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Jüdische Zeitung · 1919-05-30 · 22 (30.5.1919) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
13 (1919)
Issue
22 (30.5.1919)
Date
1919-05-30
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 Nr. 22 Die nette Kultuswahlordnung. Diese Woche ist endlich die Wahlreform zur Wiener Kultusgemeinde vom Plenum des Kultusvorständes beschlossen worden. Nach scharfem Kampf, nach zahlreichen Sitzungen und Debatten hat eine Mißgeburt das Licht der Welt erblickt Das Versprechen, das dem jüdischen Nationalrat am 5. November 1918 von dem Kultusvorstand in bindendster Form gegeben wurde, ist längst gebrochen worden. Nicht die von den Zionisten und allen wirklichen Demokraten geforderte demokratische Wahlordnung ist geschaffen worden, sondern ein reaktionäres Wahlrecht, das sich von dem bisher geltenden nur in ganz wenigen Punkten unterscheidet Vor allem üi zwei Punkten hat der Vorstand der demokratischen Richtung Konzessionen gemacht: Die Kurie der Höchstbesteuerten wurde aufgelassen und der Proporz wurde eingeführt Die Kurie der Höherbesteuerten, diese wahre Schande eines demokratischen Wahlsystems, wurde nur mit schwerstem Herzen preisgegeben und darauf bezogen sich wohl die feierlichen Schlußworte des Vizepräsidenten Hofrat Rappaport, wenn er von einem Kompromiß sprach, das durch Opfer von beiden Seiten zustande gekommen sei Durch den Proporz ist der Minorität eine angemessene Vertretung gesichert, so daß anzunehmen Ist, -daß der nächste Kultusvorstand nicht ausschließlich zionistisch sein wird Wir Zionisten fordern aber und werden nicht aufhören zu fordern ein allgemeines gleiches Wahlrecht für alle jüdischen Männer und Frauen. Das neue Wahlrecht ist kein allgemeines, denn es ist an eine Steuerleistung gebunden. Wir sind gewiß dafür, daß die Gemeinde die für die Erhaltung der jüdischen Gemeinschaftsinstitutionen erforderlichen Mittel durch weitgehende gerechte Besteuerung aufbringt und daß von dieser Besteuerung niemand ausgenommen werden soll, der über Vermögen oder Einkommen verfügt. Aber wir lehnen es ab, daß ein Zusammenhang zwischen der Steuerleistung und dem primitivsten natürlichen Recht jedes Gemeindegenossen konstruiert wird. Ueber die Frage „Zensus und Wahlrecht“ schreibt treffend in der letzten Nummer der „Jüdischen Rundschau“ Dr. Salli Hirsch (Berlin) u, a.: „Wie wenig berechtigt eine Verquickung von Wahlrecht und Steuerzahlung ist, zeigt auch folgende Ueberlegung. Entweder es ist jemand leistungsfähig und steuerpflichtig, dann muß er auch jüdische Abgaben zahlen; die Gemeinde kann, die Steuern mit Hilfe des Gerichtsvollziehers einziehen. Ist jemand aber so wenig mit materiellen Gütern gesegnet, daß er nicht in der Lage ist, Steueriii.zu zahlen*„sp ist es .undemokratisch, ihm deshalb das Wahlrecht zu entziehen. Die Versagung des Wahlrechtes hätte allenfalls einen gewissen (wenn auch reaktionären) Sinn nur dann. Wenn sie lediglich den träfe, der der jüdischen Gemeinde seine Steuern nicht zahlt, trotzdem er dazu imstande ist. Der heutige Rechtszustand aber, der das Wahlrecht in gleicher Weise denen nimmt, die nicht zahlen können, wie denen, die nicht zahlen wollen, ist geradezu unsittlich. Unsittlich, unsozial und undemokratisch ist der Geist, der aus jener Bestimmung des Statuts der Berliner jüdischen Gemeinde spricht, daß der Antrag auf Befreiung von Steuern als Verzicht auf das Wahlrecht gilt Der arme Teufel, der sich aus dringenden Gründen genötigt sieht, um Befreiung von den Steuern zu bitten, muß damit gleichzeitig auf das vornehmste Recht, das eine öffentliche Korporation zu vergeben hat, Verzicht leisten.