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Jüdische Zeitung · 1919-07-18 · 29 (18.7.1919) · p. Seite 5

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
13 (1919)
Issue
29 (18.7.1919)
Date
1919-07-18
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 59 JÜDISCHE ZEITUNO Seite 5 verjvarfden? gegenwärtigen Geschichtsunterricht, da’er einerseits bloß eine LeWenschronik. enthält,- anderseits einen apologetischen Charakter fräset, was der-Psyche des jüdischen Kindes .zum Unheile gereicht und verlangte anstatt dessen einen Geschichtsunterricht, der die jüdische Jugend mit üfen Schöpfungen der jüdischen Geistesheroen — womöglich im Original —. vertraut mache. In einer tiefschürfenden Weise und mit einer faszinierenden Beredsamkeit entwarf der Referent 'ein Bild der jüdischen Geschichte von ihrem Anfängen bis zur Gegenwart, die aber merkwürdigerweise für ihn mit der Epoche der- Wissenschaft des Jud'entums in Deutschland endet, wie für seinen Professor Büdingen den er vorwurfsvoll erwähnte, die jüdische Geschichte mit der. Zerstörung des I. Tempels zu Ende sei. Das tiefdurchdachte und mit Begeisterung vorgetragene Referat des Dr. Grünfeld löste frenetischen Beifall aus. So sehr auch Schreiber dieser Zejlen dem Referenten im großen und ganzen in seinen Ansichten beipflichtet, kann er nicht umhin mjt Staunen und Bedauern zu bemerken, daß Herr -Dr. Grünfeld die Haskala und das neuhebräische Schrifttum mit keiner Silbe, ja nicht einmal des hebräischen Dreigestirns Nachman Krochmäl, Luzzäto und Rappaport. erwähnt hat. Ich will zu Ehren des Herrn Dr Grünfeld annehmen, daß auch er von der Notwendigkeit der Kenntnis des modernen hebräischen Schrifttums für die jüdische Jugend im Westen überzeugt und durchdrungen ist. da er doch unmöglich zugeben könnte, daß unserer Jugend die Schöpfungen eines Mapp und Gordon, Smolensky. Achad Haam. Berdyczewski. Lilienblum, Bialik, Czernichowski. Szneur. Mendaly. Frischmann Schalom Alechem vorenthalten bleiben, zumal die Vertiefung und die Versenkung in dieselben sehr geeignet ist. die Gegensätze zwischen Ost- und Westiuden zu überbrücken, ein gegenseitiges liebevolles Verständnis anzubahnen und einen Kontakt zwischen dem Galut und Eres Israel zum Zwecke, der wechselseitigen Beeinflussung in die Wege zu leiten, was doch Hauptaufgabe der modernen jüdischen Schule sein muß. Den Tiefpunkt der Tagung stellte das Referat über den H eb räisch u n terricht an den jüdischen Volks- und Bürgerschulen dar. Der diesbezügliche Referent sprach von dem auf dem Sterbeetat sich befindenden Cheder im Osten als einziger Institution und berichtete mit keinem Sterbenswörtchen von der Blüte des modernen hebräischen Schulwerkes und des „cheder mtukan" im Osten mit ihren Lehrmethoden und Behelfen. Es hat den Anschein erweckt, daß der Referent seine Kenntnis des Ostiudentüms noch immer aus Franzos und nicht aus der jüdischen Wirklichkeit schöpft. Bei dieser Gelegenheit kann dem Herrn Dr. Engel der Vorwurf nicht erspart werden, daß er die hebräischen Lehrer aus dem Gsten. die in der Tschecheslovakei sind und unter denen Leute mit großem jüdischen und europäischen Wissen sich befinden, zur offiziellen Beteiligung an der Lehrertagung nicht aufgefordert hat. Es wurde noch ein Referat über die Einheitsschule gehalten, wonach die von den Referenten unterbreiteten Thesen zur Beratung und endgiltigen Formulierung Sektionen übertragen wurden, deren Beschlüsse vom Plenum nach kurzer Debatte und kleinen Abänderungen angenommen worden sind. Mit dem Wunsche, der ersten Lehrertagung in Kürze eine zweite in Preßburg folgen zu lassen, schloß Herr Dr. Engel die Tagung. 