Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 13 (1919)
- Issue
- 26 (27.6.1919)
- Date
- 1919-06-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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XH1. Jahrgang —Nr. 26. Bedaktion nad Administration: Win» ll„ TaboratraSs I Fernapreoher Nr. 44038 n. 43319 Nalional-jüdifches Organ Mit der Beilage: „Der jüdische Nationalfonds* VlM| FreHag, d« 27. Juni 1919 Bezagaprais: Vierteljährig 6 & ganzj. 24 K, Einzelnnmmer 60 h Poatsparkaasenkonto 133.404 : : trfl :iäf I •I .'dj m Die Zeit Des Wartens Im Februar hat In London eine zionistische Jah'reskonferenz stattgefunden, die von den zionistischen Landesverbänden im Gebiete der ehemaligen Zentralmächte nicht beschickt werden konnte. Diese Konferenz hat beschlossen, daß Ende April eine Sitzung des Großen Aktionskomitees im Haag stattfinden soll und daß für Ende August der zwölfte Zionistenkongreß einberufen wird. Die Aktionskomiteesitzung war auch tatsächlich anberaumt, wurde aber plötzlich abgesagt, ohne daß die Oeffentiichkeit über die Gründe dieses Unterbleibens informiert worden wäre. Und heute haben wir Ende Juni, von einem Kongreß ist keine Rede. Jeder Mensch - weiß, daß ~ die Vorbereitung eines Zionistenkongresses zumindest einige Monate in Anspruch nimmt, diesmal aber einen weit höheren Aufwand /aij. Zeit und Arbeit bedürfte. Da bis heute über den Kongreß kein Wort gesprochen wurde, kann man mit einiger Sicherheit sagen: Der Kongreß wird nicht stattfinden. Es ist immerhin bedauerlich, daß diese Feststellung gewissermaßen; als Mutmaßung erfolgen muß und daß es bisher unterlassen wurde, ein klares Wort hierüber zu sprechen. Es liegt uns gewiß ferne, gegen die zionistische Leitung'irgendwelche Vorwürfe erheben zu wollen. Wir verkennen nicht die Schwierigkeiten, mit denen unsere Leitung zu kämpfen hat, insbesondereso lange die Palästinafrage nicht durch vollständige Beendigung aller mit dem segdetbaBQiitiscb Akte völlig Eindeutig erledigt ist. Wirmaben aucn zu den besten Männern unserer Bewegung, die heute in London die Organisation führen und die .Arbeit leiten, das Vertrauen, daß sie für die kommenden schweren Tage, für die Zeit des Aufbruches und des beginnenden Aufbaues, alle erforderlichen Vorbereitungen treffen. Aber es ist kein Zeichen des Mißtrauens, wenn wir feststeilem daß die Leitung infolge der nicht durch unsere Schuld, sondern durch übermächtige - Verhältnisse gestörten direkten Verbindung nicht hinreichend über die Stimmung der Jüdischen Massen informiert zu sein scheint. Die jüdischen Massen leben seit dem 2. November 1917 und auf Grund der seitdem immer wieder von den" Führern der zionistischen Politik gegebenen Erklärungen in der größten Erregung und Erwartung. Sie wissen, daß der größte Augenblick der. jüdischen Geschichte seit der Zerstörung des zweiten Tempels bevorsteht und sie haben geduldig gewartet, obwohl das Warten ihnen immer schwerer wurde.