Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 13 (1919)
- Issue
- 20 (16.5.1919)
- Date
- 1919-05-16
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 20 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 5> terhält sich in der Kultusstube damit, etappenweise den Wahlreiormentwurf alle drei Wochen einmal vorzunelimen, obwohl man schon von dem Grundsätze der Demokratie meilenweit abgewichen, ist. Au! diese Weise.wurde erzielt, daß die Ausschreibung der Wahlen über den Sommer hinaus verschleppt wird. Aus acht Wochen ist mein als ein Jahr geworden. Inzwischen geht es mit der jüdischen Verwaltung weiter bergab. Um den Jugendunterricht, um soziale und wirtschaftliche jüdische Angelegenheiten kümmert sich weiter kein Mensch, die Frage des Schicksals der Kultusgemeinde für den Fall der Trennung von Staat und Kirche interessiert niemanden. Die Kultusgemeinde ist heute mehr als je eine Fiktion. Alles, was irgendwie von Wert und Bedeutung im Judentum ist, spielt sich außerhalb der Kultusgemeinde ab. Diesen unwürdigen Zustand wollen die Jüdischnationalen im Interesse der Gemeinde ein Ende machen. Sie wollen die Kultusgemeinde wieder zum zentralen Verwaltungskörper erheben. Das ist natürlich nur dann möglich,' wenn ein neuer Geist in die Gemeinde eindringt. Die Jüdischnationalen haben dieses cminfcnt jüdische Interesse vielleicht mehr als gebührlich zurückgestellt, nur um den Frieden in der Gemeinde zu erhalten. Wenn aber die Herren in der Seitenstetteilgasse .noch weiter so spielen wie bisher, so wird die Geduld ein.Ende haben und die Rücksichten werden dem Unwillen des Volkes weichen müssen. Die Jüdischnationalen sind, heute im öffentlichen Leben unbestritten die Wortführer des Judentums. Es ist ein unhaltbarer Zustand, daß gerade die jüdische Gemeinde ihnen vorenthalten wird. . * Die Wahlen und die Agudas-Presse. Bemerkenswert ist das Echo, welches der Erfolg der Jüdischnationalen bei den Wiener Gemeinderatswahlen In der Wiener Presse gefunden hat. Die liberale und sozialdemokratische Presse gibt ihrem Aergei imverholeu Ausdruck und versucht, es gleichzeitig, die Entscheidung der Wiener. Judenschait als Verirrung abzutun und den Erfolg zu verkleinern. Am amüsantesten aber ist eine jüdische Pressestimme, die Aeußcnmg des Wiener Organs der Agudas-Jisroel. Das Blättchen speit Gift und Galle und bringt alle möglichen Argumente, um die Tatsache zu verschleiern, daß die einzigen jüdischen Vertreter, die gewählt wurden, die jüdischnationalen 'Kandidaten sind. :AuCh iddeses Blatt macht sich den seltenen- Vorwurf zu eigen, daß die jüdischnationaien Mandate nur durch den Aufwand „ungewöhnlicher Geldmittel“ errungen wurden, obwohl gerade diese Leute doch wissen müßten, daß die jüdischnationale Agitation von einer begeisterten Jungmannschaft geleistet wird, welche nur/dem Dienst der Idee ergeben ist. Der Versuch, den Jüdischnationalen die Legitimation abzusprechen, im Namen ihrer Wühler, ider Wiener Juden auizu-. treten,-ist eine alberne Anmaßung. Wenn auch 5n den drei in Betracht kommenden Bezirken, bloß 13.000 jüdische Stimmen abgegeben wurdenj;t so sind es doch die Stimmen aller jener Wähler, wdche als Juden in den Wahlkampf gegangen sind. Es ist beschämend, daß ein orthodoxes Organ sich dazu hergibt, anlijüdische Propaganda zu treiben. Demgegenüber hat die Massenkund-- gebung orthodoxer Juden im Konzerthaus am letzten Sonntag bewiesen, daß die wirklich jüdisch fühlende Orthodoxie geschlossen im nationalen Lager steht. Die Agudas-Jisroel hat sich durch ihre falsche Politik zu demselben Schicksal verurteilt, das dem jüdischen Liberalismus blüht: sie zerfällt und existiert nur noch als lebender Leichnam, während alles Kräftige und Zukunftssichere im Judentum sich im nationalen Lager vereinigt * Die polnischen Verbrechen, Während das polnische Reich in Paris künstlich rekonstruiert wird, während die