Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 13 (1919)
- Issue
- 29 (18.7.1919)
- Date
- 1919-07-18
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCfffi ZEITUNG Nr. 29 nisaticm, ohne verbindende Idee war. deren innerer Zustand - sich als ein solcher der f ortschi eilenden Auflockerung, „Dissociatioa“ bezeichnen ließ, deren Gemeinsames. das Gefühl 4er Zusammengehörigkeit und die Religion, im Schwinden war, hätte? niemals bloß durch Verkünden einer Idee zu einem politisch handelnden Körper zusammengeschweißt werden können. Der deutlichste Beweis dafür ist der geringe Erfolg der Pinskerschen Broschüre .Autoemanzipation“, die 1SS2, im Jahre der ersten großen Pogrome erschienen war und in der die zionistische Theorie mit einer Klarheit und Schärfe entwickelt wurde, die vielfach jene von Herzls Schrift überbot, so daß dieser" selbst einmal sagte, er hätte sie zu schreiben unterlassen, würde er PiBskcrs Broschüre gekannt haben. Jene fundamentale Tat: die Gründung einer jüdischen politischen Weltorganisation konnte vielmehr nur glücken, wenn eine geniale Führerpersönlichkeit sie ins Werk zu setzen unternahm. Obzwar Herzl im Vorwort seines Buches gesagt hatte, daß er die Ausführung seines Planes anderen überlasse, und für ihn die Frage mit dem Veröffentlichen seines Buches abgeschlosesn sei, fühlte man doch aus diesem heraus, daß der Autor sich berufen fühle, selbst der Führer zu sein Schon die Art, in der er dariu sprach, war eine solche, daß sich in ihr die eiserne Willensstärke und das hohe Selbstbewußtsein einer Führernatur enthüllte. So verfiel er an entscheidenden Stellen in eine diktatorische Sprechweise, wie z. B. in dem Ausspruch: .Assimilation .wünsche ich nicht", der in dieser Fassung geradezu verblüffend wirken mußte. Der Assimilation, die als ein historischer Prozeß von unaufhaltsamer, durch die Macht der Tatsachen gegebener Kontinuität erschien, stellt sich ein — selbst sehr stark assimilierter — -einzelner Jude entgegen und sagt, daß er sie nicht „wünsche“. Welches ungeheure Selbstgefühl, welches Bewußtsein, eine Gegenmacht entfesseln zu können, verriet Herzl ganz unbewußt durch diesen einen Satz! Auf den Leser wirkten solche Untertöne noch viel stärker, als das, was buchstäblich in dem Buche geschrieben war. Er fühlte: Voilä un homme — hier ist der überragerdc Willensmensch, der das Ungeheure zustande bringen wird. Das Buch selbst lesen wir heute mit ganz anderen Maßstäben, als bei seinem Erscheinen. Und kaum eine frühere Zeit ist so geeignet gewesen, die Größe von Herzls Gedanken zu erfassen, als es die .heutige ist Was bei seinem Erscheinen als „Utopie“ galt die Massenabwar.derung, der rasche Aufbau eines Gemeinwesens usw., das. ist heute aktuell, und noch wunderbarer ist es, wie Herzl in seiner ersten zionistischen Schritt schon den Flau für die nötigen Institutionen entwirft: Die Jewish Society, die ungefähr der heutigen zionistische^ Organisation entspricht, wenn auch Herzl sie<in seinem Buche noch, nicht auf demokratische Grundlage gestellt wissen wollte, und die Jewish Company, die das sein sollte, was Ruppin die .Jüdische Kolonisationsgesellschaft“ •nennt Aber weit mehr noch als diese Voraussicht berührt uns die genialste Seite seines zionistischen Denkens, die Grundlegung derjenigen Politik, die uns heute den Erfolg gebracht hat. Er sagt von der Judenfrage schon in der Einleitung seines Buches die lapidaren Worte: „Sie ist eine nationale Frage; und um sie zu lösen, müssen wir sie vor allem zu einer politischen Weltfrage machen, dieim Rate der Kulturvölker zu regeln s e i n w i r d.