Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 13 (1919)
- Issue
- 27 (4.7.1919)
- Date
- 1919-07-04
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Hr. 27 JÜDISCHE ZEITUNG Seite & •sie bitten, nicht zu gestatten, daß der Statut der polnischen Republik toter Buchstabe bleibt, sobald es sich darum handelt, dasselbe auf die Juden anzuwenden. derer Ehre, derer Leben und derer Gut in ständiger Gefahr schweben. Wir wenden' uns besonders an Sie, Herr Gesandter, den Vertreter Frankreichs, welches der Welt die unauslöschlichen Menschen und Bürgerrechte gegeben . hat. setzen wir unser Vertrauen. Seien Sie der Dolmetsch unseres bewegten und feierlichen Protestes bei Ihrer Regierung und wollen Sie den Staatsmännern, welche in Versailles als Weltgerlchtshof tagen, den Schmerzens- und Angstschrei übermitteln, der aus allen Ecken Polens zu uns dringt und in unserem Herzen ein schmerzliches Echo findet. Wir. deren Pflicht es ist. unsere unglücklichen Brüder zu verteidigen, bekunden unseren Wunsch, die Entente möge nicht die Ausrot- . tung eines 4 Millionen Volkes dulden und; „ möge dem vergesslichen Polen in Erinnerung bringen. daß iüdisches Blut, das so reichlich auf allen Schlachtfeldern vergossen wurde, auch zum. Nutzen und für die Befreiung des sterbenden Polens geflossen ist._ Eine neue englische Erklärung Das Bureau der «Zionistischen Organisation" in London veröffentlicht eine Broschüre «Erklärungen der Sympathie mit den zionistischen Bestrebungen**. Dieselbe enthält die Namen aller Mitglieder des Ministeriums, des 'Parlaments und anderer hervorragender Persönlichkeiten.-die sich durch Unterzeichnung der nachstehenden Erklärung für den Zionismus ausgesprochen haben. Die Erklärung hat folgenden Wortlaut: „Unter allen nationalen Forderungen, die befriedigt werden müssen, wenn die Welt einen dauernden Frieden haben soll, verdient keine mehr Sympathie und Unterstützung aller rechtlich .denkenden Menschen als die Forderung des jüdischen Volkes, sein nationa-. Ies Leben ln Palästina wieder aufzubauen. Während 20 . Jahrhunderten des Exils haben die Juden niemals die Hoffnung auf die Rückkehr in ihr historisches Heimatland verloren. mit welchem der beste Teil ihrer; Besonderen Kultur und ihrer Hoffnung verknüpft IsL Das ihnen zugefügte nationale Unrecht ist sicherlich das älteste, und bei dessen Berichtigung wird die Menschheit gleichzeitig mit «iner Tat der einfachen Gerechtigkeit eine Saat - von - unberechenbarer Verheißung fürr die Zukunit säen. Politisch wird die Wied e r b e s'i e d 1 umg ‘ Palästinas durch die Juden und seine Entwicklung zu einem jüdischen Gemeinwesen einen notwendigen Faktor von Stabi- - Li tat und geordnetem Fortschritt in das Leben des nahen Ostens bringen. Nicht weniger wich- ‘ tig für die höchsten Interessen der Menschheit ist unserer Ansicht nach der Gewinn, den das - menschliche Bewußtsein und die sozialen Ideale von der freien Entfaltung des 1 ü d i - sehen Genius in seiner nationalen Stätte zu ziehen hoffen dürfen. Die Großmächte, die sich ..in dem Krieg für Gerechtigkeit und Freiheit vereinigt haben, haben versprochen.- die Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina zu erleichtern. .Wir sind überzeugt, daß dieses Versprechen voll und unzweideutig verwirk 1 icht werden muß. wenn die Ordnung der Welt den Idealen der Alliierten und der Vereinigten Staaten entsprechen soll.“ Die jüdische Erziehungsfrage in Amerika Die Londoner „Zionist Review“ - - schreibt in-ihrer Juninununer: Nur wenige Europäer, die nicht in New-York gelebt haben, das in dieser Beziehung typisch für - ganz Amerika ist. können verstehen, wie anarchisch das jüdische Lehen ums Jahr 1906 war. Zebntausende von Juden kamen jährlich an. und diese Zähl schwoll bald auf hunderttausend an. Und so. gering war die Zahl der Juden, die imstande "waren zu.helfen und diese große Schar zu dirigieren., daß das Problem der jüdischen Er- - Ziehung in Praxis vergessen oder ignoriert wurde. Trotzalledem würde niemand, der die russischen Juden wirklich kannte, ihnen das „Settlement“ angeboten haben.