Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 13 (1919)
- Issue
- 11 (14.3.1919)
- Date
- 1919-03-14
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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0 'Vf. il wichtigsten Angel egenheiteai des Lebens dem Einfluß der territorialen Gemeinschaften unterliegt, so dürfen wir doch nicht dort, wo wir als Juden in unserem eigenen Hause beisammen sind, Unterschiede machen, die in der Geographie oder . der Zufälligkeit eines anderen zeitlichen Stadiums der Wanderung begründet sind. Es ist unmöglich, daß in einem dieser Punkte nachgegeben werden kamt. Wir können nur immer wieder an die Einsicht der heutigen Machthaber appellieren, daß sie den ranzigen Weg zur Aufrechterhaltung des Friedens in der Gemeinde betreten. Den Kampf um die Demokratie führt nicht eine Partei,, sondern das ganze Volk, sofern es .noch etwas auf seine Würde hält Die Zeit der Notabeinwirtschaft ist um. Ein anderes Wahlrecht als ein demokratisches wird niemals die Zustimmung der nationalen Juden findest. Wird es trotzdem aufgezwungen, dann gebt der Kampf weiter. •, Sanitäre Maßnahmen für die Rückkehr nach Erez Israel Von Dr. Heinrich Meyer.*) Die Rückkehr in das Land unserer Vater, die nach Friedensschluß in großem Stile einsetzen wird, stellt uns jüdische Aerzte vor Aufgaben, denen wir nur dann gewachsen sein werden, wenn wir schon heute an ihre Lösung herantreten. Damit sei vorläufig die Tätigkeit im Galuth gemeint Ein Großteil der Heimkehrer wird aus den östlichen Ländern kommen, und spezifisch nicht einwandfreien Gegenden, wo der Krieg, wie überall, die sanitären Verliältnisse noch verschlimmert hat Haben woM auch noch früher Massenwanderungeji nach Amerika stattgefunden, so darf man nicht vergessen^ daß es in diesem Lande mit den dort zur Verfügung stehenden Institutionen leicht war, alle sanitären Uebelstände abzustellen, während Palästina, das durch der, Krieg viel gelitten hat, diese Möglichkeiten nicht bietet Es müssen im Einvernehmen mit den Eimwanderungskonriees entsprechende Vorkehrungen getroffen werden, die ein kiagloses Funktionieren des gesamten Apparates gewährleisten, die Rückkehrer müssen, von dem Momente, da sie die Galutbscholle verlassen, bis zum Eintreffen in stabile Verhältnisse, unter steter sanitärer Kontrolle stehen. Es wären in allererster Linie ärztliche Beratungsstellen zu kreieren, die die Untersuchung auf gesundheitliche Eignung vorzunehmen, die in Betracht kommenden Leute zu beraten, hygienisch zu schulen hätten . Ich hebe diesen letzteren Umstand besonders hetvor, da nur derjenige die Wohltaten der Hygiene genießen kann, der von ihrer Notwendigkeit überzeugt ist, und sich infolgedessen mit Verständnis den entsprechenden Verfügungen untererdnet. Es wird sich daher empfehlen, durch Vorträge, durch Verbreitung von Merkblättern über die Infektionskrankheiten, Alkoholismus. Lues und Tuberkulose, über hygienische Lebensweise in Palästina (Kleidung, Ernährung und Wohnung) belehrend zu'wirken und so das jüdische Volk auch sanitär für das große Werk vorzuberraten. Bei allen zionistischen Vereinigungen, Blau-Weiß, Hcchalnz, Schomrim, wäre dieser Gegenstand obligat zu behandeln. Nicht unerwähnt möchte ich bei dieser Gelegenheit lassem daß sich mir währes:J einer Assanierung in Wolhynien das System mit ire-gewählten „Sanitätspolizisteii' vorzüglich bewährt hat, die, von mir instruiert, aufkiärend gewirkt und Ersprießliches geleistet haben. Hiebei » komme sch auf die Personalfrage zu sprechen. In dieser Hinsicht ist folgendes vorzuKehrea: 1 Aerzte. Apotheker, Zahntechniker, Drogisten, Sanitätshilfspersonal, welche ihrem Volke in Erez Israel dienen wollen, sind in Evidenz zu nehmen und ein Kataster anzulegen. 