Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 13 (1919)
- Issue
- 10 (7.3.1919)
- Date
- 1919-03-07
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 10. JÜDISCHE ZEITUNG Seife 3 J eine Edelbliite der jüdischen Gemeinschaft (lebhafte Heiterkeit im Auditorium). Sie hat eine Verwaltung geschaffen,;cfie; niustergebend ist fü-r die ganze Welt E"as haben -die Männer geschaffen, die auf Grund des reaktionären Wahlrechtes gewählt wurden. Es wurde hier gegen die Wertschätzung des Geldsackes gesprochen. Die Geldwirtschaft aber ist dasjenige, was die Kultusgemeinde groB gemacht hat. Nicht politische. Aspirationen, sondern die Opferwilligkeit, der geschmähte Geldsack ist es, welcher die Kultusgemeinde zu ihrer ung e a h n t en.H ö h e gebracht hat. Sie setzen aüs, daß nicht jeder Jude das Wahlrecht hat. Während der politischen Umwälzungen wollten Sie auch in der Kultusgemeinde eine Umwälzung herbeiführen. Sie wollten die Kultusgemeinde, die eine beispiellose Höhe erreicht hat,, in die Tiefe schleudern. Ihre wohlfundierten Einrichtungen wollten Sie erschüttern. Wir aber müssen danach trachten, daß das Fundament, diese Säulen der Gemeinde unversehrt bleiben. Wir lassen dasjenige, was hier aufgebaut wurde, nicht zerstören. Der Staat ist in Splitter zerfallen. Sie fühlen jüdischnational und Sie haben etwas gewonnen bei den Umwälzungen; aber gar zu groß ist.der Erfolg nicht. Was haben Sie zuwege gebracht? Daß eine Jude, der ein Glanz'und eine Leuchte der jüdischen Glaubensgemeinschaft" gewesen ist, von einem anderen juden Eestürzt wurde. Wir leben jetzt-im Kleinstaat Deutschösterreich. Es ist selbstverständlich, daß man beim Entwurf des Wahlrechtes sich an das herrschende Gesetz halten muß. Eine öffentliche Institution darf nur beherrscht werden. von Staatsbürgern. Wenn hier Juden seßhaft sind, die nicht Staatsbürger sind, so ist es selbstverständlich; daß jenen Elementen das Wahlrecht nicht gegeben werden kann, welche als Nichtstaatsbürger kein Interesse an dieser Institution haben. Der zweite Punkt ist der Proporz. Ich bin ein Gegner des Proporzes. Er ist ein politisches Gewaltmittel, ein Schlagwort der Disziplin und Ausfluß der Parteidiktatur. Nun gibt es ja Schichtungen und kleine Unterschiede innerhalb der Glaubensgemeinschaft. Aber man hat doch hier gesagt; ganz Israel ist ein Volk; wozu brauchen wir da den Proporz? Ich komme, nun zu dem von mir verpönten Frauenwahlrecht. Ich bin aus dem'Grunde dagegen, weil innerhalb . der religiösen Institutionen der jüdischen Frau im jüdischen Glaubensbekenntnis nicht jene Stellung grundsätzlich eingeräumt ist, die ihr im politischen und sozialen Leben gebühren mag. In der Gemeinde, im Gotteshaus besitzt die Frau keine Stimnff. Es ist vielleicht die große Errungenschaft der katholischen Religi on;-daß der Frau eine bessere Stellung eingeräumt wurde, di.es ist eine. Folge der Madonnenverehrung: in der jüdischen Glaubensgemeinschaft aber ist die Stellung der Frau nur auf die Häuslichkeit zugeschnitten, im „Rate der Alten“ hat sie keinen Sitz, und keine Stimme. Daß sich einzelne Frauen in sozialer Hinsicht hervorgetan haben, beweist nur, daß. ihnen eine Mitwirkung an den Arbeiten der Gemeinde auch jetzt schon offen steht. Ebenso hat der . bezahlte Clerc in der Verwaltung nichts mitzureden. Schließlich tritt Redner noch für das Privilegienwahlrecht und für den Zensus ein und resümiert: Das Wahlrecht in die Kultusgemeinde war schon von vornherein ein demokra tisch es, denn demokratisch ist nicht definierbar. Wir waren immer eine Gesellschaft von Brüdern, welche viel geleistet hat; was haben Sie geleistet? Sie haben sich, kaum daß der Umsturz vollbracht war, als Nationalrat konstituiert Damit imponieren „Sie niemandem. Was hier geschaffen wurde, das wollen Sie Ihren Zielen dienstbar machen. Was hier zur Blüte gebracht wurde, das geben..wir Ihnen nicht frei. Was hier geschaffen wurde, das wollen wir erhalten, deshalb die konservative Gesinnung. Nachdem, diese „Wahloidnung die Glanzep.oche der Kultusgemeinde hervorgebracht hat, lassen wir den Stamm nicht entwurzelnund halten ihn. fest. . Dr. Leopold Plaschkes. tritt den Ausführungen des Vorredners entgegen. Ajs'die Soldaten im-Oktober von der Fronte zurückkämen, stellten sie in einer imposanten Versammlung 3000 Offiziere und . Mannschaften dem jüdischen;Nationalrat zur Verfügung, damit das Ziel, für welches der Krieg geführt wurde, damit dfe Demokratie und das Selbstbestimmungsrecht auch im jüdischen Volke Wahrheit werden könnte. Wir haben es in der Hand gehabt, den Sturm der Entrüstung gegen die Kultusgemeinde toben zu lassen. -Wir: haben es abgelehnt, weil wir den Frieden in der Gemeinde erhalten wollten. Redner erläutert dann an der Hand von Zitaten des be7 rühmten Staatsrechtslehrers Jellinek, was unter Demokratie zu verstehen ist Das vorgeschlagene Wahlrecht ist bestimmt kein demokratisches. Wir können nicht dulden, daßnach einer .Vereinbarung, daß Demokratie geschaffen werden, soll, eine Plutokratie geschaffen wird. Es ist die Pflicht anständiger Menschen, ah einem geschlossenen Pakt festzuhalten. Wenn sie den Entwurf annehmen, so gehen sie uns ein ausgezeichnetes Kampfmittel in die Hand. „ - Staatsbahnrat R o b e r t S t r i c k e r: Wir lehnen es ab, mit Ihnen ernsthaft über diesen Entwurf zu disputieren. Das Ziel unseres Kampfes ist nichts anderes^ als daß Dr. Schreiber seine Ausführungen in de r O *f f n 11 i c hk ei t Vorbringen soll. Es geht jefet um das, was Sie immer kn Munde führen; um den Frieden der Gemeinde. Wenn Sie ein bißchen Empfinden dafür hätten, was Angehörige einer Gemeinschaft der Gemeinschaft schuldig sind, würden Sie nicht mehr hier sitzen. Kein einziger ..von Ihnen ist berechtigt,, im Namen von Wühlern zu sprechen. Sie haben sich selber gewählt Sie sind nicht berufen, sich zwischen uns- und die Wählerschaft zu stellen. Im November erklärten Sie sich bereit ein demokratisches Wahlrecht zu geben; jetzt geben Säe diesen Entwurf. Man darf sich einem Gegner gegenüber alles erlauben, nur frozzebt darf man ihn nicht Dieser Entwurf ist eine FrozzeleL Wir. bitten Säe in Ihrem Interesse, uns nicht weiter zu unterschätzen. Wenn Sie so etwas beschließen, kommt es zum schärfsten Kampf, den Sie sich vorstellen können. Nicht weil wir ihn um jeden Preis wollen, sondern weil er sich voa selbst ergeben wird. Früher konnten Sie mit Menschen spielen, aber wir werden auf die Freiheiten, die wir als Bürger bekommen haben, nicht verzichten, weil es Ihnen gefaßt (Zwischenruf: Es muß Frieden bleiben 1) Ihr einziger Ausweg ist es, ein demokratisches Wahlrecht zu geben. Täuschen Sie sich nicht: gut dressierte Sekretäre haben Ihnen Aufrufe gemacht, wo wir als eine Gesellschaft von unmündigen Buben hdngesfellt werden. Warum war niemand von den Herren gestern im Zirkus Busch? Sie hätten eine jüdische Versammlung gesehen, wie sie Wien noch nicht erlebt hat Nicht eine Stimme hat sich zu Ihrer Verteidigung erhoben. Auf Ihrer Seite mangelt der Ernst. Herr Dr. Schreiber hat sich auf die Gesetzestreue berufen, auf Grund deren die Frauen hier nicht herein dürfen; aber Leute, die Schweinefleisch essen, dürfen herein. Ich bin nicht verpflichtet zu einer Rechtfertigung, aber ich wül es Ihnen sagen: Sie wundem sich darüber, daß manchmal von unserer Seite ein Wort fällt, das .nicht ganz salonfähig ist Aber wir beweisen eine Geduld, die engelgleich ist Früher konnten Sie Kapital aus unseren Schimpfwörtern schlagen und Arguntente gegen uns daraus machen. Heute leben wir in einer anderen Zeit Von unseren Schimpfwörtern werden Sie auf die Dauer nicht leben können. Diejenigen, die an der Verfassung des Entwurfes nicht beteiligt sind und denen man das vorzulegen wagt, ersuche ich: überlegen Sie es sich gut, ob Sie unser gerechtfertigtes Verlangen ablehnen dürfen. Entziehen Sie den ’ drei Herren, die frivoler Weise den Frieden m dter Gemeinde dadurch stören, daß sie so etwas vorlegen, das Mandat Wenn Sie ' einen