Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1919-07-18 · 29 (18.7.1919) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
13 (1919)
Issue
29 (18.7.1919)
Date
1919-07-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2438141-2438727-2438756--6345-2446415
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Beiaktin uadAdaiairtration: Wl»i I!., Tabcrstnl« I Fonupre«k«r Nr. 44038.«. 43319 Mali ona!~jüdifches Ongan Mit der Beilage: „Der jfldisech Nationalfonds“ VI«Bi FrtHa|| daa 18. Jnll 1918 Jahrgang Xlll. — Nr. 29. BBZipprsls: Vierteljährig 6 X gansj. 24 K, Einzelnummer 60 h PoBtsparkuaenkonto. 133.404 Dem Andenken des Führers Der Gang zum Herzlgrab Sonntag, den 20 ds. werden wir .Wiener Zionisten und im Geiste mit uns die Zionisten der ganzen Welt, wie alljährlich, zum Grabe unseres toten Führers ziehen. Wir wissen, daß keiner' unserer Gesinnungsgenosse« bei der Feier fehlen wird. Aber wir wollen, daß diese Manifestation auch äußerlich durch ihre Rübe und Würde imposant verlaufe und treffen daher zur Aufrechterhaltung der Ordnung folgende Vorkehrungen: Formierung des Zuges in der Endstation der 40er-L!nie zwischen 9 und H10 Uhr vormittags und zwar wie folgt: Vor der Hochschule für Bodenkultur versammelt sich: Verband der zionistischen Verbindungen und die übrigen jüdisch-akademischen Vereinigungen. In der Felix Mottlstraße. an der linken Seite der Hochschule für Bodenkultur nehmen Aufstellung: Die Turn- und Sportvereine. Blau-Weiß. Schomrim, Chaluzim. Im gegenüberliegenden Teil der Felix-Mottlstraße formieren sich die Bezirkssektionen. Den Anordnungen der durch blanweiße Armbinden kenntlichen Ordner ist unbedingt Folge zn leisten Die Marschordnung ist folgende: Eröffnet wird der Zug durch 40 Turner, dann folgen das Zionistische Landeskomitee, das Präsidium des Jüdischen Nationalrates und der Ostgalizischen Delegation sowie die zionistischen Mandatare und sonstigen Honoratioren, der lüd. ilochschulausschuß. der Verband zion. Verbindungen. die übrigen jüd.-akad. Vereinigungen. Turn- und Sportvereine. Blau-Weiß. Chaluzim. sonstige Vereine, schließlich die Bezirkssektionen. Am Grabe stellen acht Chargierte der Wiener zionistischen Verbindungen die Ehrenwache; in der Allee, in der das Grab liegt; bilden 40 Turner Spalier. Zionistisches Landeskomitee für Deutschest erreich. W einer. .Ing. Stricker. Herzls politische Idee Als Theodor BerzI vor nunmehr 22 Jahren die Jndenfrage zu. einer politischen Angelegenheit erhob und verlangte, daß sie durch - das Zusammenwirken aller Staaten und Völker international auf völkerrechtlicher Basis gelöst werde, war dieser Gedanke . auch im. engeren Kreise der damals führenden Zionisten-etwas unerhört Neues. Zionismus gab es schon viele, viele Jahre, bevor Herzl den Weg zu seinem Volke zurückfand. Aber das politische Denken der. seit Jahrhunderten von aßen politischen Angelegenheiten gewaltsam ferngehaltenen jüdischen Massen war noch viel zu unentwipkelfc internationalen Regelung itf seiner fundajnentäieh'JJedeutung hätten begreifen oder gar Selbst konzipieren können.: Jahrelange Arbeit und intensivste Aufklärung waren erforderlich, bis es gelang, in weiteren Kreisen verständlich zu machen, was hier gewollt Wurde. Und es ist kein Zweifel, daß das Westjudentum, vor allem die Gruppe der politischen Zionisten,, zumindest dies eine Verdienst für. sich in Anspruch nehmen darf: daß sie den Juden weltpolitische Gedankengänge zum Bewußtsein brachte. Vieles von dem, was •Herzl gewollt oder begonnen hat, erwies sich als irrig öder unausführbar; manches von dem, was er schuf, hat nur vergänglichen Wert — aber daß -er fast als einziger in einem Volk von 12 Millionen die Form voraussah, die sich nach einem Vierteljahrhündert als die allem mögliche Form der Verwirklichung erwies, das allein wird ihm stets eine unvergleichbare und unerreichbare Stelle innerhalb unserer Geschichte sichern. Herzl erkannte, daß