Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 13 (1919)
- Issue
- 7 (14.2.1919)
- Date
- 1919-02-14
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG 7 sitteten Mächte, auf die Anerkennung des jüdischen Volkes durch den internationalen Sozialistenkongreß in Stockholm, entkräftet den Einwand, daß deir jüdische Nationalismus die Juden schädigt und schließt mit der Mahnung, daß die deutschöstereichischen Juden nicht hinter den Juden der ganzen Welt zurückstehen sollen. Ueberall haben sich die Juden zu ihrem Volke und zu ihren Vertretern bekannt Auch hierzulande, wo die Sozialdemokraten nicht weniger antisemitisch sind, als die Christlichsozialen, brauchen wir unbedingt eine Tribüne, von der wir gehört werden können. RUNDSCHAU Zwei Tote In den letzten Tagen sind zwei Männer zu Grabe getragen worden, die in rweiiten Kreisen der Judenhert großes Ansehen genossen. Beide wnren Repräsentanten einer geistigen Richtung, welche in der Geistesgeschichte aller Völker vereinzelt! dastebL Es war die Verbinduumg einer hoben intellektuellen Bildung^ die glanz auf den Grundlagen rationalistischer Aufklärung beruhte und im Zeichen eines mißverstandenen „Liberalismus“ stand, mit einer ganz merkwürdigen, nur bk Juden möglichen, well eine Folge der langjährigen Gbettoknechtschaft bildenden Charakterschwäche. Dabei trotz der Bildung eine Enge des Horizonts, die in den einfachsten geistigen und politischen Problemen dem Verständnis unüberwindliche Schranken setzte. Beide Männer waren, obwohl sie an einem merkwürdig revisionistischen Judentum festhielten, überzeugte Verfechter der Assimilation. Diese Assimilation hat zwei psychologische Wurzeln: einerseits das Knechtesgefühl der eigenen Minderwertigkeit welches eme grenzenlose Hochachtung vor den Sn der Welt Anerkannten erzeugt und den anderen ebenbürtig werden will, andererseits däe beinahe pathologische Angst irgendwo cnzustoßen. ausgeschlossen zu werden oder auch nur in seinem Wesen er- .kannt zu werden. Heute, wo dieser Standpunkt im Judentum endgültig und für immer überwunden ist, wo die gesamte Jugend nur ein entschlossenes und stolzes Bekenntnis zum jüdischen Volke oder aber einen völligen Bruch anerkennt, heute köimpn wir das Leben dieser Männer gewissermaßen schon historisch. betrachten und die ganze Tragik würdigen, welclic in diesem durch jüdische Entwicklung des letzten Jahrhunderts heraufgeführten Typus gelegen ist Wir können daher auch vorurteilsfrei dieser beiden Toten, des Abgeordneten Kamill Kur an da in' Wien und des Professors Dr. Ludwig Geiger in Berlin, gedenken. Kuranda, ein tüchtiger Fachmann und persönlich von unbezweüelbaren Qualitäten, hat irr der Politik den Standpunkt des alten Freisinns vertreten und sich hnme-r wieder darum beworben, mit den Antisemiten im deutschen Nationalverband sitzen zu dürfen, trotzdem er schon unzählige Fußtritte eingesteckt hat Professor Geigar, -der als Nachfolger Ludwig Philipsohs Herausgeber der „Allgemeinen Zeitung des Judentums“ w'ar, hat als Literarhistoriker mehrere Bücher über Goethe geschrieben. Er war der Söhn des großen jüdischen Gelehrten Abraham Geiger; an ihm zeigt sich am deutlichsten die Folge der assimilatorischen Erziehung des Refomxjudentums. Obwohl Geiger eingestandenermaßen überhaupt keinen Zusammenhang mit dem Leben des jüdischen Volkes hatte und' ein ganz erstaunlicher Ignorant in jüdischen Dingen war, hafte er doch den merkwürdigen Ehngefiz,. im Judentum, das er auf ein Minimum henabdrückte, eine Rolle zu spielen. pabeS stellte er selbstverständlich den deutschen Nationalismus über das Judentum und gab Beispiele cänes recht unerquicklichen Patriotismus. — Wahrhaftig, tragisch . äst dfe Situation eines Volkes, dem diese beiden Männer, etwas bedeuten konnten! 