1 Der erste Lehrertag kennte infolge eintägiger Beratungsdauer nur allgemeine Richtlinien aufstellen. dem zweiten bleibt es Vorbehalten, über das jüdische Erziehungsproblem- und. die Lehrmethoden und Bücher eingehender und gründlicher zu beraten und es wird eine Hauptfrage der folgenden Tagung sein, dem Hebräischunterrichte größere Aufmerksamkeit zu schenken und gediegene Referenten fürs Hebräische zu stellen. Ch. Händel. Aus der Grazer Kultusgemeindestube Wie bekannt ist, gelang es uns nach monatelangem. äußerst heftig geführtem Wahlkampfe im März d. J. zum erstenmal bei den Kultusratswählen vier Mandate zu erobern. Die Tatsache, daß wir in Graz zirka 60 Prozent, im ganzen Sprengel 45 Prozent der abgegebenen Stimmen auf die Liste der jüdischnationalen Partei vereinigen konnten und trotzdem von 24 Mandaten im ganzen nur 4 erhielten, charakterisiert zu Genüge die Rückständigkeit und das Unrecht der bestehenden Wahlordnung. Schon im Wahlkampf hatten die jüdischnationalen Kandidaten als Kardinalforderung die Abänderung des veralterten Zensurwahlrechtes verlangt und immer wieder betont, daß ihre erste Aufgabe sein werde, für ein. den demokratischen Grundsätzen entsprechendes modernes Wahlrecht für die Kültuswalilen zu kämpfen. Demgemäß hat der in den Kultusausschuß gewählte Gg. Herr Julius Grüner sogleich in der ersten Sitzung des Auschusses •einen Antrag auf Aenderung der Statuten bezüglich der Wahlordnung gestellt. Als Wortführer der Assimilanten erklärt Herr Bernhard Biller mit der vom Herrn Grüner beantragten Statutenänderung einverstanden zu sein, meinte jedoch, man möge mit dem Beginne aer diesbezüglichen Arbeiten bis nach Fertigstellung der Wiener Statuten zuwarten. Hierauf besphloß der Ausschuß, dem Kultusrate die Bildung einer Kommission zwecks Abänderung der Statuten vorzuschlagen. " Da sich die Arbeiten des Wiener Kultusrates In die Länge zogen, brachte Herr Grüner den Nachtragsanfrag ein. nicht länger auf die Fertigstellung der Wiener Statuten zu .warten, sondern unverzüglich eine. Kultusratssitzung einzuberufen und den Ausschuß für die Statutenänderung zu wählen. Der Antrag wurde vom Kultusrate abgelehnt. Allerdings war schon in dieser Sitzung bemerkbar gewesen, daß die assimilatorische Majorität über ihre prinzipielle Zustimmung zur Wahlreform tiefe. Reue empfand. Am 19. Juni fand nun die Kultusratssitzung statt Als der Punkt „Kultuswahlreform“ zur Sprache kam. und unsere Gg. Herr Grüner. Landesgerichtsrat Dr. Fuchs und Freudmann unsere Forderungen vertraten, wobei Herr Grüner einleitend auf die Ungehörigkeit aufmerksam machte, daß nicht ihm als Antragsteller, wie bisher üblich, zuerst das Wort zum Referate erteilt wurde, sondern Herrn Biller, vergaßen plötzlich die Herren der Majorität den von ihnen gefaßten AusschuBbeschluß und meinten, sie würden vielleicht e i n m a 1 zu einer Aenderung der Wahlordnung zu haben sein, doch müsse man zuerst abwarten. welche Folgen und Resultate die neue Wahlordnung — insbesondere der Proporz — in Wien zeitigen werde. , Im übrigen meinten die Wortführer der Assimilanten. das bestehende Wahlrecht sei gut.. eine Reform sei nicht notwendig, und jjßr Einfluß auf die Gemeindeagenden habe nacfrMaßgabe der Leistungen für die Gemeindeinstitutionen zu erfolgen. Kenzeichnend für den reaktionären unjüdfschen Geist unserer Kultusräte ist es. daß der Herr Vizepräses Stern unter beifälligem Nicken seiner ..Glaubensgenossen“ im Kultusrate bei den Ausführungen des Herrn. Freudmann, der darauf hin wies, daß auch den armen Juden das Wahlrecht gegeben werden müsse, die nicht in der Lage seien, eine Kultussteuer zu zahlen, den Zwischenruf machte: „Ja freilich, den polnischen Schnorrern sollen wir vielleicht auch noch das Wahlrecht geben“. Diese Aeußerung löste allgemeine Entrüstung bei den Jüdischnationaien aus. die es aber rächt verhindern konnten, daß die Assimilanten die jüdiscnationalen Anträge rundwegs ablehnten. Einige Tage nachher wurde seitens der jüdischnationaien Kultusräte das jüdisch-demokratische Wahlkomitee einberufen. Im Verlaufe dieser Beratung wurde beschlossen, den Kampf gegen die Kultusgemeinde in schärfster Weise weiterzulühren und nicht zu erlahmen, bis der