-Das Ende des Krieges hat den Juden im Osten ihre Wohnländer in ein Inferno verwandelt. Sie haben in diesem halbem Jahr Uebermenschliches erduldet. Sie haben stets den Gedanken der Wiederaufrichtung Palästinas als jüdische Heimstätte als ihre Rettung empfunden. Jetzt, da der Augenblick der Verwirklichung immer näher kommt, bestürmen sie die zio-, nistischen. Aemter und Redaktionen und wollen Aufschluß, Rat, Hilfe. Immer wieder müssen sie ' ohne' den erwünschten Bescheid abgefertigt werden, weil eine eindeutige Information nicht da ist. Das E. A. C. amtiert jetzt vier Monate in London und' es ist ihm' noch nicht in dem erforderlichen Ausmaß gelungen, den-Kontakt mit der zionistischen Oeffentiichkeit herzustellen. Unsere Volksbewegung kann aber ohne engsten Kontakt zwischen Führern und Geführten nicht bestehen. Nicht .nur die. einzelnen Zionisten, auch die zionistischen Leitungen der Landesverbände haben nicht die Beziehung zur Leitung, die im Interesse unserer Sache notwendig wäre. . . .. Aber nicht nur die Stimmung des, Volkes sollte, aufmerksamer beachtet werden.,'Auch im Interesse der Vorbereitung der Arbeit' selbst ist es notwendig, alle Kräfte zusammenzufassen. Alan wird wohl mit einiger Berechtigung" behaupten dürfen; ,daß gerade rdie ^wertvollsten Kräfte, über die wir verfügen, in-dem von der Leitung völlig abgeschnittenen Ost- und Mitteleuropa leben. Wenn wir auch einsehen, daß über die Details der zukünftigen Arbeiten Palästinas noch nichts gesagt werden kann, solange die politischen Befugnisse nicht verbrieft sind, so glauben wir doch, daß nach innen der Ausbau unserer lnstiutionen, und zwar n.cbt nur der zentralen, sondern vor allem auch der lokalen, intensiver vor sich gehen müßte, als es der Fall sein kann, wenn nicht Direktiven von der Leitung kommen. Es müßte vielmehr ein solcher Zustand geschaffen werden, daß im entscheidenden Moment nur gewissermaßen der Vorhang wegzuziehen wäre und der ganze Apparat müßte befriedigend funktionieren. Die wichtigste Vorbereitung ist die Schaffung eines Netzesvon Emigrations- und Informationsbureaus, die einerseits den Auswandernden behilflich sein können, anderseits die ganze Kontrolle der Aus- ' Wanderung in Händen haben. Auch für die einzelnen Menschen, die sich jetzt schon zur Auswanderung anschicken, müßten genauere Direktiven gegeben werden, als es durch die bisher erfolgten meist ganz allgemeinen Mitteilungen in den Zeitungen geschehen ist. Wir fürchten,, daß im entscheidenden Moment ein Chaos entstehen könnte, dem vorgebeugt werden muß. Efe Zeit des Wartens ist hart und sicher empfinden unsere Führer diese Härte ebenso schmerzlich wie das jüdische Volk. Aber sie kann gemildert werden durch die Zuversicht, welche eine sachlich geführte intensive Arbeit verleiht Um über diese Arbeit zu beraten, um auch die Stimmen , der bisher ausgeschalteten Teile der Organisation, deren üdeelle Einheit niemals erschüttert, wurde, zu hören, um den unerläßlichen »Leljusg iüb«r^diein den jüdischen Massen herrschende Stimmung zu unterrichten, ist es erforderlich, daß sobald als möglich eine allgemeine zionistische Konferenz und sodann der Kongreß emberufen wird. Jetzt, nach Friedensschluß, kann einer solchen Zusammenkunft kein nennenswertes Hindernis mehr im Wege stehen. Nur der Kongreß kann endgültige Entscheidungen treffen. Zu seiner Vorbereitung müssen genaue und1 sachliche Berichte und Informationen an die Landesverbände ergehen. Wir haben genug lange uns an unseren Erfolgen begeistert..Wir müssen jetzt zur Arbeit übergehen. Die zionistische Oeffentiichkeit erwartet, daß die Leitung bekanhtgibt, was mit dem Beschluß der Londoner Konferenz bezüglich des Kongresses geworden ist. Die Reorganisierung der Partei Von Heinrich MargfiUes. 