Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 13 (1919)
- Issue
- 11 (14.3.1919)
- Date
- 1919-03-14
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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6tilz 2 auf gaben zu erfüllen hat, Parteigruppierung" nach geographischen Gesichtspunkten erfolgt. Es wäre nur zu wünschen, daß die neue Leitung so schnell als möglich durch Vorlage eines klaren Aktionsprogramms die Grundlagen für eine großzügige sachliche Politik auch imferhalb des Zionismus schafft, da durch Verschleppung und Verschwommenheit nur Unklarheiten und Verstimmungen erzeugt werden, welche keine geeignete Plattform für Auseinandersetzungen bieten. Die Londoner Konferenz wird zweifellos durch die Möglichkeit einer Aussprache aller Gruppen die Voraussetzung für die Aufstellung eines derartigen Aktionsprogrammes schaffen. Im Mittelpunkt des Interesses stehen heute die Fragen der Prinzipien der Kolonisation. Das Problem des Sozialismus, welches die ganze Welt in Zuckungen versetzt, ist auch für unsere Arbeit von entscheidender Bedeutung. Wir hoffen zuversichtlich, daß alle Kreise im Zionismus darüber zur Einigkeit gelangen, daß ein gesundes, lebenskräftiges und für die Dauer gegründetes jüdisches Gemeinwesen in Palästina nur auf sozialistischer Grundlage errichtet werden kann. Dieses Programm ist für uns keine Neuerung, sondern nur die Fortsetzung der alten ursprünglichen zionistischen Traditionen, welche von HerzI über die Gründung des Nationalfouds und die Genossenschaftsbewegung zum Programm unserer heutigen idealistischen Jugend, der Arbeiterschaft und der Pioniere führt Wenn In letzter Zeit von namhafter Seite Bedenken geltend gemacht wurden, die auch in der scharfen Auseinandersetztung beim letzten deutschen Delegiertentag ihre deutliche Spiegelung fanden, so wird es nötig sein, sich ernsthaft und sachlich darüber auseinanderzusetzen. Leider sind bis heute weiteste Kreise der zionistischen Oeüeiit- Jichkeit über diese Fragen gänzlich uninformiert, da unser Interesse bisher hauptsächlich auf die politischen Angelegenheiten konzentriert Die Organisation wird hier noch wichtige Aufklärungsarbeiten zu leisten haben. Darüber hinaus aber hat die Organisation noch eine große Aufgabe, selbst' wenn das zionistische Ziel politisch realisiert wird. Der ganze Komplex der nationalen Aufgaben, in deren Brennpunkt in.Zukunft noch weit mehr als bisher die Beziehung zu Palästina stehen wird, kann bis auf weiteres. mir den Organen der zionistischen Partei anvertraut werden. Auch die wirtschaftlichen Aufgaben, speziell bei der Lötung der Emigration, bei Liquidierung der Vermögen der Auswandernden und ihrer Ueberführung nach Palästina sowie die politische Vertretung des jüdischen Volkes in den Diasporaländern kann nur Sache der zionistischen Organisation sein, die neben ach keine andere i nationale Vertretung dulden kann. Es ist daher ganz augenfällig, daß der Ausbau der Organisation zu den wichtigsten bevorstehenden Aufgaben gehören wird. , Es ist sehr zu begrüßen, daß hinter der großen Menge politischer Arbeit, welche die Londoner Konferenz zu leisten hatte, die Organisationsfrage nicht vergessen wurde. Solange wir kein richtiges Volk sind, das in seinem natürlichen Leben den selbstverständlichen Zusammen- . hang hat, bedürfen wir, um überhaupt handlungsfähig zu sein, des Hilfsmittels der Organisation. Sie soll in Hinkunft-das Band sein, welches alle Juden umfaßt, die für die Zukunft des jüdischen Volkes leben und wirken wollen. JÜDISCHE ZEITUNG Protestjuden überall Der Bericht, den Weizmann in London erstattete. verdient nicht nur wegen seines oolitisdien Gehaltes Beachtung. Die, Rolle des, Professors Silvain Lew; »über die aus dem offiziellen Comnuinique keime genaue Klarheit zu gewinnen war. wird darin in ihrer ganzen Erbärmlichkeit enthüllt. Durch eine'Erklärung.