Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 13 (1919)
- Issue
- 16 (18.4.1919)
- Date
- 1919-04-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Peßach-Festnummer Naiional-jüdifches Organ --t-,- -; Mit der Beilage: „Der jüdische Nationalfonds“ Wien II., Taborriraße l -;—;- Fernsprecher Nr. 45-328 «Im, Fr.Ua«, tmm 18. April 1919 Bezugspreis: Vierteljährig 6 JE ganzj. 24 K, Einzelnummer SB h Postaparkaasenkonto 133.404 Frage doch in den früheren Zeiten nach, die vor dir gewesen sind, seit der Zeit; wo Gott Menschen' auf der Erde geschaffen hat, und von einem Ende dies Himmels biszum andern, ob je so große Dinge geschehen sind oder, ob je dergleichen. gehört wurde! Ob jemals ein Volk Gott vernehmlich mitten aus dem Feuer heraus hat reden hörend wie du es gehört hast, und am Leben) blieb! Oder ob fe ein -Gcitt versucht hat, zu kommen uhd sich ein Volk zu nehmen matten aus einem Volke, -mit Zeichen und Wundern, mit Krieg, mit starker Hand! und ausgestrecktem Arm und mit großem Schrecken, wie das alles mit euch der Herr, euer Gott, in Aegypten getan hat vor deinen Angen! V. M. 4, 32 ff.!.. Wenn du in das Land 'hiheinkommst, daß der Herr, dein Gott, dir gibt, so sollst du die Greuel jener Völkernicht nachahmen lehren. V. M. 18, 9. . Denn; dieses Gebot, das ich dar heute gebe, übersteigt deine Kräfte nicht und ist dir' nicht. unerreichbar. Nicht ein Himmel fst es, daß dü sagen könntest: Wer steigt uns in den/Himmed, um es uns herabzu-. seits des Meeres, daß du sagen könntest: Wer fährt uns über das Meer und holt es uns, und verkündetes uns, daß wir danach tun? Sondern überaus nahe liegt dir das Wort: in deinen Mund und in dein Herz'ist; es gelegt, daß du danach' tuest. Siehe; ich 'lege dir heute vor. das Leben und das Gute, dien Tod; und! das Böse ... . > V: M. 30, 11—15. . Vor öem Aufbruch Noch keine jüdische' Generation irr 'der Galuth hat Pessach in solcher Stimmung gefeiert wie wir. in diesem Jahre. Bebenden Herzens, voll banger Erwartung. voll schmerzlicher, trostreicher. Sehnsucht' besprechen (wir diesmal die' (jeschichte : vom Auszug aus. Aegypten. Wir fühlen, daß . unserer-Zeit eine Größe beschert ist; wie Jener Zeit der Geburt unseres Volkes aus Knechtschaft , zu Freiheit.''Wir fühlen, daß die Worte des Befehles zum Aufbruch aus der Sklaverei,' zum Auszug aus dem Land der Bedrängnis, buchstäblich an uns selbst gerichtet sind; daß sich in unseren Tagen Aehnliches ereignen soll wie in den Tagen Pharaos und Moses. Nichts wiederholt sich in der Geschichte. Unsere Lage, unsere Verhältnisse sind andere als «tie unserer Väter in Aegypten. Aber die Erzählung, die wir durch Jahrtausende als heiligste Ueberlieferung bewahrt haben, sei uns heute eine lebendige Lehre. Ein Volk von Knechten waren unsere Vätefl in Aegypten: sie murrten und haderten und seufzten unter der schweren Arbeit; aber sie waren hingegeben an den Augenblick, sie erkannten nicht die Schmach ihrer tatenlosen Klage, sie wußtest nicht von ihrer Kraft und von ihrer Freiheit, das Joch äbzuschütteln. Und als der. große Mann erschien, der von dem brennenden Dornbusch die Sendung empfangen hatte, da verstanden, sife ihn nicht, sie höhnten ihn und waren feig und kleinmütig. Wunder verlangten sie, Zeichen, Beweise; sie vermochten nicht, an sich selbst, zu glauben, in denen das göttliche Feuer verschüttet war, so daß Gott selbst ihnen fremd blieb. Moscheh -mußte den Ungeheuern Kampf nicht nur gegen Pharao, sondern auch gegen die