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Jüdische Zeitung · 1919-07-11 · 28 (11.7.1919) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
13 (1919)
Issue
28 (11.7.1919)
Date
1919-07-11
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 28 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 steifen oder bei Ausübung verschiedener Berufe U(.d üewerbearbeiten hinderlich sein. Es darf keinerleiBeschränkungen des freien Gebrauches irgendeiner Sprache'sowohl im Privatverkehr wie bei Handelsbeziehungen, sei es in Angelegenheiten der Religion, der Presse oder der Publikationen jeglicher Art. sei es in öffentlichen Versammlungen usw.. geben. Ungeachtet der Festsetzung einer offiziellen Sprache durch die polnische Regierung sollen den polnischen Staatsanghörigen mit anderer als der polnischen Sprache angemessene Erleichterungen hinsichtlich des mündlichen und schriftlichen Gebrauches ihrer Sprache vor den Gerichtshöfen gewahrt werden. fi ö. Diejenigen polnischen Staatsangehörigen, die. einer völkischen, religiösen oder sprachlichen Minorität angehören, genießen gleiche Garantie 11 wie die anderen polnischen .Staatsangehörigen. Sie haben insbesondere das gleiche Recht, auf ihre Kosten Wohlfahrtseinrichtungen, religiöse und soziale Institutionen, Schulen und andere Erziehungsanstalten zu gründen, zu leiten und zu überwachen, mit dem Recht.' dort von ihrer eigenen Sprache freien Gebrauch zu machen und ihre Religion frei auszuüben. § 9. ln bezug auf das öffentliche Unterrichtswesen gewährt.die polnische Regierung in denjenigen Städten und Distrikten, wo eine beträchtliche Anzahl polnischer Staatsangehöriger mit anderer als der polnischen Sprache wohnen, angemessene Erleichterungen, um " zu sichern, daß in den Elementarschulen den Kindern dieser polnischen Staatsangehörigen in ihrer eigenen Sprache Unterricht erteilt w i r cLDiese Bestimmung verhindert die polnische Regierung nicht, den Unterricht in der polnischen . Sprache in diesen Schulen obligatorisch zu machen. In Städten und Distrikten, wo eine beträchtliche Anzahl polnischer Staatsangehöriger ' wohnt, die einer völkischen, religiösen oder sprachlichen Minorität angehören, soll diesen Minoritäten ein angemessener Anteil an den Erträgen und der Verwendung derjenigen Summen gesichert werden, die aus öffentlichen Mitteln von städtischen oder anderen Budgets zum Zwecke der Erziehung, Religion oder Wohltätigkeit beigetragen werden sollen. Die Bestimmungen dieses Artikels sind auf polnische Staatsangehörige deutscher Sprache nur in den Gebieten Polens anwendbar, welche am 1. August 1914 deutsches Territorium waren. § 10. Die von den jüdischen Gemeinden in Polen eingesetzten lokalen Schulkomitees werden unter der allgemeinen Kontrolle des Staates die Verteilung des propoTtionelien Anteiles der aus offentii chen M i 1.1 e l n -g e m ä ß §- -9 f ü,r diej-üdis sehen Schulen bestimmten Gelder sichern, ebenso wie die O rga nisation-u n d Leitung der Schulen. . ‘ § 11. Die Juden können nicht zu irgendwelchen Handlungen gezwungen werden, die ihren Sabbat verletzen.. Sie dürfen keine Entrechtung erleiden, wenn sie es ablehnen, am . Sabbat vor Gericht zu erscheinen oder gerichtliche Handlungen zu begehen. Diese Bestimmung befreit die Juden nicht von den allen Staatsangehörigen auferlegten Verpflichtungen hinsichtlich des Militärdienstes für nationale Verteidigung oder für Erhaltung der öffentlichen Ordnung. Polen erklärt, daß es nicht die Absicht habe, allgemeine oder, lokale Wahlen am Sonnabend stattfinden zu lassen. Für Wahlen oder andere Zwecke darf obligatorisch -am Sabbat keinerlei Einschreibung stattfinden. § 12. Die vorstehenden Artikel, soweit sie Personen betreffen, welche Minoritäten der Rasse. Religion oder Sprache angehören. bilden Verpflichtungen Von internationalem Interesse und werden unter Garantie »des Völkerbundes gestellt; Sie können ohne Zustimmung der Majorität des Rates des Völkerbundes nicht geändert werden. Der polnische Kindermord Dia Polen haben