Ghettogdst aus unser Gemeindestube verschwinden werde. Weichselbamn. Die Prüfung für hebräische Sprachlehrer Die vom Unterrichtsamt des Jüdischen. Nationalrates delegierte Prüfungskommission für hebräische Privatlehrer hat sich konstituiert (Vorsitzender Oberrabb. Dr. Chajes. Schriftführer Z. Diesendruck) und folgende Beschlüsse gefaßte 1. Sämtliche in Wien tätigen hebräischen Privatlehrer sind verpflichtet. sich einer Prüfung zu unterziehen, wenn sie eine diesbezügliche Legitimation von der jüdischen Berufsbefatimgsstelle erhalten wollen. Die Prüfungskommission behält sich vor, bei ihnen bekannten und bewährten Lehrern von einer Prüfung abzusehen. 2. Als Minimalkenntnisse werden verlangt: a) Die für den lebendigen Sprachgebrauch erforderliche Kenntnis der Sprache in Wort und Schritt und der praktischen Grammatik, b) Bibel (mit Benützung eines Kommentars), c) Erklärung leichtere Stellen in der Mischnah und Agadah d) Verständnis der alten Bibelkommentare (Raschi. Radak). e) Aus der mittelalterlichen und neuen Literatur wird es dem Kandidaten anheimgestellt, zwei Autoren, von denen zumindest einer aus der modernen hebräischen Literatur sein muß. anzuführen. die er näher kennt. 3. Etwaige besondere Kenntnisse der Kandidaten. die das Minimalmaß überschreiten, werden im Zeugtdsse besonders hervorgehoben werden. 4. Die Kommission ist bereit, im Laufe des Monats Juli eine Prüfung abzuhalten. Etwaige Kandidaten werden ersucht, sich unverzüglich an-* zumelden. Die nächste Prüfung wird im September stattiinden. Anmeldungen sind zu richten an: Jüdische Berufsberatungsstelle. II.. Praterstraße 43. 2. Stg. 1 Stock Tür 11. Sprechstunden von 2 bis 5 Uhr nachmittags mit Ausnahme von Samstag und Sonntag. Das Schneiderhandwerk in Jaffa Die Zahl der Schneider in Jaffa beträgt 59. hiervon sind 34 Juden (24 Askenasim. 10 Sefardim). 15 Mohammedaner. 10 Christen. Schneidergesellen gibt es 90. von denen 40 Juden (10 Askenasim. 12 Sefardim und 18 Jemeniten) 30 Mohammedaner und 20 Christen sind. Die Ausführung des Schneiderhandwerks erfolgt nach zwei Systemen, nach europäischem und orientalischem System. Die jüdischen Schneider fertigen ausscliließlich europäische Kleidung an. Von den Mohammedanern arbeiten 3 nach europäischem und 12 nach orientalischem Muster, von den Christen 4 nach europäischem und 6 nach orientalischem .System. . Der Umsatz einer Schneiderwerkstatt hängt von der Zahl der beschäftigten Gesellen ab. Ein gelernter und guter Arbeiter fertigt 10 Anzüge im Monat an. Die meisten Sclmeider liefern die Arbeit an Privatkunden, zuweilen auch an Konfektionsgeschäfte. Schneider, die 2 bis 4 Gesellen beschäftigen und mit eigenen Stoffen arbeiten, erzielen. einen monatlichen Umsatz von 100 bis 200 ägyptischen Pfund. Schneider, die mit Ifilfe von 2 bis 4 Gesellen und mit Stoffen.'die ihnen vo» ihren Kunden geliefert werden, arbeiten, haben einen Umsatz von 40 bis 80 Pfund monatlich. Betriebsgelder beschaffen sich die Sclmeider durch verschiedene Banken und Leihkassen. Diejenigen Schneider, die Mitglieder der Baale Melacha sind, erhalten von ihrer Organisation außerdem ein kleines Darlehen. Im allgemeinen ist es so. daß die besser gestellten Schneider mit eigenen Stoffen arbeiten, während die minderbemittelten nur dann .arbeiten können, wenn ihnen die Ware von. ihren Kunden geliefert wird Die meisten Zutaten und Stoffe beziehen die Schneider durch europäische Fabriken. Dieses Material wird über Aegypten importiert Die Schneidergesellen zerfallen in zwei Kategorien. a) in solche, die die Arbeit zu Hause verrichten, ihre eigenen Nähmaschinen und ihr eigenes Garn benutzen. Diese erhielten vor dem Kriege und während des Krieges für die Anfertigung eines Mantels 7 bis 10 Frcs.. Beinkleider 3 bis 5 Frcs. Jetzt werden für einen Mantel 17 bis 20 Schilling und für Beinkleider 7 bis 10 Schilling bezahlt: b) in solche, die in der Werkstatt arbeiten. Die gelernten