2. Es sind, eventuell mit Stipendien, tüchtige Malariaärzte heranzubilden, und auch auf solche *) Nachstehende Ausführungen lagen einem im Wiener Arbeiter kr eise für Palästina gehaltenen Referate zugrunde. JÜDISCHE ZEITUNG zu greifen, die während der Kriegsdienstleistung auf diesem Spezialgebiete gewirkt haben. 3. Lungenärzte sind gleichfalls sehr erwünscht; ein zionistischer Assistent einer Augenklinik hat sich bereit erklärt, für Aspiranten einen Kurs zu lesen. , ‘ 4. Gründung jüdischer Aerzteorgar.isationen, eventuell als Ortsgruppe des Vereines für jüdische Naturforscher und Aerzte in Palästina. 5 Errichtung von Pilegetschulen.an jüdischen Spitälern, ' Heranbildung von Speziälschwestem, Röntgen-, Laboratoriumsu. Fürsorgeschwestemv Heranbildung von Hebammen (Mutterpflege und Kleinkinderfürsorge). Es ist selbstverständlich, daß Sorge getragen werden muß, das ärztliche Hilfspersonal nach der Kursbildung einer steten praktischen, Betätigung zuzuführen. Allen erwähnten, sowie den aus der Natur der Oertlichkeiten und Persönliclikeitenentspringenden Momenten ist entsprechend Aufmerksamkeit zu schenken und Rechnung zu tragen, da nur in dieser Weise das Gesundheitsniveau unseres Vo'kes, das, wie bemerkt, speziell in den vom Kriege heimgesuchten Gegenden vieles zu wünschen übrig läßt, gehoben werden kann. Um einen Erfolg ersichtlich zu machen, wäre es notwendig, daß die Beratungsstellen, die Träger der ganzen Aktion, monatlich statistische Ausweise und entsprechende Mitteilungen verfassen und an die in Wien gedachte Zentrale leiten würden. Dieses Programm macht nicht den Anspruch auf Vollständigkeit, es soll nur kurz skizziert allgemeine Richtlinien feststellen und den Ausgangspunkt zu einem weiteren Gedankenaustausch und fruchtbringender Arbeit bilden. Zum Schlüsse will ich nochmals den Mahnruf erheben, ja keine Zeit verstreichen zu lassen, mit der Durchführung der Aufgabe sofort-zu beginnen, die, wie gesagt, unsere Pflicht ist, mit deren Erfüllung wir aber der jüdischen Äerzteschaft ein ewiges, ehrendes Denkmal in unserer nationalen Geschichte setzen, denn nur so wird es uns möglich sein, ein gesundes Volk zu einem glücklichem, schönen Leben nach Erez Jisröel zurückzuführen! Zionistisdie Bewegung Zionistischer Parteitag Sonntag, den 30. März, findet in Wien der außerordentliche Parteitag statt Ort und Zeit wird noch angegeben werden. Tagesordnung: Eröffnung. Organisationsreferat. politisches Referat Budgetreferat Neu- ' wählen. Die Referenten werden auch noch bekanntgegeben werden. Zur Teilnahme sind alle ordnungsgemäß gewählten Delegierten berechtigt. Die für die Bekanntgabe der Delegiertenwahl ursprünglich festgesetzte Frist wird bis zum 22. d. M. verlängert Nachträglich angemeldete Wahlergebnisse können statutengemäß nicht anerkannt werden. Zionistisches Landeskomitee t für Deutschösterreich. Zionistisdie Kundgebung Sonntag, den 16. März 1919. um 10 Uhr vormittags. findet im Theater an der Wien. VL. Linke Wienzeile 6. eine Massenversammlung statt Thema: DiezionistischenForderungen vor der Friedenskonferenz. Redner: Dr. Otto Ab ei es. Dr. Egon Zweig. Dr. Emil Stein. Eintrittskarten sind nur gegen Vormerkung in der Buchhandlung R. Löwit. I.. Rotenturmstraße 22. an der Tageskasse im Theatergebäude und bei R. Kretschmer. II„ Schmelzgasse 7. erhältlich. Seite 3 Die chinesische Regierungserklärung für den Zionismus. Das Kopenhager zionistische Büro berichtet: Die Erklärung. (He der chinesische Vize minister des Auswärtigen Tscheng Loh Mitte Dezember im Aufträge seiner Regierung an den Vorsitzenden der Zionistischen Organtisation in Shanghai. Herrn E. S. Kadoorie. gerichtet hat, lautet folgendermaßen: ..Sehr