Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 13 (1919)
- Issue
- 23 (6.6.1919)
- Date
- 1919-06-06
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. ,25 JÜDISCHE ZEITUNG Zionistische Konferenz in Petrograd w. Der Bericht über die Konferenz der zionistischen Organisation Großnsßtenös, der' jetzt erst von dem offiziellen Kope’nhagener Bulletin: mitgeteilt werden kann, gibt zum ersten Male seit der Unterbrechung der,'direkten Verbindung ein überraschendes Bild der intensiven zionistischen Arbeit In Rußland. Wir haben nie daran gezweiielt, daß unsere Freunde, die die zionistische Bewegung auch , unter dem Druck und den Verfolgungen des zaristischen Regimes lebendig, erhalten haben, auch unter den jetzigen ungünstigen äußeren Bedingungen unermüdlich am,-Werke sind. Im Zentrum der Beratungen der Konferenz standen Probleme, die nicht nur für Rußland, sondern für den Zionismus überhaupt von der größten Bedeutung sind. Wir geben daher diesen Teil des Berichtes wieder. Die Regulierung der Emigration nach Palästina, die Schaffung entsprechender wirtschaftlicher Bedingungen für einen sozial befriedigenden Aufbay des Gemeinwesens, die Probleme der Berufsumschicbtung und vor allem die Frage des Kolcdisationsplanes und der Kolouisationsmethoden beschäftigen uns genau so wie unsere russischen Freunde. In der. Debatte über das Referat des bekannten Zionistenführers Brut’zkus wurde der Mangel eines einheitlichen Kolonisaticmsplanes lebhaft beklagt, worauf das russische Zentralkomitee mit Recht erwidern konnte, daß dies nicht Sache einer Landesorganisatiou, sondern der Oesamtorganisabioa ist. Gerade dieser Vorwurf ist auch bei uns in Oesterreich immer wjgder gegen das Aktionskomitee erhöben worden. Es scheint, daß das Aktionskomitee nunmehr, nachdem sich die politische Lage allmählich klärt, diese# drängenden Aufgaben ein erhöktes Augenmerk zuwenden wird- Ein Ansatz hiezu ist die Schaffung des zentralen Palästinaemtes in London. Was die einzelnen Orgaräsatiousmethoderi betrifft, so ist bemerkenswert, daß die Achusah-Idee von der,Konferenz anscheinend ziemlich einmütig abgelehnt wurde, aus Gründen, die uns ziemlich stichhältig erscheinen. , Die lebhafteste Diskussion entwickelte sich iher die Frage, ob eine Eindämmung der Emigruöpo-zujässig ist oder nicht Auch darüber wird wold das E.-A.-C. das letzte Wort zu sprechen buhen. In der Debatte über diesen Punkt1 würde die alte Grundfrage der zionistischen Ideologie erörtert ob der Zionismus in erster Iinic die Beseitigung des ■ jüdischen Massenelends; das allerdings gerade im gegenwärtigen Moment eine beispiellose Hölie erreicht hat. bezweckt, oder ob er vor allem die Schaffung eines nationalen Heimes zum Ziele hat, das Selbstzweck ist und sich nicht nach den momentanen Bedürfnissen der jüdischen Menschen richten kann, sondern organisch wachsen muß. Wenn wir an den Emst und der Sachlichkeit der Retrograder Beratungen die Leistung unserer zionistischen Organisation in Oesterreich messen, so müssen wir gestehen, daß wir in der Erfassung und Behandlung der wichtigsten Probleme in Oesterreich noch weit zurücksteben.- Auch de. jüngst .abgehaltene Jabreskonferenz der englischen Zionisten sowie die große Palästinatagung der Zionistischen Vereinigung für Deutschland müssen für uns ein Ansporn ..sein, das zionistische Leben in Oesterreich auch endlich auf jene Höhe zu bringen, die der Bedeutung des gegenwärtigen Augenblicks entspricht. Nachstehend geben wir einen Auszug aus der. Kopenhagener Publikation: Mit einer starken Verspätung ist der Bericht über de am 9. bis 11. März abgehaltene zionistische Konferenz in Petrograd beim Kopenhagener Zionistischen Bureau erngetroffen. Das Zustandekommendieser Konferenz bedeutet ein großes politisches Ereignis für die Zionistische Organisation in Rußland. Nach Ueberwindung der ganz ungeheuren Verkehrsschwierigkeiten ist es gelungen, Vertreter der Organisation aus allen Teilen Großrußlands zu einer gemeinsamen „Beratung; zusammenzuiühren. Das