“ Dieser Satz ist der fundamentalste des Herzischen Denken und er enthält den Kern des politischen Zionismus, wie er durch ihn geformt und von seinen Nachfolgern ausgebaut und zum Erfolg geführt wurde. Was bedeutete, wenn wir heute zurückschauen. neben dieser Erkenntnis, die wahrhaft umwälzend gewirkt hat, die Kritik, welche die „Kulturzionlsten“ an dem Buche Herzls geübt hatten: daß es nicht „jüdisch“ sei, daß er von einer nichthebräischen Sprache Im Judenstaat spreche usw. herzl gab den Juden das. was’ihnen vollkommen fehlte: Das weltpolitische Denken, ein aut aas Ganze gehenue Wollen und das große Endziel. Damit schuf er die zersplitterte, in Auflösung begriffene Judenheit in eine politische Nation um, die handelnd auf der Weltbühne aufträt uüd mit unbeirrbarer Sicherheit einem als nötig erkannten Ziel zustrebte, unbekümmert darum, ob uessen Größe, afcsciiemence ferne und zweifelhafte Möglichkeit es nach innen und außen als eine romantische Utopie erscheinen ließ. Herzls Schrift „Der Judenstaat“, von welcher der J üdische' Verlag in dankenswerter Weise soeben eine Neuauflage, versehen mit einem Vorwort von Prof. Warburg erscheinen läßt, hat deshalb nicht bloß eine „historische Bedeutung“, sie ist heute lebendiger als je. und nie zuvor wird es so wie heute erkannt werden, daß sie tatsächlich die Grundlagen für den politischen Zionismus geschahen hat Herzl in Wilna Von Boris Goldberg, Wilna. (Ein Auszug aus einer größeren Denkschrift) Diesen Sonntag (den 2U. Juli 1903 a. St) werden die jüdischen Kreise Wilnas niemals vergessen. Söhon vom frühen Morgen an war fast die ganze Stadt auf den Beinen; auch unter den nicht zionistisch fühlenden Teilen der Bevölkerung herrschte große Aufregung. Die zum Bahnhof führenden Straßen füllten sich von 10 Uhr an mit Menschen. Als wir uns um- 11 Uhr zum Bahnhof begaben, fanden wir bereits das Vestibül und die. Perrons mit jungen Leuten vollgeptropft and nur mit größter Mühe konnte man sich bewegen. Um 11 Uhr 24 Minuten traf fahrplanmäßig der Schnellzug aus Petersburg ein. Wir, die zum Empfang Herzls offiziell bestimmte Abordnung, wollten zu seinem Wagen kommen. Aber dies gelang uns nicht mehr. Das Publikum hatte sich des Gastes bemächtigt, schloß einen dichten Kreis um ihn und seine Begleiter und begrüßte, genauer gesagt,' umjubelte ihn, schwenkte Hüte und Tücher. Von dieser Ehrenwache begleitet, ging er den ziemlich weiten Weg vom Perron bis zum Vorplatze, wo drei Wagen bereit standen. Erst dort konnten wir uns unserer Aufgabe entledigen und wenige Begrüßungsworte an Dr. Herzl bei seiner Ankunft im „Jerusalem Litauens“ richten. Als Dr. Herzl mit dem damaligen Wilnaer Rayonsbevollmächtigten J. L. Goldberg den Wagen bestieg, . brach die tausendköpfige Menge in begeisterte ha<is selbst wurde Dr. Herzl von den Anwesende» und berieten über die möglichen. Konsequerize* einer Nichtbefolgung dieser Aufforderung, als bereits der Polizeimeister selbst erschien, und uns das strenge Verbot des Gouverneurs überbrachte; die große Synagoge zu besuchen. Ob die Polizei der gespenstische Gedanke ängstigte, wir könnten dort in der Synagoge eine Revolution proklamieren oder etwas Aehnliches, wissen wir bis heute nicht. Die Entschiedenheit, mit welcher uns der Polizeimeister seine Maßregel mitteilte und seine frühere bestätigte, ließ uns keinen Zweifel mehr an dem Ernst der Sachlage und daran, daß eme Umgehung oder Nichterfüllung der. Anordnungen der Polizei unmöglich sei. Auch im Hotel waren eigentümliche Maßregeln getroffen worden. Im Telephonzimmer stand ein, manchmal sogar zwei Polizisten; In» Enlree war ein Buch auigelegt worden, in das jeder Besucher seinen Namen eintragen mußte; in den Korridors .und im Speisesaal trieben sich verkleidete Polizisten zur Spionage herum; jedes Gespräch wurde belauscht, die Lakaien und Kutscher ausgeforscht. Solcher1 Höflichkeiten der Polizei gab es die Menge. Anfangs schämten wir uns... unserem Gast die richtige Sachlage, die einem Hausarrest sehr ähnlich sah, mitzuteilen. Schließlich waren wir aber doch gezwungen. Herrn Dr.,Herzl reinen Wein einzuschenken und Ihn aiifzuklären. Dr. Herzl bat uns sofort, jede nicht ganz gesetzliche Veranstaltung zu unterlassen und eventuelle