Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 13 (1919)
- Issue
- 17 (25.4.1919)
- Date
- 1919-04-25
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Die Militärverwaltung Palästinas . „Times*' und „Moronis: Po^“ veröffentlichen Angaben, die General Allenby gegenüber britischen Pressevertretern in Paris gemacht hat Dem Korrespondenten der „Times“ sagte er folgendes: „ln Palästina ist eine Zivilverw altung eingerichtet worden, die soweit wie möglich in den Bahnen der alten türkischen Verwaltung bewegt und sich bis zu einem gewissen Grade der vorhandenen türkischen Beamten bedient Sie untersteht der militärischen Kontrolle durch die Alliierten. Das organisierte Gebiet erstreckt sich im Norden bis Cilicten und ist in drei Distrikte eingeteilt Der erste oder westliche. Bezirk; der den Libanon und den größten-Teil von Syrien einschließt wird durch französische Beamte verwaltet Der zweite Distrikt im Osten steht unter der Kontrolle von H e d s c h a s - A r abern. der dritte .oder nördliche Disirikt steht noch unter militärischer Verwaltung, indem französische Offiziere wieder die Kontrolle ausüben. _ die sich aber türkischer Beamter des alten Regime bedienen. Der Teil der Bagdadbahn zwischen Koma und Nisibin steht unter der Aufsicht des Stabes der Palästina-Armee, während sie zwischen Koma und Konstantinopel unter der Kontrolle des Generals Milner steht.“ Der Korrespondent der „Moroiag Post“ berichtet: „Seitdem das Land okkupiert worden war. hat man versucht soweit wie möglich die militärische der, zivilen Verwaltung anzupassen. Alle leitenden Posten lagen in den Händen von Offizieren, welche aber das Land durch zivile Kräfte verwalteten. In einzelnen Gebieten waren Gene- ral Allenbys unmittelbare Untergebene E n g - 1 agitier. in anderen Franzosen und wieder in anderen Araber. Man folgte den allgemeinen Bestimmungen internationaler Gesetzgebung, und das Land wurde gemäß dem türkischen Gesetz 1 verwaltet Mit Rücksicht auf die besonderen Schwierigkeiten in einem Lande mit verschiedenen Religionen, verschiedenen Nationalitäten und verschiedene politischen Interessen war esverwunderlich, wie wenig Schwierigkeiten es gab. Allerdings tauchten zwischen den Mohammedanern. den Christen und den Armeniern, deren Selbstbewußtsein, nachdem sie mm von der türkischen Unterdrückung befreit sind, erklärlicherweise ziemlich gestiegen ist. einige Differenzen auf“ , Die politische Arbeit der Juden in Rußland Das Kopenbageher Zionistische Bureau veröffentlicht em Interview mit dem russischen Zionisten Aleinikoff, der bei setoer Reise nach Paris, wo er zusammen mit Herrn Boris Goldberg und Herrn Idelsohn bei der Konferenz . der Jüdischen Nationalräte das russische Nationaljudentum vertritt, einige Tage in Kopenhagen verweilt hat. - „Der geplante Allgemeine Russisch- Jüdische Kongreß, für den die Vorarbeiten bereits stark fortgeschritten waren, kannten infolge der jetzt in Rußland herrschenden Verhältnisse nicht stattimden. Es war unmöglich, mit. manchen Teilen, des Reiches in Verbindung zu, tobten, und da em Kongreß, zu dem mir ein Teä der Eingeladenen kommen konnte, keinen Zweck hatte, wurde die Tagung auf unbestimmte Zeit verschoben. Immerhin brachten dSe Wahlnesultate eine Klärung’der Lage, da sie ein ganz starkes •Anwachsen des Zionismus erkennen ließen. - Man fühlte, daß man irgendeinen Ersatz für die. jüdische Repräsentanz, die durch den Kongreß geschaffen worden wäre, brauchte. Zu einer solchen zu gelangen, wird erschwert durch den zwischen den Zionisten und den sozialistischen jüdischen Gruppen bestehenden Gegensatz. Besonders besteht noch immer der Gegensatz zwischen Zionisten und „Bund“, aber im ganzen zeigt es rieh, daß die Position des „Bund“ schwächer geworden ist Seine leitenden Persönlichkeiten sind nach wie vor antibolschewistisch gerichtet, während die herrschenden Verhältnisse ihrer Gefolgschaft im Laufe der Zeit eine immer radikaler werdende Haltung gaben. Das kleine jüdische Büro, das die bürgerlichen Gruppen als Vertretung bei