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Jüdische Zeitung · 1919-02-14 · 7 (14.2.1919) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
13 (1919)
Issue
7 (14.2.1919)
Date
1919-02-14
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 7 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 fiussen, was die Nichtjuden meinen und sagen. So wird — cs ist bedauerlich, daß die Evolutiou nicht von innen kommt — der Zionismus allmählich Mode und 'liumpf. Bernstein kennzeichnet die Haltung der internationalen Demokratie gegenüber uem Zionismus vor dem Weltkrieg, wobei er Karl Kautskys Broschüre gegen den Zionismus als ..das Schwanenlied der sozialdemokratischen Nationalitätenpolitik“ bezeichnet, schildert dann den Umschwung der Stimmung im Verlauf aes Krieges, den verdienstvollen Anteil, den die Poale Zion daran haben, und läßt schließlich in systematischer Ordnung die Aeußerungen der bekannten Führer der sozialdemokratischen Partei Rußlands, Armeniens, Belgiens, Hollands, Schwedens, Amerikas, Englands, Deutschlands und Frankreichs Revue passieren, ein Chor, in dem wir leider eine Stimme vermissen, die der deutschösterreichischen Sozialdemokratie. Allein wir trösten uns! Auch sie wird bald umlernen, wenn nicht ireiwillig, so unter dem Druck der Internationale. Wir sollten die zur Propaganda außerordentlich geeignete Schrift Bernsteins in Abertausenden von Exemplaren in Wien und in der Provinz unter Kontrolle von Hand zu Hand wandern lassen, ein Vorschlag, der ausführbar ist und durchaus nicht ins Reich des Phantastischen gehört. Norbert Wcldler. Jüdische Erziehungsfragen Ein Vortrag des Oberrabb. Dr. Chajes. Vorigen Mittwoch sprachen über Einladung des jüdischen Sportklubs „Hakoah“ die Herren Oberrabtiner Dr. Chajes und Staatsbahnrat Stiicker vor einem zahlreichen Auditorium. Dr. Chajes ging davon aus, daß für die Juden der Sport nicht Selbstzweck sei, sondern nur Mittel zur jüdischen Erziehung. Die meisten jüdischen Eltern wollen ihre Kinder zu tüchtigen, anständigen, aufrechten und ehrlichen Menschen erziehen. Wir glauben, dies sei auf dem Umwege über das Judentum leichter zu erreichen, als sonst. Die jüdischen Menschen sind nicht ganz, sind innerlich gebrochen, weil sie den Weg zur Menschheit nicht über das Judentum genommen haben. Eine Jugend, die bereits zum Bewußtsein ihres Judentums gekommen ist, wird unharmonisch, wenn sie den W'eg zum Judentum nicht betritt. Sie hängt in der Luft, hat keinen Boden unter den Füßen, sie fühlt, daß sie ihrem Volke etwas schuldig ist. Unsere heutige Jugend fühlt den Zauber, der vom Judentum ausgeht, .und wenn sic ihn nicht auszukosten vermag, wird säe brüchig. Viele Eltern wünschen daher für Ihre Kinder eine jüdische Erziehung. Sie wenden sich aber gegen das Uebermaß der Forderungen nach jüdischem W'issen. Bei uns Juden kennt man keinen Unterschied zwischen Laien und jüdischgelehrten Geistlichen, jeder Jude wollte seinen Kindern die größte Summe jüdischen Wissens übermitteln. Dieser Brauch erwies sich als Quelle der außerordentlichen Kulturfähigkeit der Juden. Jeder Jude aus dem entlegensten Winkel des Ostens war befähigt, innerhalb einer kurzen Zeit die Bildungshöhe seiner neuen zivilisiertesten Umgebung zu .erklimmen. Die Niclitjuden können auf ein großes Wissen um ihre nationalen Dinge verzichten, weil ihnen das Leben das Wissen ersetzt; Sie sprechen die Sprache ihres Volkes, sie pflegen die Sitten ihres Volkes. Bei uns hingegen ist das Wissen um unsere Geschichte notwendiger als anderswo, weil uns das nationale Milieu, die nationale Sprache, die nationalen Sitten abhanden gekommen sind. Jeder Jude muß wissen, daß in ihm und in seinen Vorfahren ein Geist lebt und ein