Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 13 (1919)
- Issue
- 26 (27.6.1919)
- Date
- 1919-06-27
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 26 JÜDISCHE 2E1TUN0 Säte dem hebräischen Schulwerk angegliedert würden. Aut Veranlassung der Kommission übernahm der Waad Hachänuch die Schulen und führte das bestehende hebräische Schulprogramm dort ein. Bisher standen diese Schulen außerhalb des zionistischen Schulwerks — genau wie die Alliance- Schulen und die Eveline de Rothschild-Schule — ■nd hinderten die Vereinheitlichung des Untervichtswesens. Diese wird daher durch die Uebernahme Erheblich gefördert. Unterrichtswesen und kultuer'elle Arbeit beanspruchen beinahe 34,5 % vom Totalbetrage der Ausgaben. Es muß betont werden, daß ein Betrag; von 8000 Lst. monatlich oder mehr erforderlich sein wird, um das Schulwerk in Palästina im taufenden Jahre aufrecht zu erhalten. Die Steigerung im Verhältnis zum vorigen Jahre ist verschiedenen Umständen zuzuschreiben: erstens, daß im vorigen Jahre die Kommission nur einen Teil der Ausgaben deckte; zweitens sind die Gehälter infolge der Teuerung um 75% erhöht worden, und endlich ist die Zahl der betreffenden Schulen durch die Eröffnung neuer Sehnen und die oben erwähnte Uebernahme erheblich vergrößert worden. Für 30 Stunden Unterricht per Woche erhalten examinierte Lehrer 10 Lst;, unexaminierte 8 Lst. per Monat. Lehrer mit einem akademischen .Grade erhalten 15 Lst. für 24 Woclienstimden. Nach zweijährigem Dienst erfolgt eine Steigerung von 25%,. nach fünf Jahren eine Steigerung von 40%. - Eine typische und erfreuliche Tatsache war "das erfolgreiche Bemühen dos Waad Hachiniich, die Schulen der orthodoxen Gemeinschaft unter seine Leitung und Aufsicht zu bekommen. Zusammen mit einem Aufsichtsrate der orthodoxen Gemeinschaft übernahm der Waad die Tachkemoni-Schule und Kindergarten in J affa, die kemonii-Sohule und den Kindergarten in Jaffa, die lind Ekron. Die Jahresbudgets dieser Schulen betragen zusammen 7,185 Lst. Ferner wurden übernommen die folgenden orthodoxen Schuen in Jerusalem: die Neue Jeschiba, sechs Talmud Thorahs, Tachkemoni und der orthodoxe Kindeigarten mit einem Jahresbudget von zusammen Lst. 8,258. Auch die Uebernahme der, Kolonistenschulen durch den Waad. deren Jahresbudget 2.184 Lst. beträgt und in künftigen Jahren sicher noch steigen wird; bedeutet einen wichtigen Schritt zur Vereinheitlichung des Schulwerks. Die Zähl der von dem Waad geleiteten, bezw. beaufsichtigten Schulen beträgt letzt 91 mit 291 Klassen, 9284 Schülern und 384 Lehrern. Diese Zahlen werden erheblich vermehrt werden, wenn alle Kolonistenschulen vom Waad. übernommen sein werden. Während des größten Teiles des Jahres 1918 waren viele Jaffaer Schulen geschlossen infolge der Evakuation. Auch waren eine große Anzahl von Schülern in Jerusalem und Jaffa eine zeitlang von ihren Eltern und Verwandten abgeschmitten und mußten daher vom Waad unterfealten werden, der für diesen Zweck 1,246 Lst verwendete. t Erst in den letzten Monaten des . Jahres wurde es möglich, mit Samaria und G aliläa in Verbindung zu kommen, so daß die auf diese Gebiete fallende Quote der Schulausgaben nur 1,004 Lst beträgt Es ist selbstvertändlich, daß die Ansprüche der beiden Landesteile im laufenden Jahre eine ganz erhebliche Vermehrung des gesamten Schulbudgets bedeuten werden. Die von der Zionistischen Kommission dem linterrichtswesen dairgebotene Hilfe ermöglichte in wenigen Monaten eine bedeutende Vermehrung der Leistungsfähigkeit der Lehrer, die Erweiterung des Arbeitsgebietes sowie die Förderung der Emheitlichkeitsbestrebungen innerhalb des Palästina-Schulwesens. Die eminente .Bedeutung des Schul werkeis in Palästina kann nicht zu oft oiid zu sehr betont werden, besonders nicht in diesem Augenblicke vor dem Einsetzen einer großen Massenemigration von Europa. Bei dem Literatur Alfred Lemm, Der Weg der Deutsch- Inden. Eine Skizzierung, Der Neue Geist. Verlag. Leipzig 1919. (Heft 13 der