den Dumadelegjerten eingerichtet hatten, konnte, als eine ausreichende Repräsentanz nicht angesehen werden. Mau war auch schon zu einer Einigung mit dem „Bund" gelangt, die durch Zugeständnisse auf beiden Selten erreicht wurde, doch erklärte rieh schließlich, de- „Bund“ gegen ein Surrogat für eine eigentliche jüdische Vertretung, mit der Begründung, der Kongreß wäre eine einmalige Versammlung gewesen; zu einer dauernden Zusammenarbeit mit den bürgerlichen Parteien körnte er rieb aber nicht entschließen. Auch die Poale-Zkm lehnten es ab, rieh an der geplanten Körperschaft zu beteiligen. Es kam also schließlich ein provisorischer Nationalrat zustande, dem die sozialistischen jüdischen Parteien nicht angehören. In ihm sind die Zionisten vertreten (40 Prozent), Achduth (12 Prozent),-jüdische Volks- Partei und Volksgruppe (7 bis 8 Prozent). Für die Sozialisten bleiben Plätze reserviert. Dieser Nationalrat hat vorläufig nur repräsentative Funktionen und hat seine eigentliche praktische Arbeit noch nicht begonnen. Dagegen hat er schon Aufgaben, wie einen Protest gegen die Pogrome, ein Einschreiten gegen die Zustände rin Finnland etc. zu erfüllen begon-. neu. Selbe eigentliche Tätigkeit übte er vom April bis Oktober 1918 ans. Dann mußte auf Veranlas- JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 17 sang der Regierung sein Bureau geschlossen werden, ohne daß jedoch hiemut der Nationalrat prinzipiell aufgehoben worden wäre, >, ' Im August 1918 fand eine Konferenz der Vertreter der demokratischen Gemeinden statt. An den Wahlen hierzu haben alle Parteien teilgeuommen. Die Leitung dieser Gemeinden liegt fari durchwegs in den Händen der Zionisten. In Moskau wurde ein Zentralausschuß für die Gemeinde- Wahlen (Zewa) gewählt. Die Konferenz beschloß, daß dieser Zentralausschuß für die Gemeindewahlen alle praktischen Gemeinde-Angelegenheiten ordnen, aber keine eigentliche politische Vertretung der Gemeinden darstellen solle. Die Volkspartei erklärte diese Zewa für eine bessere Vertretung des Judentums als den zuvor gewählten Nationalrat. Seine Mitglieder traten daher im September aus dem letzteren aus. (Als eine Vertretung des Gesamt-Judentums kann rieh der Natwhalratnun nicht mehr ans eben.) Die von ihm gewählten Vertreter Goldberg, idelsohn imd Aleämkoff werden, entsprechend einem in einer Sitzung des Zentralausschusses für die Gemeindewahlen gefaßten Beschluß, dahin wirken, daß sich die Angehörigen aller russischen Delegationen .in Paris auf ein solches Gemeindeprogramm einigem, das auch vom Zewa angenommen werden kann. Da in dem letzteren alle jüdischen Parteien vertreten sind, darf man hoffen, rieh doch noch auf em für die gesamte russische Judenheit geltendes Programm zu einigen. Ueber 'die nationalen Forderungen innerhalb der Gemeinde herrschen keine wesentlichen Differenzen. Auch in der Sprachenfrage kann man hoffen, zu einem gemeinsamen Programm zu gelangen. Nur über den Begriff der Autonomie herrschen noch starke Meimungsgegensätze; doch ist zu beobachten, daß die radikalen Parteien von ihrer Forderung einer imr kulturellen Autonomie immer mehr zu der Forderung einer Autonomie in sozialen Dingen übergehen. Man ist sich in russisch-jüdischen Kreisen darüber klar, daß eine intensive Kulturarbeit vor allem in den besetzt gewesenen Gebieten von Litauen.' und Weißrußland dringend notwendig sein wird. Während der Okkupation dieser Gebiete sind' dort hohe geistige Werte zerstört und1 das gesamte Kultumiveau beträchtlich herabgedrückt worden. Allenthalben macht rieh der Mangel an jüdischen Büchern, Lehrern, Unterrichts-Instituten etc. bemerkbar. Diese Gebiete haben niemals den geistigen Aufschwung erlebt, den die russische Judenheit zu Bcgüm der Revolution genommen hat. In Rußland hatte in der Zeit Kereaskis rege jüdische Kahararfceit eingesetzt. Besonders die Gesellschaft ..Tarbut'n“ hatte durch dfie Herausgabe hebräischer Wethe, die Einrichtung von Lehrer- und Leiirerinren-Se miliaren, von Kändergärtnerinnen-Institatca eteeinen starken Ansatz