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Jüdische Zeitung · 1919-03-14 · 11 (14.3.1919) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
13 (1919)
Issue
11 (14.3.1919)
Date
1919-03-14
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG für die Juden keine Ausnahmsstellimg zulassen wird» Der Redner geht dann auf den Wirkungskreis der Kultusgemeind^n über. Sie hatten bis jetzt nur für das religiöse Bedürfnis zu sorgen. In der jüdischen Volksgemeinde sollen alle jüdischen Interessen ihre Befriedigung finden. Die rein religiösen Angelegenheiten werden den Händen von Fachmännern anvertraut und nicht mehr Leuten, die von jüdischer Religion, Sitte und Tradition nichts wissen. Das Hauptbetätigungsfeld der jüdischen Volksgemeinde wird das Schul- und Erziehungswesen sein, die Jugend- und Armenfürsorge, wie sie in hervorragender Weise' in Wien Frau Amöa Müller außerhalb dem Wirkungskreis der Kultusgemeinde ins Leben gerufen. Die Kultusgemeinde darf nicht mehr fremden .Interessen dienen, sie muß judaisiert werden. Der Rede, die vor dem überfüllten Saale mit gespannter Aufmerksamkeit angehört wurde, folgte reicher Beifall. Hierauf sprach der Kandidat der Jüdischnationalen, Herr Dr. Koppmann, über lokale Angelegenheiten. Herr Zilz teilt mit. daß er gegen seinen Willen auf die gegnerische Liste gesetzt wurde. * ' * Bei den Kultuswahlen am 9. März wurden nach heftigem Wahlkampf vier Zionisten in den Vorstand gewählt, und zwar die Herren Oskar Freudmann, Dr. Fuchs, Julius Grüner und Dr. Koppmann. Die geringe Zahl der nationalen Mandate ist lediglich darauf zurückzuführen, daß das -gänzlich veraltete und reaktionäre Wahlrecht kein Resultat zuläßt, das den wirklichen Machtverhältnissen entspräche. Die Assimilationspartei, deren Führer Kultuspräsident Rendi in den letzten Tagen vor der Wahl eine skrupellose Agitation entfaltete und vor den niedrigsten Mitteln der Drohung und der Beschuldigung und Verdächtigung des Gegners nicht zurückschreckte, erhielt durchschnittlich 250 Stimmen, die nationale und demokratische Partei durchschnittlich 200. Das Resultat entspricht also in keiner Weise den wirklichen Verhältnissen. Die Bedeutung des Amerikanischjüdischen Kongresses .. Herr Baruch Zuckermann, der Führer ’ der amerikanischen Poale Zionisten, hat während der Zeit die erin Kopenhagen verbrachte, bevor er sich nach Polen begibt um die mit dem Schiff '..Westward Ho“ anlangenden Lebensmittel und Kleidungsstücke an die Bevölkerung in Polen zu verteilen, folgende Angaben über die bedeutungsvolle amerikanisch-jüdische Tagung gemacht: Es erwies sich, daß die Bedeutung des Kongresses die Erwartungen selbst der optimi-;stischsten Anhänger des Kongreßgedankens übertraf. Man hatte gefürchtet daß der im Dezember 1918 wieder zusammengetretene Kongreß dadurch leiden würde, daß er 114 Jahre nach der ersten Tagung stattfand. Es gab viele, welche die ganze Kongreßbewegung schon für tot und begraben hielten. Aber die unermüdliche Propaganda der Poale-Zionisten ließ die Stimmung für den Kongreß nicht zum Erkalten kommen. Auch die von manchen Seiten geäußerte Furcht daß die Assimilanten die Herrschaft über den Kongreß erlangen würden, erwies sich als vollkommen unbegründet An allen Verhandlungstagen bis zur Vertagung des Kongresses zeigte es sich, daß er durchaus von nationalen Ueberzeugungen und Hoffnungen getragen war. in denen sich die nationalen Juden aller Richtungen in diesem Augenblick vereinigt hatten. Von den 400 Delegierten, die über die Palästinaresolution abzustimmen hatten, stimmten nur zwei dagegen. Man betrachtet allgemein diesen Kongreß als einen Ausdruck der jüdischen Seele, die ihre Palästinaliebe bei dieser Gelegenheit enthüllte. Der Enthusiasmus, mit dem der Palästinabeschluß angenommen wurde, ist kaum zu schildern. Und nicht nur der Palästinagedanke. . sondern auch derjenige der nati onalen Rechte für die Juden in den Ländern der Diaspora fand durch den Kongreß einen ungeheuer starken Ausdruck. Auch der Beschluß der Forderung dieser 'nationalen Rechte winde von der weitaus "überwiegenden Majorität enthusiastisch angenommen. Das vom Kongreß formulierte Dokument. ln dem die bürgerlichen.