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Jüdische Zeitung · 1919-04-18 · 16 (18.4.1919) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
13 (1919)
Issue
16 (18.4.1919)
Date
1919-04-18
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 »afgebürdet wird. Eis darf nicht länger durch die Uebermadht agrarischen Eixiüusseszu einer Wirt-. scäiafts-,- Emäiimnss- und' Steuerpolitik gezwam- «oen werden, «eiche seiner Bevölkeraing die schwersten Lasten anterlegt und. seine Arbeiter, Kairiteute' und Beamte in ihrem Verdienst mrad in ihrer Ernährung schwer beeinträchtigt Die Großstadt Wien muß in die Lage .versetzt werden, unbehindert städtische^Politik zu treiben. Beseitigung des Zunitwesens und der Konzesslonstyrannd. Um sch die Gunst gewSsser privilegierter Wähierscliichten zu sichern, ürabeni die bisherigen Machthaber Wiens sich bemüht mkdtt nur däe von aitarsber bestehenden Beschränkungen dies Handel und Gcwenbes aufrecht zu erhalten; sondern auch heue hinzirfügen. Der Zünftenmd Konzessions- Zwang hat es Ehmen ermöglicht, ipoMsdte Dienste durch Verleihung von Privilegien aiuf Kosten der Allgemeinheit ani enfloätnen tm’d fflmen mißliebige Elemente, insbesondere jüdische, von großen Gebieten des Erwerbslebens remzuhalten. Dadurch ist nicht nur der einzelne Bürger, sondern das Gemeinwesen selbst schwer geschädigt worden. ‘ Erhaltung mens als Welt- und Großstadt Die Zukunft der Stadt 6st 'davon abhängig, daß sie sich das Wohlwollen des u-heren^and weiteren Auslandes erwirbt und sichert und möglichst bald die im Kriege unteiforodhenen Beziehungen zu demselben «nieder ifenstellt Die Großstadt Wien muß zugrunde gehen, wenn säe sich tauf das kleine Jnlanä beschränkt — süe muß in den Weltverkehr eintreten, wenn sie bestehen amd' sieh entwickeln will Das macht die Abkehr von jeder nlbcrnaiiionalen und fremden hetzerischen Politik notwendig,; von jeder PoCtac, die sich gegen einzelne Nationen, Staaten und Konfessionen richtet. Der nationale., und konfessionelle Provänzradäkalism'us diarf nicht nach:Wien verpflanzt werden. Das Bestreben midi dahin ziden. den Fremden airauziehen und lim den Verkehr mit der Stadt omd idas Verweilen in ihr, zn erkäcbtem. Unter dem Verwandle der Wahrungdes deutschen Knlturcharakters der Stadt,jder ge-; wiß nicht beeinträchtigt werden soll, darf kerne engherzige, unkluge, ungerechte Politik des Abstoßens und Jsolierens betrieben werden. Juden und.’ Jüdinnen! Neben den Ghristiicfasozialeu, welche euch bekämpfen, und den SoziaMemokrafcri, welche jüdSsche Interessen nicht vertreten’ wollen, bewerben sich dte sogenannten bürgerlichen, amd demokratischen Gruppen aan Mandate. Sie verdienen oflefat dien Namen von Parteien, denn sie bieten das klägliche Schauspiel dfcr Programmfosiffkeit, Zerfalireifiieit. pensönticben Streitsucht und MamdafcshaschfeneE. Sie wechseln beständig ihre Firmen, um unter neuen Namen alten, persönlichen Interessen zu ötenen. Tfie poetische GemeinscSiaä; mit ihnen entwürdigt Jrüden und Jüdinnen! Wenn ihr däe. 'Durchführung unseres Prognammes wünscht, dam,™ pfählet am 4. MaB Jüdischnational! Spendet für den iüahlfond! JÜDISCHE ZEITUNG Das eherne Nationalisierungsgesetz. Palästina und Diaspora. . Es gibt kaum ein besseres. Zeugnis für die ethische Bedeutung der zionistischen Bewegung, als daß unter den Staatsmännern, die in den letzten Jahren die zionistischen Bestrebungen am tatkräftigsten unterstützt haben, sich-gerade drei Philosoohen befinden. Am meisten verdankt wohl der. Zionisimis üem'greisen englischen Minister des Aeußem Arthur. James Balfour, der zur Zeit Herzls Premierminister war und als einer der feinsten philosophischen Köpfe Englands in der Gegenwart sich einen Namen gemacht .j hat Die vielleicht nicht so offen zutage" hegende, aber um so ‘ wirksamere Unterstützung durch den amerikanischen Präsidenten Wilson, den großen. Staatsphilosophen. (Jessen Ideen auf Jahrhunderte hinaus von. tiefster Wirkung sein werden, hat zweifellos