-die Levy gleichzeitig im „Temps“ veröffentlicht, wird die ganze Angelegenheit «och deutlicher. Lew hat ■nichts anderes getan, als was seit dreißig Jahren die Assimilations- und Protestjuden immer wiederbei jeder Gelegenheit' getan haben. Es ist den Vertretern des jüdischen Volkswillens hinterrücks in den Arm gefallen, er hat in dem Augenblick, wo über das Schicksal des jüdischen Volkes — soweit dies überhaupt von irdischen Mächten geschehen kann — entschieden werden sollte,, statt jüdischen Interessen anderen gedient, er hat nicht nur seine Seele einem fremden Herrn verkauft, sondern auch sein Volk an diesen Herrn verraten. Levy gibt unumwunden zu, daß für ihn bei sauer Stellungnahme -die französischen Interessen das Maßgebende gewesen and. Er hält es sogar für opportun, sich dieses Umstandes in der französischen Presse zu rühmen. Genau so. wie die Herren im Hilfsverein der deutschen Juden die jüdische Kulturarbeit in Palästina in den Dienst des deutschen Imperialismus stellen wollten, genau so, wie die polnischen Assimilanten nach den Pogromen nichts Wichtigeres zu tun hatten, als zu dementieren, um die polnische Ehre zu schützen, genau so. wie in der Geschichte der Zerstreuung immer wieder die Pfefferkorn aufgetreten sind, so hat auch Lew sein "Volk verleugnet, um anderen Herren gefällig zu sein. Es ist eine merkwürdige Tragik des jüdischen Volkes und es konnte auch den zehn Männern in Paris deutlicher als alle Vorträge Weizmahns und Sokolows zeigen, wie rettungsbedürftig dieses Volk ist — daß immer an den emtschebenden Punkten seines Lebens, immer, wenn es zu eiiier guten Tat. zu einer Tat der Befreiung ausholt, immer, wenn es sich aus der Fäulnis, in die es durch die Knechtschaft geraten ist zi einem aufrechten Leben der Wahrheit-erheben will, der Widersacher aus dem eigenen' Volk aus der Versenkung tritt und sich wie ein Bleigewicht an seine Fersen heftet. -Das jüdische Volk hat keine schlimmeren Feinde als die eigenen Söhne, die von ihm abgefallen sind und deren Seele von Selbstsucht und.Knechtschaft zerfressen ist Gerade wir in unserer Zeit des nationalen Erwachens kennen besser als je eine Generation die ganze tiefe Schande dieses Protestjudentums. welches sich der jüdische« Bewegung immer wieder mit vergifteten Waffen entgegenstellt. Der Fall Levy aber ist ein besonderer und wird für immer gebrandmarkt bleiben. Man bedenke: in einer Stunde, da der Sehnsuchtstraum des Volkes seit zwei Jahrtausenden, sich in einem. politischen Akt sublimiert wo das ganze Volk in fieberhafter : Erregung auf 'den Augenblick wartet wo die Mächtigen der Erde, für die das jüdische Land wahrhaftig nicht die wichtigste Angelegenheit der Welt ist dem gerechten Wunsche eines heimatlosen Volkes nach einer Scholle zustimmen, weil sie erkennen, daß es eine gute Tat ist dem in Verzweiflung, Elend und Lüge verkommenden Volk die Möglichkeit zu einer Erhebung in ein freies und wahrhaftes Leben zu gewähren, in dieser Stunde, in der sich Entscheidungen und Gefühle konzentrieren, die alle Hoffnung einer stummen Masse von Millionen Menschen sind, da kommt ein Mann, der aus diesem Volke stammt aber keinerlei Beziehungen zu ihm hat der weder von dessen Seelenleben noch von seiner materiellen Situation etwas weiß, derein Gelehrter. Sanskritforscher und in der Gesellschaft angesehener Universitätsorofessor ist aber niemals zum Sachwalter' des jüdischen Volkes berufen, kommt und protestiert gegen die jüdische Sache. Es .ist ein psychologisches Problem, das nur durch die Galuth- und Ghettoentwicklung unseres Volkstums verstanden werden kann. Dieser Typus des Verräters ist ein jüdisches Unikum. , Es ist ein-Triumph des Protestjudentums, daß es ihm gelungen ist sich auch diesmal zwischen Nr. 11 das jüdische 'Volk und die Welt einzuschleich.cn- Abcres dürfte sein letzter sein. Die Intriguen werden zwar kaum aufhören, aber sie werden zu verschwindender Bedeutung herab.sinken. Diesmal