Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 13 (1919)
- Issue
- 7 (14.2.1919)
- Date
- 1919-02-14
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Die Wahlreform zur Kultustnende Eine Kritik des Entwurfes Pappenheim von Q. P.*) (Schluß.) Es isi fast nicht mehr notwendig zu betonen, daß die Vorschriften über die Verteilung der Mandate dem bereits entworfenen Bild völlig ebenbürtig sind. Nachdem die ersten Mandate auf die Bewerber und Parteien. ..die den Wahlquotienten aufgebracht haben“, verteilt sind, handelt es sich noch um die eigentliche Aufgabe jedes Proporticnalwanlsystems. um die verhältnismäßige Aufteilung der unmittelbaren Restmandate. Der Entwurf besagt (§ 17 e, 1.) „Es wird jeder Partei, von der höchsten aniangcvtd. ein weiteres Mandat zugewiesen“. Also gleichgiltig wie viel oder wie wenig Stimmen die Partei „aufgebracht“ hat. auch wenn sie nur eine Stimme hat. Sa. wenn man sich an den Wortlaut hält, auch wenn sie gar keine Stimme hat, erhält sie ein Mandat. Der Einzelbewerber, dem nun 1 Stimme zum Wahlquotienten fehlt (und der Wahlquotient wird viele Hunderte, vielleicht Tausende von Stimmen betragen), erhält natürlich nichts, denn er ist zunächst vergessen worden. Man nennt das ..verhältnismäßige Verteilung der Restmandate.“ Auf den Einwand, daß eines der vielen „Uebersehen“ des Entwurfes auch die Bestimmung ist. daß Parteien, deren Stimmzettel den Wahlquotienteu nicht erreicht, mit Mandaten nicht beteilt werden, ist zu erwidern, daß diese Wahlordnung auch dadurch nicht geheilt werden kann, weil dies eine solche Partei — und fehle ihr auch nur 1 Stimme zum Wahlqotienten — gänzlich von der Beteifung ausschließt während dann ein Einzelwerber mit nur 1 Stimme (seiner eigenen) gewählt werden könnte. Die Uebel sitzen eben an der Wurzel und sind durch irgend welche Ergänzungen und Verbesserungen nicht heilbar. Eine Wahlordnung, die den Grundgedanken proportionaler Aufteilung der Mandate proklamiert und diesen dann in den Ausführungsbestimmungen unmöglich macht, die die Majorität der Wähler geradezu um jede Vertretung bringt, die die verhältnismäßige Aufteilung, soweit sie überhaupt platzgreift, gegen den ausdrücklichen Willen der Wähler durchführen muß. die dem Wähler das Stimmenübertragen verbietet und sie dem Vorstand gestattet, die Kandidaten durch die bloße Tatsache ihrer Anmeldung gewählt werden läßt, und den Wahlkampf innerhalb der Parteien zu ihrer Grundlage erhebt, die die lächerlichsten Detailbestimmungen — wie z. B. daß der Stimmzettel beim Skrutmmm ..entfaltet“ überreicht wird — trifft und die allerwichtigsten Vorschriften über die Verteilung der Mandate, übersieht oder vergißt, die von .technischen Unmöglichkeiten und Mängeln aller Art geradezu wimmelt, beinahe ausschließlich aus solchen besteht, ist höchstens ein Denkmal für die wahrhaft erstaunliche Verständnislosigkeit ihres Verfassers und derjenigen, die sie zusammen mit Ihm Vorschlägen. __ Die Sachdemobilisieruhg in Palästina Eine englische Stimme für die Ueberlassung des iieeresbesitzes an die Zionisten. Die englische Zeitschrift „Palestine* stellt folgende Betrachtungen an: . Das Problem der Verfügung über das britische Heeresgut in Palästina beschäftigt Jetzt die Yerwaltungskörper. Die Palästinaarmee verfügt über einige Hunderttausend P f e r d e und Maulesel neben einer sicherlich beträchtb'cheu Anzahl von Kamelen. Da nicht alle diese Tiere nach Europa gebracht werden können* *) Siehe Note in voriger Nummer. JÜDISCHE ZEITUNG bemüht sich General A11 e n b y durchzusetzen, daß sie an Ort und Stelle verkauft werden, was er als außerordentlich nützlich für die Entwicklung des Landes ansieht. Sicherlich werden die Transportticre für die Entwicklung des Landes von enormem Wert sein. Durch Palästinas Armut an Vieh war bisher die Landwirtschaft gelähmt und wird weiter viele Jahre gelähmt sein, wenn nicht dieses Manko so schnell wie möglich behoben wird. Ferner hat die Armee ein ungeheures Lager von Apparaten angekauft: Motorlories, Motorräder, Maschinen