* selbst wenn es ein so schönes und stattliches Gebäude hatte wie die „Erziehungs-Alliance“, welche eine Art Mission .der reichen amerikanischen Juden für ihre ärmeren und unerfahreneren Brüder darstellt Diese „Siedlung" und der Unterricht im Englischen war alles; Was dem Einwanderer-: und seinen Kindern geboten wurde. Das Ideal dieser Zeit war es immer., ihn zu einem guten Amerikaner zu machen. Unterdessen kehrte sieb der Neuankömmling von den alten Traditionen ab. und dä er in eine neue gesunde Umgebung nicht e'ngeführt war. verlor er seinen Halt Der Existenzkampf War hart, und r die rauhe amerikanische Atmosphäre predigte als - Ideal den Erwerb von Vermögen. Wetin er dann «in self-made-man wurde.; ein Wesene. das ‘von ■ äielii1 amerikanischen Politikern ' belobt wurde. war er geneigt die Notwendigkeiten der Erziehung für sich und seine Kinder zu vergessen. Trotzdem konnte die alte Vorliebe fürs Lernen nicht ganz in ihm unterdrückt werden- und wie man erwarten konnte — das Cheder-Svstem kam zu neuer Blüte. Aber — und das ist das Wesentlichste des Problems — weder Chedarim noch Synagogen konnten mehr als eine -armselige jüdische Erziehung für mehr als 10 Prozent der Juden bieten. Ein Versuch, die Schwierigkeiten dieses Problems zu überwinden, wurde von Dr. Judah L. Magnes unternommen und mit der begeisterten Unterstützung des Direktors des Frziehungswesens der New-Yorker jüdischen Gemeinde. Dr. Benderleyl wurde eine Anzahl von Lehrern ausgebildet und so auf tausende von Kindern eingewirkt. Aber diese ersprießliche Ar- _ beit hat sich nicht so schnell entwickelt, wie man : gehofft hatte, und es bleibt wahr, daß in Amerika die jungen Juden bisher nicht einmal begonnen . haben, eine jüdische Erziehung zu erhalten. So kam es. daß jede Vereinigung junger Juden und junger Zionisten genötigt war. sich um die Erlan- . gütig der elementarsten jüdischen Bildung zu bemühen. Die „Akademische Zionistische Vereinigung“ fand ebenfalls, daß ihre Arbeit, unter dem allgemeinen Mangel einer Jüdischen Erziehung des | amerikanisierten Studenten^ litt. Das Erzkehungsdepartement der Zionistischen Organisation von Amerika wurde hauptsächlich gegründet, um * der amerikanischen Judenbeit eine zionistische Erziehung zu geben. Aber da dies bei Menschen unmöglich ist. denen es an-jüdischen Kenntnissen fehlt, ist es gezwungen, die gesamte jüdische Ausbildung zu übernehmen. Es Ist eine_ gewaltige, fast überwältigende Aufgabe: Pläne für den Bau von tausenden von Schulen müssen entworfen, zehntausende von Lehrern ausgebildet. Millionen jährlich ausgegeben werden. Dies alles muß geschehen. wenn Judentum uiid Zionismus eine Zukunft in Amerika haben sollen. Hechaluz Von Viktor Cb. AriosorolL Wir entnehmen nachstehenden - Aufsatz der vorzüglichen Berliner Zeitschrift „Die Arbeit**. Nicht alle Blütenträume, die man beute bei uns träumt, werden reifen. Sicherlich nicht. Nicht alies das, was man heute an Annahmen, an Voraussetzungen, an Begründungen und an Hoffnungen zusammenträgt, das neue Leben des Volkes in seinem Lande sich zu malen, wird Wirklichkeit 'werden- Zu viele Fäden wirren sich in den Händen des Schicksals ineinander. Zu viele der unwägbaren Dinge, die unvorberzusethenden Ereignisse herrschen-im. Menschenleben. Eines aber ist ebenso sicher: daß'noch keine Stunde so entscheidend war und eine so große Verantwortung in sich trug wie die heutige. Generationszehnte sind in das Meer des Jüdischen Volkes geflossen, seit so große Tat von ihm gefordert wurde. Niemand weiß, ob Generationszehnte noch sein werden, wenn das Heute und seine Forderung ein kleines Geschlecht findet Nicht mehr mit den Maßstäben können wir das Volk messen und unsere Arbeit im Lande, die wir vor dem