Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 13 (1919)
- Issue
- 18 (2.5.1919)
- Date
- 1919-05-02
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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aeite 4 . i- , . JÜDISCHE ZEITUNG sich das bish er von aufien her Sb ersehen läßt, durchaus die Behauptung, daß dieser ganz und-gar antisozialistische Geist Lichtbeäns im deutschen Zionismus'auch heute noch maßgebend ist Eine solche Auffassung, die im Grunde genommen alles dem lieben Gott überläßt und höchstens noch an die Hand von Lloyd George oder Wäson glaubt muß in der Koicmisationsbewegung Palästinas zum Bankrott führen. Kolonisation ist eine schwierige Arbeit Man kann de nicht .mit Erfolg in Angriff nehmen, wenn man die Hände, in den Schoß legt Mit dem gemütlichen Gehenlassen, wie es eben geht ist da nicht geholfen. Das führt im besten Fall zu einer Besiedlung-einer Anzahl Kolonien mit einer röchen Jüdischen Bourgeoisie, in Palästina — wahrscheinlich auch nicht einmal dazu. Ein Kolonisationswerk, wie das. geplante in einem Land, das das kolonisierende. Unternehmertum der Großmächte bisher nicht reizte, kann, nur gelingen. wenn man planmäßig alle Wirtschaftsfaktoren mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln so beeinflußt, daß sie sich in der gewollten Richtung entwickeln. Schluff bl(t.) Das Wiener jüdische Kinderelend; Untersuchung des Gesundheitszustandes ln der Schweiz. Im „Israelitischen Wochenblatt für die Schweiz“ veröffentlicht der bekannte Jüdische Forscher und Arzt Dr. Rafael Becker, dessen Schrift über die jüdische Nervosität von uns unlängst gewürdigt wurde folgende Ergebnisse seiner Untersuchungen Wiener jüdischer Kinder,: Der freundlichen Einladung des Komitees für die Versorgung der jüdischen Wiener Kind«- in der Schweiz Folge leistend, habe ich eine Anzahl dieser Kinder auf ihren Körper- und Gesundßeüszustand untersucht Leider konnte ich nur die zweite Partie der hieher gekommenen Kinder beobachten und'nur die Hälfte von ihnen untersuchen. Daher sollen diese Zeilen -nur als eine Heine Einleitung betrachtet werden, die erstens zur vorläufigen Orientierung über den Gesundheitszustand dieser Kinder und zweitens als Anregung zu weiteren solchen Untersuchungen dienen sollen. Da nicht alle Kinder zur Untersuchung gebracht wurden, war es nur möglich, die Hälfte und zwar 10 Kinder, zu untersuchend Das Resultat der Untersuchung zeigt uns folgendes Bild: Schon bei der Ankunft dieser armen, kleinen Geschöpfe sah man, in welch elendem Zustande die meisten waren. Und doch soll die erste Partie, noch elender gewesen sein Ich sah ■ein neunjährigesKind der ersten Partie, das man. nach .seiner körperlichen Entwicklung nicht über - vier Jahre schätzen konnte. Es ist bekannt, daß Mangel an genügenden 'Nahrungsmitteln und besonders an den notwendigsten, - in ländlichen Alter bei der Körperentwicklung hemmend wirkt Diese Erscheinung hat sich auch bei den Wiener Kindern in hohem Grade gezeigt Von.den von mir untersuchten 10 Kindern waren 8 Knaben und 2 Mädchen. Unter den Knaben waren zwei 13jährige, -drei 12jährige, ein 11-, em 10- und ein 9jähriger; von den Mädchen war das eine 10 und das andere 9 Jahre alt Wenn ein normal entwickelter Knabe in seinem 13. Lebensjahre 37,5 kg wiegt so zeigen unsere 13jährigen KnaJjen Gewichte von 24,7 kg und 24,5 kg. Der normale 12jährige Knabe wiegt 35 kg, dagegen unsere drei Knaben gleichen Alters haben durchschnittlich ein Gewicht von 31,7 kg; wenn wir noch das Gewicht der anderen drei Knaben von 11, 10 und 9 Jahren mit dem Gewicht der normal entwickelten Knaben - vergleichen,^ so sehen wir, daß unsere Kinder 24, 19,5 und 23 kg anstatt normal 32,5 bzw. 30 und 