Blut wirkt Von ebenso hervorragender erzieherischer Bedeutung ist die Kenntnis der hebräischen Sprache. Sie ist heute in Pa- Jüöilrtie Wafilep und Wählerinnen im Wahlkreis Wien Nord-Oll. Am 16. Februar wird entschieden, ob die 300.000 Juden Deutschösterreichs in der Konstituante vertreten sein werden oder nicht. Durch ein ungerechtes reaktionäres Wahlrecht ist es gekommen. daß nur im Bezirke Nordost bewußt jüdische Vertreter gewä’hlt werden können. In den Parlamenten aller Staaten, die auf dem Gebiete des alten Oesterreich entstanden sind, wird es nationaliüdische Vertreter geben. Sorgt dafür, daß das jüdische Volk auch in der Konstituante Deutschösterreichs zu Worte kommt! Vor dem Forum der Weit ist die Judenfrage aufgerollt und soll jetzt gelöst werden. Wollt ihr die einzigen Juden sein, die nicht das Recht auf die eigene Nation fordern? Als getreue Staatsbürger habt ihr die Pflicht dafür zu sorgen, daß das bis nun unleidliche, unser Volkstum erniedrigende, den Staat schädigende Verhältnis zwis^h^n b'rfpn i»n«* NlchH«den gründlich geändert wird. Das freie Bekenntnis zur Jüdischen Nation wird ein einträchtiges Zusammenwirken mit den nichtlüdischen Staatsbürgern herbeiführen. Fort mit der assimilatorischen Lüge. Sprechen wir von Volk zu Volk und wir werden uns verstehen lernen. Im Kampf um das primäre nationale Volksrecht das wir als einziges Volk ln Europa noch entbehren, müssen alle jüdischen Klassen zusammenstehen. Die Zusammensetzung unserer Liste und die alte jüdische Lehre von Freiheit und Gleichheit bürgt dafür, daß unsere Vertreter In wirtschaftlicher Hinsicht ein radikal demokratisches Programm vertreten werden. Und diesem Staate. In dem wir verwurzelt sind, soll unsere die ganze Welt umspannende Organisation des Judentums zum Segen gereichen. Juden und Jüdinnen! Wollt ihr euer Wohl, wollt ihr ein gedeihliches Zusammenwirken mit den nichtiüdischen Staatsbürgern, wollt ihr das Wohl Deutschösterreichs, dann wählet die jüdischnationale Parteiiiste für den Wahlbezirk Nordost. Das Wahlkomitee des jüdischen Nationalverein«. Das Hauptagitationslokal befindet sich II- Lilienbrunngasse. Cafö Müller (Souterrain). Auskünfte werden von 10 bis 12 und von 3 bis 7 Uhr erteilt. Das Agitationslokal des lüdischen Nationalvereins für die B r i g 111 e n a u befindet sich XX, Wallensteinstraße 2. Cafe Bürger.' Sprechstunden täglich von 9 bis 12 Uhr und von 3 bis 8 Uhr. KANDIDATENLISTE der jüdischen Natfonalpartei für den Wahlkreis Wien. Nord-Ost: 1. Ingenieur Robert Stricker. Staatsbahnrat. 2. Dr. Leopold Plaschkes. Advokat ■ 3. Erna Patak. Erholutigsheimmhaberftii. 4. Jakob Pinkas. Kaufmann. 5. Karl Blume. Obmann des jüdischen Handlungsgehilfenverbandes. 6. Isidor Blaß. Zahntechniker. 7. David Nebenzahl. Privatbeamter. 8. Ing. Fedor Ackermann. Oberkommissär. lästina und vielfach auch anderwärts wiederum eine Schul- und Familiensprache geworden und mehr Juuen sprechen sie heute, als zur Zeit des zweiten Tempels. Auch unser Schrifttum kann nur hebräisch verstanden werden, üebersetzungen ersetzen nicht das Original, sie nehmen unserem Schriittum das Ursprünglichste. Unsere Sprache ist eine wahrhaft internationale, eine wirkliche Weltsprache, denn es gibt kein Land ohne Juden und keine Juden ohne hebräische Sprachkenntnis. Und jetzt, wo wir Palästina sicher erlangen, wird sie noch zu ganz neuem Leben erstehen, sie wird dort die Landessprache, die Volkssprache in Palästina, dem Herzen des jüdische« Volkes, werden. So kann es keinen Volljudcrt geben, der außerhalb dieser Zusammenhänge steht. Ueberiastung der Kinder ist kein Einwantl gegen die Lernpflicht des Hebräischen. Das Judesein ist überhaupt eine Belastung, ein Mehr au P f* i c h