Staatsmänner der Entente, die eine Interesse “an der Entstellung einer starken Macht zwischen Deutschland und Rußland haben, auf der Landkarte ihres grünen Tisches Grenzen ziehen, wütet die Mordfurie im Innem Polens und heischt immer neue Opfer. Es vergeht beinahe kein Tag, an welchem. nidht 'Schreckensnachrichten aus irgendeiner Stadt Galiziens oder Polenseintreffen. Nach Pinsk kam Lida, nach Lida Wilna usw. Die Untersuchungskommission in Pinsk hat inzwischen einwandfrei festgestellt, daß die Zusammenkunft, welche zum Anlasse des Massenmordes genommen wurde, eine ganz harmlose Veranstaltung zur Verteilung der amerikanischen Unterstützungen war. Weder' der Kommandant noch die Polizeibehörden haben sich im geringstem für den Sachverhalt interessiert und auf eine unsinnige Denunziation hin das Blutbad angerichtet. Es werden schauderhafte, bestialische Einzelheiten berichtet Bei dem Massembegräbnis zeigte es sich, daß einzelne von den Erschossenen noch lebten; sie wurden mit bestialischer Rohheit niedergemacht Die Grausamkeit der entmenschten Mörder kennt keine Grenzen. Aus mehreren Städten Galiziens kamen diese Woche Nachrichten, daß Juden zu Tode geprügelt worden sind. Einige wurden wahnsinnig. In Wilna wurde der jiddische Dichter Weiter, eine Hoffnung der jiddischen Literatur, ermordet Ein ganzes Volk wird systematisch verschüchtert, entnervt, zur Verzweiflung getrieben. Die Juden Polens haben in dem letzten halben Jahre das furchtbarste Martyrium erduldet Die Lage ist unhaltbar, geworden und die Grenze des Erträglichen ist überschritten. Die Herren am grünen Tisch in- Paris scheinen sich darüber nicht allzu viel Gedanken zu machen. In mehreren Ländern wurde energisch, gegen, die Pogrome protestiert jEs ist bei den-Protesten geblieben und-, die; Pogrome sind ■, auch -geblieben. Die Pariser Konferenz irrt sich, wenn frieden und das bessere Zeitalter der Menschheit; sichern kann. Es Ist höchste Zeit, daß die Juden--; frage aufgerollt wird. Wilson hat der Delegatkmdes amerikanischen Judenkongresses erklärt daß er die Notwendigkeit der Gewährung nationaler Rechte einsieht da sonst die Juden im Osten die Hölle hätten. Nim ist aus dieser Erkenntnis die Konsequenz zu ziehen. *- Pogromhetze in der Warschauer Presse. Am Ostersonntag brachte fast die gesamte Warschauer polnische Presse scharfe antisemitische Artikel. In einem Artikel der Zeitung „Gazetta Poranna“ wurden die Massen zur Rache gegen die Jüden aufgefordert für die Kreuzigung Christi und für den offenbaren Verlust von Danzig, welcher eine Folge der jüdischen Agitation sei. Am Ostermontag kamen in den jüdischen Vierteln Freta und Franziscanska in Warschau zahlreiche Ueberfäjle gegen Juden vor, an denen sich hauptsächlich polnische Soldaten aus Posen beteiligten. Viele Hunderte von Juden wurden verwundet und beraubt. Die jüdischen Abgeordneten im Stadtrat haben einen scharfen Protest gegen-die Untätigkeit der Behörden eingebracht. Zahlreiche polnische Zeitungen verbreiten Legenden über Revölverschüsse aus jüdischen Häusern auf polnisches Militär. In den Berichten über die Kämpfe in' Weißrußland wird die ganze-Zivilbevölkerung offiziell als feindlich bezeichnet. . * Die Prager Gemeindewahlen. Zu den bevorstehenden Gemeindewahlen veröffentlicht das jüdische Wahlkomitee in Prag einen Aufruf an die jüdischen Wähler, in welchem es heißt: „Kein anderes Programm, keine andere Kandidatenliste kann euch versprechen und noch weniger eine wirkliche Sicherheit bieten, daß eure Sorgen als die eigenen Sorgen eurer Vertreter betrachtet werden. Das verbürgt euch bloß die jüdische Kandidatenliste: Für uns Juden ist es heute dieeinzige Gewähr unserer Zukunft, ja die einzige Lebensmöglichkeit, daß wir an den Nationalitätenkämpfen keinen Anteil nehmen und uns neutral verhalten. Lediglich auf unsere eigenen, die jüdischen Interessen müssen wir bedacht sein. Wenn die Juden