und alles, was cjiie auf dem Marsch befindliche Armee braucht. Einige dieser Vorräte'werden zweifellos nach England zurückgebracht werden: aber manches sollte in Palästina Zurückbleiben, um an Ort und Stelle verwendet zu werden, lim nur ein Beispiel zu nennen: Palästina ist trotz der Eisenbahnen, die dort während des Krieges gebaut wurden, sehr knapp an Verkehrsmitteln: die Motorlories und Motorräder könnten daher von unschätzbarem Wert für Transportzwecke sein.. Ferner muß tue britische Armee während ihres Zuges auren die Wüste und die wassei losen Gegenden eine große Anzahl von Bohr- und. Pumpenapparate errichtet hauen, die uein Lancie im frieden von gröütem Nutzen sein können. Man sollte so viel von Apparaten in Palästina zurückiassen, wie dort vorteiihait untergebracht werden können. Natürlich ist die britische Regierung uem britischen volne. von. dessen ueld sie ansiescharit wuroen. verantwortlich tür diese Vorräte, und sie muß daher suchen, den besten Preis uaiur zu erzielen. Da aber wahrscheinlich die Ecberschwemniung des britischen Marktes mit heeresvorraten aut die Preise drücken wird, und da auneraem die Frachtkosten hinzukämen, wäre es höchst wahrscheinlich in jeder hinsicht vorteilhafter. m Palästina zu verkamen,, was das Land braucht, ln dieser Beziehung sollte sich das Kriegsamt mit der zionistischen Organisation in Verbindung setzen, und iin Verein mit ihr darüber beraten, was das jüdische Palästina braucht, Sicherlich wird die zionistische urgansation oas Kriegsamt in dieser Angelegenheit bereitwilligst unterstützen. Die neueste zionistische Propaganüascnnit Unsere Propagandaliteratur ist sehr arm. Der Mangel, ununierncnietea Deuten keine erste lmormanon und keinen Leiuaaen in die Fiand geuen zu können, woraus sie in kurzen Zügen aie Stellung oes. Zionismus zu den Problemen aes Judentums und seine Organisation kennen lernen könnten, hat sicher bewirkt, daß die Krattanstrengungen, die unsere Propaganda bei aen vmcbtzi.oinsuscijeft Juden ^machte, nicht den., vollen, äußersten Erfolg;mielte,' aen sie sonst hätte aüiweisen können.' Beaenken wir doch, daß es im Kriege wiederholt Perioden gab, welche einer geistigen lnnuenz durch den Zionismus außerordentlich gunsug waren und ment ausgenutzt wuroen. In diesen Wochen erschien endlich wieder eine Schrift, die, nichts voraussetzend, den „Zionismus, sein Wesen und seine Organisation“ behandelt. *) Ihr Verfasser ist Dr. S. Bernstein, der uns schon von seinem im Kriege erschienenen Buch „Die Judenpolitik der rumänischen Regierung“ bekannt ist Man darf nicht glauben, daß die Lektüre seiner neuesten Arbeit alte, mit dem Thema vertraute Zionisten langweilen würde. Fließt auch, was nicht zu vermeiden ist, Alt- und Allbekanntes *) Herausgegeben vom Kopenhagener Bureau der Zionistischen Organisation. 8*. 101 Seiten. Preis 1 Krone (dänisch). Nr 7 unter, die Einstellung des Zionismus in den Komplex aer weltpolitischen Grundsätze, deren Dujcmuhrung aJs von unseren Nacmanren beneioeie zeugen wir muei leben aurien, machen beinsteins Ausführungen interessant. Nicht näß wir in allen Punkten seine Ansichten teilen könnten! Die These, daß * der Zionismus aas Gegenteil von Messianismus;sei, ist nicht haltbar, wenn man aie Deimition Oes Messianismus etwas weiter faßt, als es Oer Verfasser tut. Wi® wir überhaupt die Durchaus irdische Auffassung des Zionismus nicht teilen können. D. h. zu seiner Verwirklichung bedient er sich wohl durchaus realer Mittel, aber daraus darf man nicht ableiten, daß seine Beweggründe alles Spirituellen bar seien. Der Zionismus, mit Recht betont ea wieder Bernstein (und widerlegt sich damit selbst), und das Verhalten der Richtungen im Judentum von rechts bis links erhärten es, ist .keine Partei, sondern eine Volksbewegung. Und der Wellenschlag einer solchen hat doch mancherlei Triebkräfte. Der eine sieht die Quelle des Zionismus in ökonomischen Zuständen, der andere. in physischen' Nöten, der dritte rechtfertigt ihn mit humanitären Sentiments