“ Das Festhalten an dem Zensus bedeutet den schwersten Schlag gegen den demokratischen Charakter des Wahlrechtes. Aber gegen den jüdischen Geist haben sich die Machthaber der Kultusgemeinde noch schwerer versündigt. Sie haben alle öffentlichen jüdischen Funktionär.e, die Rabbiner, Religionslehrer und Kultusbeamten vom passiven Wahlrecht ausgeschlossen. Die Männer, die die Sachverständigen in jüdischen Fragen sind, und die im Judentum das größte Ansehen genießen sollten,_fcaben die entludeteir, nur auf die Würde ihres Geldsackes gestützten, rein formalistisch denkenden und materialistisch gesinnten Leiter der Gemeinde mit überheblicher Geste aus dem Beratungssaal gewiesen. Es half wenig, daß die Beamten in einer einmütig gefaßten energischen Resolution ihre Entrüstung über diese Kränkung aussprachen. Auch die Ueberlegung, daß nur durch Heranziehung kundiger und. papularer. Männer das bereits völlig versiegte Gemeindeleben, dessen dürftige Reste sich in private Vereine geflüchtet haben, erneuert werden könnte, liegt dem Kultusvorstand vollständig fern.: Das einzige, woiauf er bedacht ist, ist die Erhaltung seiner Macht und der falsche Ehrgeiz auf eine trügerische Würde. Diesqjbe Ueberhebung liegt auch in dem Ausschluß der Ostjuden vom Wahlrecht Die Ostjuden werden von unseren Vorstehern noch immer über die Achsel angesehen, zumal seitdem sie Flüchtlinge, unterstützungsbedürftige Parias sind. Der Kultusvorstand hat sich mit diesem Beschluß--an einem der heiligsten Grundsätze des Judentums, der Einheit des jüdischen Volkes, versündigt Dabei spricht ganz offenkundig auch die Furcht vor dem Nationalismus mit, als deren Träger man die Ostjuden ansieht Sogar ein sonst gerecht denkender Mann, wie Hofrat Löwner, hat sich nicht gescheut, in öffentlicher Sitzung zu erklären, daß er aus Angst vor dem Nationalismus, aus „opportunistischen Gründen“ dem offenkundigen Rechtsb'ruch zustimmt Vergeblich haben< die jüdischnationalen Kultusvorsteher darauf aufmerksam gemacht, daß es nicht angeht von den Ostjuden Kultussteuer einzuheben und ihnen gleichzeitig das Wahlrecht zu nehmen. Vergeblich haben sie auf die Gefahr der Steuerverweigerung und der Separation hingewiesen. Man hat trotzdem das Erfordernis der deutschösterreichischen Staatsbürgerschaft als Bedingung des aktiven Wahlrechtes statuiert und den Reassumierungsantrag der Zionisten abgelehnt - Es ist kein Wunder, daß sich insbesondere der ostjüdischen Zuhörer bei der letzten Sitzung eine ungeheure Erregung bemächtigte. Die Erbitterung gegen die Machthaber der Kultusgemeinde, die nicht nur ihr Wort gebrochen haben, sondern auch durch ihre frivole und zynische Geringschätzung des Volkswillens das Volk geradezu verhöhnt haben, ist auf das höchste gestiegen. Da die Wahlordnug nunmehr verabschiedet ist so werden die Wahlen nicht länger verschleppt werden dürfen. Die Kultusgemeinde ist die einzige öffentliche Körperschaft die nach dem Kriege noch nicht erneuert wurde. Nunmehr stehen die Wahlen doch bevor. Das Volk wird dabei Abrechnung* halten. Die Aufgaben der jüdischen Volksgemeinden Von Dr. E. Simonsohn.*) ' Das unverhohlene Bestreben der jüdischen Gemeinden geht heute dahin, den Kreis ihrer Aufgaben möglichst eng zu umgrenzen. Fast für alles, außer Kultussachen in einem ganz engen Sinne, erklären sie sich unzuständig und schieben die Erledigung anderen Organisationen zu. Darin muß gründlich Wandel geschaffen werden. Eine jüdische Volksgemeinde wird ihre Kraft aus einem *) In einer überaus lesenswerten, anregenden Broschüre, die soeben im „Jüdischen Verlag“ in Berlin erschienen ist, entwirft Dr. Simonsohn das nachstehende Programm für die jüdische Volksgemeinde, das mit kleinen Modifikationen auch auf die österreichischen Verhältnisse anwendbar ist Die Schrift „Die jüdische Volksgemeinde“ zerfällt in folgende Abschnitte: 1. Warum müssen die Kultüsgemeinden in jüdische Volksgemeinden irmgewandelt werden? 2. Die Organisation der jüdischen Volksgemeinde. 3. Die Aufgaben der jüdischen. Volksgemeinde. 