-politischen, religiösen und nationalen Rechte der Juden auch in den neugebildeten Staaten gefordert werden, ist ein in der jüdischen Geschichte der gesamten Diaspora unübertroffenes Dokument v Von tiefster Wirkung auf die Kongreßmitglieder und die gesamte amerikanische Judenheit war die Resolution bezüglich der polnischen Pogrome. Das polnische Komitee hat den Kongreß aufgefordert. Vertreter in den Ausschuß zur Untersuchung der Pogrome zu entsenden. Es wurde beschlossen, dieser Aufforderung nachzukommen, und bei dieser Gelegenheit wurde die Meinung des Kongresses über die polnischen Pogrome in eindrücklichster Weise ausgesprochen. Als von größter praktischer Bedeutung wird der Kongreßbeschluß angesehen, die Initiative zur Einberufung eines jüdischen Weltkongresses zu ergreifen, der nach der Frie-, denskonferenz an die, Verwirklichung der Hoffnungen des jüdischen Volkes, denen der Friedenskongreß die politische Basis schaffen soll, zu schreiten bestimmt ist. Allenthalben im amerikanischen Judentum wünscht man. daß dieser jüdische Weltkongreß die Führung in allen jüdischen Angelegenheiten übernehmen soll, und zwar besonders bezüglich Palästinas sowie des Aufbaues eines gesunden jüdischen Lebens in den Ländern jüdischer Massensiedlung. Man betrachtet in Amerika den amerikanischjüdischen Kongreß als den Beginn einer neuen Aera in der Geschichte des jüdischen Volkes. Er hat mit der Einrichtung aufgeräumt, daß einzelne Persönlichkeiten, mögen sie auchjnoch so wohlmeinend sein, als Vertreter des gesamten jüdischen Volkes aufireten und einzelne Gruppen die Oberherrschaft über andere erlangen. Nur Vertreter des Volkes, die auf einer demokratischen Grundlage durch die Gesamtheit des Volkes gewählt sind, können Anspruch auf eine verantwortliche Führerschaft erheben. In diesem Sinne ist der 'amerikanisch-jüdische Kongreß der erste Schritt zu einer, vollkommenen Reorganisation des jüdischen Lebens. __ Es will Morgen werden . . . 'Wie zu den Zeiten des Augustus der Befehl erging, Völker und Städte zu zählen, so wird auch in diesen Tagen die Welt aufs Neue geordnet Noch einmal wird jedem Volk sein Daseinsrecht verliehen, sein Platz angewiesen, und sein Bürgertum zuerkanht Namenlose Völker erhalten Namen, Unmündige werden. mündig gesprochen, Verschollene in ihr. Erbe eingesetzt nicht um zerfallender Pergamente und verjährter Ansprüche ' willen, sondern lediglich, weil sie sind. Ein Volk bedarf, keines Nachweises, daß es leben darf. Der Wille, zu leben, das Bewußtsein; sich selber Schicksal zu sein, Bestimmung und Zukunft sind genug, ihm sein Dasein zu sichern. Wir selber: dürfen wir weiterhin jahrhundertalte Fehler, von Geschlecht zu Geschlecht ererbte Vorurteile büßen? Auch an uns ergeht der Ruf, unser Recht zu leben, nachzuweisen; zu erhärten, daß wir leben wollen; zu bekräftigen, daß unser Blut hach Gemeinsamkeit verlangt und wisere Seele nicht die zufällige Farbe eines der vielen Länder trägt die wir auf unseren Wanderungen durchmaßen. Sondern, daß sie unsere Seele ist die jüdische Seele. Keinem offen, als uns selbst Daß unser Alter nicht erloschen ist sondern reif zur Wiedergeburt Daß unsere Winzeln niemals abgehauen wurden, sondern weiterhaften in. dem Lande, das uns imverloren ist. Können wir dies, wenn unsere Aeltesten und vorgeblichen .Wortführer immer wieder mit zahnlosen Mündern Torheiten und morsche Ueberliefeningen für unseren Willen ausgeben? Unerträglich war es bisher. Nun aber wäre Duldung ein unsühnbares Verbrechen. ’ heute noch gesungen werden und sie bei uns bekannt machen und einbürgern. Aber selbst