß seine „Geistigkeit“ inmitten der verachte- , ten ungeistigen realen Welt bewähren, die Erkenntnis des „Zusammenhanges unserer geistigen Ziele mit dem natürlichen Dasein unseres jüdischen Volkstums“ zu Ende denken. Er muß alle Leiden und . alle Schmach, ja alle Sünden des jüdischen Volkes als sein eigenes Schicksal empfinden. Für Kayser ist der Sinn der Emanzipation, in der die Juden die europäischen Völker „überflügelt“ haben, die Aufgabe der „Vergeistung der Erde“. Dies also die eigentliche Auigabe der jüdischen Gemeinschaft in Europa. Man sollte mit dem Wort Geißt und Vergeistigung keinen solchen Mißbrauch treiben. Die Sache des jüdischen Volkes ist viel zu ernst, als daß man so mit ihr spielen dürfte. Kayser. der gegen Martin Buber den Vprwnrf erhebt, daß er die „palästinensische Isolation“ als „Flucht vor nationalen Aufgaben in die JJpkontrollierbarkeit der Gefühle“ anstrebt, vollzieht mit seiner Neuauflage des Missionsgedankens nichts anderes als die Flucht in die Unkontrollieroarkeit der Abstraktion. Die „palästinensiche Isolation“ wird ein sieütbarer, kontrollierbarer Ort iür die jüdische Bewährung sein; der Einzelne verliert sich mit seiner Geistigkeit in der europäischen Verstricktheit Gerade weil die Politik des Tages oit darnach.angetan ist, abstoßend zu wirken und minderwertig ' zu scheinen, bedeuten solche schillernde, aber wesenlose und wirklichkeitsfremde Gedankengänge wie die Kaysers eine wirkliche Gefahr. Sie kommen einer Stimung entgegen, die aus Ueberdruß an dem durch die letzten Weltereignisse kompromittierten Betrieb des Vöikeriebens einen Ausweg sucht. Darum kann man ihnen, nicht vom ■ StandpsakrriesPblftTkersr- .sondern ~ 'gerade vom Standpunkt des Geistes, der sich seiner Verbundenheit mit dem Lben und seiner elementaren Verpflichtung gegenüber der Wirklichkeit bewußt ist, nicht scharf genug entgegentreten. Das Spiet mit den Flüchtlingen Die jüdischnationale Politik in Dentschösterreicb hat einen großen Erfolg errungen: Die Ausweisung der jüdischen Flüchtlinge,- welche vom Kabinettsrat beschlossen war, ein Produkt -der christlichsozial-sozialdemokratischen Koalition, das . von beiden Parteien mit begeistertem Jubel aufgenommen wurde, ist durch das Eingreifen des Abg; Stricker abgewehrt worden. Abg, Stricker hat in der letzten Plenarsitzung des Jüdischen Natiohalrates über seine Bemühungen in dieser Sache berichtet; der Gang der Ereignisse durchlief viele wechselvolle Stadien, bevor das gegenwärtige Resultat erreicht, wurde. Die Verhandlungen waren äußerst schwierig uni die jüdische Oeffentlichkeit kann' sich aus den Berichten, die die. „Wiener Morgenzeitung“ veröffentlicht hat. ein Urteil darüber bilden, mit welcher Tatkraft die zionistischen Mandatsträger das Interesse der .bedrohten Juden-gewahrt haben. . Die Regierung hat sich mit der Frage der Flüchtlinge bereits seit einiger Zeit in verschiedenen Sitzungen des Kabinettsrates beschäftigt Am 19. Juli war tatsächlich der Beschluß gefaßt worden, mit .der Ausweisung sämtlicher _ FI ü oh 11 i n ge vorzugehen. Vor Ausführung •'dieses Beschlusses setzte sich die Regierung mit dem Abgeordneten Stricker und den drei iüdischnätionalen . Gemeinderäten ia Verbindung, um sich über ihre Meinung zu unterrichten. Die Stellungnahme der jüdischnationalen Vertreter konnte, natürlich keine andere als die der schärfsten Verwahrung jejten eine P a u s c h a 1 m a ß n a h m e sein. Die Folgen dieser . ' Besprechungen war. daß Staatssekretär Eldersch dem Abgeordneten Stricker, im Parlament die Zusicherung gab, daß die Verfügung in der vom Kabinettsrat beschlossenen Form nicht in Kraft treten werde. Es wurde dem Abgeordneten Stricker mltgeteiit. daß jenen Vorschlägen In der Weise entsprochen wird, daß von einer Ausweisung der Flüchtlinge abgesehen und zunächst an eine Durchmusterung: geschritten wird, um.einen klares Uebjerhlick über ihre Zahl zu erhalten und dann iestzusiellen,' weiche Elemente, entfernt werden können, ohne daß. dadurch Ungeret$$k‘eftäi. verübt'werden.. Zur gleichen Zeit hattet?, sJfh Ober- - rabbiner.Dr. Chaj es und Abgeorih|f|teP,S.trikker telegraphisch' antwortete. d!te teaa aHe Härten vermeiden werdNk v

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