Herrn, der sich selbst stolz als Reaktionär bezeichnet im eine Kommission wählen, die ein demokratisches Wahlrecht festsetzeri soll, so kompromittieren Sie sich selbst und das Judentum. Wir wollen . den Frieden in der Gemeinde, aber beleidigen lassen1^ wir uns‘nicht ’ " Holrat Löwner: Ich begreife nicht, daß die jüdiischnationaien Herren die Diskussion im Plenum ablehnen, zumal sie sich ja schon über die wichtigsten Punkte ausgesprochen haben. Es ist ja möglich, daß viele der hier Sitzenden Ihnen üi manchen Punkten zustimmen. Ich zum Beispiel erkläre, daß ich für das passive Wahlrecht dier Beamten eintirete. Wenn es sich um den Frieden handelt müssen wir in die Spezialdebatte eingehen. Nur ein Punkt trennt uns ernstlich: Sie sind Nationaüuden und wir sind Asslmilanten. (Zwischenruf Stricker: Hier handelt' es sich um Demokraten und Nichtdemokraten!) .Wir Sehen in dem Nationalismus eine Gefahr für das Judentum imsofeme, als die Juden, die national sind, vom Judentum abfallen. Wir Assimilanten können stolz sein a'uf unsere Errungenschaften; Ihre Erfolge zeigen sich im Osten an den'Pogromeri. Ich begreife nicht wie Sie von einem Ostjuden sprechen können, wenn Sie im Gedächtnis haben, was wir in unseren Vereinen an Unterstützung für die Ostjuden geleistet haben. Es ist nicht Haß, was uns von den Ostjuden trennt, es ist eine andere politische Anschauung. Lassen Sie ab von Ihrer Intransigenz und gehen Sie in die Spezialdebatte ein. . Der Vertagungsantrag. Professor Ehr mann beantragt Rückverweisung des Entwürfe an das Vertreterkollegium,, da er tatsächlich in vielen Punkten unzureichend sei. Dr. Monat schließt sich dem Anträge an. Schwarz-Hiller beantragt an Stelle des Vertreterkollegiums die Frage im Plenum zu behandeln, das sich zu diesem Zweck als Kommission konstituiert, um die Oeffentiichkeit auszuschalten, Dr. Karl Pollak schlägt vor, daß der Kommission eine Frist’ von 10 Tagen gesetzt und Richtlinien mitgegeben werden. Dr. Monat spricht gegen dfe Beratung im Plenum und beantragt Einsetzung eines Komitees aus beiden Parteien. Der Antrag Dr. Monats auf Verweisung an ein zu wählendes neungliedriges Komitee wird angenommen. In das Komitee werden gewählt: Auerbach. Ehrlich, Kauders, Kempner, Löwner, Monat, Paippenheim, Schwarz-Hiller, Simon. Stricker stellt den Antrag, daß der von der Kommission festgesetzte Entwurf innerhalb 14 Tagen ohne Verweisung an das Vertreterkollegium dem Plenum vorgelegt werden muß. Dieser Antrag wird angenommen. Der Vorsitzende Hofrat Rappaport schließt die Versammlung mit dem Bemerken, daß die nächste Sitzung vermutlich in 14 Tagen stattfinden wird. Einiges zum jüdischen Studententag - „Afles Theoretisieren deutet auf ein Stocken oder Nachlassen der schöpferischen Tätigkeit.“ Goethe. Das beklemmende Gefühl cjfr inneren Haltlosigkeit des jüdischen Studenten hat sich in den Initiatoren des Studententages zur .Tat konzentriert und die Wahl Hugo Bergmanns zum Generalreferenten war ein deutlicher Fingerzeig auf den Weg, den sie zu gehen wünschten. Diese Wahl war der Ausdruck unserer jahrelangen Sehnsucht nach einer Vermählung des jüdischen Akademikers mit dem jüdischen Geiste. In den Jahren des Krieges, in denen jeder von uns oft genug Gelegenheit hatte, mit dem Volke — besonders im Osten — in Berührung zu kommen, machte sich eben dieser Mangel an indischem Wesen und jüdischem Inhalt besonders fühlbar. Es lag etwas Fremdes, etwas Hinderliches zwischen dem Akademiker und dem Mann aus dem Volke. Derartige Erlebnisse des Alltags bestärkten immer wieder in uns das Verlangen nach einer gründlichen Umgestaltung unseres bisherigen Lebens und unserer geistigen Betätigung.1 Man war sich darüber klar, daß jedes Stadium des täglichen Politisierens. Agitferens und «träuschvollen Auftretens mit effektvollen Phrasen und -ehr eie rischen Schlagworten. das zu dieser erschreckenden Verflachung des jüdischen Studenten von heute geführt hat. entßich und endgültig aufgegeben werden müsse. Kein