t e n. zu dem wir uns immer freudig bekannt haben. Wollen wir also unsere Jugend jüdisch erziehen. so müssen wir ihr wieder ein jüdische-» Milieu schaffen und das ist vorderhand d!e jüdische Schule. Es ist falsch, hierin eine Rückkehr ins Ghetto zu erblicken. Unsere Schul« soll sich vielmehr die jüngsten Errungenschaften der Pädagogik zu eigen machen, dabei aber gut jüdisch sein. Schülerräte und das Disziplinarrecht. das die Schuljugend Wiens verlangt, bilden und üben die Schüler in unseren palästinensischen Schulen seit langem. Dort wird der Direktor nicht etwa von einem Kuratorium bestellt, er wird alljährlich vom Lehrerkollegium gewählt. Von der ersten bis zur achten Klasse ist in den hebräischen Gymnasien in Jaffa und Jerusalem Koedukation eingeführt. Auch hierzulande wollen wir die modernsten und freiesten Methoden eintühren. Man kann ruhig sagen, daß den Zusammenbruch der Menschheit in diesem Kriege der Schulmeister verschuldet hat. Durch die Geschichte der Herrscher und Sieger ist die Menschheit reif für die Schlachtbank gemacht worden. Die Schulen in Oesterreich waren nach uieser Richtung ebenso wenig frei, wie die Schulen in anderen Ländern. Daher wollen wir uns freie Schulen schaffen, die wir modern, auf der GelstesgeschicFte fußend, aufbauen wollen. Man spricht von der Gefahr, daß die jüdische Schule unserer Jugend das Zusammenleben mit der nichtjüdischen erschweren wird. Das Gegenteil ist richtig. Die kirchliche Beeinflussung und antisemitische Verhetzung machten bis jetzt jede« verkehr unmöglich. Die jüdische Jugend mußte sich _enlwedcr. ihies Judentums schämen oder so empfinden, wie die nichtjüdische Jugend. Die Festigung im Judentum dagegen wird viele Vorurteile zerstreuen und ein gerades, aufrichtiges Verhältnis hersteiien. Wir dürfen die Erziehung unserer Jugend nicht de« Behörden und nicht der Kultusgemeindc überlassen. jeder Jude muß darüber nachdenken und m unserem Pinne eiilsclieklen. Unmittelbar anknüpfend an diese Rede behandelte Staatsbahnrat Stricker jüdische Organisationsfragen. Die jüdische Erziehung set keine Frage des Willens, sie sei die Trage, ob wir es dürfen und können Staat und Gemeinde schalten und walten mit unseren Kindern und nur wenige haben die Zeit, sich um die Erziehung ihrer Kinder zu sorgen und viel weniger sind In der Lage, ihnen jüdische Lehrer zu halten. Hierauf geißelt der Redner den einseitigen und konfessionellen Charakter unserer heutigen Schulen, schildert die „sittliche“ Erziehung, das Milien und die Lehrer. Alle diese Faktoren wirken dahin, daß das Kind vom Judentum abfällt In einem Staat, wo die Schule ein Politikum ist und i« festen Händen sich befindet, müssen wir uns organisieren, wenn wir sie diesen Händen entwinden wollen. Redner verweist auf die Zuerkennung Palästinas seitens der großen gennd die Christen sind es, die fortan den Weg an der Mauer nehmen müssen. L'er Klageplatz ist verlassen, keiner kommt jetzt mehr hieher. Zum ersten Male seit Jahrhunderten hat das Schauspiel des Hebräers aufgehört, der seine Klagen über deu verlorenen Ruhm Israels erhebt. Jetzt braucht er nicht zu jammern. Die Sonne scheint auf Zion. Ein schmucker neuer Motorwagen mit einer einzigen schwarzen Gestalt ist häufig in deu Straßen sichtbar. Das ist Dr. W e i z m a n n, der Kommissär der britischen Zionisten, von dein man an- Bimmt, daß er einen epochemachenden Bericht an das Auswärtige Amt zu erstatten hat. Freilich hat das Bild auch eine andere Seite. Es ist nicht übertrieben, wenn man sagt, daß die Moslems, wie auch die syrischen und armenischen Christen nervös sind. Für sie ist die Zukunft von El Khuds und Palästina unter jüdischer Herrschaft nichts wen-igr als rosig. Viele von ihnen sagen geradeheraus, daß sie zur Auswanderung gezwungen sein werden. Schon die Art und Weise, in der die besonderen, von Juden eingeräumten Handels- Privilegien ausztübt werden, deuten darauf hin, was ihre Politik sein wird, wenn sie die unbeschränkte Macht, die sie erwarten, wirklich bekommne. „Der Jude ist auf seine Sippe bedacht, exklusiv; er ist so lange niedergehalten worden. Die Reaktion wird ihn intolerant machen. Wir sehen klar, was uns bevorsteht.