Zentralkomitee konnte nach langer Unterbrechung: gestützt auf die Berichte der Vertreter der Ortsgruppen und der Rayonkomitees. ein übersichtliches BEd über die zionistische Arbeit in den zahlreichen Städten Rußlands gebea Zuerst entwickelte Boris Goldberg, die Tagung eröffnend, das Programm des Zentralkomitees betreffend die Arbeiten für die Kapital- und Arbeitsbeschaffung für Palästina sowie die geplanten Maßnahmen zur Regelung der Emigration nach Palästina. Auf diesem Gebiete hat das Zentralkomitee sehr wertvolle Arbeit geleistet, vor? der wesentliche Erfolge für die zukünftige Palästina-Arbeit erwartet werden. Nach Verlesung der Begrüßungen berichteten die Delegierten über die Tätigkeit der zionistischen Organisation in der Provinz. Wir können die Berichte, welche beweisen, wie aufopfernde Arbeit trotz schwierigster Verhältnisse von unseren Fremden ’ in Rußland geleistet wird, leider nicht volünhaltüch wiedergeben. Es wurden von den Delegierten von 25 bis 30 Städten Berichte erstattet Am zweiten Konferenztage begannen die Referate. Als erster sprach J. D. Brutzkus Über das Thema: »Die .Organisten«« der Palästina-Emigration“. Der Referent führte etwa folgendes ans: Diesmal können wir die Emigration nach Palästina nicht Ihrem Schicksal überlassen, sondern wir müssen sic in die Hand nehmen. Manche Staaten haben künstlich ein Land, für das sie Interesse hatten, mit Erniaranten-Massen angesiedelt ohne sich um die Zukunft dieser Emigranten zu kümmern, da ihnen das Interesse des Landes höher stand, als das der Menschen. Wir aber haben beides zu schützen, die Menschen und das Land. So stehen wir vor einer doppelt schweren Aufgabe. Andere Staaten greifen, sobald es sich als notwendig herausstellt zum Mittel der Grenzsperre für die Emigranten- Auch wir werden wohl oder übel zu diesem Mittel greifen müssen. Nur wollen wir diese Maßnahmen humaner und' auf organisatorischem Wege durchführen. Wir haben es doch mit unseren eigenen Brüdern und unserem eigenen Volke zu tun. Wir werden den Ansturm der Emigration .durch Informations-Bureaus und Aufklärungsarbeiten aufhalten müssen. Ein solches Bureau soll demnächst in Odessa errichtet werden mit unserem Gesinnungsgenossen S. J an o w s k i an der Spitze. Wir werden aber auch außerdem die Emigranten vorbereiten müssen, indem wir entsprechende Elemente klassifizieren. Redner berichtet über die zahlreichen. Palästina-Komitees, die in der Provinz errichtet wurden und die den Zweck haben, entsprechende, Elemente zu registrieren Für das wichtigste Mittel zur Regelung der Emigration hält indes der Referent die Gründung von kooperativen Uebersiedlungs-Gesellschaften, die gewisse Berufsschichten umfassen und bestrebt sind, sukzessive ihren Mitgliedern die Auswanderung und Ansiedlung in Palästina zu erleichtern. Das Zentralkomitee hat ein ausführliches Stiatut für solche Seite Gesellschaften ausgearbeitet und an alle Ortsgruppen versandt Durch die Schaffung solcher Kooperativen wird es uns möglich sein, die Emigration vor katastrophalen Folgen zu behüten. In der Debatte wurde das Projekt der Kooperafiv-Uebersiedlungs-Gesellschaften einer scharfen Kritik unterzogen. Mehrere Redner wiesen darauf hin, daß es verfehlt sei, von vornherein mit dem System der Kooperative zu herinnen, dos die Privatinitiative ausschaUen wird. Andere wiederum fanden es unverständlich, weshalb nur Handwerker in diese Kooperative aufgenommen werden sollen, während viele sck genannte Kleinbesitzer, die jeden Tag zu Prole-' tariern werden können, gern ein Handwerk in Palästina treiben würden. Vermißt wurde insbesondere ein einheitliches Kolo njsations Programm. Das Zentralkomitee erklärte, daß dies nicht seine Aufgabe, sondern die der Gesamtorganisation sei. Allgemeinbedauert wurde die Tatsache, daß der Bericht sich völlig darüber ausgeschwiegen habe, wann eigentlich die Emigration nach Palästina beginnen könne. Bei der gegenwärtig herrschenden Palästinastimmung wäre es ein harter Schlag, wenn