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Jüdische Zeitung · 1919-07-04 · 27 (4.7.1919) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
13 (1919)
Issue
27 (4.7.1919)
Date
1919-07-04
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 27 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 aiis lausend theoretischen zionistischen Agitations- ' reden über Kulturpolitik, denen das fehlt, worauf der jugendliche Mensch vor allem wartet: Geist. Man wird mich nicht so verstehen, als ob ich etwa dagegen plaidierte, daß die Jugend hebräisch, jüdische Geschichte etc. lernt. Aber ich wende mich dagegen, daß man propagiert, dieses Studium müsse auf Kosten des Menschlichen gehen und dadurch wieder der Jugend einen Vorwand bietet, sich ihrer Verpflichtung zu menschlicher Höherbildung zu entziehen. Denn das ..Kulturopfer“, das Margulies verlangt. bringt eine gewisse Art Jugend nur gar zu gern. Die andere Jugend aber, die eine solche Zumutung als Beleidigung empfindet, wird sich von der Partei, die solche Erziehungsgrundsätze hat. abwenden. Wir dürfen im Gegenteil nicht ein Minus, sondern ein Plus an menschlicher Kultur verlangen. Die zionisti/sche Jugend ist trotz zwanzigjähriger zionistischer Erziehungsarbe-t nicht jüdischer geworden. Da wird auch keine Intensivierung der Erziehungspolitik helfen, denn der Weg ist ein grundsätzlich falscher. Erst in jüngerer Zeit wurde ein neuer Weg gesucht, und zwar von der jüdischen Jugend selbst, die die Unzulänglichkeit und -Unerträglichkeit dieses ihre Eigenart und ihre besten Kräfte zerstörenden Systems erkannte. Die Jugend kam allmählich zum Bewußtsein, daß anstelle der assimilatorischen Lüge die nationalistische Lüge getreten war und sie suchte nach wahrhaften Le-, bensformen, die ihrem Wesen und ihren Vorstellungen von höheren Werten, ihrer Sehnsucht ■ach Ganzheit und Aufrichtigkeit eher entsprachen. So entstand auch in der jüdischnationalen Bewegung eine „Jugendbewegung“, die sicher «icht von der deutschen Jugendbewegung unbeeinflußt, aber doch von der zionistischen Bewußtsgjnskomponente entscheidend gestaltet war, und zunächst in den Jugendbünden, Wanderbünden etc. einen erst noch verschwommenen, nicht immer und in allen Einzelheiten angemessenen Ausdruck fand. Es waren tastende Versuche, voll Irrtümem,- Fehlern, Unsicherheit, Ungestüm, Leidenschaft, aber es war ein prinzipiell richtiger 'Grundgedanke. Das große Verdienst Siegfried Bernfelds ist, diesen Grundgedanken zur Basis der gesamten zionistischen Jugendbewegung gemacht zu haben. Man muß nicht mit allen Aeußerongen Bernfelds einverstanden’ sein, speziell in seinem letzten Artikel, aber man darf — gerade vom Standpunkt der Partei — nicht übersehen, daß dies der erste Versuch ist, di.e völlig zusammeagebrochene zionistische Jugendpoltiik von Grund auf zu erneuern. Diese neuen Wege geben manche Hoffnungen; Erfahrungen haben wir ■och nicht; aber die eine Erfahrung haben wir sicher, daß der alte Weg nicht der rechte war. Wir'Juden sind eben, so gern dies Margulies ^leugnet, * ein-; unvergleichbarer- Ausnahmsfall. -Für uns ist Nationalismus in noch' weit höherem Maß als bei andern abhängig vom Menschentum. Wenn es nicht gelingt, die Jugend zu rechten Menschen zu machen, dann wird ihr Nationalismus ms Leere greifen. ' — Ich bin überzeugt, daß gerade aus der Beschäftigung mit den Werken jüdischer Geister dem jungen Juden eine entscheidende menschliche Bereicherung kommen muß, wenn er dafür empfänglich ist- Und ebenso notwendig ist es, daß.ihm die Bekanntschaft dieser 'Werke so bald und ausgiebig als möglich vermittelt wird, — allerdings in entsprechender Darstellung. Aber einen Gegensatz zwischen dieser Selbstverständlichkeit eines nationalen Erzlehungsprogrammes und den menschlich unerläßlichen Forderungen zu erfinden, scheint mir absurd und verhängnisvoll für die Partef. Darum habe ich, lange nicht erschöpfend, sondern nur bedeutungsweise, Margulies öffentlich