Schriftenreihe „Der neue Geist“.) , ' Der vor einigen Monaten an der Grippe verstorbene junge Dichter Alfred Lemm stand dem Kreise des Berliner „Jüdischen Volksheimes“ nahe. Er hat mitlstarker intellektueller Begabung die feinsten Verästelungen der Juderifrage, die sich aus der Stellung der Juden in der fremden (deutschen) Umwelt ergehenden seelischen Komplikationen empfunden und konnte" sich mit der Antwort;" die der Zionismus gibt und die ihm zu eindeutig, zu unkompliziert schien, nicht befriedigen. Schon in seinem Aufsatz in dem Jahrbuch 1918 der Aktivsten („Tätiger Geist“, erschienen im Verlag Der Neue Geist, Leipzig; auf dieses Interessante Sammelbuch sei bei dieser Gelegenheit nachdrücklich verwiesen) hat er „Von der Aufgabe der Juden in Europa“ gesprochen; er sah die Sendung der Juden darin, die durch ihr orientalisches, nach innen gerichtetes Wesen nnd ihre europäische Erfahrung entstandene geistige Synthese für Europa fruchtbar zu machen; insbesondere die neu? Religiosität, nach der die Welt heute schmachtet.' könnten die Juden Europa bringen. Von ähnlichen Voraussetzungen geht auch die vorliegende Broschüre aus; sie analysiert mät feinen! Verstand die psychische Situation des Westjuden. 4er von dem eigenen völkischen Zusammenhang losgelöst ist und sich dennoch geistig nicht in die Eigenart seiner Umgebung zu fügen vermochte. Sehr hübsch zeigt i.emm an der Sprache die Besonderheit jüdischer Art. Als diuroh Aufklärung. Kapitalismus. Rationalismus der moderne Mensch die religiöse Binbeutigen Erwachen des nationalen Bewußtseins ta allen jüdischen Zentren der Diaspora muß in Palästina das Zentrum jüdischen Lebens und jüdischer Kultur errichtet werden, so daß düe Galuthjudenheit dort eine dauernde Quelle jüdischer Impulse finden wird und in den Stand gesetzt werden kann, das Feuer jüdischen Wesens und jüdischer Tradition dauernd und unvermindert am Leben zu erhalten. Demgemäß förderte die Kommission überall und bei jeder Gelegenheit rein hebräische kulturelle Bestrebungen. Eine interessante Tatsache in der Beziehung war die Bildung eines kulturellen Ausschusses jüdischer. Arbeiter und Arbeiterinnen. Der Zweck des Ausschusses ist die Errichtung von Arbeiter-Ausbildungskursen. die»- speziell auf jüdische Landarbeiter abgesehen sind. Ein Projekt zur Bildung von Arbeiterhochschulen nach westeuropäischem Muster ist bereits erörtert worden. Man hofft, daß das Projekt, das yon höchstem kulturellen Werte ist, mit Hilfe der Kommission verwirklicht werden wird. Kommunale Organisation. Die auf diesem Konto ausgegebenen Beträge wurden kommunalen Körperschaften für bestimmte vorliegende Zwecke geleistet. Künftig werden die betreffenden Organe wohl selbst solche Ausgaben bestreiten können. Spziale und wirtschaftliche' Verbände. Die hierher gehörenden Subventionen wurden einer Anzahl von Arbeiter- und Handwerkerverbänden., die. aus Mangel an Mitteln ihre sonstige Tätigkeit nicht mehr hätten fortführen können, zur Verfügung gestellt. Landwirtschafts- und Kolonisations-Aemter. ln Verbindung mit dem Zionistischen Palästina-Amt wurde das Landwirtschafts- und Kolonisationsamt reorganisiert und ihr Tätigkeitsbereich erweitert. Die Kommission half den Kolonsten von Kfar-Saba, die vom Kriege -verursachten Schäden aufzubessern. Diese blühende Kolonie war beinahe dem Erdboden gleich gemacht worden. Das Geld wurde besonders für Reparaturen an Haus und Obstgarten verwendet Es ist versucht worden, die materiellen und geistigen Lebensverhältnisse der Yemeniten zu verbessern. Zunächst sind ihre Wohnungen durch Reparaturen und sanitäre Einrichtungen verbessert worden. Der Wald von Chedera und der. Herzlwald sind teil w e i se ■ v er n ich t e t worden, weshalb das Amt die vorbereitenden Arbeiten zu ihrer Wiederbeforstung unternommen hat — Die beiden Aemter werden sich sicherlich schnell entwickeln und von der allergrößten Bedeutung für die ganze Wirtschaft des Landes werden. , < Oeffentliche Arbeiten. Die Errichtung