3. Kulturpolitik. (Fortsetzung.) Die zuletzt formulierte Forderung enthält die Notwendigkeit eines K u 11 u r o p f e r s. eines teilweisen Verzichtes auf Dinge, welche der „Kulturmensch“ ungern entbehrt. Was das bedeutet, wird besser verständlich werden, wenn wir die Sache noch von einer anderen Seite anpacken. Es dürften die meisten von uns ungefähr in dem Bild übereinstimmen, welches wir uns von dem Ideal eine- Erziehung machen.. Wir sind uns darüber klar, daß eine Beschränkung irgendwelcher Kulturpolitik auf rein, nationale Erziehungstätigkeit unter Außerachtlassung -der allgemein menschlichen Erziehungstätigkeit pur ein Rumpfwerk bilden kann, das keinerlei ausreichende Befriedigung verleiht; auch darüber,, daß. es das. Endziel unserer Kulturpolitik sein muß. .einen Zustand zu erreichen, in welchem das Nationale nicht mehr als Aufgabe, nicht mehr als Problem,. sondern als Grundlage vorausgesetzt werden kann, auf welcher man-rein menschliche' Kulturpolitik treiben darf, und schließ- . lieh auch darüber, daß ein solches Ideal nur in Palästina,, allenfalls, im.’ÖsteSi und eventuell im Rahmen einer autonomen Schulsiedlung verwirklicht werden kann. Für jenes’Milieu dagegen, mit welchem wir hier zu rechnen haben, kommt es nicht in Frage Hier macht es die stete Notwendigkeit des Sichbewahrens gegenüber der mächtigen Umwelt unmöglich. die-nationale mit*der rein menschlichen Erziehung restlos zu vereinen, hier wird man sich stets dafür zu entscheiden, haben, die eine' auf Kosten der anderen zu vernachlässigen.;. Nun könnte .man meinen, daß die allgemein menschlichen Interessen. unter keiner irgendwie gearteten Bedingung geopfert werden dürften. and zwar einmal deshalb, weil das ein Verrat am Menschentum wäre, (also aus Prinzip) und zum anderen Mal deshalb, weil wir uns damit den Weg zum wertvollsten Menschenmaterial verbarrikadieren würden (also aus Taktik). Indessen scheint mir. daP. so schmerzlich uns ein solches Opfer auch fallen mag, wir es nicht scheuen dürfen, wenn es sich darum handelt, unser Volkstum zu retten Und dieses noch im Erwachen begriffene Volkstum ietz* schon der allgemein menschlichen Erziehungspolitik auszuliefern, ohne dabei Gefahr zu laufen, daß es den gewaltigen Einflüssen der Assimilation unterliegt, halte ich für ein Ding der Unmöglichkeit. Ich erkenne die geistige, wenn man will' moralische Zwangs’age an, in welcher wir uns befinden, erblicke aber keinen anderen Ausweg als den. daß wir mit rücksichtsloser Strenge uns ganz aur extrem nationale Kulturpolitik zu konzentrieren haben. Wir müssen einen Zaun um unsere Jugend ziehen! Wir müssen den Mut haben, (ein Wort, das zweifellos der größten Opposition' begegnen wird), ein geistiges Ghetto zu errichten! Um zu erklären, was damit gemeint ist, und auch um zu zeigen, daß der Widerspruch dieses Satzes gegen jene früheren, in welchen der Kampf gegen den Ghettogeist gefordert wurde, nur ein scheinbarer ist. sei auf folgendes verwiesen: Was wir -im Ghetto bekämpft haben, das ist das dumpfe geist-, kraft- und ideenlose Beharren an irgendwelcher mittelalterlichen, von der Zeitentwicklung längst überrannten Atmosphäre. Was wir bisher den Ghettogeist nannten, war die Trägheit. Dumpfheit, die