widersprochen. Die Wiener nassenMgebong gegen Oie Pogrome Die ProtestverSammlung gegen die Pogrome in Polen und der Ukraina, welche der Jüdische Hochschulausschuß für den 29. Juni ins Konzerthaus einberufen hatte, war nicht nur eine machtvolleKundgebung der Wiener Judenschaft, sie legte auch den festen Willen der Juden an den^Tag, daß die Juden im Kampfe um ihre Zielei'im Kampfe um ihr Recht nicht erlahmen werden, möge kommen, was da wolle. Alle Säle des Konzerthauses waren überfüllt und Hunderte, die keinen Einlaß mehr finden konnten, harrten bis zum Schlüsse der Versammlungen vor dem Hause aus. Die Darlegungen der Redner machten auf die Erschienenen tiefen Eindruck, nach den Ausführungen der Herren Oberrabbiner Dr. C h a j e s, Dr. Mandl und Abg. Stricker durchbrauste minutenlanger stürmischer Beifall den Saal. Nach Eröffnung und Begrüßung der Versammlung durch med. Lilienfeld namens des Jüdischen Hochschulausschusses führte Oberrabbiner Dr. Chafes im w-esentlichen Folgendes, aus: Schweren Herzens habe ich mich entschlossen, heute hier vor*der Versammlung zu sprechen. Das Blut unserer Brüder fließt in Strömen und wir sollen reden, nichts als reden? Der Schmerz der Millionen unterdrückten Juden ist mir zu h e il i g, um zu Demonstrationen und Redeübungen verwendet zu werden! Wenn gesprochen werden soll, und wenn die Reden Erfolg haben sollen, so müßten die anderen sprechen, die Nichtjuden. Wo sind denn die Freisinnigen? Wo sind die sozialdemokratischen Führer? Weswegen warten sie auf unseren Ruf, auf unsere Einladung? Warum kommen sie nicht spontan und schreien ihre Entrüstung in die Welt hinaus? Denn nicht um uns handelt es sich, es handelt sich um die ganzeMensc hheit, um die Zukunft der Kultur! Soll denn Oesterreich auch bei diesem Anlasse den 1 e t z t e n Platz in der Welt einnehmen? Wo immer Sie hinblicken mögen, in Frankreich, das mit den Polen durch dick und dünn geht, finden Versammlungen statt gegen die polnischen Misses taten, imd Frankreichs führende Geister, wie AnatoIeFrance und andere mit ihm erheben ihre Stimmen gegen die Qual und gfegen die Bedrückung der Millionen von Juden. In England haben große Protestversammlungen stattgefunden, führende Männer des öffentlichen Lebens, Kirchenfürsten, Schriftsteller, Gelehrte und Künstler, Katholiken, nicht Juden haben sich versammelt, um ihre Stimmen zu erheben gegen die Not der Juden. In Holland und Belgien, in Schweden und in der Schweiz, überall, wohin man schaut, sind es Ni’chtjuden. die begreifen, daß es um das Schicksal der ganzen Menschheit geht und nicht um das Schicksal der . Juden. Warum schweigen die freiheitlichen Menschen Wiens? Seit einiger Zeit kommen mir fast täglich Nachrichten zu, daß es auch in Wien unverantwortliche Menschen gibt, die an einen Pogrom denken, dieMa meinen, ein Pogrömchen wäre ein Mittel, um die Gefahr des Bolschewismus zu bannen. Ich möchte von hier aus dagegen meine warnende Stimme erheben: Ein Po gr om in Wien wäre keine Heilung des Bolschewismus. Die Gefahren, die man abwehren will, dieselben Ge fahren würden Wiens Bevölkerung, und zwar nicht nur die jüdische, sondern und in noch höherem Maße die nichtjüdische Bevölkerung treffen, wenn die Männer, welche heute die Macht haben, es auch nur zu den kleinsten Exzessen kommen lassen würden und deshalb hoffe ich, daß diese Männer, sich ihrer Verantwortung bewußt, es nicht werden dazu kommen lassen. ' Ansprüche und - Palästina offiziell anerkennen wird. Damit ist das Ziel erreicht, das Herzls Sehnsucht und Leidenschaft vergeblich zu erringen trachtete: die Anerkennung der zionistischen Forderungen durch die Großmächte, die Förderung der monistischen Arbeit durch die Regierung, deren Obhut Palästina anvertraut werden soll. Es ist angesichts der Bewegung von knapp zwei Jahrzehnten ein vollkommener Triumph, wie ihn so nah und rein siclf der feurigste Zionist nicht hätte träumen lassen. Die 5 Bahn wird frei zur Arbeit an dem Aufbau des jüdischen Palästina, zur Arbeit an der Neuformuhg des jüdischen Volkes.