des Amtes für öffentliche Arbeiten ist der erste Schritt zur Verwirklichung einer großen Reihe von großen gemeinschaftlichen Arbeiten: Die Trockenlegung von Sümpfen in der Küstengegend hat eine zweifache Bedeutung, erstens die Vernichtung von Brutstätten zahlreicher epidemischer Krankheiten, zweitens die Wiedergewinnung von prachtvoll fruchtbarem Boden. Ein Rohrsystem für eine Wasserleitung wurde von den britischen Militärbehörden in Jerusalem angelegt Die Kommission veranlaßte die Verlängerung desselben in die jüdischen Vororte. Wenn diese Arbeit vollendet sein wird, werden eine Anzahl von Cisternen geschlossen und somit weitere Quellen zahlreicher Krankheiten vernichtet werden können. — Eine der für unsere Anleihe gestellten Bedingungen war, daß ausschließlich jüdische Arbeiter verwendet werden dürftea Allgemeine Administration. Hierher gehören alle Ausgaben, betreffend die Administration der jüdischen Bevölkerung in Palästina. Ein Presseburean für Propagandazwecke wurde eröffnet und erfahrene Fachleute an seine Spitze gestellt. Die Presse im Osten Ist im allgemeinen unwissend, manchmal sogar feindselig gestimmt in bezug auf zionistische Tätigkeit und Zwecke. Zur Aufklärung über diese ist das Pressebureau von unermeßlichem Werte und wird zur Entfernung etwaiger Mißverständnisse unter den nichtjüdischen Einwohnern Aegyptens und Syriens in entscheidender Weise beitragen. Die mit dem Bureau verbundenen Ausgaben werden voraussichtlich steigen, denn es ist immer noch 1 eine große Aufklärungsairbeit nötig. Die Kommission hat zusammen mit den Militärbehörden ein diszipliniertes und wohlausgebildetes jüdisches Polizeikorps geschaffen, das durch Redlichkeit, Mut, Loyalität und Disziplin zur Aufrechterhaltung des Ansehens der Judenheit in Palästina erheblich beigetragen hat. Das Budget des Zionistischen Palästina- Amtes wurde bis zur Ankunft der Kommission hauptsächlich vom Provisorischen Exekutivkomitee in Amerika bestritten. Das Amt hat eine sehr bedeutende Rolle bei der Entwicklung des neuen Jischubs gespielt. Es bildet ein Ministerium für innere Angelegenheiten und muß sich mit a'len Angelegenheiten betreffend die innere Entwicklung der jüdischen Bevölkerung in Palästina beschäftigen Es hat seine Hauptabteilungen in Jaffa. Jeiusalem und Galiläa und hat während des Krieges unter der Leitung von Dr. Jakob Thor, die vermittelnde Rolle unter der jüdsehen Bevölkerung gespielt und dabei ihre Einhett'ichkeit gefördert. Wenn die endgültige Rechenschaft für die ganze Wirtscfcaftsperiode vorliegen wird, wird sie auch das Amt und seine Tätigkeit umfassen Administrative Ausgaben, Die Erhaltung und die Tätigkeit der Kotmmission bilden den Gegenstand der hier zu erwähnenden Posten.'Man hat sich hierbei von dem Prinzip leiten lassen, daß eine so wirksame Organisation zu schaffen sei, wiq diie lokalen Umstände es ermöglichen. Die zu überwindenden Hindernisse waren zahlreich, und die Art, in der die Mitglieder der Kommission in einer Atmosphäre, die nicht immeT ruhiger produktiver Arbeit günstig war. ihre Tätigkeit fortsetzen, gereicht ihnen zu großer Ehre. Der Einkauf von drei Autos geschah auf den Rat der militärischen Behörden. Die Beförderungsgelegenheiten, besonders in der Nähe der Feuerlinie, wo die Kommission oft zu arbeiten hatte, waren so knapp vorhanden, daß die Kommission, wenn sie nicht über eigene Fuhrwerke verfügt hätte, nicht ihre Arbeit hätte vollführen können, da man die militärischen Behörden nicht für Transportz wecke in Anspnuch nehmen konnte. ♦ Wenn die Geschachte der Zionistischen Bewegung geschrieben werden soll, wird es kein wichtigeres Kapitel geben als das von der Tätigkeit de Zionistischen Kommission in Palästna. Die politische Tätigkeit derse’ben hätte allein nicht die Wunden des Jischubs heilen können. Und ohne die materielle Hilfe, die durch den Vorbereitungsfonds ermöglicht wurde, wäre die Kommission nicht imstande gewesen, die so dringliche Vorbereitungsarbeit zur Wiederherstellung