Weltkriege an beide gelegt haben. Das war unser Schaffen im Lande, Schaffen" Einzelner, die dee Sehnsucht nach freem, menschenwürdigem Leben so stark gepackt hatte, daß es sie nicht länger mehr hier «hielt. Einzelner, die ihr Schicksal so wild umhergeschleudert hatte, daß sie. in ihrem Ideal und in Palästina Hafen und Ruhe suchten. Einzelner, deren Tatkraft immer Erfüllung des Gedankens fordert. Und einzelner, ganz einzelner, die überhaupt das Neue lockte. Sie gingen hin ohne Vor- ' bereitungen, ohne zu wissen, ohne zu ahnen, was das Land brauchte, wie es sie brauchte, und was sie im Lande brauchten. Deshalb gingen Tausende hin-und Hunderte blieben nur. Aber die vier Kriegsiahre haben uns die Entwicklung von vier Jahrzehnten gebracht. Auf der einen Seite die große Wandlung, die sich im Volke, in den breiten Massen des Volkes vollzogen hat. Ueberali, wo es auf der Welt noch indisches- Volk gibt. Nicht mehr die wenigen Träumer, die Idealisten von reinstem Wasser, die Studenten, die hebräischen Lehrer, „echad o schnajim ba ift assara ba medina“. die vorher den Zionismus trugen. Heute hat er längst den ' engen Rahmen* gesprengt und ist die Volksbe- ■ wegung geworden, die es ihr modernen Judentum gibt. Der Jüdische Kongreß in Amerika, die Wahlen zur jüdischen Nationalversammlung und zur Konstituante in Rußland, das Palästinareferendum in Polen, die Zusammensetzung der demokratischen Gemeinden in der Ukraine, tausend \ ändere Tatsachen sind dafür Beweis. Hente steht nicht nur die national-idealistische Intelligenz auf seiten des Zionismus; sondern vor allem große erhebliche Teile des Volkes, der schaffenden, der arbeitenden Massen, die von jeher die Quellen . unserer nationalen Kraft gewesen sind, scharen sich um seine Fahnen. Auf der anderen Seite ist Palästina als un- . ser Land nicht mehr eine Illusion, sondern ist auf - und daran, wirklichste Wirklichkeit zu werden. Die politische Konstellation .einerseits, die Anerkennung des. historischen Rechtes des jüdischen Volkes, auf Palästina anderseits deuten -iarauf hin, daß das Land in irgendeiner Form unser wird. Der. Aufbau des altneuen Volkes in seinem altneucn Lande, dieser gewaltige Kämpf, -.das große Werk steht.vor uns und fordert seine großen. Forderungen. - Nicht. ,aäle ., Blütenträume werden reifen — aber wahrer als. ie Ist unseres Führers führendstes Wort: „Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen 1“ Nicht mehr auf den Willen Einzelner, auf den Willen des Volkes ist jetzt das Werk seiner Erlösung gestellt. Ein jjaum zu hemmender Strom, dessen Quellen die bewußte Entscheidung und zugleich die tiefe Not in den Massen sind und der durch Staudamm und Deich der Einwanderungs-,. verböte in ein Strombett gefesselt wird, flutet schon in dieser Stunde auf Palästina an. Nachdem sich die außenpolitischen Siege dies Zionismus aui der Amsterdamer und der Parser Konferenz eingestellt haben, werden auch alle die Schranken lallen, die bisher eine Kolonisation auf der breitestmöglichen Grundlage hinderten. Die zionistische Kolonisation wird — nicht aus Erwägungen und Berechnungen, sondern aus Naturnotwendigkeit — Volkskolouisation größten Stils. Volkskoionisation mit allen ihren Vorzügen und all ihren Gefahren. Und gerade deshalb müssen aus dem Volke heraus, und gerade aus den Schichten des arbeitenden Volkes, heraus, die Kräfte geboren werden, (he in friedlicher Eroberung., mit Hacke und .Karst, mit Pflug und Spates uns die Heimat sichern. Keine diplomatischen Verträge, keine Deklarationen können7 uns. das Land zurückgeben, das wir zwei Jahrtausende hindurch entbehrt haben. Kein. Kapital, das, die Erde kauft in noch so vielen tausend Dunums, kann sie erlösen. Die. die das gelehrt und das geglaubt haben, sind irregeleitet oder wollen irreleiten. Nur des jüdischen Volkes eigene schaffende Arbeit, nur der geeinigte Wille der jüdischen produktiven Klassen, kann dem