Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 13 (1919)
- Issue
- 24 (13.6.1919)
- Date
- 1919-06-13
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 24 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 sehe Grand und Boden in Palästina, me es schon das Statut des Natfcmalfonds fordert, unveräußerliches Eigentum des jüdischen Volkes bleibe, das den Boden im Erbpacht¬ oder Erbbaurecht abzugeben hat Dem einzelnen Siedler ist grundsätzlich nur so viel Boden zuzuteilen, wie er bearbeiten kann. Max Strauß forderte, daß das neue jüdische Palästina auf der Grundlage dter sozialen Gerechtigkeit! erbaut werde und schlug eine Reihe von Maßnahmen vor. die die ersten Schritte zu einer sozialistischen Entwicklung bedeute. Strauß zeigte, daß nur auf diesem Wege Klassenkämpfe vermieden werden kannten, die um so schrecklicher werden müßten, weil die jüdische Arbeiterschaft mit Entschiedenheit einen sozialistischen Standpunkt vertreten und gegen jede Art von Ausbeutung mit allen Mitteln kämpfen werde. Die Debatte zeigte das interessante Bild, daß. die vom Referenten aufgestellten Forderungen nicht nur von der sozialistischen Arbeitsgemeinschaft vertreten wurden, sondern daß fast alle Delegierten in den praktischen Forderungen einig waren und eine Meinungsverschiedenheit mehr über das Tempo der Sozialisierung als über das Prinzip bestand. Am der Debatte beledigten sich unter anderen die Herren Auerbach, Brünn, Blumenfeld, Arlosoroff, Reichert, Ludwig Strauß und Max Strauß. Schließlich wurden die Anträge *der sozialistischen Arbeitsgemeinschaft mit drei von Blumenfekl vorgeschlagenen Aenderungern und1 unter Hämzufügung eines Antrages das „Miamchi“ (P. 13) in folgender Fassung amgenommen: Die Forderungen zum sozialen Aufbau. Der Delegiertentag fordert vom der zionistischen Weltorganisation, daß sie sich bei ihrer Arbeit für den Aufbau eines jüdischen Gemeinwesens in Palästina im Geiste altjüdischer sozialer Gesetzgebung von folgendem Richtlinien leiten läßt: 1. Nationalisierung des jüdischen Bodens in Stadt und Land und seine Weitergabe in Erbpacht und Erbbaurecht. 2. Festsetzung von Höchstm a ß e n für die Zuteilung von Boden. 3. Weitergabe des Landes am Einwanderer, die das Land' selbst bearbeiten wollen oder an landwirtschaftliche Genossenschaftern. 4. Unterstützung der Konsumvereine unter Förderung ihrer Eigenproduktion. 5. Vergesellschaftung des Verkehrswesens, der Hafen, der Elektrizitäts-, Gas- und Wasserwirtschaft, der Wälder und! Naturschätze. . 6. Gewährung öffentlichen Kredits zum Aufbau der nationalen Produktion der Landwirtschaft und der Industrie mit Hilfe freier Arbeitergenossenschaften. 7. Aufsicht und Kontrolle der Privat industrie durch die jüdische Gemeinschaft. 8. Kollektive Arbeiitsverträge. Ausgedehnte Arb eiter schutzgesetzgebung (Sozialversicherung, Maxämalarbeitszeit, Minimallöhne, Schutz der Frauen- und Kinderarbeit). 9. Anteilnahme der Arbeiter an der Regelung der Arbeitsbedingungen und am Gewinn. 10. Unentgeltliche Benützung der Bildungsanstalten und Lehrmittel; die Möglichkeit der Teilnahme auch Unbemittelter durch Gewährung der Unterhaltskosten aus öffentlichen Mitteln. 11. Unentgeltliche Gewährung von ärztlicher Hilfe und Heilmitteln. 12. Kontrolle des Bau- und Wohnungswesens, sowie möglichst ausgedehnte städtische und kommunale Bautätigkeit 13. Sabbat und Feiertage sind die nationalen Ruhetage des jüdischen Volkes. Dieser Antrag wurde mit allen gegen fünf Stimmen angenommen. ,Von einem Anträge Dr. Elias Auerbachs wurde der folgende Passus beschlossen: „Ein Gegensatz von Kapital und Arbeit und aus ihm sich ergebende Klassenkämpfe sollen durch die Betätigung eines wahrhaft jüdisch-sozialen Geistes im Gemeinwesen verliindert werden.