zu wertvoller Kulturarbaii geaommeo. Unter dem Druck der 'sich immer noch ztispitzenden politischen Verhältnisse isi diese Arbeit immer schwächer geworden. Stellenweise machten rieh auch bolschewistische Tendenzen gegen die Errichtung von Kulturinstuuten bemerkbar. Man' ist durchaus darauf vorbereitet, das Kviturweric, vor äflemin dem bis vor kurzem besetzten Gebiet, mit allem Eifer aufzunehmen, nur ..ist) im jetzigen Augenblick hieran nicht zu denken., Nicht allem die Bildungs-Institute, sondern auch die Gemeinden und .Hilfsgesellschaften haben absölut_ nicht die Möglichkeit, bei der Höhe der heute für alle Beamten nötigen Gehälter und der sonstigen ökonomische®. und poBtischen Lage - ahne Tätigkeit fortztisetzen.;! ’if!. Bevor die bolschewistische Welle das Land überflutete, hatte eine Zusammenarbeit der verschiedenen jüdischen Parteien auf kulturellem Gebiet begonnen. In Retrograd z. B. hatten sich die Gruppen der Jiddischisten und Hebraisten in Fragen des Schulwesens verständigt, indem sie sich gegenseitig Zugeständnise machten, ln änderen Orten dagegen war -eine Vereinigung der Parteien auch auf dieem Gebiet noch nicht zustande gekommen. Zur Orgelfrage L Das Wiener jüdische Orgauisationsl^omitee. das die Massenverbreitung der Denkschrift des Schulrates Dr. M: Tschiassny über jüdische Kultus- und Erziehungsfragen besorgte, ist ungemein fleißig und rührig. Es geht nunmehr daran, die jüdische Oeffentlichkeit für Einzelrragen aus dem Rahmenprogramm seines^-Rufers im Streite“ zu bearbeiten. Für die Forderung nach Einführung der Orgel, just desjenigen, was das Judentum derzeit am allerdringendsten braucht, gelang es ihm, keine geringere Kraft als die des Professors an der Wiener israelitisch-theologischen Lehransält Dr. Samuel Krauss zu akquirieren und wirft jetzt dessen-Schriftchen „Zur Orgelfrage“ in die vor Ungeduld über * die Lösung dieser Frage brennende Wiener Judenheit. So oft .die.Frage nach Einführung der Orgel, dieses Schiboleth der assimilatorischen Reform. , erhoben und literarisch vertreten wurde, entbrannte ein heftiger Kampf, in dessen Verlauf bereits sämtliche Argumente pro und contra aufmarsebiert sind. So bieten auch weder die historischen Exkursionen,: noch die halakhiscben und ätherischen Erörterungen des Verfassers etwas Neues.' Ein Vorwurf., der allerdings-in gleicher . Weise auch die Kritik und die Bekämpfung der Ausführungen des Verfassers treffen müßte. Es ist darum nicht die Absicht dieser Zeilen, in eine Widerlegung der R i c h t i E k e i t der Darlegungen des Autors einzütreten: auch nicht starke Provokationen sollen uns dazu reizen, wie z. B. die Behauptung, ‘.daß wir unser Hauptgebet, die Tefilla oder Schemoneh Esreh. dreimal des Tages, morgens, nachmittags und abends.'rezitieren. soll nach Ueberlieferung der taknudisefaeo Weisen mit den entsprechenden Zeiten der Opferdarbringung im ier usatemi scheu Tempel korrespondieren“. Also die Abend tefilla in Korrespondenz mit einem Tempeiopfer! Wir wollen auch die Logik der> Argumentation nicht kritisieren, so überaus befremdlich sie uns auch anmutet (S. 22 ff. führt der Verfasser die durch den berühmten Rabbenu Tarn erfolgte Aufhebung des Verbotes des Zinsnehmens an und ruft sodann aus: .Also ein talmudisches Verbot aufgehoben; weil man nicht anders’kann, weil man r.oleus volens von Christen und Christentum beeinflußt wird.“ Also weil man nicht anders kann als; mit - Christen Geschäfte machen, kann man auch nicht anders als mit Orgelbegleitung beten!) Wir wollen auch nicht näher darauf eingehen. von welchem Geschmack es zeugt wenn der Verfasser den Vokalgesang damit bekämpfen will, daß er berichtet. es hätte einmal einen Synagogenchor gegeben, dessen Mitglieder lahm' einäugig, blind und taub gewesen wären. Wir bekenne«-uns vielmehr unumwunden zu der Anschauung, daß die Orgel für das jüdische Empfinden als störend angesehen werden muß. Wir könnten-unsere Antipathie gegen dieses Kircheifinstrument nur in einem Falle zurückstellen, wenn nämlich der Beweis erbracht