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Jüdische Zeitung · 1919-06-27 · 26 (27.6.1919) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
13 (1919)
Issue
26 (27.6.1919)
Date
1919-06-27
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 knechtischen Ghettogeist; die innere und entscheidendere Stufe, die Assimilation an das Deutschtum, übersieht er vollständig. Gelingt ihm sein Werk, so bildet er sich allenfalls zum Typus des menschlichsympathischen Juden, aber kulturell steht er dann dem Deutschtum eher näher als ferner, denn die allgemein-menschlichen sind ja die überbrückenden Dinge. Die sittliche Forderung als Grundlage der Kulturpolitik ist dabei keineswegs nur das Privileg derjenigen, welche die allgemein-menschliche vor die nationale Kulturpolitik stellen ' wollen. Mancher glaubt, der <deutschen, oder wie man heute sagt: der europäischen Eigenart keine deutlicher abgegrenzte jüdischnationale Eigenart entgegensetzen zu können, als jene, welche sich auf die AuserwähltliCit, die sittliche Forderungen der Propheten usw.' beruft Oderes wird versucht sich sonst wie ganz auf die Kultivierung eines irgendwie formulierten jüdischen Geistes zu beschränken. Ganz abgesehen davon, daß hier der individualistischen Witkür breitester Spielraum gewährt wird, so daß jeder sich seinen eigenen Jüdischen Geist konstruiert, kann eine Weltanschauung oder eine allgemein-menschliche Eigenschaft wie Liebe, Wahrhaftigkeit Idealismus oder dergleichen nie der Inhalt einer Volkskultur, sondern allenfalls dferen\Ergebnis sein. Die Inbalte selbst sind durchaus weltlich, indisch, materiell, ausnahmslos jedem Volkszugehörigen zugänglich. Sie setzen bei' diesem keine besondere geistige Einstellung voraus, sondern überlassen die Entwicklung einer solchen der Zeit. Ihre wesentlichsten Bestandteile bilden die Schätze der Vergangenheit Volkslitenatur und Geschichtskenntnis; die eigene Sprache, Schule, Literatur, Sitten und Gebräuche sind ihre Pfeiler. Diese ganz einfache, organische Auffassung der Kulturpolitik ist überall dort heimisch, wo für Ihre Inhalte ein ausreichender materieller Boden vorhanden ist: in den Gegenden jüdischer Massensiedlung. In Deutschland z. B., wo Sprache. Schule, Sitten. Tageszeitungen usw. rein platonische Vorstellungen waren, mußte der Drang nach kultureller Eigenart natürlich mehr und mehr seine Zuflucht zu gedanklichen Konstruktionen nehmen. Dort wurde aus der Kulturpolitik, die ursprünglich nichts war als der Weg „Zurück zum Judentum“, der Kult eines irgendwie formulierten,! stets unverständlicher werdenden und höher geschraubten jüdischen Geistes. Davor, so scheint mir, können wir hier in Wien uns frei erhalten. Uns wird es leichter fallen, durch Kindergärten, Schulen und Schulersaiz wie Seminare usw.. durch Literatur und Tagespresse, durch Sprach- und Geschicntsstudium. durch Kontakt mit dem Leben der jüdischen Masse im Osten soviel kulturelle Inhalte in jedem Einzelnen anzusammeto, daß die jüdische Familie (da es die Schule-nicht zu werden vermag) Wieder ganz organisch,zu dem wird, was sie früher war: zum Bollwerk'für jüdische Sitte und jüdisches Leben. Dieses Ziel zu erreichen, schwebt uns als Maximaliorderung vor. Man. soll nie mehr; aber man darf auch nie weniger verfangen, als tatsächlich erreicht werden kämm Und in dieser Formulierung ist nichts enthalten, was über Menschen- Icrait ginge oder auch nur die allgemein wirkenden soziologischen ' Gesetze notwendig gegen sich hätte. ,_. Die Palästinafrage im türkischen Friedensvertrag Dem Pressedienst der Delegation des Jüdischen Nationairates für Ostgalizien wird aus Paris gemeldet:; Das. Projekt des türkischen Friedensvertrages enthält u. a. einen Abschnitt über Palästina. der 50 Paragraphen umfaßt Nach diesem soll-Palästina unter das Protektorat Großbritanniens gestellt werden, um dortselbst ein „hörne national“ für das jüdische Volk vorzubereiten. Jeder, der zur Zeit der Unterzeichnung des Friedensvertrages in Palästina wohin