27,5 kg zu wiegen. Auch die Mädchen: das 10jährige wiegt 23^ kg, das 9jährige 24,1 kg anstatt normal 27 •bzw..23kg. . -.v Auch im Wachstum stad :die Khukr bedea- --tend zurückgeblieben. Die folgende Tabelle zeigt den Unterschied im Wachstum zwischen normal entwickelten' und den untersuchten Knaben: Ende des Normal entwickelte Die von mir untersuchten Jahres Knaben ' Knaben (durchschnittlich) 13 145 cm 129 cm 12 140 132 „ 11 J35 121 „ 10 130 111 „ 9 125 „ 110 „ Die untersuchten Kinder wichen von der Norm -nicht nur im .Gewichte, sondern auch Lu der Körpergröße bedutend ab. Außerdem war jedes dieser Kinder entweder rachitisch, skrofulös oder anämisch, alles Krankheiten, die ' durch schlechte hygienische und Etnährungsverhältnisse besonders gefördert werden. Doch waren diese Krankheiten bei ihnen nicht so stark, ausgeprägt, wie ich es mir vorstellte. Nachträglich habe ich erfahren, daß man für die Reise nach der Schweiz die Kräftigeren gewählt habe, da die Schwächeren die Strapazen der Reise nicht überlebt hätten. Bevor ich diese kleine Untersuchung schließe, möchte ich nochauf -etwas sehr Charakteristisches bei diesen Kindern ‘ hünwefcen. Diese Kinder, die in* * ihrer Körperentwicklung so zurückgeblieben sind, so daß z. B. 13jährige wie 9jährige und die 9jährigen wie 6- oder 5jährjgeau?sehen, stehen in ihrem psychischen Verhalten ün ungekehrten Verhältnis zu ihren Jahren. Die 9jähr,igen denken und sprechen wie 13jährige und die 13jährigen wie bei uns 16jährige. Dieses frühe Altwerden, welches zeigt, daß die Kinder dort keine Kindheit haben und ihre jungen Gehirne unverhältnismäßig belastet sind^ist ebenso bedenklich wie ihr körperliches Zurückbleiben. Wollen wir hier nicht nur für die körperliche Gesundung dieser Kinder sorgen, sondern ihnen möglichst das kindliche Gemüt wiedergeben. Sie sollen ach bei uns körperlich und seelisch erholen. Dr* Rafaiel B ec ker. Der zionistische Wahlsieg in Leitmeritz Dr. Emil Margulies Kultuspräsident. Aus Leitmeritz»wird uns berichtet: . . Sonntag, den 6. v M., fanden hier die Wahlen in die Kultusgemeinde statt Das Ergebnis der Wahl brachte den vollen Sieg der zionistischen Kandidatenliste. welche' vollständig durebdr ang. ' ' ■ . . x.- - - Den Wahlen war ein außerordentlich heftiger Wählkampf vorausgegangen. Von zionistischer Seite war man mit dem Programm der jüdischen Volksgemeinde in den Wahlkampf emzetreten. welches in folgendem Aufruf an die Wähler dargelegt wurde: . . . „Die Kultusgemeinde ist >die Form, in welcher sich die Judenheit unseres Staates bisher organisiert hatte: trotz ihres religiösen Charakters umfaßte sie in Wirklichkeit alle Juden ohne Rücksicht auf ihre. religiöse Ueberzeugung. Die Kultusgemeinde steht vor ihrer Auflösung durch, den Staat In einem Staatswesen, auf dessen Programm die Trennung -von Kirche und' Staat steht, ist für die Israelitische Kultusgememäe. die eine Schöpfung desalten Staates und / seines Geistes war. kein Platz mehr. Aber mit ähr fällt die einzige -öffentlichrechtliche organisatiorische Zusammenfassung der Juden: mit ihr fällt, die. Organisation der jüdischen '^Gemeinschaft. Dem wollen wir, dem müssen -wir Vorbeugen. * Im Verlage der Loge sind früher erschienen: Zurissaday: „La Palestine et la renaissance du peuple juif“ (mit 14 Illustrationen und einer Paläs tinalkarfe) Preis Fr. L50. Dr. Klatzkin's Rede über die Judenpogrome in Galizien und Rumänien. Preis: 30 ctms. S. Gorelik: „Une' dette envers Israel.“ Preis: Fr. 1.50. Durchdem Verlag der Loge AI Hamüschmar sind auch zu beziehen: Raphael Ottolenghi: „Appel ans Amis de la Justioe internationale“ (mit einer Einleitung von Enrico Biguangi)- Preis: Fr. 1.—. . Di-. S. Bernstein: „Les Persöcutions des Jiüfs en Roumanie.