“ Ferner wurde ein Antrag des Hapoel Hazalr angenommen, wonach der Hechaluz seinem Charakter als Pionierbewegung entsprechend, in j ed er Hinsicht gef ordert werden soll und die Zionistische Vereinigung für Deutschland beauftragt wird, allen Chalnzim in Deutschland durch Schaffung von Lehrgüter». Beschaffung von Lehrstellen und Unterstützung Unbemittelter die Berufsvorbereitung für Palästina zu ermöglichen. Der Nachmittag des zweiten Tages der Verhandlungen war den hygienischen Fragen gewidmet. Hiezu referierten die Herren Dr. Brünn und Dr. Auerbach, beide durch ihren jahrelangen Wohnsitz in Palästina besonders legitimiert Während ersterer die allgemeinen hygienischen Gesichtspunkte besprach, ging der letztere auf die einzelnen hänfiger vorkommenden Krankheiten ein, insbesondere die Malaria, das Trachom und den während des Krieges emgeschleppten Flecktyphus. Die beiden interessanten Referate wurden ergänzt durch die Ausführungen Dr. Theodor Zlocistis über Wanderungshygiene und Dr. Sandlers über die' Tuberkulosebehandlung in Palästina. Es folgte das Referat des Architekten Baetwald, des Erbauers des Jüdischen Technikums in Haifa, der die technischen und künstlerischen Fragen behandelte, die das Bauwesen in Palästina betreffen. Seine Ausführungen wurden von DipL- Ing. Richard Michel ergänzt. Mit großem Interesse nahm die Tagung auch das Referat von Frau Sonja Gronemann auf, die von den Aufgaben der jüdischen Frau in Palästina sprach, von den Arbeiten berichtete, die der Frauenbund für Kulturarbeit in Palästina bereits geleistet hat und von den größeren Aufgaben, die ihm jetzt bevorstehen. In der anschließenden Aussprache betonte FrL Dr. Grete Pinn er die wichtigen Aufgaben sozialer Natur, die die Frau in Wanderungshäfen und auf Wanderungsschiffen zu leisten hat und forderte Kurse, um Kindergärtnerinnen und Krankenpflegerinnen auszubilden und ihnen zu gleicher Zeit die notwendigen Kenntnisse in der hebräischen und wenn möglich anch in der jüdischen Sprache zu gewähren. Nur kurz kann auf das Referat von Redakteur Hans Goslar hingewiesen werden, der die Probleme der Finanzierung d-er jüdischen Kolonisation behandelte. Die kulturellen Fragen des Aufbaues konnten nicht in der ursprünglich beabsichtigten Form besprochen werden, da der Referent, Professor Heirich L o e w e, nicht imstande war, sein Referat zu halten. Es wurde nach kurzer Aussprache ein Antrag von Dr. Arnold Barth angenommen, in welchem als Mittel zum Aufbau Palästinas im Sinne der altjüdischen Kultur folgendes in Aussicht genommen wird': 1. Aufstellung eines für alle Schulen geltenden Minimalprogramms, das die Kenntnisse des jüdischen Schrifttums im weitesten Umfang als Zwangsunterrichtsgegenstand enthält. . 2. Ausbau des Schulwesens auf Grundlage des Prinzips der Schulgemeinden. die untereinander nach kulturellen Gesichtspunkten differenziert sind. 3. Ermöglichung der Begründung und Aufrechterhaltung von Lehrhäusern und Hochschulen, denen die Durchforschung des gesamten jüdischen Schrifttums obliegt. 4. Schaffung einer Zentralbibliothek sowie einer möglichst großen Anzahl lokaler Bibliotheken, deren Benutzung unentgeltlich sein muß. in denen das jüdische Schrifttum den seiner Bedeutung angemessenen Raum einnimmti 5. Die jüdischen Kunstdeukmäler sind zu sammeln und der Allgemeinheit zugänglich zu machen. Ohne Debatte wurde endlich ein Antrag Dr. Wilhelm Levys angenommen, der bei der Schaffung des Palästina-Amtes Maßnahmen fordert, um jedem Einwanderer Gelegenheit zu geben , cisidheENIAXT RDGOVC UMLHWYW geben, sich die Kenntnis der hebräischen Sprache schon vor der Uebersiedlung anzueignen. Nachdem so die Tagesordnung erschöpft war, sprach Dr. Hantke, der den Delegiertentag geleitet hatte, einige