Weiterungen zu vermeide». Aber auch er konnte es sich nicht recht erklären. wieso eine Rundfahrt durch das jüdisch®. Viertel und der Besuch einiger jüdischer Institutionen eine Gefährdung der öffentlichen Ruh® in einer so großen Stadt wie Wilna darstelle» kann. Wir beschlossen also, uns nur auf den Besuch des Gemeindehauses za beschränket!. Obwohl die Umgebung des Hotels fast ausschließlich von polnischem und russischem Adel bewohnt wird und das Hotel ziemlich weit von den jüdischen Straßen entfernt liegt, harrte doch vor dem Hotel eine große Anzahl junger Leute aus, di® stundenlang mit großer Ausdauer dort standen, um Dr. Herzl wenigstens einmal zu sehen. Wir verließen das Hotel im selben Wagenzuge und ia derselben Ordnung, wie wir gekommen waren. Als Dr. Herzl auf die Straße kam, empfing ih* wieder ein stürmisches „Hedad!“ Wir machte» einen ziemlich großen Umweg und fuhren sehr schnell. Die enge Gasse vor dem Gemeindehauso war bereits von. Menschen erfüllt Im Gemeinde¬ Hedadrufe aus. Die wenigen tyiprt postierten Schutzleute wäre» Ober dieses Schauspiel ganz verdutzt und verwirrt Diese mächtige Demonstration .war-wahrscheinlich deri Anlaß für die so strenge Haltung-“!!«? 1 Polizei im weiteren. Verlauf des Tages. Die Nachricht vom. Eintreffen Dr. Herzls hatte sich blitzschnell verbreitet. Die Anstalten. welche Herzl besuchen sollte, waren nach kurzer Zeit mit Menschen gefüllt und'die zuführenden Straßen fast unpassierbar. Besonders, stark war der Andrang der Menge in der deutschen Straße und zu dem „Schulhof“, das ist dem Hof vor der großen Synagoge und der anschließenden Gemeindeblibiöthek. In diesem Hofe, dem Mittelpunkt des ehemaligen Ghettoviertels, hatten sich über 4000 Menschen, vorzugsweise junge Leute, eingefunden. Die Ordnung wurde durch . eine ganze Reihe Offner, hauptsächlich Poale-Zion, aufrecht gehalten,'»doch löste die imposante ,Zahl der Wartenden der Polizei große Besorgnisse ein. Sofort nach dem Eintreffen im Hotel war. bei uns ein Pristaw erschienen, der uns im Auftrag des Polizeimeisters aufforderte, im Interesse der Ruhe nicht nach der deutschen und jüdischen Straße zu fahren, weil sich dort eine große Menschenmenge angesammelt habe. Die Polizei sei entschlossen, etwaige Demonstrationen nicht zu dulden. Wir hatten uns noch nicht entschließen können, dieser Weisung nachzukommen, warm und herzlich empfangen. Das Empfangszimmer war für diese Feier speziell ausgeschmückl worden. Es machte aber doch mit seiner niedrige» Decke, die fast auf den Köpfen lag, mit seine» kleinen Fenstern, dem Mangel an Luft und Licht mit seiner schiefen Zugangstreppe einen verstimmenden Eindruck. Es symbolisierte tatsächlich in der anschaulichsten Weise ' das Ratszimmer eines Ghettos. Aber wir fühlten uns heimisch, wir waren unter uns, konnten unserh gefeierten Gas» sprechen hören, ihm unsere Huldigung darbringen. Dies letztere muß freilich auch cum grano salls gelesen werden. Zu laut durfte unsere Begrüßung nicht ausfallen. denn da draußen war eine ziemlich starke Polizeipatrouille postiert welche sich bei einer zu lauten Gefühlsäußerung in das Haus hineinbemühen konnte .... Nach mehreren Begrüßungen und Rede» überreichte Herr W. Jawitz, der Historiker des orthodoxen Judentums, Dr. Herzl die Ehrengabe der.Wilnaer Gemeinde, eine Thorarolle, mit folgenden Worten: „Die Wilnaer jüdische Gemeinde gestattet sich. Ihnen. Herr Doktor, das Heiligste und Teuerste aus ihrem Besitz, den Schatz Israels, vertrauensvoll in die Hände zu legen.