Palästina als Brennpunkt weltpolitischer Interessengegensätze nicht auf Grund einer Einschmuggelungspolitik, sondern einzig und allein auf Grund einer, internationalen Regelung in jüdische Hände' überführt werden konnte. Noch herrschte ja die Theorie vom europäischen Gleichgewicht Herzl, dessen „Palais •Bourbon“ von einer erstaunlichen Einsicht in die 'politischen Vorgänge der damaligen Zeit Zeugnis ablegt, mußte wissen, daß die geringfügigste Belastung der einen Wagschale, die minimalste Veränderung des europäischen statüs quo zu unabsehbaren Komplikationen führen konnte. Selbst . wenn die Türkei berät gewesen wäre, der zioni- siischgik' Organisation den gewünschten Charter zu erteilen, so wäre' damit r immer nur erst die eine, und zwar die ungefährlichere Säte der Angelegenheit erledigt worden. Der.Vertrag hätte . keinerlei; Sicherheit bieten können, so lange nicht die europäischen Großmächte sich zum Zwecke der Garantie dieses Vertrages vereinigten. Das war es daher, auch, was Herzl wollte und unbeirrt verlangte: .eine, internationale Regelung. Eine Forderung, welche den Völkerbnndgedan* , ken bereits antizipierte. Der Juden- 1 Staat •sollte, unterdie Kontrolle; der vereinigten ,Großmächte,gestellt werden•— wie äher' war es möglich, einen solchen Gedanken - zu: formulieren, wenn man nicht gleichzeitigvoraussetzte,daß eine /Vereinigung der Großmächte zu Köntrollzwecken, : -das heißt also, naß der Völkerbund im Entstehen begriffen sei oder doch jedenfalls über kurz oder lang geschaffen werden könnte? Herzl war im tiefsten Grunde.seines Wesens Pazifist Er war so sehr vom Glauben an die Menschheit erfüllt daß er bereits mit der großen Völkerversöbnung wie mit dner unmittelbar bevorstehenden Tatsache rechnete. Ja er betrachtete gerade seine persönliche Aufgabe, die Schaffung des Judenstaates, als eine Aufgabe im Dienste der Idee der Völkerversöhmuig. Er glaubte, daß es ihm gelingen würde, die Großmächte; über ihre tiefgreifenden Gegensätze hinweg, zu einer gemeinschaftlichen und friedlichen Inangriffnahme, Lösung und Garantierung des jüdischen Problem^ zusaramenführen - zu körnten.- Dasncue.-Pa -würde als Sammeibecktw^gr, Ländern ja ohnedies kulturelle und wirtschaftliche Beziehungen zn allfcn Ländern ohne Unterschied besitzenunti pflegen und schon dadurch zn einem Zentrum der mterhationalen. auf- Verständigung bedachten Bestrebungen werden1. . Diese Hoffnung war so stark, daß er, unbeirrt durch das sich drohend zusammenballende Gewölke, des deutsch-englischen Gegensatzes im Orient, geradlinig seine Wege ging, die ihn zu allen Kaböietten; ohne Unterschied führte: er ging zu Plehve, obwohl dessen -Empfehlung in den Türkä nur als drohende Einmengung Rußland^in innertürkische Angelegenheiten empfunden werden konnte; er ließ sich demonstrativ vom deutschen Kaiser auf jener Orientreise empfangen, die in England als Signal zum Aufmarsch betrachtet wurde, so daß der Zionismus in London leicht als eine den deutschen Interessen dienende Angelegenheit verdächtigt werden konnte, — und er verlegte umgekehrt den einzigen Kongreß, des er außerhalb der neutralen Schweiz abhalten ließ, nach London. Daß er mit tsetdem völkerversöhnenden Streben voruuscilte, daß seinen Hoffnungen zum Trotz doch noch der Weltkrieg ansbracb, vermag Herzls Bedeutung nicht zu beeinträchtigen. Gerade der. Weltkrieg hat endlich die Wege frei gemacht für jene internationale Regelung, die Herzl erstrebte. Der Völkerbund.tritt zusammen, Palästina, zum jüdischen „national home“ gewandelt, wird unter seine Kontrolle gestellt. Die politische Idee des Zionismus verwirklicht sich genau in jener Weise,' wie er es vor einem Vierteljahrhundert vorausgesehen hat. . Aber nicht nur inbezug aui Palästina hat sich der Gedanke der internationalen Regelung der Judenfrage inzwischen durchgesetzt. Noch vor wenigen Jahren hätte unterschiedslos jeder einzelne Staat sich auf das Hartnäckigste dagegen gewehrt, daß