moralische Schwäche, mit welcher man alle Schäden und Mißstände zweitausendjähriger Ghettoknechtung als Gegebenheit hinnahm, ohne das Bedürfnis zu spüren, sie zu überwinden. Aber in diesem Kampf gegen den Ghettogeist dürfen wir nie verkennen, daß der ursprünglichen Errichtung des Ghettos, die ja nicht von den Antisemiten, sondeqp von den Juden selbst ausging, ein dimensionaler Gedanke zugrunde gelegen hat' es war eine Kampfansage gegen jenes Gesetz, welches die ganze soziologische Welt zu beherrschen scheint, gegen das Gesetz der Anpassung an die Umgebung, gegen das Gesetz der kulturellen Assimilation. Damals, als unsere Väteo sahen, wie ihre Kinder in die Welt verstreut und unter die Völker auigeteiit wurden, als sie fürchteten, daß die kommende Generation ganz ihre nationale Eigenart würde aufgeben müssen, da schufen sie ein gewaltiges Gegengewicht durch das geschichtsbildende Wort: Bauet einen Zauu um das Gesetz! Grenzet Euch ab von der Umgebung, scheidet Euren Geist von ihrem Geist, habet keine Gemeinschaft mit den Sitten anderer Völker und merket, wie es in einem alten Worte heißt, daß, so lange das Judentum in Gefahr ist, kein Jude auch nur das Schuhband so knüpfen darf wie der Fremde! Bauet einen Zaun, errichtet Mauern, auf die Gefahr hin, daß — und nun setzt jene ungeheure kulturelle Gpfer ein, welches wir völlig im Bewußtsein seiner Tragweite heute erneut auf uns nehmen — auf die Gefahr hin, daß außerhalb dieser Mauern menschliche Dinge geschehen, die wertvoll sind und an denen ihr keinen Anteil haben könnt. Nicht daß ihr auf diese wertvollen Dinge nun ganz verzichten solltet, aber vergeßt nicht, daß ein größeres Opfer als dieses Kulturopfer darin zu finden wäre, wenn ihr, um Anteil zu haben an diesen Dingen, euere Gemeinschaft brechet! Darum nehmet diese Aufgabe auf euch, daß Sie schwer aut euch laste, und trachtet eure Gemeinschaft so zu erweitern und zu sichern, daß. wenn nicht ihr. so doch eure Kinder und Kindeskinder innerhalb der Gemeinschaft wieder ein freies Leben ohne Opfer führen könnt Gegen diese Art Kulturpolitik werden zahlreiche Bedenken geltend gemacht. Mancher, der nach einer Ueberwindung des begrenzt Nationalen strebt und sich daher aiizuwiilig dem vieldeutigen Worte „Ganz Jude sein heißt ganz Mensch sein“ ausliefert, wendet sich gegen sie; er übersieht dabei, daß mai.. um einen Nationalismus zu überwinden. ihn erst haben muß. Wir aber.haben ihn noch nicht, trotz aller. Wahlerfolge und Zugehörigkeifsbekeuntnisse, denn unsere Sprache, unser Denken Fühlen, Wissen, unsere Erziehung, -Sitten, .Lebensweise, alles -das ist bei uns genau so deutsch geblieben wie, bei den Assimilanten. Unser ganzer Nationalismus ist bisher stecken geblieben in einem Willen zum Nationalism u s. in einem Willeu zur Zukunft — ohne daß er schon Gegenwart geworden wäre. Wa« an den vielerlei Bedenken indessen gerechtfertigt ist. richtet sich nicht gegen das Wesen, sondern nur gegen die jeweilige Form der kulturpolitischen Forderung. Irgendwie spürt jeder die Verpflichtung, innerlich anders zu werden als die Assimilanten. Nur glaubt der eine, damit genug zu tun. daß er besser und sittlicher als diese werde, so daß sich seine Kulturpolitik vorwiegend aui der sittlichen Forderung aufbaut Aber damit kann er nur die obere Stufe der AssA- T