“ Diese Worte und dieses Geschenk gäbe» Herzl den Anlaß zu einer-glänzenden Erwiderung, die er ungefähr mit folgenden Worte» schloß: „Teilt unsern sämtlichen Brüdern mit, daß ich hier erschienen bin, um Ihnen meine tief- Die Flüchtlinge am Herzigrabe Von Oho Abeles5) 3 Draußen auf der anmutigen Höhe vor dem Döblinger Friedhofe ständen schon die Reihen wohlgeordnet, um — wie' alljährilch am Todestage Herzls — au seinem Grabe vorüberzuziehen. Die Jugendbünde im Wanderkleid mit Standarten und Lauten, die: Turner, -die Mädchenvereine, die zionistischen Wiener Bürger. ln diesem Jahre waren aber noch andere Verehrer des toten Meisters hinzugekommen. Die ostjüdischen Flüchtlinge. Sie kamen familienweise. Schon beim Hinausfahren hatte ich sie nach Döbling wandern gesehen, tüchtig ausschreitend, weil sie In der Straßenbahn keinen Platz mehr fanden oder kein überzähliges Fahrgeld besaßen. Es kamen immer mehr Leute auf allen Straßen, die zum Versammlungsplatze führten. Ueber alles Erwarten stark war der Zuzug polnischer Juden, welche die Jahrzeit des geliebten Toten mitfeiem wollten. Die Ordner mit den blau-weißen Armbinden schossen hin und her, eifrig bemüht, die Ankommenden in den Zug einzuordnen. Sie sprachen auf die Leute ein. nicht in Gruppen zn stehen, oder in der ganzen Straßenbreite sich aufzustellen, sondern ordentliche Viererreihen zu bilden, zogen nervös die Uhr und gaben immer wieder ein paar Minuten zu, die Nachzügler abwartend. Schließlich erfolgte , das Signal zumr Aufbrache. Voran der Kantor im Ornate mit den Lei- *) Aus dem Buch „Jüdische Flüchtlinge“, Szenen und Gestalten. R. Löwiti Verlag, W:en. tern der zionistischen Organisation und einer starken Anzahl von Offizieren und Soldaten. Anfangs gabs militärische Ordnung. Aber je näher man dem Friedhöfe kam, nimso weniger diszipliniert war der Aufzug und als das erste Drittel das Friedhoftor passiert hatte, geschah etwas Unerhörtes. Man sah plötzlich die Menschen von rückwärts vorstürzen, sich allen Bemühungen und Beschwörungen der schweißtriefenden Ordner zum Trotz vörwärtsarbeiten, leidenschaftlich, rücksichtslos den Zug zur Seite drängend, und dem Grabe zueilen. . / Die schöne, stramme Ordnung war flöten gegangen. Bevor noch die Spitze des Zuges zum Grabsteine , kam, war die Gruft schon schwarz umlagert Nach dem Programme, -wie es alljährlich oefolgt wurde, soll der Kantor das Totengebet singen, während der Zug stumm defiliert Erst beim -Anblicke dieser östlichen Massen merkte ich. wie unpassend, unjüdisch, ia lächerlich diese Anordnung ist die man als so würdig und weihevoll empfindet Die Gemeinde schließt sich ja um, den Vorbeter, fällt inbrünstig ein, läßt sich von seinem Liede hinauftragen .... Verzweifelte Versuche, noch im letzten Augenblicke „die Situation zu Tetten", die Disziplin wiederherzustellen, empörte, halblaute Rufe: „Sie können keine Ordnung halten!“ , Vergebens. Sonst hatten die Ordner, jetzt die ostjüdischen Scharen die Führung. Diese Schwäch- Vchen, Rundrückigen, erwiesen sich in dieser Stunde als sieghaft. „El mole rachamim —“ ) Der Odem erschütterter Seelen wehte das Lied des Kantors an. Feierlich, glutvoll, beschwörend drang es zum Julihimmel, getragen vom Echo der Gemeinde. Nicht gemessen, nicht wohlgeordnet war diese Feier, aber ergreifend und urspünglich. Alle blieben im Banne des Augenblicks rings in weiter, dichter Ansammlung stehen 'ünd weiter zurück hielt der Zug wie angewurzelt auf den gewundenen Friedfcofswegen. — Was ihnen hier erklang, manchem zum ersten Male, war die gewaltige Stimme des Blutes. . . * * * Ein hartes Geschick hatte es gefügt, daß die große Menge zur Stelle war, für die der-Führer wirkte, «litt und sein Leben gab. Sonst waren die Parteigänger Theodor Herzls gekommen, die Freunde, die Schüler, die Verehrer, die Gesinnungsgenossen. In diesem Jahre beging, das Volk Herzls Jahrzeit am Döblinger Friedhof. - BSchereinlauf Hans Goslar. Die Sexualethik der Jüdischen Wiedergeburt Berlin 1919, Jüdischer Verlag. Mk. 1.50. Dr. Hans Fischer, Wirtschaftsgeographie von Syrien. Mit einer Wirtschaftskarte. (Sonderdruck aus der Zeitschrift des deutschen Palästina-Vereines.) Berlin, 1919, Jüdischer Verlag. Mk. 6.—. Protokoll des XV. Delegiertentages der Zion. Vereinigung für Deutschland. Berlin 1919, Jüdischer Verlag.-Mk. 2.50.