Niedrigkeit lind Kleinheit, gegen den Abfall und den Zweifel, gegen Trägheit und Laster im eigenen Volke kämpfen. Er aber blieb Sieger, weil er mit Gott von Angesicht zu Angesicht gesprochen, weil er die Macht des Geistes; die in ihn gefahren war, aufrichtete und sich nicht kehrte an die Meinung der Menge. Die Geschichte Moschehs ist für alle Zeiten das Denkmal heroischen Kampfes, höchster, unerreichbarer menschlicher Größe. Moscheh hat die ewige Wahrheit geschaut und er hat durch seinen Glauben, durchi die „Emunah“, die „Festigkeit“ seiner Hände, das Werk der Befreiung vollbracht Denn der erste Schritt zur Freiheit ist das menschliche Wissen, frei zu sein im Wollen und Handeln, verantwortlich zu sein für das eigene Schicksal.. Darum hat Moscheh das Volk vor den Sinai geführt und ihm unter Donner und Blitz die Tafeln dts Gesetzes seines Lebens gebracht. Darum hat er das Volk gelehrt: Du sollst kerne anderen Götter haben neben Mir; du sollst deinem Gotte anhängeamit deinem ganzen, ungeteilten Herzen. Heilig sollt ihr seih, gebot Moscheh; eip Reich von Priestern sollt ihr sein. Er forderte, daß das Volk ganz der Idee hingegeben. ist und sich aus dein Verstrickung in die Materie, Jn die Welt dis goldenenKalbes. loslöst; denn nur so konnte, es. den Weg .zur Frei- - die vor Volk, mißtrauisch gegen das noch UnvoUendete; mißtrauisch gegen die Ideei'gegeßdas;Ungewisse: es ließ nicht ab, nach den Fleischtöpfen der Knechtschaft zu verlangen, darum mußte es in der Wüste sterben, bis ein neues Geschlecht herangewachsen war, freie Wüstensöhne, die die Schrankenlosigkeit der Weil kannten und die ahnten, was Freiheit ist ... Das Volk war mit Blindheit geschlagen und sah nicht das Wunder, das vor sich ging - Und" heute, wir, sind vielleicht auch mit Blindheit geschlagen, wenn wir. wähneru. daß wir ans der Galuth nach Zion ziehen werdeiK_wefl_dIejCiewalthaber; die um Länder und Macht tmd~Reichtum hadern und auf ihr Interesse sinnen, uns das Land schenken; daß wiruns ganz als Beschenkte, als Knechte fühlen. Vielleicht sind wir so blind wie nnsere Väter- In Aegypten und sehen nicht,, daß die politischen Akte, die uns das Land wieder gaben, nur die Vollstreckung eines Willens sind, der den Anspruch wieder herstellt, daß wir in Freiheit als das Volk Gottes leben! Das Volk, das durch tausend Höllen gewandert .ist und tausend Göttern gedient hat, soll wieder die Donnerstimme hören: Du sollst keine anderen Götter haben neben nur! Mache dich frei von all dem Schutt den die unselige Verbannung in eine fremde Welt auf deine Seele gehäuft hat! Nicht um deiner Rechtschaffenheit willen wirst du aus der Knechtschaft geführt, denn rechtschaffen bist du nicht, sondern damit du wieder der Idee deines Daseins lebst! . . ® Lernen wir, lernen wir doch von dem Auszug aus Aegypten! Wir können nur erlöst werden, wenn wir selbst uns dazu reif machen. Darum müssen wir einen Neubruch brechen in unserem verstockten Herzen, und mit neuem Wollen müssen wir m unser Land ziehen, um es jüdisch zu machen. Wir sind älter als alle Völker; begeben wir uns nicht selbst in die Sklavereiihres Denkens! „Wenn du in das Land kommst mit seinem Reichtum and Wohlstand, hüte dich daß du nicht Gott vergissest!“ In dieser Zerrüttung der Welt, die .wir schaudernd zerfallen sehen, vergessen wir nicht,. daß wir anderen. Ursprungs sind! Daß unser Volk am Sinai zur Freiheit geboreti wurde! „Wenn dich dein Sohn fragt: Was bedeuten all diese Satzungen? Dann anworte Ihm: Weii Jahwe uns herausgeführt hat ans Aegypten, weil wir Knechte des Pharao gewesen sind . . .