dieses elementare Gebot politischer Klugheit und menschlichen Verständnisses für die zahlreichen, vom Judenhaß aufs schwerste bedrohten jüdischen Mitbürger nicht beachten, gehen sie unausdenkbaren Gefahren entgegen und laden die Schuld auf sich, die keiner verantworten kann Wir Juden haben keine Ursache, Exponenten des nationalen Chauvinismus zu sein und die alten Methoden des nationalen Haders von neuem zur Anwendung zu bringen, die den Weltkrieg verschuldet haben. Der eben beendete Krieg soll nicht von einem neuen Kampf im Innern dar neuen Staaten abgelöst werden und mehr noch, als für alle anderen gilt für uns Juden das Wort: Wir wollen endlich Frieden, auch den nationalen;. Frieden!“— Es ist zu hoffen, daß die; böhtuifcjjen,.-.Juden,- di? durcji, ihre Fehler .schon hinreichend klug zu werden, Gelegenheit hatten, endlich den richtigen Weg gehen und. ebenso wie die Wiener Juden nur jüdisch wählen werden. * I.ehrerkonferenz In Palästina. Das Kopenhagener Zionistische Bureau schreibt: In Jaffa fand neulich zum ersten Male seit der Einnahme von Galiläa eine Konferenz der palästinensischen Lehrer statt. An ihr nahmen 400 Schulleiter und Lehrer teil. Die Versammlung schickte Grüße an Weizmanr. und Sokolow sowie an Ussisclikin. * 1 ouis D. Brandeis fährt nach Palästina. Aus Amerika wird gemeldet: Oberrichter Br and eis, Jakob D. de Haas und Frau Mary Fels beabsichtigen, Anfang Juni nach Palästina zu fahren. Zionistische Bewegung Der Palästina-Aufbau-Fond Das Koperihagener Zionistische Bureau schreibt: In dem Augenblick. da die zionistische Kommission der Friedenskonferenz die Forderung des jüdischen Volkes nach Erridhtaig einer nationalen Heimstätte Sn Palästina vortragen durfte, ist die Zionistische Organisation in ein neues Stadium ihrer Wirksamkeit eingetreten. Von nun ab handelt es sich darum, alte Kräfte aufzubieten, um die Grundlagen für eine praktische Tätigkeit zu schaffen, deren Reichweite aber alle bisherigen Bemühungen hfinasnsgeht Die Londoner Zionistische Konferenz Ihat es deshalb als notwendig erkannt daß die Zionisten alter Ländler ronverzügücb ans Werk gehen, um dieser großzügigen. Arbeit für das jüdische Volk de erforderliche finsmzielte Grundlage zu schaffen, & wurde beschlossen, bei den Juden aller Ländler die Aufbringung eines Fonds anzuregen im Gesamtbeträge von 400.000 Pfund Sterling. Dieser Fonds soll den 'folgenden Zwecken dienen: 1. Er soll der Zionistischen Kommission in Palästina die Mittel für d5e Erfüllung der heute in Palästina erforderlichen sozialen, pädagogischen und Ansiedlungs - Aufgaben gewähren und soll ferner diese Kommission. bis eine größere und mit wettergelhenden Rechten ausgestateete Körperschaft an ihre Stelle - tritt, in den Stand setzen, alle Vorbereitungen für die Aufnahme des erwarteten großen EinwandSererstromes zu treffen. 2. Der Fonds soll .der Zionistischen Organisation selbst die Mittel zur Erfüllung ährer politischen und Organisatorischen Aufgaben bieten. Eine der dringendsten neuen Aufgaben ist die Errichtung von Emigrations- und Auskunftsbureaus in den großen jüdischen Zentren Osteuropas und ferner die Einrichtung von Palästina-Abteilungen der Organisation in London und Kopenhagen. Alte diese Aufgaben erfordern ganz bedeutende Mittel. Ehe englische Judenbeit ist daher unmittelbar nach der Londoner Konferenz daran geschritten, ihren Teil au (fiesem Fonds beizutragen. Alle Zionistischen Organisationen in England haben sich, vereinägit. um im Jahre 1919 geminsam die Summe von 100.000 Pfund Sterling airfznbringen.. Für den Erfolg ihrer Bemühungen bürgt (Me große Popularität, deren sich die zionistische Bewegung in England erfreut: die kürzlich an die Friedenskonferenz gerichtete Petition der englischen Juden zugunsten eines jüdischen Palästina war von 270 Gesellschaften' und außerdem von 78.000 Einzelpersonen unter-1 zeichnet, was bei einer jüdischen