“ Inzwischen liegt der Moslem darnieder; so fef wie das Tote Meer. Ter Bürgermeister, ein Bruder des verstorbenen Hussein Husseini, der Jeiusalem übergab und drei Wochen später starb, ist fast aller seiner Machtbefugnis entkleidet, zumal die Stadt noch unter Kriegsgesetz steht Er ist ein liebenswürdiger aufgeklärter Mann und auiriclitig bestrebt, die Wohlfahrt der üemeütde zu fördern. Der Mufti betrachtet das Eindringen der Ungläubigen mit philosophischer Gelassenheit und er. gleich dem Scheich der Omar-Moschee, findet Trost in der jetzigen Hochflut wirtschaftlichen Gedeihens. Auch Enden sie Trost in der Versicherung, die ihnen von den britischen Behörden gegeben wurde, daß in dem Stadtbauphn, der jetzt in Arbeit ist. die alte Stadt innerhalb der Mauern unberührt bleiben soll. Vielleicht ist eben dieser StadtbauGan eher ein Tropfen Wermufh in» Oläcksbecher der heimischen Judensehaft. Denn es bedeutet die Zerstörung von hunderten der scheußlichen Frdhaufen. die während der letzten Jahre außerhalb der Mauern erstanden sind — Läden und Wohnungen, welche den Zugang zu Jerusalem verunstaltet haben. Bei all seiner künstlerischen Veranlagung ist nämlich der Jude nicht sehr auf architektonische Regelmäßigkeit erpicht und Jahrhunderte des Ghettolebens hahen ihm nicht Gel Geschmack io Wohnungsfragen heigebraebt. Die Deutschen und die Russen aber waren in ihrer Art nicht Gel besser. Ein Maßstab für den offiziellen türkischen Geschmack stellt die Bresche dar. welche bei Gelegenheit von „Kaisers“ berühmten Besuches lS’Jß in die Mauer nächst dem Jafiator geschlagen worden ist und die Aufrichtung jenes Augenschmerzes: des Kaisers Glockenturm. Dieser wird jedenfalls, wie man voll Freude hört, niedergelegt. Die Bresche soll ausgefüllt und das Jaffator wiederhergestellt werden. Die Pläne für die neue Stadt sind von Mr. Mac Lean, dem Chefingenieur von Alexandria, entworfen, dem die Verschönerung voa Chartum anvertraut war. Ein Hauptprogramnipunkt ist der prachtvolle Boulevard, welcher sich von Siidwest nach der alten Stadt hinzieht und durch einen baumreichen Rundplafz, mit den» britischen Kriegsdenkmal inmitten, unterbrechet* wird. In Zukunft sollen alle Gebäude im Einklang m<t dem Lokalcharakter bleiben: keine rote» D3cher mehr, keine prunkenden vergoldete« Dome und andere neu-bvzantinische Abscheulichkeiten. Die Heilige Stadt soll fortab ihre architektonische Seele frei von fremder Vergewaltigung bewahren und dank dieser Sicherheit wird sie wohl eine der schönsten Städte der Welt werden, wie sie schon die heiligste, die älteste und die interessanteste ist. Was die gewerbliche Schulung an'angt, erteilt Mr. Ashbee, der englische Künstler, in Verarbeitung von Metallen seinen Rat bei den verschiedenen künstlerischen Bestrebungen, die demnächst;n Gang kommen sollen und deren Pioniere die Werkstätten des Bezalel, sowie jene der amerikanische» Kolonie sind. Nach allem habe ich den Eindruck von Jerusalem a‘s einer „lebendigen“ Stadt, voll von neu erwachten Interessen und besonderen Aufgaben, die von der ganzen Welt mit regster Anteilnahme verfolgt werden. Agitieret am Sonntag alle im Wahlkreis Nord-Ost für die iüdisch-nationale Listei

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