oder im Laufe der nächsten zwei Jahre dorthin einwandert und keine andere Deklaration abgeben wird, kann ein von England geschützter ..palästinensischer Bürger“ werden. Die englische „protection“ gilt für den palästinensischen Bürger auch än Auslande. Ausländer — jüdische Gesellschaften ausgenommen — dürfen in Palästina nicht mehrals 20 Dun am Boden besitzen. Als Amtssprache werden die englische, hebräische und arabische eingeführt Die ganze Administration ruht in Händen der englischen Regierung, welche Jedoch einen großen Teil von jüdischen Beamten, die vom .Jüdischen Rat“ vorgeschlagen werden, berufen wird. Hinsichtlich der Gerichtsbarkeit sieht das Projekt eine besondere für die arabische Bevölkerung vor,. von einer Jüdischen wird jedoch keine Erwähnung getan. Das genannte Projekt bildet nur den Rahmen des Friedensvertrages and dürfte noch mannigfachen Abänderungen unterzogen wenden. Protestkundgebung gegen die Pogrome Sonntag, den 29. Juni, 10 Uhr vormittags, findet in den Kouzerthaus-Sälen eine große Protestkundgebung der Jüdischen Studentenschaft und der Jüdischen Bevölkerung gegen Po&rome statt. Es werden Redner aller Richtungen sprechen,, u. a. Oberrabbiner Dr. C.hajes, Professor Alexander Marmorek. Abg. Ing. Stricker. In dieser Versammlung wird die Studentenschaft an die Kulturmehschheit den feierlichen Protest gegen die Gewalttaten der Soldateska und Mobs in Polen und der Ukraine erheben. Kein Jude fehle! Nach der Versammlung wird ein Memorandum au die Ententekommissionen überreicht werden. : _JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 26 Der Rechenschaftsbericht der Zionischen Palästina-* Kommission. Die „Mitteilungen“ des Kopenhagener Zionistischen Bureaus veröffentlichen einen Rechenschaftsbericht der nach Palästina entsandten Zionistischen Kommission. Der Bericht umfaßt die elf Monate vom 1. April 191Ö bis zum 28. Eebruar 1919. Der Rechenschaftsbericht für dieselbe Periode des Palästna-Vorbereitungsfonds hat bisher noch nicht aas Londoner Bureau aer Zionistischen Organisation erreicht. Die Beträge, d.e zur Verfügung der Palästmakommssion gestellt wurden, entsprachen bei weitem nicht ihrer Aufgabe und den Bedürfnissen der jüdischen BevölKerung in Palästina, Bedürfnisse, die attreh die Verheerungen und die Zerrüttung von vier Kriegsjahren hervorgerufen worden sind. Zur Zeit der AnKunft der Kommission .in Palästina war nur Judäa iu englischen Händen, und die Kommission mußte ihreadministrative und aufbauende 'längKeit manchmal in nächster Nähe der Feuer- 1 i n i e entfalten. Jede einzelne Aktion war einer strengen Militärkontrolle unterworfen. Die Kommission hatte infolgedessen anfangs mit Schwierigkeiten zu kämpfen, die außerhalb ihres eigenen Tätigkeitsgebietes lagen und deshalb ihre Arbeit erheblich komplizierter machten. Die Beschränkungen in bezug auf den Zutritt von Personen ins, Land machten eine zeitlang eine wirksame Administration unmöglich, uina oue Kommission mußte sich darauf beschränken, die. wenigen Kräfte, die im Lande vorhanden waren, in Anspruch zu nehmen, und diie Zahl der letzteren war durch die Deportationen seitens der Türken von den besten Elementen der jüdischen Bevölkerung entblößt worden. Auch die moralische, wirtschaftliche und physische Schwächung der jüdischen Bevölkerung infolge der ausgestandenen Leiden vermehrte die Schwierigkeit der Aufgabe. Nie wissend, was der nächste Tag bringen würde, in dauernder Furcht vor Deportation. gezw nagen, große Bestechungen^ am die türkischen Beamten zu zahlen, um nicht ausge>r plündert zw werden, war die jüdische Bevölkerung natürlich nicht in der Lage, die Arbeit für die wirtschaftliche und kulturelle Wiederherstellung des Landes zu bewältigen. Die Befreiung Samarias und Galiläas im September 1918 vermehrte den. Umfang dieses Testes der Aufgaben erheblich. Die Aufgabe der Wiedergutmachung der Krtiegsschäden und der Inangriffnahme, der Wiederaufbauarbeit des Landes wurde der Kommission überwiesen, und man muß