für ihre Schandtaten verschiedene Rechtfertigungen erfunden, um dem Werke bestialischer Zerstörungswut ein Mäntelchen von Verständlichkeit' umzuhängen. Sie kämpfen gegen den jüdischen Wucher, heißt es, oder sie kämpfen gegen den jüdischen Bolschewismus, oder sie bekämpien die Juden als Träger des russischen Einflusses oder des deutschen Einflusses. Mit diesen Lügen ist es eine Zeit lang gelungen, die öffentliche Meinung in den tntenteländem, besonders in Frankreich, irre zu führen. Aber iu Wirldichkeit gilt nichts von alledem. In Wirklichkeit ist es tierische Mordlust, unverständliche Blutgier, elementarer, durch nichts erklärlicher Haß und grausamste Feindschaft gegen das jüdische Volk. Die Pogromnachrichten, die seit einem halben Jahr beinahe täglich einlauten, beweisen genügend, welche Instinkte am Werke sind, um das jüdische Volk in Polen zu vernichten. Die Polen wollen die Juden nicht unter sich dulden, aber ziehen lassen wollen sie sie auch nicht Sie wollen die Juden in ständiger Knechtschaft,. in ständiger Unterdrückung für sich arbeiten lassen, sie wollen Vögte über sie setzen wie einst Pharao; - sie wollen nicht,, daß dieses Volk wieder frei und edel werde, sie wollen ein Volk von Knechten und von Verbrechern züchten, ein williges Werkzeug in der. Hand seiner Bedrücker. Nun haben sie ein Mittel ersonnen, so alt wie das jüdische Elend,:, furchtbar und barbarisch wie die Greuel der Vorzeit; sie morden die Jugend unseres Volkes, die blühenden Träger einer verheißungsvollen Zukunft, jene Jugend, welche sich eben losgemacht hat aus der Verstrickung-in die Galuth, welche eben ausziehen will ln das neue Land der Juden, um durch ihrer Hände Arbeit dem Volke ein neues Haus, eine neue Lebensstätte zu erbauen. Diese Jugend, der heilige Frühling des jüdischen Volkes, hat mit dem .bitteren und entehrenden Los der Vergangenheit abgeschlossen. Sie verlangt nichts als freie Luft und. die Möglichkeit, arbeiten zu dürfen. Sie mischt sich nicht in polnische Angelegenheiten, sie lebt mit ihrer Seele bereits in Palästina, das sie demnächst mit eigenen Füßen betreten will. Diese Jugend, organisiert in den Verbänden der Chaluzzlm, der Schomrim, der Zeire Zion, ist der neue Gegenstand der polnischen Mordlust. Hier ist blindwütiger Wahnwitz, es ist die Seele Pharaos, die von Geschlecht zu Geschlecht immer wieder gegen uns aulsteht und ihre furchtbare Waffe gegen die Existenz unseres Volkes richtet: den Mord an den Erstgeborenen. Schon das Blutbad in Pinsk war ein solcher Kinderraord. Dort wurden 37s junge Leute, zumeist Chaluzzim-und Zeire Zion, erschossen. Aber beispiellos, in seiner Grausamkeit ist der Fall von S1 o b odka Lfrsna, -über den-ein.aus-Kplömea hier eingetroffener vertrauenswürdiger Gewährsmann der Wiener Morgenzeitung berichtet. Hier wurden die jungen Menschen bei ihrer Arbeit aufgesucht, in der Ackerbauschule, wo sie sich für ihren neuen Beruf in Palästina, fern vom Getriebe des Tages, vorbereiteten, ihr Verbrechen war kein anderes, als daß sie jüdische junge Menschen waren und sich zu ihrem Volk bekannten. Niemanden haben diese Kinder beeinträchtigt, niemandes Interessen angetastet, sie lebten nur der Arbeit und der Zukunft. Und da kam ein Schwarm polnischer Soldaten und schoß eine Salve in die versammelte Schar. Wir geben hier die Schilderung des grauenhaften Ereignisses: Sonntag, den 16. Juni marschierte eine polnische Ulaneneskadron in Kolomea ein. von wo aus sich ein Truppenteil unter Führung eines Offiziers tags darauf nach Slobodka Lesna begab. Dieses in der Nähe von Kolomea gelegene Gut ist bekanntlich Eigentum der „Ika“, die dort eine Ackerbauschule unter Leitung des Direktors Dubski seit vielen Jahren unterhält und wo jetzt eine Anzahl von jüdischen jungen Leuten beiderlei Geschlechts sich für ihren zukünftigen Beruf als Landarbeiter in Palästina praktisch vorbereitet. In Slobodka angekommen, fragte das Militär bei . " v wiederum vornehmlich in England. Es ist für spätere Arbeiten., auf dem gleichen