viel dazu beigetragen. daß der zionistische Gedanke in Amerika und in der ganzen Welt so große Fortschritte gemacht hat .Und als Dritter darf der Führer des tschechoslowakischen Volkes und sein erster Präsident, der Philosoph T. G. Masaryk. genannt werden, dessen warme Sympathie den Nationair iuden im tschechoslowakischen Staat jetzt ihre Arbeit ungemein erleichtert. Es ist kein Beweis gegen den Zionismus, daß ein Denker, vom1 Range Hermann Cohens.ein entschiedener Gegner war und ein repräsentativer philosophischer Geist wie Henri Bergson kein entschiedener Anhänger der zionistischen: Bewegung ist. Denn ihr Urteil ist als befangen und als vpn einer Partei im Streite lierrülirend abzulehnen, dies nicht allein, weil sie Juden sind, sondern weil der eine Geheimer; Regierungsrat und Professor " an einer deutschen Universitär war und der andere Professor an der Sorbonne ist. beide' somit mit den Ländern ihres Aufenthaltes sehr stark verknüpft sind. Wenn aber Geister, die von der Entscheidung der zionistischen Frage nicht, mitbetroffen werden und an ihr kein persönliches oder, eigennatkmales Interesse haben, zu ihr als Außenstehende so warm Stellung nehmen, wie es die genannten drei hervorragenden Nichimden getan haben, dann darf man wohl von einem unparteiischen Urteil sprechen Und umso bedeutsamer ist diese Stellungnahme. als jeder dieser drei Denker im Zionismus die- Verkörperung einer anderen, aber in allen drei. Fällen gleich, höhen Seite dieser Idee sieht W i l s o n spricht in seinem' Briefe an Stephen Wise vonder Ve’rheißung für die geistige Wi edergebür-t, däein der Grundsteinlegung zur hebräischen „Universität in Jerusalem liege. Masaryk in seinem Schreiben an die, amerikanische ZimiiStenfoderatiön von’ der m/or alifchen Re gerne f.at.iöh des Judentums, die Sich im Zionismus vollziehe... und ■ schließlich’, äußert Balfour im seinemgeistvollen Vorwort zu Sokolows ..Geschichte des Zionismus“ eine ganze Reihe tiefer und eigenartiger Gedanken über den Wert und das Wesen des Zionismus. - Der originellste und geradezu verblüffendste Gedanke ist der in den folgenden-Worten ausgedrückte (Balfour .lehnt die Befürchtungen der Gegner des Zionismus ab und fährt fort): „I cannot share these Nr. 16 fears. I do not deny that in some countries whete legal equality is firmIy .established. Jews' mgy still be regardcd with a cerfain measure of preiudice. But this preiudice. where it extsts. is not due to Zionism, nor will Zionisni embittter. it The tendency Should surely "be the. other way. «. Everythfeg which assimilates Jhe „national and international Status of the Jews to; that of other. races ought to mitigate whät remains-of äncient antipathies: and evidently this assimilation would be prometed by giving: them that .which all other nations possess: a local habt-. ' tation and a national honte.“ (..Ich kann diese Befürchtungen nicht teilen. Ich leugne nicht, daß in manchen Ländern, wo . die gesetzliche Gleichberechtigung fest eingeführt ist. die Juden noch mit einem gewissen Grad von Vorurteil angesehen werden Aber wo dieses Vorurteil besteht, ist es nicht dem Zionisimis zuzuschreiben, hoch wird es der Zionismus verscharfem Die Neigung würde sicher nach der ändern Richt-uhg gehen. Alles, was die nationale und'internationale Lage der Juden der der andere« Rassen assimiliert, müßte das mildern, was von alten Antipathien’ zuriickbleibt; und klarer . Weise würde diese 'Assimilation gefördert werden, wenn man ihnendas sieben würde, was alle anderen Nationen besitzen t einen Wohnort' und eine nationale Heimstätte,“) Der Gedanke, den' Balfour hier äußert, daß. der Zionismus eine Assimilation anstrebe ünd herbeifiihren werde. die, einzig mögliche und auch Vom sittlichen Standpunkt aus zu rechtfertigende Assimilation, ist ebenso glücklich wie richtig; Was man bisher unter Assimilation verstand, war die persönliche Angleichung an die Umgebung. . durch die .der Untergang des Volkes, herbeigeführt