und der vierte mit romantischen Wünschen, womit'die Reihe der Ueberzeugungeh, welche die Anhänger der zionistischen, man darf heute getrost sagen, jüdischen Bewegung keineswegs erschöpft ist. Bernstein bietet manches, was den durch schematische Wiederholungen auf bestimmte Parteimeinungen eingeschworenen Gesinnungsgenossen nachdenklich stimmen mag. So bringt er der Chalukkah die Ehrenrettung, indem er überzeugend dartut, daß sie historisch betrachtet eine Ersatzsteuer für diejenigen bedeutete, denen es nicht vergönnt war, in Palästina zu leben. Die Eilubewegung wird viel einleuchtender erklärt, als es sonst geschieht. Sie ist keine Reaktionserscheinung auf die Pogrome der Achtzigerjahre, sondern fließt aus der Geistigkeit der reinrussischen Freiheitsideale. Auch in der Sprachenfrage nimmt Bernstein einen originellen Standpunkt ein, nicht anders in der Charakterisierung der assimilatorischen philanthropischen Politik, für die er folgende drastische Formel aufstellt: ..Das Assimilationsiudentum hat sich eine gewisse Arbeitsteilung zur Revel gemacht: der eine feil der Juden hat die Prügel zu bekommen, der andere das Geld zu geben." Am wertesten ist uns jedoch die kurze Beweisführung, daß der Zionismus mit der ihm fälschlich zugeschriebenen Vere endumgst'heorie nichts zu tun habe. W i r wissen es schon lange, daß er unabhängig ist von den Schicksalsschlägen, die das jüdische Volk treffen. Aber es ist doch von Vorteil für die innere Festigung vieler Gesinnungsgenossen,, daß ihnen am Beispiel demonstriert wird, wie frei unsere Kraft Von ephemären'Einflüssen ist. Wir erinnern uns deutlich der Stimmen, die mit dem Ausbruch der russischen Revolution das Ende des Zionismus ankündigten, weil sie der Mehrheit der Juden die Gleiditierechtigung bringen würde. Aber gerade das Gegenteil ist eingetreten. Die zionistische Organisation wuchs im befreiten Rußland in ungekar.nten Maßen. „Nur ein freies Judentum“, sagt Bernstein, „kann die höchsten Ziele des Zionismus1 erstreben und erkämpfen: nur ein in Demokratie und Menschenrecht lebendes Judentum kann iür die demokratischen und freiheitlichen Forderungen des zionistischen Gedankens volles Verständnis haben.“ Von besonderer Bedeutung für den Erfolg der Propaganda erscheint uns das vorletzte Kapitel der Bernsteinschen Schrift: Der Zionismus iin Lichte üer 'nternati;nalen Demokratie. Denn ts ist eint Tatsache, über die «dr nicht iiinwegkoniiitcn: unsere Juden lassen sich in ihren Urteilen wesentlich von dem beein- Jerusalem von heute Dieser Ar.lkel dessen Autorschaft ’ einem christlichen ^oldaieu der amerikanischen ße- •abungatruppen in Palästina zuge^chrteben wird, «."schien im Deeemoer in der Zeitschrift „5p*ciator~. Wir gUuoe.i den stimmungsvollen und aalenreichen Aufea$ hei dem lebhaftem Inter, sse. das für Jerusalem besteh),in getreuer üoers«3$ung iedergeoen - u sollen. Dr. H. Z Die ehrwürdige Stadt, grau vor Alter, mit ihren Juwelen und Lumpen, umgeben von den äusgedorrtea Hügein Judäas, fühlt neues Leben ihren Adern. Jerusalem iebt in einem Glückstaumel. Der britische „Tommy“ ist da und ein paktolischer Strom von Piastern. flutet durch die Läden und Bazare, ja durch jeden Rinnstein. Keiner ist so träge, so dumpf, so ohne Unternehmungslust, als -daß er nicht etwas von diesem Gießbach auf sich ablenken könnte; Türken, Ju-, den und Heiden, Kaufleutc, Raritätenkrämer, Re-f staurateure, Kutscher, Fremdenführer, Photographen, Gaukler, Höker, Barbiere, Schuhputzer und Bettler erfreuen sich eines Zuspruches, den sie niemals gekannt oder geträumt haben seit den Tagen des Königs Salomon. Jerusalem zur Kriegszeit ähnelt sehr Irgend einer der zahlreichen fiebrigen, waffenstarrenden Städte Nordfrank- Teichs und in seinen Straßen werben tausend Verlockungen, vom wohlfeilen Schmuck bis zur roten Eiscreme, unwiderstehlich um die vielen staubbedeckt vorübergehenden Soldaten. Armer „Tommy“! Man muß unbedingt für Ihn in Jerusalem ein wenig Extra-Mitleid haben. Er schaut so bestürzt drein. Das ist ganz und