sagen, daß in der Tat die Zionistische. Palästinakommission vermocht hat, in dem kritischsten Augenblicke in. der Geschichte der jüdischen Kolonisation in Palästina bei de-- ’ Aufrechterhaitung und gewissermaßen Wiederherstellung'des durch die letzten 35 Jahre mit, so großen Opfern Auigebauten eine ausschlaggebende Hilfe zu leisten. Wenn diese Hilfe nicht geleistet worden wäre, würden ohne Zweifel viele der Kolonien zugrunde gegangen sein, und die Katastrophe des neuen Jischubs in Palästina wäre vieieicht unheilbar gewesen. Eine Uebersicht über. die einzelnen Posten des Rechenschaftsberichtes des Vorbereitungsfonds wird die Tiefe des Eingriffs der Palästinakommission in di-i wirtschaftlichen und geistigen Verhältnisse der jüdischen Bevölkerung in Palästina zeigen. Mit dean Vor.bereitungsf o n ds zu ihrer Verfügung war die Kommission imstande, nicht "bloß einer großen Anzahl Kolonisten und Arbeitern, sondern auch einer Anzahl von Verbänden Hilfe zu leisten. Sie war bei der Gründung von kooperativen Nahrungsimttelgesellscliaften behilflich sowie auch bei der Erhaltung des jüdischen Schulwerks: sie ermunterte die hebräische literarische Produktion, unterstützte Verwaltungskörper in den Städten und auf dem Lande und finanzierte die ausgebildeten städtischen und ländlichen Polizeikorps. Die Bibliotheken in Jaffa und Jerusalem wurden mit ihrer Hilfe wieder geöffnet, die Landwirtschafts¬ und Kolonisations-Aemter erweitert und Sachverständige bei dem Ausbau eines Kolonisatäonsplanes für die Zukunft unterstützt. Die Kommission schuf ein jüdisches Pressebureau utMt bereitete die Schaffung eines Amtes für öffentliche Arbeiten vor. Die Ausgaben des Vorbereitimgsfonds in Palästina verteilen sich im wesentlichen wie folgt: Anleihen . . . . <. . . . . 39,686.402Lst Schulwerk und Kulturelles 41,724.846 — Kommunale O r g a n i o a t' o n 1,036.066 - Soziale und wirtschaftliche Verbände. ..... 938.662 — LanwirtSchafts- und Kolonisations-Amt . .. «. . . 6,011,154 — Oeffertliche Arbeiten - . 4,927.111 — Allgemeine Administration .. . j , 14^96.908 — Administration der Kommission ... . . . . . . 10,703.581 — Anleihen. Der hierfür ausgegebene Betrag macht ungefähr ein Drittel des Gesamtbetrages aus. Die Anleihetätigkeit muß als direkte Wiederherstellungsarbeit betrachtet werden. Die Anleihen wurden alte zur .Erhaltung und1 Wiederherstellung innerhalb der. jüdischen Kolonien gewährt und ihr Charakter als Anleihen ist ausschließlich auf die ausgesprochene Abneigung der Kolonisten gegen jede Art von Wohltätigkeit, oder dsgl. zurückzuführen. Es kann angenommen werden, daß ein großer Teil dieser Anleihen zurückbezahlt -werden wird, da. sowohl Kolonisten wie Arbeiter fest entschlossen sind, ihre Verpflichtungeil, - wenn auch mit Opfern, zu erfüllen. Kooperative NabrungsmittelgeseUschäften. Diese Gesellschaften wurden von Arbeitern und Handwerkern gebildet (und später schlossen sich andere Erwerbsklassen an) zu einer Zeit, als die Preise von Lebensmitteln so hoch waren, daßdie Arbeiter verstanden, daß. wenn sie nicht gemeinsam ihre Nahrungsmittel zum Großeinkaufspreis kauften und unter sich vetreilten, sie der Willkür' des freien Marktes preisgegeben sein würden. Die Anleihe von 12.500 Lst, von der schon ein Teil zurückbezahlt worden ist, wurde den zwei bestehenden Nahrungsmittelgesellschaften nach eingehender Prüfung ihrer Zwecke und finanziellen Lage gewährt. Die gewonnene Erfahrung zeigt, daß diese Form kooperativer Zusammenarbeit vielleicht den rationellsten Weg zur Erleichterung der Leiden der Arbeiter infolge der Teuerung daxstellt Besonders bewährte sich das System nach der Einnahme von Judäa, als die Preise im allgemeinen enorm stiegen,' Obwohl nach der Eroberung von Galiläa und dem Waffenstillstand die Preise wieder gefallen sind. wobei der Wert der Warenbestände dieser Gesellschaften vermindert worden ist, haben die Leiter derselben beschlossen, alle ihre Verpflichtungen zu erfüllen, und die Sachverständigen meinen, daß