Schlußworte. Obwohl wir noch in Monaten des Ueberganges leben, führte er etwa aus, haben wir doch heute Probleme erörtert, die vielleicht noch nicht praktisch sind, aber es morgen sein können. Dr. Hantke wies dann auf «Me Bedeutung der behandelten wirtschaftlichen, 'sozialen und kulturellen Fragen hin und gab zum Schlüsse seiner Freude Ausdruck über die zahlreichen neuenGe Sichter, die unter den Delegierten zu bemerken waren. Mit einigen Dankesworten Dr. Arnold Barths an Dr. Hantke und dem Gesänge der Hatikwah schloß der Palästina-Delegiertentag. Der Wiederaufbau von Erez Israel Unter den vielen Schriften, die in letzter Zeit über Palästina und die. jüdische Kolonisation erschienen sind, tritt die vor kurzem erschienene Broschüre von Ing. Josef Tischler in jüdischer Sprache mit wertvollen konkreten technischen Vorschlägen hervor. Die im Verlag des Vereines „Jischuw Erez Israel“ erschienene Schrift bildet die Nummer 1 einer jedenfalls beabsichtigten Reihe von einschlägigen Veröffentlichungen. Im Vorwort stellt der Verfasser zunächst richtig, daß es sieh eigentlich nicht um Kolonisation, sondern um eine Massenwanderung der Juden handelt Gleich an dieser Steile wird von der Wichtigkeit gesprochen, die in der geregelten Art der Durchführung dieser Massenbewegung liegt. Er weist gleich im Eingang auf die schwierige und wichtige Aufgabe der Wiedereinwurzelung der jüdischen Massen hin, die seit fast 2000 Jahren der Erde und dem Landleben entfremdet simL Im Zusammenhang damit betont er, daß in Palästina durch die Wiedereinwurzelung für das jüdische Volk ganz neue Lebensbedingungen geschaffen sein werden. Ausgehend von der Ansiedlungskapazität Palästinas kommt er dazu, zunächst dessen Grenzen nicht festzulegen, sondern das historische Palästina als Grundlage zu nehmen. Die Betrachtung der Kapazität des Landes führt ihn zu dem wichtigen Resultat, daß ein. Drittel der Bevölkerung in der Landwirtschaft, während zwei Drittel in städtischen Berufen ihren Lebensunterhalt verdienen wenien. Er schließt auf Grund seiner Erwägungen auf eine Fassungsmöglichkeit von 5 bis 6 Millionen Juden. Im zweiten Kapitel beschäftigt sich Ing. -.Tischler mit der Verteilung der Bevölkerung in Stadt und Land und stellt sich drei Fragen,- welche er in ausführlicher Weise zu beantworten versucht. 1. Welcher Maßstab zugrunde gelegt werden soll bei dem Ausbau einer Stadt und ihrer Umgebung, bzw. wie weit eine Stadt von der anderen entfernt seih soll. 2. Die Größe einer Stadt, d. h. auf welche Einwohnerzahl ihre Entwicklung beschränkt sein soll. 3. Anlage und Ausbau der Stadt in technischer und sanitärer Beziehung. In Beantwortung der beiden ersten Fragen entwirft der Verfasser ein System von Kreisen, wobei jeder Kreis eine Stadt mit den umliegenden Dörfern haben soll. Er führt nun Im weiteren aus, wodureh das Verhältnis zwischen der Größe der Stadt und der Anzahl und Größe der umliegenden Dörfer bedingt ist und kommt zu dem Schlüsse, daß er der Stadt, welche m einen Kreis von ungefähr 140—170 Quadratkilometer zu liegen kommt, eine Entwicklungsmöglichkeit von 15.000 bis 20.000 Einwohnern zuweist. Durch diese Einteilung wird die Entfernung von Stadt zu Stadt' auf 13 bis 15 Kilometer festgelegt, während anderseits die Entfernung des weitesten Dorfes von der Stadt bloß 6J4 bis 7 km beträgt Aus-dieser Einteilung ist schon ersichtlich, daß Ing. Tischler eine sehr dichte Besiedlung und intensivste Bewirtschaftung im Auge hat Im Weiteren werden technisch-sanitäre Bemerkungen auf Grund von Erfahrungen bereits vorhandener Städte besprochen. Zunächst wird auf die Notwendigkeit hingewiesen, den bei der Anlage von Städten bisher begangenen schweren Fehlern durch Planmäßigkeit und bewußtes Studium