Gebiete in hohem Maße erfreulich,' daß der Verfasser die Gunst der Umstände in so weitem und klugem Maße benutzt hat, um gerade dies Seite der präzionistischen. Entwicklung besonders ausführlich darzustellen. Dabei ist ihm nicht entgangen, daß sehr frühzeitig in Frankreich mit Joseph Salvador eine eigene Entwicklung nationaljüdischer Anschauungen eingesetzt hat, und daß es in anderer aber doch ähnlicher Weise, — freilich in viel geringerem Maße als in England, — ebenfalls eine Vorentwicklung zionistischer Gedankenkreise bei Nichtjuden gegeben hat. Schließ- . lieh waren drei vornehme Juden in Frankreich, England, und Amerika die sichtbaren Vertreter der jüdisch-nationalen Regenerationsgedanken. Alle drei waren freie und aufrechte Männer, die aus den besten Familien der ehemals spanischen Juden stammten, in Frankreich Salvador, in England der unvergeßliche Mosche Montefiore und endlich in Amerika der Dichter und Staatsmann Mordechi Manuel Noah, dessen Ararat- Projekt erst in diesem Zusammenhang voll ver-' stündlich wird. Die große mitteleuropäische Judenschaft war freilich für solche politische Gesichtspunkte noch zu unreif. Und als der Beginn der Vierzfgerjahre des neunzehnten' Jahrhunderts zum erstenmal die Lösung der Orientfrage in den Bereich der Möglichkeit zog. da hatten zwar weite . Kreise englischer Christen, vor allem Lord Palinerston, die feste Absicht, bei dieser Gelegenheit Israel in seinen ewigen Besitz wieder einzusetzen, dieses selbst war aber, von einigen erlauchten Geistern abgesehen, noch völlig stumpf gegenüber der Aufgabe, die seiner noch harrt. Zuerst mußten die Juden lernen, wieder als freie Menschen an einem Staatsleben teilzunehmen, ehe sie begriffen, daß sie dazu berufen seien, ein neues Gemeinschaftsleben auf dem uralten Boden ihrer Geschichte wieder zu beginnen. Erst .mußten sie durch die bittere Schule auch der Leiden hindurchgehen, ehe sie lernten, daß sie berufen seien, biblische Gesittung auf dem Boden der Bibel zu erneuern. In all dieses Werden will uns Sokolow hinemführen. Er tut das, indem er vor uns ein buntes, schillerndes Bfld abrollt in einem flüssigen englischen Stil, wie wir ihn sonst nur als ebenso glänzenden hebräischen Stilisten kennen. Daß er die. Entwicklung der Bewegung in Mitteleuropa, ja im gewissen Sinne auch im Osten etwas in den Hintergrund treten läßt, findet seine natürliche Begründung erstlich in dem Material, das ihm in der herrlichsten Bibliothek der Welt, die er so reichlich benutzen konnte, zur Verfügung stand. Dann wird der hoffentlich bald erscheinende zweite Band, der gewiß die Quellenbelege ausführlich bringen' .wird, auefrdiese Lücke ergänzen. Vor allem aber ist Sokolows breit angelegtes Werk nicht bloß eine Darstellung des Zionismus, wie er allmählig geworden und sich aus verschiedenen Quellen zu einem gewaltigen Strome .ergossen hat, sondern es hat den allergrößten Wert als spätere Quelle für die heutige Lage und Arbeit des Zionismus. Diese Geschichte läßt zugleich in die feinsten Gänge zionistischer Gegenwartsarbeit den Bauern, wo sich denn die „Zionisten" a u i h i e 11 e n. Als die jungen Leute vom Kommen des Militärs Kenntnis erhielten, brachten sie, da sic nur Raub und Plünderung befürchteten, ihre Habseligkeiten wie Decken und Kleidungsstücke in Sicherheit und versammelten sich aann, vom Direktor Dubski, der sich versteckte, im Stiche gelassen, in der Schmiede, wo sie des Kommenden harrten. Bald kamen die Soldaten, drangen in die Schmiede ein unu ihre erste trage, die sie an die jungen L eutc richteten, war, welcher Nationalität sie angehören, worauf sich alle zur jüdischen bekannten. Hierauf gab der anwesende Offizier Beichl. die Mädchen auszuscheiden. Die Burschen dagegen wurden in der Schmiede eingereiht und eine Salve aut sie abgegeben. Auf der Stelle blieben der 19jährige Mittelschüler Samuel Presser und der Mittelschüler Jakob Rothenberg Lot liegen, während der Fülirer der Schomrimorganisation, der 19jährige Mittelschüler Jos ei Bai einen Lungeuscbuß