der Anfang lange auf sich warten ließe. Del. S. Jan o w s k i meint: Im Gegensätze zu allen anderen Emigrationsbewegungen, die nur zwei Momente voraussetzen, eine Emigrationsstimmung und ein Emigrationsland, müssen wir ein drittes bedeutendes Moment im Auge behalten: Die Schaffung eines nationalen Heims. Um dieses Moment, auf das es hier ankommt, zu verwirklichen brauchen wir viel Zeit und wenig Menschen. Es ist notwendig, daß sich jetzt die Massen noch nicht nach Palästina in Bewegung setzep. In den Uebersiedlungsgesellscharten erblicke ich das beste Mittel zur Regulierung des Emigrationsstromes. Del Hur wich: Wenn man den‘Massen keine bestimmten Mitteilungen darüber macht, wann die Tore Palästinas geöffnet sein werden, werden die Massen nach anderen Ländern emigrieren, z. B. nach Amerika. Del. B a b k o w hält die Eröffnung eines Enügrationsbüros in Odessa unter den gegenwärtigen unsicheren Verhältnissen für zwecklos. Durch die Einschränkung der Emigration würde der Zionismus selbst erklären, daß er das nationale Problem nicht lösen .könne. Gerade in solch unnormalen Zeiten, m denen wir leben, ist eine Einschränkung der Emigrationsmöglichkeit gefährlich. Del Ginzburg: Der Zionismus ist keine Antwort auf die Brotfrage. Als im Jahre 1890 die Einwanderung nach Palästina durch die türkische Regierung ein wenig erleichtert wurde und eine starke Auswanderung nach Palästina einsetzte, war die Existenz des neuen Palästina sehr gefährdet. Hüten wir uns vor einer Wiederholung solcher Experimente! (Be unser Werk für Jahre hinaus vernichten können. Mit einer ausführlichen Schlußrede des Delegierten Bruzkus schließt die zweite Sitzung. In der Nachmittagssitzung des zweiten Konferenztages referierte Herr Slizian über die Bedeutung der Achusah-GeseUschaften. Der Referent entwickelte das Programm der Gesellschaften, wie es in Rußland und Amerika ausgearbeitet wurde. Er verliest ein instruktives Statut zur Bildung weiterer Achusah- Gruppen. Hierin wird den Gruppen empiohlen. nur etwa 40 bis 75 Mitglieder aufzunehmen. Eine solche Anzahl von Arbeitern ist notwendig für die Bewirtschaftung des entsprechenden Bodens von 50 bis 100 Dunam. Größere Achusah-Gesellschaften sind unerwünscht. Die Amelioration und führt: er hört dem Quell, den Stein, fühlt selig sich verschwisfert; der Natur und den Elementen. Und schließlich kommen die Engel, die Boten, aber sie künden ihm fälsche Botschaft: „Korn, Honig, Wein, Oel,Feige und Granat!“ Doch Jaäkob weiß, mehr als selbst die Engel* er weiß, daß es anderes gilt, zornig weist er zurück, „was Edoms — picht Jaäkobs — Seligkeit“. Jaäkob ist der Mensch,- der Teil hat an beiden Welten; die Engel,, die nur der oberen Welt angehören, können seinen unbändigen Willen nicht verstehen. In Jnäfcpb aber .'drängt der Konflikt das ewige, tausendfache stumme Leiden, das nach Erlösung lechzt; er will nicht Seligkeit, er will Gottes Anwalt werden, sein Werk vollenden helfen, Gottes Genosse,auf dieser WeJt; ja,,Gottes Schuld will er auf . seine Schultern nehmen. Gott selbst erlösen.. . . Denn er kann rächt von ihm lassen: „Qu,, der mich wählt — Du. den ich wähle — sprich Sa? ihnen, daß wir — zweifelnd — zürnend — hadernd — Doch, aneinander hangen ewig — Da und ich!“ Und die warnende Stimme Samäels, des Titanen, kündet Jaäkob sein künftig Los: Das Martyrium des Gotteskünders im einer gott- . fremden Welt ,,. . . Wohl neigt man deinem Wort sich. Doch blntis schlägt den Mund man. der es spricht! ■Wohl darist du-wandern! Aber rasten? Heimat? Sie wird dir Wort — Da sinnst ihm ewig nacht An dir zu freveln? Wem wär‘s nicht erlaubt? Du Liebling Qottes. wird der Welt verhaßter. Ais Pest, als giftiges Kraut als tolles Tier! ."Was dich gebar, was,dich gezeugt, verkohlt im Feuer, Blutend zerfetzt tritt hin in Scham dein Weib, ijjan tilgt dich aus! Dein .Ungeborenes,' reiüt man . . . i- .Mit Füßen tritt tnan’s. aus der Mutter Leib . . Dies. die furchtbare Prophezeiung für das Volk, das Jaäkobs Lenden entsprießen soll. Dies der- „Segen", um den er ringt, dies die „Auserwähltheit“ ... Jaäkob wartet verzweifelt auf der Engel Wort, aber während diese, in verständnisloser Abwehr, nur ein mattes „Du lügst!