geehrter Herr! Ich beehre mich. Ihren Brief vom 6. Juni 1918 zu bestätigen, in dem Sie mir mitteilten, daß die englische Zionistenföderation, mit der Sie in Verbindung stehen, am 2. November 1917 von Herrn A. J. Balfour, dem britischen Staatssekretär im Ministerium des Auswärtigen, einen Brief erhielt. in dem er die Sympathie der britischen Regierung mit den zionistischen Wünschen für die Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina erklärt und daß Sie Wert darauf legen, sich auch unserer Sympathie zu vergewissern. In Beantwortung dieses Briefes beehre ich mich. Ihnen mitzuteilen. ' daß die chinesische Regierung gegenüber den zionistischen Wünschen dieselbe Haltung einnimmt wie die britische Regierun g.“ * Kleidungsstücke aus Amerika für Palästina. Das Palästina-Versorgungsbüro, dem die amerikanische zionistische Föderation, der Rote Magen Dawid und die Föderation der palästinensischen Juden in Amerika angehört, hat beschlossen, in diesen Tagen eine Schiff sladung von Kleidungsstücken nach Palästina zu schicken, der weitere ähnliche Sendungen folgen sollen. Bei dem außerordentlich großen Mangel an Bekleidungsgegenständen, der zur Zeit in Palästina herrscht, und zwar besonders bei den galiläischen Flüchtlingen, wird diese Sendung einem dringenden Bedürfnis abbelfen. In allen Teilen Amerikas sind Näh2irkel eingerichtet worden, in denen die Kleidungsstücke hergestellt werden. Die Grazer Kultuswahlen (Von unserem Grazer Korrespondenten.) Bei der letzten Wahlversammlung, mit den die Jüdischnationalen die Kultuswahlen vorbereiteten, sprach Herr Heinrich Margulies-Wlen. Herr Grüner, zum Vorsitzenden der Versammlung gewählt, berichtet über die fehlgeschlagenen Versuche eines Kompromisses mit der gegnerischen Partei und fordert die Wähler auf, für die geschlossene Liste der nationalen Kandidaten zu stimmen, um die Gefahr einer Stimmenzerplitterung zn vermeiden. Herr Margulies erinnert zu Beginn seiner Rede an den Sieg der Jüdischnationalen bei der Wahl in die Konstituante in Wien. Die Kraft der Idee ist so stark, daß sie zu ihrer Durchführung nicht jene demagogischen Mittel brauche, wie sie die anderen Parteien im Kampfe benützen, indem sie die niedrigsten Instinkte der Menge aufpeitschen. In der Großstadt steht man unmittelbar unter dem Eindruck der großen Ereignisse und im Zusammenhänge mit der Masse des jüdischen Volkes. In der Provinz gelte leicht das Bewußtsein des Zusammenhanges mit dem Gesamtjudentum verloren und es muß Hauptaufgabe der Redner, die in die Provinz kommen, sein, dieses Bewußtsein lebendig zu erhdlten. So wird mam auch in den Wahlen mehr als ein lokales Ereignis erkennen. Bei der Neuorientierung des Verhältnisses zum Volke, in dessen Mitte wir leben, ist die Erkenntnis von Wichtigkeit, daß die Begriiie Staatszugehörigkeit und Nationalität nicht identisch sind. Vor dem Kriege war Oesterreich ein Nationalitätenstaat, geriet aber durch das Bündnis mit dem deutschen Nationalstaat unter (He Hegemonie des Deutschen. Die Mission des jüdischen Abgeordneten wird es sein, das völkerversöhhende Prinzip zu vertreten. Wti sind nicht mehr machtlos der Willkür einiger Machthaber ausgeliefert, denn über die Gesetzgebung wacht ein internationaler Araeopag. der seit, schmutzigen Kindes: an dem das amerikanische Leben mit Blitzesschnelle gleichgültig vorbeleflt, ruft im Passanten traurige Reminiszenzen aus der jüdischen MärtyrergescMchte hervor. Die Aivenue kümmert sich nicht um dis arme Kind, das auf der Straße 'sein Mahl verzehrt. Wer hat tiefer die Seele der jüdischen Straßenverkäuferiin, des Straßenhändlers und des reichen, jüdischen Patriziers erfaßt und ausdrucksvoller wiedergegeben als der Ghettodichter Morris i Rosenfeld, Jakob Gordin in seinen Dramen und Schalom Alrachem in seinen Erzählungen? Auch in den vielen jüdischen Theatern des Ghetto bildet sich das Hera und der Sinn des jüdischen Emigranten, und immer wieder wird er aufs tiefste erschüttert von den Dramen „Die Jesojme“, „Der wilde Mensch“ und „Gott der Rache“.