“ Die weiteren Ausführungen Prof. Dr. Kochs liegt hauptsächlich die neueste Publikation Richard Lichtheims „Der Aufbau des jüdischen Palästina“ zugrunde. Dr. Arnold Friedmann. Ein talmudisches Kapitalwerk. Der bekannte Talmudgelehrte und hebräische Schriftsteller Dr. Ch. Ts eher no witz hat soeben mit der - Herausgabe eines talmudischen Kapitalwerkes begonnen. Das Werk heißt Kizur Hatalmud und ist eine kurze Wiedergabe des Talmuds mit einem wissenschaftlichen Kommentar, um das Talmud-Studium im Judentum zu seiner früheren Popularität zurückzuführen. Der' gekürzte Talmud bezweckt nicht eine Einschränkung seines*Inhaltes, sondern, die Erleichterung, seines 'Studiums und die leichtere Verbreitung seiner Schätze. Der Kommentar, der dem Werke, angeschlossen ist, hat die bekannten talmudischen Kommentare zur Grundlage. Im Prospekt des Verlegers M. Roubine, Lausanne (1 Rue Piichard) heißt es: „Der Kizur Hatalmud soll ein Volksbuch werdep und soll 'Eingang finden, sowohl in den Familien wie in den Schulen. Er eröffnet allen Suchenden die Quellen des großen Buches, das nicht mehr ein verschlossenes Bach sein soll, in dem sich nur Einzelne und Auserwählte zurecht finden, sondern Gemeingut des ganzen Volkes werden soll. Jeder, der lernen will, komme und lerne. Der Kizur Hatalmud bringt das verlorene Gut zurück. Der Talmud kam vom Volke und soll zum Volke zurückkehren“. Bis jetzt ist nur der erste Teil erschienen, enthaltend Berachoth, Rosch-Haschanah und Joma. Der Preis des ersten Teiles beträgt 15 Frs. Eine neue hebräische Monatsschrift. Demnächst beginnt in New York eine große hebräische Monatsschrift „Miklat" Im Verlage Styb e 1, dessen Begründer sich gegenwärtig in New Yorkt befindet, zu erscheinen. Mit der literarischen Leitung der Zeitschrift ist der hebräische Schriftsteller I. D Berkowitsch beauftragt. Die Zeitschrift, die „der Kunst“ gewidmet sein wird, hat die Aufgabe, eine Sammeistelle für alle die gegenwärtig überall zerstreuten hebräischer. Schriftsteller zu schaffen und insbesondere für das Wachstum einer hebräischen Literatur irr Amerika zu sorgen. Für den ersten Jahrgang des .Miklat“ sind angekündigt ein großer lyrischer Epos .Der Waldgeist“ (Jaarit) und ein Roman in drei Teileu „Wändenähre", beide von S. Schneur. Kritische Betrachtungen von Bar-Towia. biboikritische Studien von Dr S. Bernfeld und e*n Roman von einem hingen Dichter aus Jerusalem. David Kirne hi, ..Bodenlos“ (Al Blima). Das erste Heft seilte bereits im Siwan erscheinen. Zusammen mit dem Veriagsstifter Stybel weilt gegenwärtig in New York auch der Dichter S. Schneur. dem das hebräische Publikum in New York einen feierlichen Empfang veranstaltete. « Der Redner bespricht sodann die seinerzeitigea russischen und ukrainischen Pogrome, die nicht der Ausbruch des Volks wiliens waren, die vielmehr auf die Unfähigkeit der Regierungskreise und auf die Verhetzung der Massen zurückzuführen sind, die ohne Verhetzung mit den Juden im besten Einvernehmen leben würden. Anders stehe die Sache bei den jetzigen Pogromen in Polen, wo wir es mit einer vorbereiteten, planmäßigen, gewollten Judenverfolgung zu tim haben, die von den obersten bis zu den untersten Stellen v Unterstützung findet. Dabei behaupten die Polen, daß sie die westliche Kultur vertreten und Herr P a d e r e w s k i tut in seinem Briefe an Wilson sehr entrüstet, daß man Polen so schwere Beschuldigungen auflädt. Nicht Pogrome, Hungerkrawalle sind und waren es, so schreibt er, die die ganze Menschheit aufrüttelten. Ja! Himgerkrawalle, die sich darin zeigen, daß man in die Tempel eindringt und die Anwesenden ermordet, auf Eisenbahnen den Juden die Bärte abschneidet, wobei ganze Fetzen Haut und Fleisch mitgehen, Hungerkrawalle, bei welchen man die Lebensmittelgeschäfte der Nichtjuden unversehrt läßt, aber jüdische Uhrmächerläden plündert Redner weist sodann darauf