“ Samäel entgegensetzen, ertönt aus Donner und .Getöse: „Diel Stimme“ selbst: „Wahr ist Samäeb Wort!“ „Wenn andre, knieend. zum Erbarmer flehen. U e b* ich Erbarmen — wie der Herr am Knecht! Doch du — sollst aufrecht vor dem Vater stehen. Erbarmen — weig’re ich! Fordere du — dein Recht! Um meinen Namen magst’ du Un-Erhörtes dulden — Doch noch in Martern, führ, daß ich — dich nie verwarf! Ich will ja nur — mein Sohn — mich dir so tief verschulden, Daß ich — zur Sühne — dich erhüh'n vor allen darf!“ „Die Stimme dunkelt; unendliche Liehe entströmt ihrem Klang“' — so sagt die Regiebemerkung zu den letzten zwei Versen . . . Und in d<*m Anhang der Buchausgabe, der Worte äus der Heiligen Schrift zu Jaäkobs Traum enthält, ist zu diesem Vers an die Jesajastelle erinnert: „Kann auch ein Weib ihres Kindleins vergessen, daß sie sich nicht erbarme über den Sohn ihres Leibes? Und ob sie desselben vergäße, so will ich doch deiner nicht vergessen.“ Und: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöset; ich habe dich bei deinem Numon gerufen; du bist mein.“ Hier ist Letztes gegeben: die Tragik der ewigen Entzweiung enthüllt, der Polarität der menschlichen Seele und des menschlichen Schicksals: die auf Erden ganz durcbzuleben das jüdische Yolk auser-wählt ist Israel kämpfte mit Gott und ertrotzte den verderbenbringenden Segen: „Der, welcher .mit Gott kämpfte, würde, größer als alle . . “ ' . Die Aufführung Im .Burgtheater vermag h* die Welt der Dichtung .zu versetzen, und das ist eine große Leistung. Die' szenischen Bilder Rollers sind sehr eindrucksvoll und von den Darstellern sind besonders einzelne Episodisten anf der Höhe, ihrer Aufgabe. Dem Jaäkob des Herrn Geras.ch allerdings ist es nicht gegeben, den Strahl der Göttlichkeit widerzuspiegeln, der auf dieser-Gestalt ruhen solL Aber es gelang ihm, sich in den Gottesszenen zu beträchtlicher Größe zu erheben. Gerade diese .Rolle/ erheischt eben einen Künstler von nicht alltäglichen Dimensionen. Der Eindruck des Stückes ist unauslöschlich. Robert WeJtscb, Literarische Nachrichten Henry Mnarek in Tunis hat eine Broschüre über den „Zionismus in Tu nis“ herausgegeben. Der Verfasser schildert die Entwicklung der Bewegung im Lande, seit der Gründung der Gesellschaft Agudath Zion vor acht Jahren. Er schildert ferner den Gegensatz, der zwischen der alten gesetzes treuen Generation und der jungen, die nach Befreiung von de» strengen Gesetzesvorschriften .strebt besteht. Die Aüinuce IsradBte hat es versäumt, in diesen jungen Leuten den jütischen Geist zu stärken. Die Zionistische Organisation bestrebt sich nun. das machzuholen. Man hat Versammlungen* Veröffentlichung von Broschüren, hebräfeche und Ge$ch:cbtskurse veranstaltet. In fünfjähriger Arbeit bat man bereits Einfluß anf die Jugend gewonnen.' Der Widerstand, auf den diese bei ffirer Umwelt stößt, erhöht ihre Arfeertsenerge. Das tunesische Judentum bereifet Steh zu neuen wichtigen Arbeiten vor. „The Quarterly Review“, London, bringt im Aprilheit einen Aufsatz .^Probleme des neuen Padästina“ von Albert At Hyamso n. in dem die wichtigsten Fragen der Bildung eines neuen jüdischen Gemeinwesens in Palästina nr großen Zügen erörtert weiden. Das „Bulletin de Vlnstitut internteefcaire International“ bringt in Nummer 1/2 (Jänner bis April 1919) einen Aussatz, betitelt „Nene Dokumente bezüglich des Zionismus“ aus einem Exposö über de gegenwärtige Lage des Zionismus von Jean Fischer. Der Verfasser gibt einen historischen Ueberblick über de Entstehung des politischen Zionismus und begründet ^dessen wichtigste Forderungen. Im Anschluß daran werden die wichtigsten Regierungserklärungen zugunsten' des Zionismus publiziert Als erste Publikation einer Serie von Büchern erschien der erste Teil van „Das Wesen der Kolonisation“ von Dr. M. Sagorodski.