bei der Neuanlage aus dem Wege zu gehen. Er benützt hiebei die Ergebnisse des modernen Städtebaues, möglichst in die Breite zu bauen, um die Bevölkerungsdichtigket nicht über ein gewisses Maximum anwachsen zu lassen. Besonders die große Ueberfüllung der europäischen Judenstädte gibt das böseste Beispiel des unhygienischen Lebens. In Besprechung des Bebauungsplanes hält sich der Verfasser im großen und ganzen an die Maßnahmen der besonders in England und in Frankreich sich entwickelnden Gartenstadtbewegung. Er geht davon aus. daß durch die Schaffung eines genauest durchdachten Bebauungsplanes die Ansiedlung und günstige Lebenshaltung von 16—20.000 Menschen gewährleistet ist. Das Zentrum der Stadt bildet eine dichtere Ansammlung von Häusern in geschlossener Bauweise, in welchen in erster L inie Handel- und Verkaufsgelegenherten eingerichtet werden sollen. Dieses Zentrum wird von einer' Allee, welche durch Häuser mit Vorgärten umsäumt ist. umschlossen. Diese Häuser haben bereits einen größeren Hof und Garten von zirka 400 Quadratmeter Flächeninhalt, wobei auch die Verbauung mit höchstens 40 bis 50 Prozent zulässig erklärt wird. Im weiteren Ring ist die geschlossene Bauweise aufgelassen und kommen nur mehr Häusergruppen in sogenannter gekuppelter Bauweise vor. Die Parzellen sind mit 600 bis 1200 Quadratmeter vorgesehen, während die Verbauung nur mehr 25 Prozent beträgt. In der Vorstädtzone herrscht die offene Bauweise. Die Häuser sind rundherum von Gärten umgeben und der Hauptsache nach nur bis zur Höhe des Hochparterres zulässig. Die Parzellen sind schon 1250 bis 3500 Quadratmeter groß. Es ist damit gerechnet. daß die Bewohner bereits einen größeren Gemüse- und Obstgarten bewirtschaften, wobei Geflügelzucht und Milchwirtschaft mit ermöglicht werden soll. In dieser dritten Zone werden auch die Gewerbe und Industrien installiert Bei Anlage der Fabriksviertel wird auf die Windrichtung Rücksicht zu nehmen sein, damit Rauch und schlechte Gerüche nicht in die Stadt getragen werden. Daß in der Nähe der Fabriken auch Arbeiterhäuser zu errichten sein werden, ist naturgemäß. nur verlangt Ing. Tischler für iede Arbeiterfamilie zirka 1000 Quadratmeter zur landwirtschaftlichen Bebauung. In der dritten Zone befinden sich auch Spitäler. Sanatorien, Waisenhäuser, Schulen und andere öffentliche Gebäude, wobei bei der Anlage der Stadt dafür Sorge zu tragen ist. daß Bauparzellen für Anlage weiterer öffentlicher Bauten zur Verfügung gehalten werden. Bezüglich des Verkehrsnetzes der Straßen und Wege der Stadt sei nur auf die Wichtigkeit der richtigen Führung und Breite der Hauptverkehrsadern hingewiesen. Desgleichen sind die selbstverständlich notwendigen Ausführungen von Wasserleitungen und Kanalisation nur angedeutet. Um die Stadt herum wird ein Wald- und Wiesengürtel von 100 bis 150 Meter Tiefe angelegt, über dessen Nutzen nicht weiter viel zu sprechen ist. Es sei nur darauf aufmerksam gemacht, daß der Verfasser unbedingt verlangt, daß mit der Aufforstung sofort bei Bauinangriffnahme begonnen werde. Ein eigenes Kapitel ist der Anlage und Größe des Dorfes gewidmet. Auf Grund einer gründlichen Kalkulation, wobei der Verfasser insbesondere das Schulwesen berücksichtigt, gelangt er zu dem Resultat, in einem Dorfe 10O bis 120, höchstens 200 Familien anzusiedeln. Bezüglich der Anlage des Dorfes berücksichtigt er die Notwendigkeit ausreichenden Bodenbesitzes pro Familie mit zirka 100 Dunam und verlangt auch hier Wald und Wiesen in der Ausdehnung von zirka 20 bis 30 Hektar, wobei letztere Grundstücke unteilbares Eigentum des Dorfes zu verbleiben haben. Das nächste Kapitel ist der Beschäftigung der Einwohner von Stadt und Dorf_ gewidmet. Ausgehend von der natürlichen- Entwicklung, die