wenn ich von dem hebräischen und jiddischen Liede absehe — wir haben auch unsere eigenen Lieder in deutscher Sprache, wir haben die Vertonungen der Lieder von Hugo Znckermann, Ludwig Franz Meyer, Vertonungen, die von Biau-Weißen stammen, also wirklich und wahrhaftig unsere eigenen Lieder sind. Ich habe sie vergeblich im „Blauweiß“-Liederbucb gesucht ich fand nur den Text (olme Noten) zum „Reiteriieä“, sonst nichts. So hat mich das Liederbuch letzten Endes stark verstimmt ich fürchte, nicht mich allein. Sind wir noch immer so wenig weit gekommen, daß wir in unseren Wanderbünden, die doch der jüdischen Renaissance dienen, uns fast durchwegs mit Liedern aus dem Zupfgeigenhansl behelfen müssen? Ist so wenig Eigenes in un§, daß unser Liederbuch zu seinem Großteil eine Kopie, zu-, mindest ein Auszug aus dem Zupfgeigenhansl sein muß? Haben wir zu wenig jüdische, zu wenig unserer eigenen . Lieder, dann lieber kein Liederbuch, als ein solches! Da es aber genug eigene Schöpfungen der Blau weißen, und selbstverständlich eine große Menge jüdische Lieder —das Vielfache von dem im „Blau-Weiß“-Liedcrbüche Enthaltenen — gibt wäre es durchaus möglich ge- wesen, ein des „Blau-Weiß“ würdiges Liederbuch zu schaffen, ohne bei Fremdeneine Anleihe.zu machen. Wann-wird dieses, das Liederbuch der jüdischen Jugend kommen? Alex Feig. v , —-1 Literarischer Anzeiger Jüdische Jugendblätter. Wir verweisen auf den beiliegenden Prospekt der neuerstandenen „J üdischen' J ugendblätter“. Die vorliegende erste Nummer, mit Beiträgen von Adolf Böhm, Oberrabbiner Dr.. ChajeSj Heinrich Margulies, Roda Wieff, Robert Weiß u. a., macht einen vorzüglichen Eindruck. Eine ausführliche Besprechung behalten wir uns vor. Die Jugendblätter .werden endlich eine schwer empfundene Lücke unserer Jugendliteratur aiisfüllen. Die Administration der Zeitschrift befindet sich an Jüdischen Jugendheim. IL. Obere Donaustraße 9/1. « ' Daniel Deronda. Roman von George Eliot nach der Uebersetzung von Ad. Strodfmann gekürzt und herausgegeben von Alexander Eliasbug (Jüdischer Verlag, Berlin 1918). Der im Jahre 1876 erschienene Roman, der zu ihrer Zeit besonders hochgehältenen englischen Schriftstellerin; wurde vor kurzem vom „Jüdischen Verlag“ neu herausgegeben. Maßgebend hiefür war wohl der Umstand, daß hier vor mehr als 40 Jahren die zionistische Lösung der Judenfrage, und zwar sozusagen als persönliches Romanschicksal, statuiert wird. Dean diese Lösung wächst gleichsam ganz aus Romantik heraus. Das ganze Leben' des Helden ist von einem Timbre von romantischem Edelmut! gefärbt und diese Romantik will gleichsam — Judentum heißen. Von einer als Star gefeierten Mutter ausgesetzt und absichtlich jeder Möglichkeit einer Erinnerung an seine jüdische Abstammung entrückt wird er als Nr. 11 Werden die Fälschungen- unseres "Willens nicht für alle Welt -ijchtiggestellt, wird die Wahrheit nicht deutlich und gellend hinausgeschrieeu; dann laufen wir Gefahr, in unseren Grüften endglltig zu verfaulen. Es muß noch einmal, angefangen werden, vom ersten Anbeginn. Denn nun sind wir alle gleich. Alle. Völker , fangen von Neuem an. Es gibt keine Tradition; keinen Besitz, keinen Vorrangs des Alters. Wie die Kinder sind wir Völker, Anfänger, die der Vormundschaft entwachsen sind. Es gilt einen Beruf zu wählen; einen Wettstreit der Entwicklung zu bestehen. Bisher standen unsere Kräfte und Fähigkeiten im Dienst fremder Arbeitgeber, verbrauchten sich zu fremdem Nutzen, kämpften für fremd« Fahnen. Werden sie nicht wachsen, sich verdoppeln; unsere Schritte beflügeln, unsere- Seelen entflammen, wenn es heißt, der eigenen Heimat dienen? . Alle zerstreuten, einander widerstrebenden, nach den vielfältigsten Richtungen strebenden Energien müssen sich sammeln.. Mögen Andere unseren bisherigen Platz eh»- , nehmen.. Wir wollen künftig keinen anderen Herr« haben, als uns selbst Es will Morgen