Volk und dem Land geben, was beide brauchen. Die Zeit, die unmittelbar auf den Friedens- Schluß iolgt, wird von uns eine Armee fordern Wenn alle , anderen Völker ihren blutigen Mordkampf der Erde gekämpft haben, beginnt des jüdischen Volkes fruchtbarer Arbeitskampf. Und jeder Kampf braucht eine Armee. Die erwachende jüdische Nation braucht eine starke Bewegung, die alte jungen, arbeitsfrohen und arbeitswilligen Energien in sich konzentrierend, bis ins letzte gut durchdiszipUniert bereit sein soll, den Anordnungen der Aufbauorganisation gemäß, vor der einsetzenden Massenwanderung ins Land, vorzustoßen, um so zugleich die ersten gesunden Kleinzellen der werdenden Siedlung zu bilden, das Land mit den Arbeitskräften zu versorgen, <He seine Okkupation, die Vorbereitung, die zur Kolonisation notwendig ist, und die Siedlung in ihre Hand nehmen können. Das ist de „Hechaluz‘‘-Bewegung. Schwer genug sind schon die Jahre des Krieges für uns gewesen, die für uns Jahre des Wartens bedeuteten. Nicht nur. daß wir überhaupt nicht mehr das tatlose Warten ertragen konnten und es uns in allen Gliedern zuckte, schon letzt irgendwie unser Wissen, unser Können und Schaffen in den Dienst des neuen Lebens zu stellen. Vor allem erfaßten und begreifen wir die ungeheuren Aufgaben, die gerade jetzt der „Hechaluzbewegung“ harren, ln der ungeheuren komplizierten Maschine des Volksauibaues, an-sich schon einem Wunderwerk der Organisierung und der Entfaltung der Produktivkräfte, muß sie das starke Schwungrad sein. Und so ist mit ihrer Organisierung begonnen worden. Schon in den ersten Kriegsjahren drang zu uns die Kunde von den ersten Versuchen, die zur Bildung der zionistischen Pioniergruppen aufriefen. Wir hörten, wie gerade die palästinensischen Arbeiterführer, die zufällig in Amerika weilten, sich an die Spitze der rasch aufblühenden Bewegung stellten. Wir hörten, weiches Echo der Aufruf zum „Hechaluz“ unter den Juden Amerikas erweckte und wir erfahren bewundernd, wie gerade die leidenschaftliche Anteilnahme und die intensive Tatkraft der jüdischen arbeitenden Massen das Werk förderte. Und Amerika blieb führend — bis zur russischen Revolution. Daß sich in Rußland allerorten, in allen Städten und Städtchen, wo zionistische Gruppen bestanden, Kräite regten, die der Untätigkeit des Versammlungszionismus, des Phrasennationalismus überdrüssig, eine radikale Lösung des zionistischen Problems forderten und zur Ueberführung großer Arbeitsgruppen ins Land drängten, war bekannt Waren doch gerade aus Rußland die meisten derer ins Land geströmt die überhaupt kamen. Aber wir selbst hatten wohl kaum geglaubt, daß die Bewegung die Formen annehmen würde; die sie nach der großen Umwälzung überall angenommen hat. Ueberali entstanden „Hechaluz“-Gruppen, vor allem die „Zeire-Zion“- Organisation scharte um sich immer mehr Kräfte, große „Hechaluz"-Verbände wurden gegründet; die die Arbeit der Einzelgruppen überwachten und einheitlich organisierte. Konferenzen wurden etaberufen, die die Arbeitsprogramme und die schwebenden Tagesfragen regelten. Und außerhalb Rußlands — im abgeschmttenen Polen, selbst unter den Westluden, in Deutschland, in Holland, m Oesterreich macht sich dieselbe Strömung bemerkbar. Die heutige Phase des Zionismus muß unter der Parole „Hechaluz“ stehen. Und wenn auch wir daran gehen, an allen Orten, wo unser Ruf die Herzen der kämpfenden jüdischen Jugend trifft unter dem Namen des „Hapoel Ha2air“ dem Strom der „Hechaluz“- Bewegung neue starke Weilen zuzuf&hren. wen» auch wir sie heute aufrufen. die Fahne der jüdischen Arbeiter-Pioniere hoch und in Ehren zn . halten und höher und höher zu erheben, so haben wir nun Antwort zu geben auf drei Fragen: Welches sind die Anforderungen, diewir an den ChaJuz stellen? Welcher Art ist seine Vorbereitung? Und welche besonderen Aufgaben erwachsen dem Chatas als . „Hapoel-Hazair“? ...... «Scfclnt talct} . W,