“ Preis: Fr. 1.50. Die genannten Schriften stad direkt zu beziehen durch Fr. Ruedi, Jumelles 3, Lausanne. * Die Entstehung der Psalmen. Ueber die Entstehung der Psalmen hielt Prof. Dr. M. Guukel- Gießen einen Vortrag im Berliner jüdischen Literaturverein.. Wie in der Architektur und in der Kunst war auch der Dichter in der Antike streng an den hergebrachten Stil gebunden. Aus. diesem Umstande erklärt sich die Aehnlichkeit der hymnischen Dichtungen der Juden, zu denen außer den Psalmen das Buch Hiob und Teile der Prophetenbücher gehören. Die Propheten dichteten zum. Teil im Tone der Hymnen, besonders Jeremias, in dessen Buche Echä Dichtungen stehen, wie sie-auch im Psalterzu finden sind. Den Ursprung der Psalmen zu ermitteln, ist das Bemühen der heutigen bibelwisseaschaft- Jichen. Forschung. - Wir vermuten• Ilm im Gottesdienste der Israeliten. Der Psalm stellt das'unpersönliche Gebet der Gemeinde dar. er begleitete diegottesdienstlichen Zeremonien. Der Psalmist beschreibt die religiösen Feiern, er schildert, wie die Mengen zum Hause Gottes zogen, er beschreibt eine Nachfeier und andere Ausdrucksformen der israelitischen Frömmigkeit. Die bisherige Forschung beschäftigte'sich in der Hauptsache mit dem Inhalt der Psalmen: um zu einem tieferen Verständnis zu gelangen.' muß . auch die FormT in den Bereich der Forschung gezogen werden Die Grundform der Hymnen war das Hallelujah. ein' Ruf. mit dem man zum Opfer ging und in die Schlacht zog. Dieser-Ruf. ein Ausdruck des Lobes, bildete den Anfang der später entstandenen Dichtungen und wurde unendlich oft wiederholt Eine andere Grundform der Psalmen bildeten Sätze, in denen die Großtaten Gottes gepriesen werden, andere flymneh. verherrlichen das Gesetz. Das interessante Gebiet erfordert noch große Arbeit. Die Ordnung der Psalmen nach Gattung und ehemaliger Anwendüngsärt wird eine lohnende Aufgabe, der Bibel Wissenschaft für dicnächsteai fünfzig Jahre bilden. Märchennachmittag für jüdische Kinder. Mit Bedauern merke ich nachträglich, daß ich in dem Referate über den von der „Arche“ veranstalteten Märchennachmittag: für jü di sc he Kim der der Verfasserin der Märchen im „Verschlossenen- Buch“, I r m a S in g er, die Autorschaft cDer Ges c h i c h t' e von der Königin Esther unterschoben habe. Daher sei zu ihrer Ehre festgestellt, daß dieses bedauerliche Opus nicht ihr geistiges Eigentum ist sondern aus einer änderen Plrager Feder stammt Seine Wertung bleibt aber nach Ven&enst geprägt; und gemünzt Fräulein Irma Singer aber.möge nicht die Verantwortung dafür. haben, welche wahrhaftig nicht leicht zu tragen ist Wien. D,r.'Siegfried Schmitz. 1S Wir wollen 'den Zerfall, der jüdischen Gemeinschaft verhindern. Wir' wollen' eine . neue jüdische Gemeinschaft. vorbereiten. und wenn die alte fällt, an ihre Stelle eine neue; Gemeinschaftsorsänisation setzen:'' eine Gör meinschaft auf der Grundlage des freien Bekenntnisses. Alle, die noch mit Liebe und Stolz am Judentum hängen, die nicht um materieller ' Vorteile öder der Bequemlichkeit willen diesen Zusammenhang lösen und verleugnen wollen:' alle, die ihre Zusammengehörigkeit mit dem jüdischen Volk in'der weiten Welt empfinden und bejahen, die an seine Zukunft glauben, und die siöh frei zu ihm bekennen. wollen wir auf dem Boden des Bekenntnisses zum jüdischen Volk vereinigen und mit ihpen die neue jüdische Gemeinde, die demokratische Völksgemeindc vorbereiten und in Zusammenarbeit mit allen Juden des Landes gründen als anerkannte Vertretung der Judenschaft. Wer den Zerfall des Judentums, wer.seinen Untergang hier verhindern wil 1. der helfe uns bei unserem Werke und wähle unsere Kandidaten!