sie Imstande sein werden, dies zu tun. Die Bedeutung dieser Gesellschaften, sogar ia normalen Zeilen, kann nicht zu hoch eingeschätzt werden, und die Kommission beabsichtigt, die notwendigen Mittel zu ihrer Fortsetzung zu beschaffen. Ackerbau-Kolonien. Die solchen Kolonien gewährten Anleihen beabsichtigten die Unterstützung der Verwaltungskörper in einer Anzahl vou Kolonien, die aus Mangel an Mitteln ihre administrative Tätigkeit nicht weiterführen konnten. Ackerbaugesellscbaften und /Kolonisationsgruppen. Die diesen gewährten Anleihen müssen als Hilfeleistung in kritischen Augenblicken betrachtet werden. Zu einer Zeit, als Pflugaxbeiten u. dgl. der. Ernte wegen erforderlich waren, ist ' dis Kommission zu Hilfe gekommen und rettete die Pflanzungen vom Untergang. Kooperative Arbeitervereine. Die Initiative der Kommission rief auch kooperative Arbeitervereine für Acker-, speziell Gartenbau auf kooperativer Grundlage ins Leben. Dieser Typus landwirtschaftlicher Tätigkeit ist vom kolonisatorischen Gesichtspunkt besonders wichtig. Während eine Anzahl der Mitglieder erfahrene Landwirte' sind,: besteht ein anderer* TeU aus Städterri, die eben erst in diesen Vereinen eine gewisse landwirtschaftliche Ausbildung . erhalten. Es ist aber oft schwierig, für sie Landarbeit in den jüdischen Kolonien zu finden, da sie' mit den schlecht entlohnten arabischen Arbeitern zu wetteifern haben. . Während des Krieges hat dieser Typus landwirtschaftlicher Vereine befriedigende Resultate ergeben, besonders in Samaria und Galiläa. Die Rückzahlung der diesen Vereinen gewährten Anleihen ist hauptsächlich von dem Ernteertrag ab-» hängig. Andererseits hat die Unterstützung'dieser Vereine einen wertvollen Beitrag zur Entwicklung der jüdischen Kolonisation in Palästina gebildet Eine interessante Tatsache bildet die Unter» Stützung, in der Form von Anleihen seitens den Kommission, von einer Anzahl von Fischern zum Zwecke der Anschaffung von Geräten usw., wodurch der Grundstein zii einer jüdischen Fischerei an der Meeresküste entlang gelegt worden ist Wenn diese Tätigkeit wirksam organisiert- und betrieben wird, kann ein blühender Erwerb enb-, stehen. > Schulwerk und Kulturelles. Das Problem der Wiederherstellung des Schul Werkes war Gegenstand der besonderen Aufmerksamkeit der Kommission. Die Deportation des besten Teiles des Lehrermäterials durch die Türken, die Abgeschlossenheit des Landes von jeder Verbindung mit der Umwelt, der Mangel an Geldmitteln, die daraus folgende Armut der Lehrer, die enormen Preise der Lebensmittel, alles zusammen bewirkte eine qualitative und quantitative Herabsetzung düs Unterrichts. Trotzdem harrten alle Lehrer, die Zurückbleiben konnten; auf ihren Posten aus. Eine der ersten' Aufgaben der Kommission war eine Untersuchung der Lebensniitteiverhültnisse der Lehrer und ihrer Gehälter, die lange nicht zutn Einkauf von den aüernot wendigsten Eetlüi fuissen reichten. Eine sofortige Bewilligung von 6000 Lst. wurde dem zi mistischen Palästina-Amt gewährt, unter dessen Aufsicht und Leitung der Waad Hachmucb. (Unrerrichiskomitec) wirkte, mit Dr. Lurie an der Spitze als Sdiul.iispektor, Dr Turow und, Dr. Epstein als verantwortlich für die Aus-' arbeitung und Veröffentlichung von hebräische* Schulbüchern. Man bestrebte sich, zunächst, nicht bloß die Lebensverhältnisse und dadurch die- Wirksamkeit der Lehrer zu verbessern, sondern auch ihre Zahl zu vermehren. Erfahrene Palästina- Lehrer, die bei Kriegsausbruch ausgewiesen worden waren, wurden wieder eingestellt und eine Anzahl neuer Lehrer einberufen. Ferner würden, da die vorhandenen hebräischen Schulen lange nicht dem Bedarf entsprachen, neue Schulen eröffnet und in Betrieb gesetzt Im Juni 1918 wurden die Hilf s ver ein- Schulen von den britischen Militärbehörden geschlossen, und die zionistische Kommission erhielt die Mitteilung, daß die Schulen von ihr übernommen werden dürften. vorausgesetzt daß säe

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