Gesamtbevöl-- kerung von 300.000 ein ungemein günstiges Ergebnis ist. - Auch in Amerika wird (die große Popularität des Zionismus sich bei den Sammlungen» für den Aufbau-Fonds, die in Amerika in diesem Jahre die Höhe von 3 Millionen Dollar erreichen.' sollen, bemerkbar machen. Hier haben sieih, ob-, wohl ‘die Kampagne zur Registierung aller Zionisten noch nicht abgeschlossen ist, bereits über1 750.000 Joden für die zionistischen Forderungen erklärt. Auch in allen anderen Ländern macht sieb eine zionistische Stimmung van einer ungeahnten Kraft bemerkbar. Es ist daher nötig und möglich, alle Kräfte, die bereit sind, die Bewegung zn fördern, in diesem Augenblick zu organisieren und in allen. Ländern Sammlungen, für den PaHistina-Aüfbau-Fondls zu veranstalten. An alle Zionistischen Lahdes- Verbände ergeht det; Ruf. dem Beispiel der amerikanischen und eng-« lischen Zionisten zu folgen und unverzüglich großzügige Sammlungen für den Palästina-Aufbau-Fonds bei der gesamten Judenhe'it ihres. Landes zu unternehmen. Auf Wuncsh stehlt den Landesverbänden - ein genau ausgearbeötetes Schema des e n glischen A uf bautonds-Komitees für die Organisation der Sammlungsarbeit zur, Verfügung. Die Beschlüße der englischen Poa!e-Zion Gegen (He Unterdrückung des Jiddischen in Palästina. — Gegen die Arbeitslosigkeit. — Für einen jüdischen Weltkongreß. Das Kopenhagener Zionistische Bureau berichtet: Bei der Sitzung der englischen Poale-Ziooisten. die Ende April in London starttfand, waren 45 Delegierte anwesend. Die Eröffnungsrede hielt RomanovskL Der Tätigkeitsbericht des Geschäfts-' führe rieten Ausschusses wurde mH Beifall entgegengenommen. Kaplansky legte der Versammlung den Plan der künftigen Arbeit vor; die folgenden auf Palästina bezüglichen Beschlüsse wurden angenommen: a) Es wird gegen den Beschluß protestiert, den Juden. (Be der hebräischen Sprache nicht mächtig isSnfd, kein Wahlrecht zu gewähren. Es wird erwartet, daß die Bnuderpartei „Achdutb we Awadä“ den Kampf gegen die Unterdrückung der jiddischen Sprache aufnehmen wird. Die Konferenz wünscht, daß die Sprachenfrage auf die Tagesordnung der kommenden Weltkonferenz gestellt wird. b) Die Versamrrilung spricht ihr Bedauern darüber aus, daß es Sn Palästina Tausende von Arbeitslosen gibt, ohne daß Fonds für öffentliche Arbeiten bereitgestellt worden sind, die ihnen Beschäftigung verschaffen werden. Man hofft; daß zu unternehmende Verhandlungen mit dem Aktions-Komitee hierin Wandel schaffen werden. c) Eine Kommission soll nach Palästina geschickt werden, um zusammen mit dem „Misrad haawoda“ Pläne für die künftige Palästina-Arbeit auszuarbeiten und für die kommende Weltkonferenz Material zusammenzustellen, das als Grundlage für einen Arbeitsplan der arbeitenden Klassen zum Wiederaufbau Palästinas auf der Basäs der produktiven jüdischen Arbeit und des Genossen- ’schaftswesens dienen soH d) Es soll sofort eine»Aufstellung der' jüdischen Arbeiter m England gemacht werden, welche beabsichtigen, sich in Palästina anzusiedehr. Das Palästina-Komitee soll PioniergTUppen organisieren, Palästina-Kurse und hebräische Kurse einrichten und Achwab-Geseüschaften für Genossenschaftsmitglieder in Palästina einrichten. Das Zentralkomitee soll die notwendigen Schritte zur Aufbringung eines Kolonisations-Arbeiterfonds tun. e) Es wird' auf die Wichtigkeit des- Einrichtung des jüdischen Nationalfonds hingewiesen. In weiteren Beschlüssen wurde ein jüdischer'Weltkongreß auf demokratischer Basäs gefordert. Ferner wurde ein Protest gegen die Progarome eingelegt und die britische Labonr Party, das internationale sozialistische Bureau und alle demokratischen Elemente zu einem Protest auf gerufen und zu dem Bemühen, dfie Friedenskonferenz zu veranlassen, ihren. Einfluß zur Beendigung (fieser Ausschreitungen aufzubfeten. Ueber das englische Anti-Einwander nngsgesetz, das viele jüdische Arbeiter-