Wunder also, daß die Jüdische Studentenschaft Wiens die größten Erwartungen in diese Tagung setzte. Sie wurde jedoch einigermaßen enttäuscht. Denn was anderes bot uns diese Tagung als einen gegenseitige« Austausch von theoretischen Abhandlungen über Politik und Kultur unter einigen Männern, die ab und zu von leider nur sehr berechtigten Moralpredigten abgeiöst wurden? Es ergingen sich die Herren in Redewendungen, die weit entfernt von praktischen Vorschlägen waren und die dem Zuhörer teils unverständlich; teiLs widersprechend erschienen. Wie wollte zum-Beispiel die Studentenschaft die Auseinandersetzungen . des Herrn Margulies aufnehmen, wenn er einerseits die politische Betätigung höher einschätzt als das Studium irgendeines zweitausendiährigen Kapitels, anderseits die Forderung auistellt. der Akademiker sollte den Geist ins Volk hineintragen? So hat auch Herr Doktor Glanz, der ebeniaßs die Poütik in den Vordergrund des studentischen Lebens gestellt wissen wollte, die Kulturanhänger mit der Bemerkung abfertigen zu köunen geglaubt, zur geistigen Betätigung und Verinnerlichung wäre bis jetzt Zeit genug gewesen. Derartige Aeußerungen mußten naturgemäß zu Mißverständnissen i'iihren. umsomehr, als die tatsächliche Stellung dieser Mahner zur Jugendbewegung im krassen Gegensatz zu den erwähnten Aeußerungen steht. •Sie können der geistigen Betätigung und Entfaltung des Akademikers zum Volliuden gerade in der .Studentenzeit in der er zumeist der wirtschaftlichen Sorgen enthoben zu sein pflegt und schon gefühlsmäßig den geistigen. Dingen eher zuneigt, doch unmöglich ihre eminente Bedeutung absprecheu. Daß aber dennoch Mißverständnisse aufkommen konnten, hat seinen Grund in der geringen Bedeutung, die manche Redner der Tagung beigernessen haben, in der sie sich mit einigen Stegteiigedanken ihrer Pflicht entledigen zu können glaubten. Vielmehr hätten gerade diese Männer. v®n denen doch die Studentenschaft eine erschöpfende Beantwortung ihrer brennenden Frage erwartet hatte, .vor das Forum dieses Kongresses — wie es z. B. Herr DozentTorczyner getan hat — mit ganz konkreten Punkten eines, vorgesohlagenen Arbeitsprogramms hmtreten sollen, das nach eingehender Beratung ebenso konkret angenommen oder abgelehnt worden wäre. ich glaube nicht iehl zu gehen, wenn ich behaupte, daß die Majorität der Studentenschaft eher dem Kulturprogramm zuneigt. Es beherrscht die meisten akademisch-zionistischen Kreise ein beschämendes Gefühl, daß noch immer soviel über und so herzlich wenig in hebräischer Sprache gesprochen wird. Es durchzieht uns alle ei« unstillbarer Drang nach einer intensiven Beschäftigung mit den jüdischen Geistesgütern. Es mögen daher die „Politischen“ nicht störend an den Türen unserer Studierstuben rütteln, aus denen nicht — wie sie glauben — weltverlorene Träumer, sondern lebenskräftige, selbstbewußte Volljuden ins Leben treten werden, die dann mit starker Hand in die allgemeine und Parteipolitik eingreifen werden. Versagen wir jedoch dieser Generation lene ersehnte Vermnerliclnmg. so kommen wir aus dem ewigen circulus vitiosus nicht heraus, dann können auch diese Männer und Frauen aui die jüdische Erziehung ihrer Kinder keine unmittelbare btgerenz nehmen und diese seelischen Krisen von heute sind die unserer Kinder von morgen. Der kommenden Generation mit einer wahrhaft jüdischen Erziehung im Elternhause bleiben selbstverständlich dann all diese Fragen erspart und erst s i e wird als maßgebender Faktor im politischen Kalkül angesehen werden können. Es braucht nicht erst erwähnt zu werden, daß auch die extremsten Anhänger des Kulturprogramms die Bedeutung der einschneidenden Ereignisse im jüdisch-politischen Leben erkennen and sich im gegebenen Momente den politischen Führern zur Verfügung stellen werden. Es. wird daher vonnöten sein, daß die Führer beider Richtungen — .ich meine die „Politischen“ und die „Kulturellen" — in innigem Kontakt mit dem Präsidium der neugeborenen „Judea“ treten und