7 Freiheit des Volkstums im neuen Deutschland. Die „Jüdische Rundschau“ veröffentlicht einen Leitartikel, in weichem auf den Paragraphen 29 des neuen Verfassungsentwurfes hingewiesen wird, welcher folgendermaßen lautet: „Die fremdsprachlichen Volksteite (innerhalb des Reiches dürfen durch die Gesetzgebung und Verwaltung nicht in dler ihnen eigenen, volkstümlichen Entwicklung beeinträchtigt werden, insbesondere nicht im Gebrauche ihrer Muttensprache beim Unterrichte sowie bei der inneren Verwaltung und der Rechtspflege innerhalb der von ihnen beiwohnten Lau des teile.“ Dieser Paragraph bedeutet einen außerordentlichen Fortschritt in dier innerpolitischen Entwicklung Deutschlands, da durch ihn zum erst’enmate die begriffliche Scheidung von Volk tiuid Staat durchgeführt wird; über -welche sich gerade die spezifisch deutsche Staatslehre früher stets hinwegsetzen zu können glaubte. Obwohl die Verteilung nationaler Rechte nur. an „fremdsprachige Volksteile“ vorgesehen wird, wird (lese Auffassung doch .auch vor dem jüdischen Volk nicht Half machen können. /Es ist ganz klar, daß mit der Ausübuung nationaler Rechte keinerlei Beeinträchtigung der staatsbürgerlichen Rechte verbunden werden kann. Es ist äußerst bemerkenswert, daß gerade Deutschland, welches bisher dier konsequenteste Nationalstaat war und die Minoritäten Mt beispielloser Brutalität unterdrückte, gerade in dem Moment, wo es. die meisten von fremden Nationen bewohnten Lartdesstelle.“ Düfeser Paragraph bedeutet neuen demokratischen Verfassung auch in nationaler Hinsicht zieht AehnMch ist es in Ungarn, das jetzt — zu spät! — den früher so verachteten „Nationalitäten“ die Autonomie geben will. Und in derselben Zeit etablieren sich anderswo neue „demokratische“ Nationalstaaten, däe das Recht nationaler Minoritäten nicht kennen wollen.- Wunderliche Welt! / * Der Ausschluß der jüdischen Studenten von r den Hochschulen. Die Maßregel der akademischen Behörden, die unter Patronanz des Herrn Rafael Pacher, Staatsrekretärs für Unterricht, (was in Deutschösterreich alles möglich ist!) die nichtdeutsehen Studenten aus der Universität jagen wollten, damit den deutschen Studenten der Anblick der verhaßten „Fremden“ erspart bleibe, und däe za diesem Zweck das Märchen vom Platzmangel erfunden haben, hat. in den Kreisen der wenigen noch freiheitlich denkenden und auf ihre akademische Ehre bedachten Hörer die größte Entrüstang hervorgeruien. Diese Studenten haben eine Protestversamlung einlbenufen und einen Ausschuß e*ngesetzt, welchem außer den Vertretern der verschiedenen Gruppen der unmittelbar Betroffenen noch Delegierte folgender studentischer Organisationen amgehören: sozialdemokratische Studenten- und Akademikerveremigung, freie Vereinigung sozialistischer Studenten, und jüdischer Hochschulausschuß. Dieser Ausschuß hat dm Memorandum ausgearbeitet, worin gegen den erwähnten Erlaß als eüne Kulturscbande, eine reaktionäre und grausame Verfügung der schärfste Protest erhoben wind. Dieses Memorandum wunde dem Staatskanzier Dr. Remter und den Staatssekretären Pacher und Dr. Bauer überreicht Renner und Bauer gaben zu, daß die Verfügung in außenpolitischer Hinsicht die schwersten Folgen haben körnte und daß der „Platzmangel“ eine leere Ausredle sei.. Im übrigen äst es wahrhaftig notwendig, daß sich die gesamte Oesierrtiichkeit mit dieser Angelegenheit eingehend beschäftigt. * Die „Times“ über die Pogrome. Aus Kopenhagen erhallten wir folgendes Telegramm: Die „Times“ veröffentlicht den ersten Eigenbericht über <däe 'polnischen Pogrome. In diesem Bericht wird einwandfrei fesugestellt, daß die MilStärun.d Zivdlbehörden die Anstifter der Pogrome mn terst ätzten. Im ganzen fanden im Monat November . Pogrome in 110.Orten statt In Käelce wurden vier Juden getötet, 250 verwundet; in einem Ort wurden die Jüdinnen gezwungen, bis zum Halse durch eiskaltes Wasser zu gehen; in Myanize und Lapy ließ der Kommandant öffentlich 132 Juden peitschen. Die „Times“ erhebe schwere Vorwürfe gegen die Polentund tadelt auch England, weil es sich ifer Juden nicht mit.genügendem Nachdruck eingenommen habe. Der V ö ikerbundsei verantwortlich für seine Schützlinge und habe von Staaten, welche er gegen äußere Feinde bescliwüzt, volle Gerechtigkeit zu fordern. * Judenpogrome In