“ In diesem Satz liegt die Lehre: Freiheit verpflichtet Wir sehen heute das abschreckende Beispiel, wie Völker das Wort „Freiheit“ mißbrauchen. Uns aber ward geboten: „Den Fremdling sollst da nicht drücken noch ihm Gewalt äntun, denn ihr seid Fremdlinge gewesen, rrn J^ande Aegypten“. Fürwahr, wir kennen alle Schmerzen des Bedrückten und des Fremdlings; wem w i r in Freiheit sein werden, werden wir nicht anderen tun, was wir hier gelitten. Ein neues Gesetz und eine neue Erde müssen wir schaffen in unserem Lande: dazu wird uns die Freiheit. Jüdischer Nationalismus ist nicht wie der Nationalismus der andern, der Barbaren: das ist die Lehre vom Auszug ans Aegypten, von Moschehs Leiden und Werk und vom? Sieg seiner Idee, die Lehre, uns ins- Gedächtnis geschrieben für alle Zeiten. In allen Zeiten sind die Feinde gegen uns aufgestanden und wir haben befin Seder der Freiheit gedacht» zu der wir am Sinai geweiht wurden. Denn nicht etwa unsere Väter hat Gott aus Aegypten geführt, sondern uns' selbst; so heißt es in der Haggada. Wir stehen vor dem Aufbruch; tausende von jüdischen Herzen empfinden heuer das Wort „Nächstes Jahr in Jerusalem“ als lebendige; wörts Üohe;iWahEhe^: I»-JIast7u»d' Eile; irläcfie?t wir tms; fgffterir Bröt .*» backen; Unser neues jüdisches Land soll em Land der Freiheit für uns sein; das Land, in dem die Ideen der Gerechtigkeit und der Liebe geboren wurden, soll wieder, fruchtbar werden. Dann werden, wie einst, segnen müssen, die jetzt, Tag für Tag, zu fluchen ausriehen. Noch gibt es Feinde ringsum, die uns nicht verstehen; tmser Himmel ist umdüstert und unser Leiden hat kein Ende. Aber die Stimme ergeht an tms und ruft unseren Willen, auf. Wenn wir nicht klein sein werden, wenn wir die Stimme hören und die Gewalt unseres tausendjährig verhaltenen Wollen» entfesseln, dann werden wir die Herrlichkeit unseres Namens wieder aufrichten. r w Die Wahlen zum Wiener Gemeinderat Das i fKfiscfmationaie WaSükomstee erfaßt nachstehenden Wahlaufruf: Am 4. Mai finden die Wtahten in den Wfener Gemeinde rat, in die. Bezirks- Vertretungen und m die Lantlesversammlung statt. Die Leitung der JMschen Natkmalparte» hat sich entschlossen, in mehreren Wiener Bezirken Kand&faten aufzusteilen. Sie wift dadurch ermöglichen, döß in Körperschaften; welche bis mm idSe unbestrittene Domäne antisemitischer Willkür und sozialer, politischer und Wirtschaft Ecker Rückständigkett waren. entschlossene Juden entziehen; welch? einerseits gegen die systematische Zurücksetzung Ihres Volke» ankämpfen und anderseits an dem poetischen und wirtschaftlichen Wiederaufbau dar Stadt Wien tatkräftig nritwirken. Dfe wichtigsten Programm- Punkte, für welche die gewählten jüdfedmattonalen Mandatsträger einstehen werden, sind: Durchführung der völligen Gleichberechtigung der Juden in» Gemeindeleben. Die Juden' »sind bisher aus der VerwaKttnjf der »Stadt gänzlich ausgesdhaltet. Die Verwafüungsstelien und irrsbesorelcre der städtische Beamtenkörper sind zur Gänze iudenrein. Die Juden sind von der Bewerbung um Arbeit und Lieferungen ausgesciilossen. Dieser ungerechte und entwürdigende Zustand muß beseitigt werden. Reichsunmittelbar der Stadt Wen. Wien <ferf hiebt länger in seiner Entwicklung dadurch gehemmt bleiben, daßes im. Landtag von den Vertretern agrarischer Interessen majorisiert daß Ihm die Steuerlast iiir ein ganzes Krönte*!