wird es nicht gelingen, den Erfolg der zionistischen Politik zu vereiteln. Daher können wir nicht einmal Zorn empfinde«. Mit tiefer Wehmut muß es uns,erfüllen, daß so etwas möglich war. Der Kampf um die Kultuswahlreform Wien, 12. März.. . * Die W ahlreformVorlage, zu der sich der Kultusvorstand -unter dem Drucke der öffentlichen Meinung endlich aufgerafft hatte, wurde bekanntlich von den nationalen Mitgliedern des Kultusvorstamdes als indiskutabel bezeichnet und neuerlich einer Kommission überwiesen. Es dürfte kaum zweifelhaft sein, daß auch die Majorität des Vorstandes einseheri wird, daß siie auf ihrem altem Standpunkte nicht verharren kann. Der Vorstand wird Konzessionen machen müssen und theoretisch wäre es denkbar, daß in’ einem solchen Fall eä* Einverständnis erzielt würde. In ’ Wirklichkeit aber ist in diesem Fall ein Einverständnis mir dann möglich, wenn, sämtliche von der nationalen. Seite aufgestellten Hauptforderungen rückhaltlos angenommen werden. Dies ist nicht Rechthab erö. und nicht mutwillige Friedensstörung; vielmehr handelt es sich Mer. um Prinzipien, von denen aus sachlichen .Gründen absolut nicht abgegangen werden kann. Die nationale Partei hat die Forderung einer restlosen Demokratisierung aufgestellt. Der demokratische Charakter . eines Wahlrechtes wird aber verdorben, sobald nur irgend welche unberechtigte Einschränkungen aufrechtcrhalten bleiben. W-ir kenne« aus der Geschichte des letzten Jahres reichlich das Schicksal derartiger demokratischer WaMordnungsentwürfe. Man erinnere sich nur des -grotesken und grausamen Spieles in Ungarn; wo mit soviel Emphase ’ die Demokratie angekündigt wurde und wo dann erst der berühmte /.Demokrat“ Vaszony nachgiebig wurde und dann dier Graf Tisza, während schon die Kugel für ihn gegossen wurde, ernsthaft dem Volke zumutete, das Wahlrecht vom dem Besitz irgend einer Tapferkeitsmedaille abhängig zu machen; Das Volk läßt nicht mit sich spielen. Es liegt im Begriff der Demokratie, daß sie rächt "gleichzeitig reaktionäre Vorrechte irgendwelcher Art geben kann. In der letzten Sitzung des Kultusvorstandes hat ein Redner richtig bemerkt, daß_ die einzige Möglichkeit, den Frieden und die Ruhe in der Ge-; meinde zu erhalten, die Befriedigung der Forderungen des Volkes ist Die Vertreter der nationalem Partei, welche gleichzeitig die demokratische Gruppe ist, haben nicht einmal die Möglichkeit in den Hauptpunkten entgegenzukommen. Sie würden der Sache nicht dienen , und nur sich selbst vor dem Volke belasten. Es ist kein Zeichen der Unverträglichkeit sondern der Respekt vor dem Volkswillen und die Anerkennung seiner Berechtigung. Allgemienes, gleiches WaMrecht fü» alle Mitglieder der Kultusgemeinde kann nicht an eäne Steuerleistung geknüpft sein. Dies widerspricht der Forderung der Allgemeinheit Es darf -auch keine Bevorzugung wegen Reichtums geben. Das widerspräche der Forderung der Gleichheit Es darf ferner keinen Ausschluß der Frauen vom Wahlrecht geben. Dies widerspräche der modernen Auffassung, die sich auch in allen Wahlgesetzen der letzten Zeit durchgesetzt hat Es darf auch keinen Ausschluß der Rabbiner, Lehrer und Beamten von der WäMbarkeit geben. Dies widerspräche dem Geist des Judentums, welches in den Rabbinern und Lehrern stets seine geistigem Führer sehen wollte und es nicht zuläßt, daß diese sowie die an der unmittelbaren Verwaltungsarbeit beteiligten Beamten nicht auch in den wichtigen Fragen der Gemeinde miltberaten sollen. Es darf ferner keine Beschränkung des Wahlrechtes auf deutschösterreichische Staatsbürger geben. Dies widerspäche dem Axiom von der Einheit des Judentums; wenn unser unglückliches Volk in unzählige Fetzen zerrissen ist und in den meiste« Purim Können wir Heutigen Purim leiem? Gibt es beute in der jüdischen Gasse echte Fastnacbtsstimmung? Das ist sicher, daß es einmal eine gab. In den Gassen des Ghetto herrschte in