und noch zwei andere schwere Verletzungen erhielten. Die Soldaten zogen hernach, auf Raub und Plünderung aus, während die Mädchen ihren schwerverletzten Kameraden Bai verbanden und betreuten. Als die Soldaten wieder kamen und Bai noch lebend antrafen, schossen sie nochmals auf ihn und trafen ihn diesmal zu Tode. Die Leichen der drei jungen Leute wurden am nächsten Tage nach Kolomea gebracht. Am selben Tage brachte man nach Kolomea noch einen durch das polnische Militär erschlagenen Juden aus Turka und tags darauf w_eitere sechs Tote aus dem Dorfe Rako-1 wice bei Kolomea, nämlich vier Söhne und eine 27jährige Tochter des Meier Bartield sowie deren Bräutigam, der zufällig bei seiner Braut weilte und mit ihr zusammen den Tod fand. Das Mädchen wurde geschändet und die Brüste wurden ihr ab ge schnitten. Auch die übrigen Leichen wurden arg verstümmelt. Das Leichenbegängnis der erstgenannten vier Opfer fand am 17. Juni statt, während die anderen sechs am folgenden Tage zu Grabe getragen wurden. Die Trauer der ganzen jüdischen Gemeinde in Kolomea an diesen zwei Tagen läßt sich kaum schildern. Kein jüdisches Geschäft war an diesen Tagen geöffnet und fast kein Jude fehlte beim Leichenzuge. Sowohl der jüdische Nationalrat als auch die jüdischen Parteien veröffentlichten Parten und waren bei der Trauerandacht durch einen Redner vertreten. Dieser erschütternde Bericht wird den Eindruck auf die Welt nicht verfehlen. Die jungen Menschen werden vom jüdischen Volke in nicht minder ehrender Erinnerung bewahrt werden wie die, welche auf dem Boden des Landes der Väter gefallen sind. Die Reorganisation der Partei Eine Entgegnung von Isidor Blass. Wir bringen nachstehende Aeußerung' eines Parteigenossen, da wir der Diskussion solcher Fragen freien Spielraum lassen. Natürlich trägt nur der Verfasser .für seine Ausführungen die Verantwortung. D. Red. ,, In Nr. 23 vom 6. Juni a. c. der ..Jüdischen Zeitung“ beginnt Heinrich Margnltes eine Serie von Artikeln über die Reorganisierung der Partei. Schon der erste derselben mit der Ueberschrift ..Zurück zum Zionismus" fordert zu energischem Widerspruch heraus. Der Tenor dieser Ausführungen geht dahin, daß - die derzeitige zionistische Politik, die sich viel zu viel mit der Gegenwart befasse, wieder zur alten Richtung zurückzukehren habe, nämlich zur reinen Palästinapolitik. Der Verfasser will zwar der Gegenwartspolitik nicht eine gewisse, engbegrenzte Berechtigung absprechen, aber die Hauptsache ist für ihn Palästinapolitik und nur diese, in deren Rahmen er hie und da auch etwas für den Galuth geleistet sehen möchte. bineinsehen, so daß spätere Historiker des Judentums in diesem Sokolow’schen Werke eine Im höchsten Maße willkommene Quellenschrift, ein gewissermaßen diplomatisches Meisterwerk der lebendigen Gegenwart erblicken werden. Daß ein solches Werk beute erscheinen konnte, daß es in einer Ausstattung ersten Ranges herauskommen konnte, muß ganz besonders anerkannt werden.“ (K. Z. B.) Literatur Eine Zeitschrift des jüdischen Akademikers Vor einigen Tagen Ist in Wien das erste Heft einer neuen Zeitschrift erschienen, die unter dem Namen „Esra“ vom jüdischen Höchschulausschuß herausgegeben und von Eugen Hoeflich redigiert wird. Das Heft enthält eine programmatische Einleitung, in welch» dargelegt wird, welche Ziele die Begründer der Zeitschrift sich gesetzt haben. Der westjüdische Akademiker, der wie keiner von der. assimilierenden Tendenzen bedroht ist, soll ein Organ haben, das ihm die Einstellung auf das Judentum und die Anregung zu jüdischer Arbeit bietet. Die Studenten sollen über die „Bewegnisse“ des Judentums unterrichtet und auf den Weg der Liebe zum Volk geleitet werden. Die Mitwirkung des jüdischen Intellektuellen ist gerade für den Aufbau Palästinas so wichtig, daß sie den Innigsten Zusammenhang mit dem Judentum heute mehr als je suchen müssen. Diesen Aufgaben gerecht zu werden, wird die Zeitschrift in weiterer Ausgestaltung

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