gar nicht Jerusalem nach dem Phantasiebild seiner Knabenzeit; nein, es ist weiter als tausend Meilen davon entfernt Während ich das schreibe, spielt eilte Musikbande einen lebhaften Walzer im Hauptgarten an der Jaffastraße, die jetzt in eine Art offene Marketenderbude umgewandelt Ist. Hie und da wird die Musik von dem Gerumpel von schwerem Fuhrwerk oder vom gedehnten Tuten der Automobilhupen erstickt oder von den Zurufen der Cakes- und Limonadeverkäufer unterbrochen, die an den Türen ihrer Laden stehen und sich an die Soldaten in einem erbärmlichen neuerfundenen Englisch wenden. Ein Geselle, der dann und wann zu mir aufblickt hat die Unverschämtheit zu brüllen: „Hullo, hullo, Engländer! Guter Stoff! Kommst herein?" den Offizieren gerade ins Gesicht und sie lächeln statt ihn zu puffen, wie die hunnischen Offiziere getan hätten und taten. Ich fürchte, die Wahrheit muß gesagt werden. Wir werden von der Bevölkerung im Großen und Ganzen nicht mit allzuviel Respekt behandelt. Es ist unser Nationalfehler, uns zu sehr gehen zu fassen, zu liebenswürdig, zu höflich zu sein, zu leicht eine Beute für den kleinen 'Plünderer zu werden. Sehr wenige der Eingeborenen verstehen das und von sehr vielen wird es als Schwäche mißverstanden. Doch genug davon! Ich habe neulich wieder ein paar Mal die Heiligen Stätten aufgesucht. Eine Auffrischung, die, wie fch bemerkte, wohftut. Weil es nicht genug englisch sprechende Fremdenführer von Beruf gibt (und diese heimsen eine reiche Ernte ein), haben die militärischen Behörden vernünftigerweise Soldaten die Aufgabe zugeteilt. ihre Kameraden zu den wichtigsten geweihten Stätten zu geleiten und ihnen bei dieser Gelegenheit die biblische Geschichte ins Gedächtnis zurückzurufen. Ich sage „vernünftigerweise“, denn im Allgemeinen hat es „Tommy“ vor vieler Betrügerei geschützt. Doch läßt sich nicht erwarten, daß ein ehrenwerter „langieidender“ Sergeant oder Korporal gleich im, Handumdrehen ein Cook-Führer wird oder sich nicht eelegntlich einer Gotteslästerung schuldig macht. Wirklich habe ich schon von mehr als einem Pater gehört, daß er eingreifen und darauf dringen mußte, daß unseres Herrn Passionsgeschichte mit etwas mehr Ehrfurcht vorgetragen werde. Ich selbst hörte einen rotbackigen Krieger beständig den Heiland als „Jesus Christus" bezeichnen. Abgesehen davon, daß er sich etwas ungenügend über das gewalttätige Volk jener Zeit unterrichtet erwies, schien oder war er wirklich ungebührlich verschlagen, denn er erzählte seiner gaffenden Zuhörerschaft, daß diese oder jene Bosheit gegen „Jesus Christus" von den „röten ■ Türken" ausgeführt worden ist — ein trauriger historischer Schnitzer! Soviel von der Außenseite der Dinge. Jerusalem ist ein siedender Kessel des Meditierens. Waa wird wohl kommen? Was wird die poi'tische, soziale, ökonomische, industrielle und architektonische Zukunft bringen? Die Einwohner ahnen dunkel, daß Besprechungen im Gange sind, an denen Oberkommandant General Allenby, der Militärgouverneur, der Chefadministrator des besetzten feindlichen Gebietes, der Bürgermeister von Jerusalem, der Mufti, der Oberrabbiner, der amerikanische Kommissär, der englische Bischof und wer weiß, wer alles noch, teilnehmen. Unter den Unwissenderen sind befremdliche Gerüchte im Umgang. Es ist .schwer zu sagen, wer am meisten in Aufregung ist — die Juden, die mehr als die Hälfte der Bevölkerung zählen, die Moslems oder die syrischen und armenischen Christen. Aber zweifellos haben die Juden, zumal seit Mr. BaHours Ankündigung betreffend Palästinas, das größte Vertrauen in ihr Geschick. Die Wirkung, die Balfours Erklärung hervorgebracht hat, ist erstaunlich. Man hört den Namendes englischen Staatsmannes auf den Lippen der Judenschaft. als wäre er einer der alten Propheten und ■der Erlöser ihres Volkes. Den Juden soll also Jerusalem end^iltig gehören: sie sollen nicht länger von der Gnade der Moslems abhängig sein: das Bild soll sich wenden; letzt dürfen sie stolz mitten der Straße einherschreiten; die Moslems