der Purtonnacbt ein genügsamer Humor, eine etwas satirische Freude. Aber uns ist diese Naivetät abhanden gekommen. Wir sind sehend geworden; wir erkennen deutlicher als jemals eine' Generation die Tragik unseres Volkstums, das auf seine Erlösung wartet Seitdem die jüdische Jugend zu einem GefüM der Würde erwacht ist sind oft und oft Bedenken gegen dieses Fest erhoben worden, das für uns keinen Reiz hat Daß unser Volk aus einer Gefahr nicht durch eigene Kraft und Erhebung, sondern durch die Fürsprache einer schönen Frau gerettet wurde, daß Juden als Ehre des Volkes empfinden, wenn einer der Ihren Minister eines fremden Kaisers wird, dann die ganze kleinliche Freude über den Fall des Gegners — das alles widerspricht unserem Empfinden, das alles ist rechter Ansdruck der <jaluthseele. Auch die Geschichte unseres Auszuges aus Aegypten ist verbunden mit einer Erinnerung an jüdische Kleinheit Aber dort .steht im Mittelpunkte die große, heroische Tat des Mannes, der Gottes Sendling war. Die Esthergeschichte ist eine Boudoirangelegenheit ohne jeden Zug. von Größe. Heute sehen wir, daß alle Kämpfe mit geistigen .Warfen entschieden werden. Wenn wir uns zum Kampfe der Befreiung rüsten, so müssen wir Jemen, das Purimfest nicht zu feiern. W. FEUILLETON Ghetto ' Bilder aus New-York. Dort wo diie Statue der Freiheit ins Dollarland führt, wo der obdachlose Wanderer nach langem Märtyrertum Zuflucht ton Hafen von Hoboken findet beginnt neues Leben, erstreckt sich das goldene Land, die neue Welt Als letzte ■ Etappe auf dem Wege der Leiden des jüdischen Wanderers gilt Castle-Garden, dann kommt schon das Judenviertel, die East-Side ... Abgemagerte Gestalten, blasse Gesichter passieren eiligst die Straßen, überall wird hastig nach dem Ideal des Landes gesucht, alles was lebt handelt und verdient Die Ausrufungsschlagworie der Verkäufer, die Musik, der Leierkasten ergänzen einander und geben ' eine eigenartige Symphonie, welche ton unnatürlichen Leben des Ghetto ihre Begründung , findet Ueberall wird jüdisch, gesprochen, und alle Sprachen der Welt sind in diesem mannigfaltigen Jargon vereint, der in den Zeitungen großen Formates so recht -zum Ausdruck, kommt In East-Broadway sind fast alle größten , jüdischen Zeitungsredäktionen konzentriert Auf den Straßen werden die Tagesblätter, wie „Vorwärts“, „Wahrheit“, „Tagblatt“ und „Journal“ . von Kindern um einen Cent .zum Kaufe angeboten. In einem offenen Park turnen und lernen Kinder unter freiem Himmel., Da steht ein Missionär und wirbt für seine Mission, dort bespricht ein Volksredner, einen politischen FalL Die Menge lärmt und behauptet sich überall. Und über al dem schwebt ein Meer von Häusern, Fabriksschloten, unregelmäßigen Wolkenkratzern und Tünnen, die so. kennzeichnend für New-York stn-i Täglich bemerkt man auf der Straße einen Sträßensänger, der, von einer Menschenmenge umgeben, ein Lied voll Trauer und Unglückes aus dem jüdischen Leben wiedergibt dieses Lied öfters wiederholt bis die Zuhörer es erlernen und den Text-dem Blinden abkaufen. Es ist das bekannte Lied vom „Tales!“; es ist voll Schwer- , mut wie ein Stück Seelenleben aus der -Tragik des jüdischen Volkes. Die scharfen Konturen des Blinden, der in der Mitte der bezauberten Menschen jeden Abend dasteht bilden im Zusammenhänge mit den im Hintergründe schroff gegen den . Himmel aufsteigenden Wolkenkratzern ein wahrlich originelles Bild aus demL amerikanischen Ghetto. Zuweilen dringt aus. aller Brust die traurige Weise des. Sängers gegen den immer dunkler werdenden Himmel, und dann ist es, als würde der ganze Hafen singen, das Meer weinen und die Wolkenkratzer in den Lüften zittern. - Hinter einer großen Mauer eines Riesenhauses kniet ein Knabe; er hält ein Stück Brot in einer Hand, eine Kokosnuß in der andern Er hat ein Loch in die harte Schale gebohrt und trinkt gierig die Milch. Der Gesichtsausdruck des bla»- ■ -1 .