4. Thesen für ein Gemeindeprogramm. Preis 60 Pfennig. lebendigen Verhältnis zu alten -jüdischen: Angelegenheiten schöpfen müssen. Die Organisatiomskpst der deutschen Juden bat zu einer wertig nützlichen Zersplitterung ihrer geistigen und materiellen Kräfte durch Gründung van zahlreichen Organisationen geführt, die verschiedenen jüdischen Angelegenheiten dienen. Dieser Standpunkt ist völlig unhaltbar geworden, denn alle die Aufgaben, die der Zentralerem deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, der Verband der deutschen Juden, der Hilrsverein der deutschen Juden sich gesetzt haben, werden viel zweckmäßiger und autoritativer von der legitimen Vertretung der Juden, der Gemeinde, gelöst werde» Die jüdische Volksgemeinde darf, wenn sie die Aufgaben der bisherigen großen Organisationen der deutschem Judenheit übernimmt; keineswegs engherzige Lokalpolitik treiben, sie muß als die zuständige Vertretung der Juden das verbindende Glied mit der Gesamtjudenheit bilden. In Deutschland speziell, wo die Verhältnisse eine politische Autonomie nicht möglich erscheinen lassen, wo der Zusammenhang der Juden, soweit sich heute übersehen läßt, vornehmlich geistigkultureller Art bleiben wird, soll die Volksgemei'itde Trägerin gewisser kultureller und sozialer Institutionen und Bestrebungen sein, die im Rahmen der allgemeinen Verhältnisse und im Hinblick auf die jüdische Gesamtlage von den Juden als Ausfluß ihrer Eigenart autonom geregelt werden können. Das Maß religiösen Empfindens, die Stellung des Einzelnen zu den religiösen Problemen wird Mer nicht mehr entscheidend sein. Aus dem Bewußtsein des lebendigen Zusammenhanges mit einer großen Gemeinschaft wird die Fülle neuer Aufgaben entstehen. Die. Gemeinden, welche diese Voraussetzungen erfüllen, werden von selbst ein verständnisvolles Verhältnis zu allen großen jüdischen Fragen finden. Sie werden e^als Ehrenpflicht betrachten, an dem Wiederaufbau Palästinas, an der Entstehung des neuen jüdischen Gemeinwesens teilzunehmen, den Kampf der Juden um -ihre Rechte in allen Ländern wirksamst zu fördern, soweit sie dazu imstande sind, ohne die besonderen Verhältnisse, die anders als in Deutschland sind, aus dem Auge zu verlieren und ihren Anteil nach deutschen Interessen zu orientieren. Sie werden auf diesem Wege die Ueberzeugung gewinnen, daß die Judenfrage nicht mit dem Kampfe gegen den Antisemitismus, dessen Abwehr immerhin eine Ehrensache bleiben mag. und mit dem Ansprüche auf volle bürgerliche Gleichberechtigung, unter welcher, wenigstens bisher, vielfach nicht mehr als die Befriedigung des Ehrgeizes der in ihrem Strebertum geMnderten höheren Schichten verstanden wurde, erschöpft ist, und daß eine Achtung gebietende politische Orientierung an ganz andere Voraussetzungen geknüpft werden muß. Es wird den deutschen Juden dann klar werden, daß die bestdurchgeführte Emanzipation nicht mehr bedeutet, als die Sprengung der äußeren Fesseln, welche dem Individuum und der Gesamtheit durch den Druck des Ghettos auierlegt waren, daß aber damit noch keineswegs die Gewähr für den Fortbestand der jüdischen Gemeinschaft gegeben ist Alte Nivellienmgsversuche, die ein demokratisches, vielleicht ein sozialistisches Zeitalter mit sich bringen mag, werden nicht hindern, daß die geistigen Varietäten der Menschheit fortbestehen, gleichgültig, ob sie nationaler oder sonstiger Art sind, und die Juden werden, in Ländern, in denen sie nicht in kompakten Massen leben, wie eben in Deutschland, ihren Fortbestand nur sichern, wenn sie unbeschadet der getreuen Erfüllung •ihrer St’aatsbiirgerpsl’chten als Angehörige dies jüdischen Volkes sich iühlen und' betätigen. Die erste und wichtigste Forderung auf kulturellem Gebiete ist eine vollständige Umgestaltung der jüdischen Erziehung durch die Schule. Die jüdische Schule als konfessionelle Anstalt wird in einem Gemeinwesen, in welchem Staat und Kirche getrennt sind, nur als Privatschule bestehen können. Was das heißt, wird jeder ermessen, der die kümmerlichen Yerhält- Kollektivausstellung Uriel Birnbaum (Wiener Zeitkunst. I.. Maysedergasse 2.) Uriel Birnbaum, dessen Kunst hier anläßlich seiner ersten Ausstellung bei Heller vor ein paar Jahren als starke Verheißung