werden sollte. Um seiner persönlichen Interessen willen .gab der Einzelne die Gesamtheit preis. Dieses Bestreben, das unmoralisch und egoistisch war. ist gescheitert an der großen ideellen Kraft des zionistischen Gedankens. Jetzt soll jene AsSimiläti >n durchgeführt werden,'; die' nicht d en Vorteil des-Individuums, sondern di.e Zukunft d es ganzen Volkes im Auge hat; die'nicht das' Volk sterben lassen will, damit der Einzelne lebes, sondern die die Lage des Volkes der tiormalenL.ageder andern Völker assimilieren will und die. wie die opfervollen Jahre der zionistischen Palästinai Kolonisation gezeigt haben, bereit ist. auch durch das Opfer des Unterganges einzelner Volksglieder das Leben des Ganzen zu sichern. Die Assimilation, die der Zionismus nach Balfour .aristrebt. ist also keine Assimilation im gewöhnlichen und bisherigen. Wortsinn; Sie istnichts/anderes als "eine N o rmalisüerun.g des jüdischen Volkös, das .bisher abnormal. gelebt. hat. Die persönliche Assimilation wollte diese Anomalie durch eine noch größere heilen, der Zionismus will sie beseitigen und-den normalen Zustand des jüdischen Volkes „wieder Herstellern Die Folgen dieser Normalisierung .werden sich aberauch mit Sicherheit auf die einzelnen, -jüdischen Individuen in der Diaspora erstrecken. Es wird eine neuerliche Assimilation eintreten. die Assimilation der Juden in der Diaspora, wo ia der größere Teil des jüdischen Volkes Zurückbleiben und wo niemals eine so vollständige Normalisierung Das „Kestessen“ " Von Samuel RappaporL*) Zu den Eigentümlichkeiten des religäös- -sozialen Lebens der Ostjuden gehört eine allgemein verbreitete und sehr populäre Einrichtung, das sogenannte „Kestessen“ d. h. die Verköstigung und Beherbergung, kurzum die vollständige Erhaltung eines neuvermählten Ehepaares im Hause der Schwiegereltern. Man unterscheidet zwei -Arten von „Kest“, die gewöhnliche, <L hl die befristete und die „eibige (ewige) Kest“. Die befristete Kest beschränkt rieh auf eine bestimmte Zeitdauer, mindestens aber zwei bis drei Jahre, nach deren Ablauf das bisher kestessende Ehepaar das Haus der Schwiegereltern verläßt um einen eigenen unabhängigen Haushalt zu begründen. Die „eibige Kest“ hingegen bildet eine Verpflichtung der Schwiegereltern, während ihrer ganzen Lebensdauer das j^aar und dessen künftige Nachkommen bei sich zu erhalten, welche Verpflichtung in der Regel eingehalten wird, insofern nicht dm Laufe der Zeit Umstände eintreten, die das Ehepaar schon früher veranlassen, freiwillig Oder notgedrungen das ewige Kestessen zu unterbrechen. Es kommt aber kuck, insbesondere bei wohlhabenden Familien, vor, daß das noch kestessende PaarVseine Kinder im Hause -der Schwiegereltern verheiratet und. erst dann diese Verläßt, um ein eigenes Haus zu führen, wenn es seine Künder zu sich auf „Kest“ -nimmt: ja sogar, daß die Großeltern selbst'auch noch, neben ihren Kündern, verheiratete Enkel bei sich auf Kest behalten und den Gipfel des Glückes darin sehen, nach alter Pairiarchenart Kinder und Enkelkinder um diesen Tisch versammelt' zu sehen, selbst wenn diese auch selber bemittelt genug sind, ein *) ln der Zeitschrift „Der Jude“ veröffentlicht Samuel Rappaport eine außerordentlich interessante und aufschlußreiche Artikelserie „Aus dem religiösen Leben de*i Osfiuden“. Wir sind durch das Entgegenkommen des Verlages in der Lage, unseren Lesern ein Bruchstück aus dem in dem in einigen Tagen erscheinenden 12. Heft des dritten Jahrganges enthaltenen Aufsatze über das ..Kestessen“ Im vorhinein zu vermitteln. eigenes Hans uneingeschränkt führen zu können. Die Dauer dies „Kestessens“ wird schon bei der Verlobung bestimmt und wird in der offiziellen Verlobungsurkunde, den „Tnaim“, genau normiert’ Der Ostjude betrachtet es als seine heilige Pflicht seine Kinder so früh wie möglich in' die Ehe zu bringen. Vom Mädchen gar-nicht zu reden, aber auch ein („chussen bucher“) Hedratskandidat, dessen Kinn schon einen Anflug von Bart (ch'timat