unter ihnen erhalten einen Lohn entsprechend dem unter a) angeführten Gesellen. Die noch nicht ganz ausgebildeten Gesellen erhalten einen Taglohn von 7 bis 10 Schilling (vor dem Kriege 2 bis 4 Frcs.). Lehrlinge erhalten 3 bis 6 Schilling pro Tag (vor dem Kriege 1 bis 2 Frcs.). Die Löhne der mohammedanischen und christlichen Gesellen entsprechen denen der jüdischen. Der Preis eines kompletten Anzuges beläuft sich auf etwa 250 bis 300 Piaster. Die jüdischen Schneider und Konfektionäre beschäftigen ausschließlich jüdische Gesellen. Ein einziger Konfektionär beschäftigt einen Christen: ein griechischer Schneider beschäftigt eine Anzahl jemenitischer Gesellen. Die inländische Konkurrenz unter den Schneidern ist eine ganz geringe. Em Schneidermeister. der bessere und modernere Arbeit liefert, verdient mehr als sein Kollege, der weniger tadellose Arbeit anfertigt Dagegen ist die ausländische Konkurrenz eihe sehr schwere. Die aus Europa eingeführten Kleidungsstücke sind um 50 Prozent billiger als die im Inlande angefertigten. Das Schneiderhandwerk erwartet von der bevorstehenden Emigration einen großen Aufschwung. Unter den Schneidern und Konfektionären herrscht die Absicht eine kooperative Gesellschaft zur Beschaffung von Stoffen für eigene Rechnung zu gründen und eine Kleiderfabrik z* eröffnen. RUNDSCHAU . Französisch-englische Rivalität Im Orient Bei der Diskussion über die französischen Missionen in Syrien und Palästina weigerte sich Außenminister Pichon der . Deputiertenkammer nähere Einzelheiten über die noch schwebenden Friedensverhandlungen mit der Türkei mitzuteilen. Dazu bemerkt der „Manchester Guardian“ u. a.: Pichon hat mit unserem Lande eine Differenz hinsichtlich der Nordgrenze von Palästina und mit den Arabern in Bezug auf Damaskus. Aleppo und Alexandreito. Unter Berufung auf das Sykes- Picot-Abkommen von 1916 haben die Franzosen eine Verwaltung in Nordgaiiläa eingerichtet und eine derartige Grenze würde Palästina verstümmeln und es der Herrschaft über seine natürlichen uni unentbehrlichen Wasserkräfte berauben. Die Franzosen wissen so gut als irgend jemand, daß ein Verlangen dieser Art nicht, gerechtfertigt werden kann und wahrscheinlich stellen sie es auch nicht um seiner selbst willen, sondern um auf die englische Regierung in Bezug auf Damaskus. Aleppo und Alexandrette einen Druck auszuüben. Ein jüdisches Palästina ist an dem Streit zwischen Frankreich undden Arabern nicht beteiligt, warum also soll es darunter leiden? Es ist ganz gewiß. daß das französische Begehren. Palästina zu verstümmeln, am Ende wird fallen gelassen werden. aber indem die französische Regierung es stellt und darin verharrt, setzt es sich der Gefahr eines Konfliktes mit den teuersten Wünschen des jüdischen Volkes in der ganzen Welt aus. Jedenfalls ist zu hoffen, daß die Alliierten raschestens diesen Streit wie auch den über die ganze Behandlung der türkischen Frage regeln werden, sodaß der Osten wisse, was er zu erwarten hat and die befreiten und zu neuem Leben gebrachten Nationen daran gehen können, ihre Heimstätten wieder auizubauen. Englands Eintreten für das jädische Volk Das Bureau der „Zionistischen Organisation“ in London veröffentlicht eine Broschüre „Erklärungen der Sympathie mit den zionistischen Bestrebungen“. Dieselbe enthält die Namen aller Mitglieder des Ministeriums, des Parlaments und anderer hervorragender Persönlichkeiten, die sich durch Unterzeichnung der nachstehenden Erklärung für den Zionismus ausgesprochen haben. Die Erklärung hat folgenden Wortlaut: „Unter allen, nationalen Forderungen, die befriedigt werden müssen, wenn die Welt einen dauernden Frieden haben soll, verdient keine mehr Sympathie und Unterstützung aller rechtlich denkenden Menschen als die Forderung des jüdischen Volkes, sein nationales Leben in Palästina wieder aufzubauen. Während 20 Jahrhunderten des Exils

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