gewertet wurde, hat seither den Krieg, der ihn bresthaft gemacht hat, als Erlebnis in sich aufgenonunen. Seine zum Absoluten drängende Kraft hat den Krieg in sein künstlerisches Weltbild eingeorduet Von der Welt als Gottes. Werk sinnvoll ausgehend, konnte der Künstler, den der gewissermaßen instinktive teleologische Optimismus des Juden leitet, den Krieg als Gottes Krieg, das Erlebnis des Menschen im Kriege als Weg zu Gott empfinden. Ein Glück für ihn und ein Glück für sein Schaffen. Denn er hat dadurch oft Genialisches in seinen Zeichnungszyklen „Gottes Krieg“ und „Ein Weg zu Gott“ aus seiner Seele lösen können. Heilte umfaßt das Werk Uriel Birnbaums, das in den Räumen der „Wiener Zeitkunst“ zur Ausstelung vereinigt wurde, mehr als 300 Blätter. Außer den bereits genannten Zyklen und den bekannten Zeichnungen zum Buche Daniel sei die Blätterfolge „Der'Wurm“, in welcher das eigene Geschick des Künstlers als geringes Teilgeschehen am Menschen, dem Wurm in der göttlich geordneten Welt, dargestellt werden soll, hervorgehoben. In manchen unter diesen Blättern lebt zwingende, endgültige malerische Gestaltung des- Seelenproblems, aus dem der Künstler seine schaffende Kraft holt Ob es. wie Uriel Birnbaum meint, das allgemeine Grundproblem der Kunst ist (was ich bezweifle), kommt hier nicht in Frage. Fest steht, daß Birnbaum diese Expression zu einem vollgültigen Schaffenswert in sich gestalten konnte. Zu dem teleologisch-optimistischen Element seiner Kunst kommt als zweites das visionärfarbige. Seine künstlerische Vision ist die der leuchtenden, bestimmten und bestimmenden Farbe. Der Zyklus „Die Schöpfung“ ist die reinste, einfach-bestimmte Lösung dieser Farbenvision. Der Künstler, welcher die Erschaffung des Todes naiv-genial als Farbenabbruch gesehen, der das Blatt „Die Erschaffung der Zeit“ geschaffen hat. ist wahrhaft schöpferisch. Bezeichnend ist auch seine Gottesdarstellung in einem kalten, schauererweckenden Licht, das an Jehovas Grimmgewalten denken läßt. Prachtvolle Farbigkeit durch die oft (wie überhaupt bei vielen Blättern Birnbaums) das ensbegrenzte Format der Zeichnung unendlich geweitet, wird. herrscht in dem Zyklus „Der Totentanz“, in welchem auch deutlich wieder jener jüdische vitalistische Optimismus deutlich fühlbar wird, in den „Gebäuden“ und in der mir weniger ausgeprägt erscheinenden Blätterteige „Der Abenteure r“. Dieser letzte Zyklus hat statt der klaren, freien Abstraktion etwas kleinspekulative Manier in sich. Vor dieser sollte Uriel Birnbaum sich hüten. Sie tritt manchmal neben seinen besten Blättern heraus. In seiner Gänze aber ist das Werk des Künstlers Zeugnis stärkster, aufs Absolute gerichteter Expression Er ist berufen. Und seine Kirnst gibt dem Schauenden wahres Erleben. Uriei Birnbaum zählt heute zu denen, welche an die Urgründe des Seins rühren können und auch dürfen. Sein Gott ist mit ihm. Er folge nur ihm! S. S. Literarischer Anzeiger Dr. Karl Frank: Die Parteilichkeit der Volks¬ und Rasse-Abergläubischen. (Der Aufstieg. Neue Zeit- und Streitschriften. Nr. 6/7.) Anzengruber- Verlag, Brüder Suschitzky. Leipzig—Wien 1919. 32 S. K 2.—. — Dieser kluge Vortrag ist eine psychologische Untersuchung über die Ursachen des Völker- und Rassenhasses, die die Erkenntnisse psychoanalytischer Forschung auch iür die Sozialwissenschait fruchtbar zu machenversucht Die Ursache des Rassenhasses ist jene affektive Einstellung, die Frank?ls „Parteilichkeit“ bezeichnet, und die im Völkerleben, zu einer Gruppenpsychosi sich steigernd, die verzerrtesten und vernunftwidrigsten Anschauungen und Urteile erzeugt Im allgemeinen ist diese Parteilichkeit charakterisiert durch Liebe und Ueberschätzung der eigenen Art sowie Ablehnung des Fremden, dessen Art aus allerhand unbewußten seelischen Wurzeln als minderwertig abgelehnt oder gehaßt wird Frank zeigt dann an dem Beispiel des Judenhasses, den er durchaus nur als Spezialfall

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