werden, meine Brüder. Dr. Emst Sommer. Berichte und Korrespondenzen Die Stellung der Frau in der Jüdischen Gemeinde Kürzlich fand ln Berlin eine Versammlung des jüdischen Frauenbundes statt, in welcher mehrere Redner und Rednerimien über die Stellung der Frau in der jüdischen Gemeinde sprachen. Die weiblichen Redner, insbesondere Frau Josefino -Lewy-Rathenau und Frau Siddy Wronskj! forderten für die Frauen das uneingeschränkte, aktive und passive Wahlrecht Der Referent Justizrat Lili et thal, der in seinem Referat die Bedeutung der Frauen für die verschiedenen Arbeitsgebiete der Gemeinde hervorhob. gab der Ansicht Ausdruck, daß das Frauenwahlrecht gegenwärtig nicht eingeführt werden könne, jedoch können jdie weiblichen Gemeindemitglieder vom 21. Lebensjahre, an in alle Verwaltengskommissionen der Gemeinde gewählt werden. In der Diskussion, an. der sich zahlreiche Redner, darunter Rabbiner Dr. Baeck, Dozent Dr. Elbogen u. a. beteiligten, setzte sich mit besonderer Wärme der zionistische Redner Dr.,Alfred Klee für die Einführung des Frauenstimmrechtes ein' und fügte . hinzu, daß auch dieses nur dann eine Bedeutung bekommen könne, wenn gleichzeitig die Bestimmungen über den Zensus fallen, da nur die wenigsten Frauen Steuer zahlen. Stadtrat Limkiewicz sprach die Ueberzeugung-aus, daß die Regierung die Erteilung des Stimmrechtes an die Frauen ohne weiteres bewilligen werde. Unter dem Eindruck der Diskussion stellte Justizrat Lilienthal in -seinem Schlußworte eine umfassende Revision des Gemeindestatuts in Aussicht und erklärte, daß das Wahlrecht, das dia Frau für die Nationalversammlung erhalten hat; ihr in der jüdischen Gemeinde nicht werde vorenthalten werden können. Vortrag Schwarz-Hilter — Professor Kraus. Das Wiener Jüdische Organisationskomitee veranstaltete Dienstag, den 11. d. M., im Saale de» Ingenieur- und Architektenveremes eine Versammlung, bei welcher Dr. Schwarz-Hiller über die Wahlreform in. der Wiener Kultusgemeinde und Prof. Dr. S. T( r aus über jüdisch« Erziehuwrsfragen sprachen.' Gemeinderat Dr. Schwarz-Hiller führte im allgemeinen diejenige»« Grundsätze vor, welche in seinem Entwurf enthalten sind. Nur erregte es allgemeine Verwunderung, daß er, der vor ungefähr 14 Tagen im Engländer von efoem englischen Lord erzogen, de ner sogar lange für seinen illegitimen Vater hält, bis er durch die Begegnung mit Miroh. der Tochter eines verkommenen jüdischen Schauspielers. die er vor verzweifeltem Selbstmord gerettet hat, und durch eine höchst romantische Begegnung mit ihrem lange gesuchten Bruder Mordechai erst zu dem Entschlüsse gebracht, mit seinem Volke und für dasselbe . zu . leben. Der schwärmerische Mördechaf; der den glühende» Glauben seines Volkes auf ein in der Stille ausgesprochen,es Ideal gerichtet hält, der von Schwindsucht verzehrte, dter ein Leben läng auf den Fortsetzer und VerwirkMcher seiner Gedanken gewartet hat' und denselben bei dem ersteh Zusammentreffen in dem damals noch als Engländer sich gebenden Dervedo erahnt hat, er ist es auch, der Derondo für das Zionsideal gefangen nimmt und ohne daß man eigentlich merkt, wie dieser von sich aus zu demselben kommt, in der Richtung desselben seinen Entschluß für die Zukunft bestimmt In die Handlung spielen auch Dinge der englischen Umgebung, vor allem ein schwankendes Verhältnis zu einer englischen jungen Dame, der gegenüber Derondo ganz als edelmütiger Freund erscheint, ohne daß man eigentlich von diesem Verhältnis recht, befriedigt wird, das kampflos seiner Liebe zu Mirah und zum Judentum aufgeopfert wird. Von jüdischem Leben in realistischen Zügen ist in dem Romain nicht viel zu spüren, wohl ab,er viel von warmer Anteilnahme an Schicksalen, in denen sich für die Verfasserin ifie verhaltene Glut eines unterdrückten Volkes zu persönlichen Gestaltungen verdichtete. E. M.

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