sakein) aufweist und der noch unvermählt iin Hause seiner Elfem sitzt läuft Gefahr, als „alter Bacbizr“ nicht nur Schmerz für Vater und Mutter, sondern auch Zielscheibe spöttischer Anzüglichkeiten in der Gemeinde und besonders im „Bethamidrasch“ oder „Sfübl“ zu werden, wo er, der Junggeselle ohne ..Tallis“, als nicht vollwertig gilt. Ein solcher über das' jugendliche Alter hinausgekommener Bachur gilt auch für einen besseren Yatar einer heiratsfähigen Tochter als in gewisser Beziehung' zurückgesetzte Marke, da er doch, wenn es mit rechten Dingen zuginge, schon längst Verheiratet sein müßte. Gerade die reine, noch nicht ganz ausgereifte Jugend' sucht der Ostjude zrnn Gefährten für sein Kind. Erst in seinem Hause soll die ^moralische wie physische Persönlichkeit seines jungen Schwiegersohnes an’ der Seite der Gattin zur Entwicklung gelangen. In ihrem Hause wollen die Eltern die ungetrübte Entfaltung und das harmonische Ineinandergehen des jungen Ehepaares fördern und' leiten bis zu der Zeit, -wo es sich selbst überlassen wird. Wobei in sehr vielen Fällen der junge Ehemann erst im Hause seiner Schwiegereltern Gelegenheit bekommt, sein talmudisches Wissen zu erweitern uud zu ergänzen. Ist die Hochzeit vorüber, zieht -das junge Paar unmittelbar in das Haus der Schwiegereltern „auf Kest“. Vorläufig denkt kein Mensch noch an einen zukünftigen Erwerb des jungen Ehemannes, da der Schwiegervater, wie schon erwähnt, den ganzen Bedarf des jungen Ehepaares wie dessen künftigen Nachwuchses für die ganze Dauer des Kestessens ohne Einschränkung auf sich nimmt Für das kestessende Paar wird; unmittelbar an die Wohnung der Schwiegereltern anschließend, ein Schlafraum eingerichtet Die übrigen Räumlichkeiten werden gemeinsam benutzt Der Schwiegersohn erhält gewhnlich vom Schwiegervater zuhi Geschenk außer anderen, profanen Dingen, auch Bücher rituellen und gelehrten Inhalts wie Gebetbücher, Bibel, Talmud, Schulchan Aruch usw-, je nach seinem .Wissensgrade. alles neu gebunden, mitunter sogar in Prachtband mit dem Namen des Schwiegersohnes auf den Einbanddeckeln in Gold geprägt. Es gibt keinen größeren Stolz und kein tiefer empfundenes Glück für solche Schwiegereltern, als solch' ein „chuschiw' (chaschub wertvoll) -Kind!1 zum „Eidim“ (Eidam) gewonnen zu haben, einen Eidam, der in wahrer Frömigkeit Gott dient und. dank ihrer Förderung die Möglichkeit hat frei von jeglicher . materiellen Sorge ..iojraom wulafluh“ (jomam walajlah Tag und Nacht) ungestört Thorah zu „lernen“. Freilich kommt auch' mitunter so ©in' gelehrter Eidam dem glücklichen Schwiegervater sehr teuer zu stehen. Abgesehen von der hohen Mitgift, die oft sein materielles Können übersteigt, die er aber auf Verlangen der Eltern des Bräutigams unter nicht' geringen Opfern und Mühen .aufzubringen sich genötigt sieht, muß er mitunter später, bei den wechselvollen wirtschaftlichen' Verhältnissen der Ostjuden, unter sehr schweren Bedingungen in kummervollen Tagen und Nächten in rastloser Arbeit auch für die Erhaltung des kestessenden Paares und des sich gewöhnlich bald einstellenden Zuwachses; Sorge tragen. Die Lasten jedoch, nfpen sie noch so schwer und ■ sorgenreich sein, werden in der Regel gern getragen. „Meine Sonim (Feinde) — sagt der Ostjude in ähnlichen Fällen — sollen keine Wäsche haben, dann werden sie sich die Sorge um sie und das Waschgeld fersparen.“ Die Freude an dem in glücklicher Eintracht im Hause lebenden Ehepaare und der -Stolz auf den gelehrten und ■ gottesfürchtigen Eidam wiegen jede mühevolle Arbeit und schwere Sorge reichlich auf. „Kinder kann man sich nicht wählen — heißt es im' Osten —, manmuß sie nehmen, wie sie Gott einem gibt, aber Schwiegersöhne; bezw. Schwiegertöchter kann man sich wählen, undr glücklich derjenige, der Sann und! Verständnis hat, die richtige Wahl zu treffen.“ Während der Dauer des „Kestessens“ bleibt der Schwiegersolm zumeist in der Nähe seines

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