Wieliczka. Am 4. Februar fanden in Wieläczka große Judenexzesse statt, däe td engamzeirlTalg, hiüdlurch fortdauerten. Rekruten aus Wieliczka mul' Umgebung, welche vor der ASsentkiomimssion erschienen, glaubten ihrer patriotischen Pflicht durch Judenex-zesse am besten genügen zu können and fielen über jeden Juden her, der sich auf der Straße zeigte, raubten und prügeiten jüdische Passanten. Ein alter Tuide wurde völlig entkleidet und derart geschlagen, daß er jetzt mit dem Tode ringt. Einem anderen verbrannten sie Gesicht und Augen mittels einer Lauge, die sie auf ihn schütteten. Dann begannen sie jüdische Läden zu plündern. Das ganze spielte sich am hellichten Tage unter den Augen der Hüter der Ordnung ab, welche nicht einmal zugunsten der Opfer ©inzuschreiten versuchten; Nach Plünderung der Gefchäftslokale. suchten säe die jüdischen, Häuser auf. und raubten Geld und Wertsachen, wobei sie däe Einwohner aufs gröbste beschimpften und schlugen- Nachmittag zählte man bereits 11 Veiwundete. darunter die meisten mit schweren Verletzungen. Das Interessante daran, ist das Verbaten der Obrrgkdit än Wieliczka. Nach unzähligen Interventionen erschienen militärische Patrouillen, welche aber nicht energisch einsöbreiten konnten, ’wfeäf main, wile sie erklärten, ihnen keinen Befehl, zu handeln, enteilt hat Die Teiegraipheninie Wieiiczka—Krakau war den ganzen Tag hindurch für die Juden besetzt so daß nfan in Krakau, welches .eine Stunde Reisezeit vom Tatorte entfernt liegt erst am nächsten Tag Kenntnis von den traurigen Vorfällen erfahren und energische Schritte bei der Regfennigskommission eingeleitet hat. Erst dann dirigierte man eine verstärkte Reiterpatrouille nach Wieliczka, welche die Ordnung hergesellt hat Als Vorwand gaben die Exzedienteu an, daß die Juden angeblich sich dem Militärdienste entziehen, während sie zu dieser unangenehmen Pflicht gezwungen wurden. Als sich aber einige Juden bei der Assentkommission melden wollten, wurden sie fürchterlich geschlagen. In Wieliczka herrscht die gedrückdeste Stimmung und man befürchtet weitere Unruhen. Eine polnische Persönlichkeit drohte sogar, daß die erste Rede des Dr. Thon in der Konstituante weitere Pogrome nach sich ziehen werde. * Die Judenfrage beim Sozialistenkongreß. Bei der Berner SoziaÜstenkonfereraz hat der poalezionistische Delegierte Berl Locker einen Antrag eingebracht der fordert: Die Konferenz erkennt iden internationalem Charakter der Jiudenirage am und: fordert in Anwendung der aflgemeltnen Grundsätze des Salbstbesttmmungsrechtes ähre Regelung oiuf folgender Grundlage: I. völlige bürgerliche Gleichberechtigung in allen Ländern und internationalen Schiutz gegen physische Verfolgung arid wirtsdhafi'lichs Bedrückung; 2. Freiheit der Einwanderung and Anstellung in allen. Ländlern; 3. nationale Selbstverwaltung tund ‘ nationale Gleichberechtigung; 4. Anerkennung, des Rechtes des - jüdixrihen Volkes auf Errichtung einer 'nationalen Heimstätte in Palästina unter dem Schutze des . Völkerbundes. —: Ueber «das .Schicksal dieses Antrages ist nichts bekannt geworden. Longuet (Frankreich prostetierte im Namen -der jüdischen Bevölkerung Rumäniens, die $n Bern nicht vertieren ist. aiuf 'dias energischeste dagegen, daß. dort eine Million Menschen auf das schlimmste geknebelt Wird. * Indische Mosfims gegen die englische Palästinaerklärung. Einer Reutermeldung zufolge erklärte der Vorsitzende des allindischen Kongresses in Delhi, daß Jerusalem nicht den Zionisten übergeben werden dürfe und daß die Haltung der englischen Regierung in muselmännischen Kreisen Indiens große Unzufriedenheit hervorgerufen habe. * Die Bagdadbahn. Die „Times“ berichtet, daß die neue Bagdadlinie wahrscheinlich in zwei Jahren vollendet sein wird. Der westliche Endpunkt dieser vielumstrittenen Linie wird: nicht Haidar-Pascha an der asiatischen Küste des Bosporus sein, wie es von den Deutschen projektiert war, sondern Alexandrette. Bei Abschluß des Waffenstillstandes zwischen der Türkei und der Entente war die Bahn, von Aleppo