irgendwäche Teile seiner Angelegenheiten seiner eigenen Souveränität entzogen und. der internationalen Kontrolle untersteht wurden. Der -Weltkrieg hat auch hierin eine Wand- lung gebracht Und gerade lene Frage, welche vor allen anderen Völkern in erster Reihe das jüdische angeht und über, dessen Lebensinteressen , entscheidet,-die Frage.des nationalen-Minoritäten- . Schutzes ist zu einer internationalen Angelegen- ' beit erhoben worden. Als Herzl den „Judenstaat“ schrieb, war von der Sicherung nationaler Rechte im Galuth noch nicht die Rede. Glaubte man doch damals, daß Palästina gegebenenfalls das gesamte jüdische Volk in seinen Grenzen anfnehmen würde. Inzwischen hat man einsehen gelernt daß ein großer Teil des jüdischen Volkes auch weiterhin hn Galuth verbleiben wird. Die nationale Wahrnehmung der Interessen dieser Volksteile wurde daher nicht minder Aufgabe des Zionismus. Noch ist nicht zu übersehen, ob die Minoritätenschutzverträge; welche der Friedenskongreß Polen und Rumänien auf erlegt hat von diesen Ländern auch eingehalten werden. Im Prinzip aber ist diese Aufgabe genau im Herzischen Geiste gelöst worden: die jüdische Frage wird als: inter- ^to^^ Frage im^^gnehm^n nnt allen?dächnationalen . und. internationalen gelöst werden. SEÄ- > ,. Theodor Herzls Judenstaat Von Adolf Böhm. Selten sind von einem Buche so unmittelbare Wirkungen ausgegangen, als von Theodor Herzls erster zionistischen Schrift: „Der Judenstaat“. Ihr Erscheinen war das Signal zur Bildung der all- . weltlich politischen iüdischen Organisation. Damit war das, was Herzl m seinem Buche als das „jüdische Hauptunglück" bezeichnet hatte, daß wir Juden „durch unsere zweitausendjährige Zerstreuung ohne einheitliche Leitung unserer Politik gewesen s i n d“ beseitigt Eine ebenso wichtige Folge des Erscheinens dieses Buches war, daß der Autor, der Sich darin selbst gefunden und sein wahres inneres Wesen zum Ausdruck gebracht hatte, von dem untrüglichen Instinkt der Massen als Führernatar, Staatsmann und wahrer Adelsmensch erkannt wurde. Die Gründe für die selten starke Wirkung des Buches sind oft und oft aufgezählt worden. Sie lagen zum Teil in den besonderen Umständen, unter denen es erschien, zum Teil in seinem inneren Gehalt. Hier bekanntet sich ein angesehener, wirklicher Westeuropäer unter den Juden zum Judentum und zum Zionismus. Dies in einem Moment, in dem die Arbeit der „Zionsfreunde“ als gescheitert angesehen werden mußte und die paar jüdischen Kolonien in Palästina nur durch die Hilfe eines großen Philantropen erhalten werden konnten. In diesem Buche war nicht nur die Jndenfrage als nationale erkannt, sondern der Autor ■ verlangte sofort nach der maximalistischesten Form ihrer Lösung: Er forderte einen Judenstaat! Er wies die Bezeichnung „Utopie“ dafür ab und zeichnete mit wenigen Strichen die Grundlagen der nötigen Organisation, sowie ein Bild des zukünftigen Staates. All -das. was er darin forderte, mußte als durchaus möglich erscheinen. Und mit einer souveränen Geste verwies er die Aktion zur Erwerbung des Landes dorthin, wo sie ein? durchzuführen war: vor das Forum der Weltpoiitik. Der diese kühnen Forderangen erhob, erwies sich nach der Diktion seines Stils, nach der. ruhigen Würde und Sefbstsicherheit seiner Worte zwar nicht, wie manche Gegner ihn später spottend bezeichneten als ..König de% Juden“. . wohl aber als ein königlicher Jude. * So war die stärkste Kontiastwirkungsmög- > lichkeit gegeben: Gegenüber der lächerlichen politischen Ohnmacht der Juden verlangte Herzl nichts weniger, als das Instrument der höchsten Macht für sie: änen Staat, und er selbst stand vor der gedrückten, sich selbst verachtenden, innerlich geknickten. Judenschaft als ihr Gegenpol als Jude von höchstem Persönlichkeitsgefühl, von Stolz. Adel und Würde. Die in aller Welt zerstreute Judenschaft. die ohne Zentrum, ohne Orga-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.