jüdischen. Lebens in Palästina In Angriff zit nehmen. Poale Zion und Bolschewismus Von Adolf Böhm. (Schluß.) Wir haben gesehen, daß. soweit es sich uns die ökonomische Seite des Zionismus handelt, aus dem Programm der russischen, bolschewistischen Poale Zion folgender — allerdings nicht ganz klar eindeutig herausgearbeiteter — Gedankengang za. entnehmen ist: der. Bolschewismus zerstört die jüdische Wissenschaft gründlicher, als die nichtjüdische. Das Resultat ist verstärkte jüdische düng verlor, wundte der Jude, dem auch die erdliche, die. nationale Bindung fehlt, völlig entwurzelt. Er war daher der krasseste Typus des Materialisten und suchte die Stütze seiner Existenz nur um materiellen Erfolg. Wenn er wieder ein ganzer Mensch werden will, , muß er seine Situation begreifen und danach seine Entschekfamg treffen. Er muß den seelischen Bestand in ich bejahen, der t^eim „Deutschjuden“ jüdische und deutsche Elemente enthält. Wenn er die nationale Bindung wiederfindet, wird ihm doch nicht gegeben sein, restlos Jude zu werden. Die Sprache und das Heimatland sind nicht zu .ersetzen. Darum ist das Zurückgewinnen der jüdischen Nation, die Erweiterung des jüdischen Wesensinhaltes, nur soweit möglich, als der deutsche Wesensteil unbefriedigt ist. Lemm sieht also die Aufgabe des Deutschjuden darin, sich diese seine Lage ins Bewußtsein zu rufen und alles Nötige zu tun, damit seinen Nachkommen das Leben in einer einheitlichen Welt, im ungeteilten Anschluß an das nationale Ganze, ermöglicht wird. Den Deutschjuden selbst steht der Weg zum Volk schon darum nicht offen, weil der heutige objektive Bestand des Volkes eine Kultureinheit gar nicht ergeben könnte. Lemm charakterisiert in diesem Zusammenhang das Ostjudentum. von dessen chassidisch bestimmtem Teil er eine Erneuerung der jüdischen Religosität erwartet, mit dem Ziel der ..Durchdringung der bisher tmidealistisch gerichteten weltlichen Sphäre mit dem religösen Heroismus“. Vielleicht wird dem ostwestl'chen Volk der Juden die große relieöse Neuseböpfung gelingen, deren die Welt harrt; für die Deritschjuden gibt es aber nur einen Weg, wenigstens ihren Kindern den Anschluß an das Volk zu sichern: die jüdische Sch niste diung. Dies ist eine Kolonie von Juden mit dem Erziehungsheim als Mittelpunkt in der Nähe der großen, stark jüdisch bevölkerten Städten. Das Wesen der Schulsiedlung wird mehr angedeutet als expliziert; sie soll ein Provisorium sein, das Produkt eines Ueberganges, in ihr sollen alle die heute treibenden jüdischen Kräfte zu fruchtbarem Zusammenwirken vereinigt „und der Jugend die Möglichkeit geboten werden, durch starkes geistiges Wollen dem neuen Volk den Weg zu bereiten. In seiner „Auseinandersetzung mit dem Zionismus“ polemisiert dann Lemm gegen die radikale Forderung der persönlichen „Entscheidung“; dabei scheint er allerdings nur eine bestimmte Art des „geistigen“ Zionismus im Auge zu haben, sonst würde er oft zu anderen Folgerungen kommen. Dieses Schlußkaoltel ist eine Apologie der „Halbheit“, die nicht immer Unentschlossenheit und Schwäche ist, vielmehr in diesem Fall, wo nur durch geistige Opfer, durch Selbstaufgabe, die im Interesse; keiner Kultur liegen kann, eine Bejahung der von verschiedenen Kräften bestimmten, eine Mischung bldemlen Wesenheit, dfie nicht mehr vom Inriividiunm selbst, sondern nur von der die Zukunft des Volkes bildenden Nachkommenschaft überwunden werden kann. Auch an den Stellen, wo Lemm seinen Standpunkt gegenüber der zionistischen Forderung rechtfertigt, ist das interessante Büchlein von wärmstem Streben zur Erfüllung der indischen Sendung, von einem warmen liebenden Verständnis für d>'e Renaissance des jüdischen Volkes erfüllt. Das Buch ist ein Dokument der tragisr-ben Rewnßthe't des modernen Westtiiden, den die Sehnsucht nach Ganzheit zu seinem Volk ireu>t. Es wird auch der n'chtiüd'schen Welt Aufschluß gegeben über de Kon flickte, durch d:e der Westiude sich hmdurchringen muß zum neuen Sein. ' —»sch.