und Nissibi* ausgehend, bis etwa 160 Kilometer vor Mossoul fertiggestellt. Zwischen Bagdad und Mossoul hatten die Deutschen die Linie auf dem rechte» Tigrisufer bis Samara geführt. General Marshall hat die Linie seither bis Tekrit ausbauen lasses. Im ganzen bleiben noch 329 Kilometer fertigzustellen. . * Die Befreiung Palästinas, General Allenbys Feldzug in Palästina und Syrien vom Dezember 191-7 bis Oktober 1918 und die Erfolge der arabischen Armee unter dem Emir Faisal. wird im 18. Band der von. der Times herausgegebeiies Kriegsgeschichte ausführlich beschrieben. Im Anschlüsse an die Okkupation von Jericho im Februar 1918 fanden im Frühjahr schwere Kämpfe an der Straße von Sichern statt, welche über des Jordan in der Richtung der Hedschas-Bahn läuft Aber die Abgabe größerer Truppenteile für die französische Front zwang General Alienby zu einer defensiven Haltung und erst im September 1918 konnte er die Offensive, aufnehmen. Bereits am Tage durchbrach die Infanterie die feindliches Stellungen in der Ebene und die Kavallerie und die Panzerwagen verlegten der türkischen Armee den Rückzug, während die Luftstreitkräfte und: die arabische Armee ihre Flucht über den Jordan verhinderten. Die Vernichtung von 3 türkisches Armeen, die Ueberrennung Syriens und die Besetzung von Damaskus sind Ereignisse, welche uns noch in frischer Erinnerung sind. Erheblich weniger bekannt sind dagegen die Operation.es der Truppen des Emir Faisai, von denen eine interessante Beschreibung gegeben wird. Ebenso wind die Tätigkeit der jüdischen Regimenter (38. und 39. Baon. der königl Füsiliere) besonders lobend hervorgehoben. Zionistische Bewegung Die zionistische jahreskonferenz verschoben Kopenhagen, 10. Februar. (Tel. d. „Jüd. Zfg.“) Da mehrere Delegierte nicht rechtzeitig elnge* trollen sind und die zionistischen Führer Sokoiow und Weizmann im Augenblick ihre.Arbeit ln Paris nicht unterbrechen können, wurde die ursprünglich für den 11. Februar anberaumte zionistische Jahreskonierenz ln London auf einige Wochen verschoben. Die Konferenz dürfte unmittelbar im Anschluß an" die in die Schweiz einberufene Tagung der Delegationen der Jüdischen Nationalräte stattfinden. Für das britische Trusteeship über Palästina Haag, 10. Februar. (J. C, B.) Die englische Zionisten-Föderation hat' eine Kampagne zwecks Unterstützung des englischen Trusteeships über Palästina begonnen. In allen jüdischen Zentren werden Massenmeetings abgehalten und Unterschriften gesammelt werden. Alle jüdischen Organisationen werden ersucht werden, sich dieser- Kampagne anzuschließen. Man hofft auf diese Welse 100.000 Unterschriften zu sammeln. Eine ähnliche Kampagne wird von der zionistischen Organisation Amerikas eingeleitet zwecks Sammlung einer Million Unterschriften für eine Bittschrift an den Friedenskongreß um seine offizielle Zustimmung und. Hilfe zum Projekt der Entwicklung einer jüdischen Gemeinschaft la Palästina unter der Verwaltung Großbritanniens im Namen der. Völkeriigä. Die Konferenz des Kartells zionistischer Studentenvereine „Hacfrawer“ in Zürich Am 28. und 29. Dezember .1918 tagte Ln Zürich die Konferenz der Delegierten aller Hechawervereine in der Schweiz. In der Eröffnungsrede gedachte Ch. Dr. Buchmänn als Vertreter des Zentralkomitees der verstorbenen Mitglieder des ■ Zentralkomitees, Dr. Papert und Dr. Jungelsön. In seinem Referate über die jetzige Lage im Zionismus hat Dr. Olschwanger besonders däe Umwandlung des Zionismus in eine große Volksbewegung charakterisiert ln Anlehnung an die großen Idee« Th. Herzls hat’ der Referent die künftige Gestaltung Palästinas -auf .sozialistisch - ethischer Grundlage skizziert. In einem längeren sachliches Referate betonte. Ch. W i I b u s c h e ,w i t s c h, nicht nur die ideelle, sondern auch die praktischkolonisatorische Notwendigkeit der Bodennationalisierung in Palästina, wie auch die Möglichkeit und. Notwendigkeit weitgehender freundschaftlicher Beziehungen mit der arabischen Bevölkerung. Die daran anschließende mebrstündäige Aas-