- Mit Begeisterung nknmt das Publikum die Rollen von Kessler, Adler und anderen auf und empfängt mit stürmischem Beifall seine Lieblinge. In schweren Schicksalsstunden, in welchen das gekränkte Bewußtsein des Volkes erwacht, werden Versammlungen und Demonstrationen veranstaltet, wo die Einwohner des Ghetto mit Entrüstung gegen alle Leiden und Ungerechtigkeiten, die ihren Brüdern im der weiten Welt zugefügt werden, protestieren. Zu solcher Zeit imponiert das Ghetto mit seiner Einigkeit, brüderlichen Liebe jmd Freundschaft, da ist es wie ein Haus, wie eine Familie im großen Bunde der Völker. Die Strauss, die Jakobs, die Potentaten des Volkes, die Kapitalisten und die Arbeiter beweisen da ilire Kraft und ihre Solidarität. Und über das ganze Judentum, über die Waisen und Greise ergießt sich ein hoffnungsvoller Trost und die Verheißung einer hellen Zukunft ... Wien. Dr. Heinrich Frost. Das neue „Blau-Weiß“-Liederbuch Als ich das „Blau-Weiß“-Ltederbuch*) im Felde erhielt, empfand ich im ersten Augenblick eine große Freude. Erstens, weil endlich die laue ersehnte zweite Auflage des Liederbuches erschienen war und zweitens: das Buch, das da vor mir lag, war eine Leistung, nach all den vielen Worten der letzten Zeit eine greifbare Leistung. Aeußerlich recht anspruchslos und geschmackvoll, Papier, Druck und Anordnung recht praktisch — nach allen mehr äußerlichen Anforderungen ein brauchbares Liederbuch. Aber der Inhalt — leider muß Mer jeder Blauweiße, jeder Jude ein gewaltiges „Aber“ setzen. Ich schlage an irgend einer Stelle auf: Seite 20: „Nach Süden nun sich lenken die Vöglran allzumal“ — was folgt als nächstes Lied? „Blau-Weiß-Liederbuch“. Herausgegeben von der Bundes!eitung des Blau-Weiß-Bundes in Deutschland, musikalisch bearbeitet von Leo Kopi Zweite; völlig umgearbeitete und stark vermehrte Auflage. Jüdischer Verlag, Berlin 1918. „Tech’ sakna j’ de] kol achejnu“. Was kommt auf „Hoj erez moledet“? „Wenn wir durch die Straßen zieh’n, recht wie Bursch in Saus und Braus“ usw. in bunter Folge. Ich habe mich geschämt, ursprünglich wollte ich das Buch meinen nichtjüdischen Kameraden zeigen, denen ich allmählich einen Begriff von unserer jimgjüdischen Renaissancebewegung gegeben hatte — aber diese Iiedersammlung konnte ich ihnen nicht zeigen, sie hätten mich ausgelacht. Ist das das Liederbuch der jüdischen Jugend? Das ist eine Zusammenstellung von hebräischen, jiddischen und deutschen Liedern aus dem Zupfgeigenhansl und ähnHchen Sammlungen — aber kein Liederbuch des „Blauweiß“. Ich kann das Motiv, das die Verfasser der 2. Auflage geleitet hat, erraten: sie wollten alles, bringen, was in den Kreisen des „Blau-Weiß" gesungen wird. Das ist ihnen natürlich nicht gelungen, denn jeder Blauweiße wird mir bestätigen, daß es viel mehr Lieder gibt, die auf Wanderungen und Heimabenden gesungen werden, als in dem Liederbuch enthalten sind. So kann das Liederbuch nur eine Auswahl darstellen und gewiß nicht die beste. Denn ein Liederbuch des „Blau-Weiß“, der ein Glied der jüdischen Jugendbewegung ist, muß vor allem ein jüdisches Liederbuch sein. Und wenn auch heute noch das jüdische — hebräische und jiddische — Lied in unseren Kreisen nicht die Rolle spielt, die es spielen sollte: so sollte eben ein Liederbuch, des „Blau-Weiß“ diese auf die Verbreitung des jüdischen Liedes binzielende Entwicklung befördern, es sollte mehr jüdische Lieder bringen, als» #