wäre, daß die Orgel dazu beigetragen hat. das Judentum oder auch nur die jüdische Religiosität zu heben und zu stärken; Dieser Beweis ist heute nach 60 bis SOjährigem Bestände der Orgel in vielen Gemeinden als nicht erbracht anzusehen. Zumeist stehen die Orgelsynagogen das ganze Jahr hindurch leer. Wo das aber nicht der Fall ist. wo sich der jüdische Beter durch das unjüdische Instrument nicht in die Flucht schlagen ließ, dort beachtet er es eben ganz und gar nicht. Aber keineswegs hat die Orgel die ihr zuzedachte Aufgabe. Ordnung in de« Gottesdienst zu bringen. Andacht zu schaffen usw. gelöst. Das lehrt uns heute eine längere Erfahrung und eine, wenn auch verstreute, so doch bereits umfangreiche Literatur. So verweisen wir auf die Ausführungen, des Eberfelder Oberkantors Hermann Zivi, der ln der „Allgemeinen Zeitung des Judentums“ 1915. S. 465. die Zustände in seiner Orgelsynagoge schildert und sagt: „Auf solche Weise kommt manchmal ein Gesang-zustande, der insbesondere bei der kontrollierenden Kraft der Orgel und trotz:des einstimmigen Chors, den man der Gemeinde als Richtschnur hinstellt, geradezu erschreckend ist. wenn man nicht sagen will erb ärmlich.“ Nein, das kann uns nicht verlocken, heute einer Einrichtung das Wört zu reden und sie für Wien zu. empfehlen, nachdem sie anderwärts selbst gegen sich gezeugt hat. » ' .Was diese Schrift Krauss' von den an7 deren Publikationen des Örganisaiionskomitees hauptsächlich unterscheidet, ist der Name, die Stellung, und der Rang des .Verfassers. 7 . . < Krauss ist ein Mann, der sich nicht seit gestern erst mit derlei Fragen befaßt und über sie nachdenkt. Warum ist er mit seinen Darlegungen gerade, jetzt und mit solch tendenziöser Dringlichkeit hervorgetreten? Darauf kannman nur mit einem Hinweis auf den Bestand dieses ans Laien zusammengesetzten Komitees antworten. Und das erweckt wieder eigenartige Gedankengänge.. die das Gefühl des Lesers eigentümlich berühren! Es. soll der Sänger mit dem König gehen, oder wie der Spruchdichter'den Gedanken klarer ausspricht: „Siehst du einen Mann, tüchtig in. seinem Werk, vor Könige stelle er sich hin., nicht aber vor Niedrige!“ Der Verfasser findet es gegen Schluß seiner Schrift für gut. sich auf die Zionisten als Eideshelfer zu berufen und von ihnen zu erzählen.-daß „sie, was speziell unsere Reformen aubelangt. e rklärtermaßen denselben günstig gegenüberstellen“. Das kann nicht unwidersprochen hingenommen werden.. Der Zionismus nimmt zu den religiösen Schattierungen.'innerhalb des Judentums Y!ich,t Stellung, sondern sucht und betont das allen Juden Gemeinsame und das sie Verbindende. Wenn aber ein Verhältnis des Zionismus zu dem religiösen Parteienwesen festgestellt werden-.sollte, so könnte es dafür nur ein Kriterium geben, das der Ausprägung, der jüdischen Eigenart und ihrer Stärkung und der prinzipiellen Ablehnung a!:es Assimilatorischen. Man sieht also, daß die Inanspruchnahme des Zionismus für die synagoiale Reform sich doch nicht so ganz von selbst ergibt. Wenn Krauss sich -auf die Mä-dchenkonfirmation beruft, die noch viel christlicher ist als die Orgel, so will es uns schier dün-, ken, daß das Judentum eben auf beides verzieh t e n soll. 7 Der Verfasser variiert im Schlußwort als captatio benevolentiae das Wort: Wi en ist reif. Auch wir sind dieser Ansicht. Nur kommen wir zu einem gegenteiligen Schlüsse: Wien ist.reif .;. es merkt die Absicht und-es wird verstimmt Gerade darum sollte' man es mit solchen Flugschriften verschonen. . . . R. G. RUNDSCHAU Der jüdische Kongreß in Kanada : Am 16. 'März wurde in Montreal'der Kongreß derJudeir.Kanarias eröffnet Ueber den Verlauf des Kongresses liegen uns ’ folgende telegraphische Nachrichten .vor: r; .,Namens der kanadischen Regierung wurde, der Kongreß vom Generalprokurator Gdö.thräy begrüß^ der erklärte^ ' Großbritannien werde im Aufträge der Friedenskonferenz Pal äs tin-a in ein jüdisches Land verwandeln: , ' ,. Ueber Pa 1 ästina wurde folgende Res*-, lution mit großem Enthusiasmus angenommen: . -