“ - Damit ist das Programm der auf dem Boden 'des Bekenntnisses zum jüdischen'Volke zu organisierenden Gemeinschaft von der .Mehrheit der hiesigen Juden gebilligt worden. Im gegnerischen, Lager fand sich unter der negativen Parole alles zusammen, was von dein offenen Bekenntnis zum Judentum nichts wissen will. Charakteristisch für diese Partei .war, daß sic einen Mann zur Wahl schleppte, der 10 Tage vor der Wahl seinen Austritt aus der Judengemeiale angemeldet hatte. Erst die Wahlkommission mußte diesen Herrn durch den Mund des Vorsitzenden Dr. Emil Margulies belehren, daß ein Mann, der sich von der jüdischen Gemeinschaft lossagi, in ihr nicht mitzüreden hat. Es ist bedauerlich, daß es erst dieser Belehrung über so primitive Begriffe bedurfte, aber es Ist charakteristisch. Kultusvorsteher ist nunmehr unser Gg. Dr. Emil Margulies. ehemals Vizepräsident des gewesenen westösterreichischen Zentralkomitees. (Man wird mit allgemeinem Interesse auch außerhalb Böhmens verfolgen, wie sich die Arbeit der Kultusgemeinde unter der neuen Leitung gestaltet insbesondere m welcher Weise die Umwandlung in. die Volksgemeinde , vorbereitet werden wird. . > Die Red.) Die jüdische Autonomieforderung in Posen Am.15. März 1919 wurden die,Herren Öberv rabbmer .Dr. F r e im a na und Rechtsanwalt Dr. Ko Genscher von der Entente-Kommission empfangen und haben mit dem italienisc.hen Minister Mpntagnä verhandelt. Die jüdischen Vertreter begrüßten die-Kommission, mit Dankesworten für die gerade jetzt bekannt gewordenen Beschlüsse des Friedenskongresses, die dem jüdischen; Volke Palästina gewähren. Sie hielten sodann Vortrag über die politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Forderungen der Posener Juden. Exzellenz Montagna, der Referent der 'Entente-Kommission für die Judenfrage ist, bekundete durch vielfache Fragen sein lebhaftes Interesse zur Sache und ließ seine Zustimmung zu den jüdischen Wünschen erkennen. Die Delegierten überreichten zum Schlüsse der eingehenden Konferenz, die alle jüdischen Fragen berührte, drei Denkschriften über die jüdischen Forderungen. ' ’ Der Volksrat veröffentlicht nun in seinen „Mitteilungen“ den Wortlaut dieser Denkschriften. Wir entnehmen den wichtigen Dokumenten, die für alle jüdischen Nationalräte von großem Interesse sind, nachstehend die Forderungen betreffs der Verfassung der jüdischen Volksgemeinde. A I. Persoaemcrels. , A.-Eintritt:; Alle -Mitglieder der jetzigen Synagogengemeinde werden eo ipso Mitglied der nationalen Judenschaft Kinder werden hinein geboren! Zuwanderer, die bisher religiös öder national zum Judentum gehörten, werden Mitglieder der nationalen; Judenschaft B„ Austritt: Austritt aus den nationalen. Gemeinden und aus der nationalen Gesamtgemednschaft ist möglich .und1'zuzulassen. Die Formen, Zeitpunkt der Wirksamkeit Rechtsfragen regelt das Staatsgesetz, und zwar gleichmäßig für alle Nationalitäten. . Austritt aus der nationalen Gemeinschaft ist nicht identisch mit dem Austritt aus-der " Religionsgemeinde (Synagogengemetnde). Jedes v(on beiden ist getrennt zulässig. : V II. Organisationen.: 1. Die Körperschaften. A. Die Judenschaft eines Ortes (Staat; Landgemeinde) bildet .die politische jüdische G em e-ind e... Sie besteht' neben der Syuagogengeihelnde. Zunächst ist.nach.I.A allerdings Identität des Personenkreises gegeben; personelle Verschiebungen sind nach LB. jedoch zu erwarten. B. .Ueber, den einzelnen .politischen Gemeinden steht .die. Gesamtgemeinde. C. Wenn der , örtliche Umfang des, Ver-, wakungsgebietes oder die Zahl der in ihm lebenden Juden iesyrechtfertigen, können zwischen denörtlichen Gemeinden und, der Gesamtgemekide noch-, besondere Bezirksgemeinden «angeführt werden. . •. . > '