lim, daß er schon den gewesenen Kaiser Karl auf die Gefahren, die den Juden drohen, aufmerksam gemacht habe, daß er schon zur Zeit der deutschen Okkupation Polens von der Beschuldigung, daß die Juden deutsche Agenten seien, vielfach gehört habe und auch Nachrichten von dem Schicksale erhielt das die Juden im Falle des Rückzuges der Deutschen aus Polen bedroht Ein Pogrom sollte ausbrechen, wie ihn die Welt noch nie gesehen, weü die Juden mit den Deutschen gegangen sind. Redner weist auf die Unrichtigkeit dieser Behauptung und demgegenüber auf die Tatsache hin, daß die Jüdischnationalen in Polen die einzigen waren, die während des Krieges neutral geblieben sind, daß sie es waren, die sich gegen eine deutsche Politik in Polen aussprachen und nicht wollten, daß ein deutscher Einschlag die jüdische Politik beherrsche. Dieselben Herren, die jetzt gegen Deutschland losziehen, haben ihren Staat aus den Händen der Deutschen entgegengenommen Den Juden könne man höchstens vorwerfen, daß sie mit den Deutschen gelebt haben, daß sie aber gehetzt haben, sei eine Unwahrheit, was schon daraus hervorgehe, daß die Nationaljuden den Polenstaat vorbehaltlos anerkannt haben. Auch den Vorwurf, den man den Juden macht, daß sie Bolschewiken seien, widerlegte Redner, indem er darauf hinwies, daß die großen orthodoxen Massen in Polen und Rußland das konservativste Element sind, das man sich denken kann. Daß es Bolschewiken sind, die in die Sy.nagogen gehen und dort abgeschlachtet werden, daß dieFrauenund Kinder, die in die Bethäuser gesperrt und verbrannt werden, daß die Juden, die man m Pinsk hingemeuchelt hat, als sie eben im Begriffe waren, die eingelangten amerikanischen Lebensmittel zu verteilen, Bolschewiken sind, das können die Herren Paderewski und Pilsudski nur Herrn Cleinene eau einreden. Wenn die Polen daraul hinweisen, daß sie die Juden immer gut behandelt haben, so müsse demgegenüber festgestellt werden, daß dies so lange der Fall war, als die Juden nicht mit den Polen, sondern neben den Polen, im Ghetto, lebten. Jetzt aber, wo es sich um die Gleichberechtigung handelt, bricht der elementare Haß der Polen gegen die Juden aus. Auch die freisinnigen Polen sind dagegen, daß den Juden gleiches Recht werde und deshalb ist die jüdische Sache eine solche, die vor . der großen Oeffentlichkeit verhandelt werden muß. Die Juden haben durch 4000 Jahre ihr Blut für ihre Ideale vergossen. Kein Volk der Welt, nur das jüdische, hat durch vier Jahrtausende nur für seine Ideale gekämpft und geopfert und Ist zu opfern noch Immer bereit. Redner schloß: Die heutige Versammlung soll nicht einfach eine Protestversammltmg sein? Es handelt'sich hier um eine Frage des Gewissens der ganzen Welt. Das europäische Gewissen hat manche Augenblicke des Erwachens, - wenn es aber nicht immer und immer wieder wachgehalten wird, so s c h 1 ä f t es ein. Wir wollen deshalb hämmern an die verrammelten Tore des europäischen Gewissens und wollen ihm znrufen: Schlafe nicht ein. bleibe wach, denn die Zukunft der Menschheit ist in Gefahr! (Stürmischer, langanhaltender Beifall.) Der Gesandte der Ukrainischen Republik Ritter von Wassilko * erbat sich das Wort zu folgender Erklärung: Es ist gewiß nicht gewöhnlich, daß der offizielle Vertreter eines auswärtigen Staates in einer öffentlichen Versammlung das Wort ergreift, es ist aber auch heute kein gewöhnlicher, es ist ein schrecklicher Anlaß und deshalb müssen die konventionellen Schranken fallen, damit die kompetenten Faktoren, die diese furchtbaren Ereignisse angehen, Rede und Antwort stehen. Von diesem Gesichtspunkte bin ich heute hier als Vertreter beider ukrainischer.Regienmgen erschienen. Redner betonte, daß schon die Ankündigung der Versammlung: Stellungnahme zu den Pogromen m Polen und der Ukraina ieden Ukrainer mit Schmer? erfüllen. daß »es ihn beleidigen mußte, Im Zusammenhänge mit Pogromen auch nur genannt

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