Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1919-02-14 · 7 (14.2.1919) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
13 (1919)
Issue
7 (14.2.1919)
Date
1919-02-14
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2438141-2438727-2438734--6141-2446189
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Xi II. Jahrgang — Nr. 7 Redaktion imd Administration: Wien II., Taborsfrale I Fernsprecher Nr. 45-325 Naiional-jüdifches Organ Mit der tieilage: „Der jüdische Nationalfonds“ Hsn, Freitag, den 14. Februar 1919 8'ZMgstirels: Vierteljährig 6 S. gansj. 24 X, Einaelnnssaier io h Postsparkassenkonto 133.444 Am Vorabend der Befreiung Forderungen und Aufgaben Die Friedenskonferenz, die durch vier Jahr« . . von allen, Menschen der Well! mit Sehnsucht er- . wartet wurde, ist im Gange und unsere Nerven sind so abgestumpft; daß wir den Verhandlungen gar nicht mehr nult voller Aufmerksamkeit zu folgen vermögen, zumal eine geschäftige Presse : täglich Meldungen in dlie Welt setzt!, die Ln den ’ nächsten Tagen widerrufen werden. Die wichtig- . ste Aufgabe der Konferenz ist zweifellos die Schaffung des Völkerbundes. Aber auch die gegenwärtige Gestaltung und Ordnung der staatlichen und nationalen' Verhältnisse sind eine Aufgabe, von deren; glücklichen Lösung der Weltfrieden und die Menschheitskultur "abhängt Die ' proklamierten abstrakten. Grundsätze der Demokratie und des Selbstbestimmuungsnechtes sollen nun ihre konkrete Aäiwenduung finden. Die Befreiung der kleinen Nationen und' ihre Anerken- ' nung als gleichberechtigte Mitglieder der Völker- - Gemeinschaft muß jetzt erfolgea. -Die Juden der’ ganzen Welt' blicken mit äußerster Erreguung und Spannung nach Paris. Die: Stunde ist gekommen,' wo däe zweitausendjährige Verbannung des jüdischen Volkes ihr Ende , Süden soll -.Judäa-ist das Elsaß des Jahres 70,“ - sagte einmal Stephen Wise. „auch dieses «Unrecht muß wiedergutgemacht werden.“ Die unzweideutigen Erklärungen Englands und Amerikas - haben. deiii jüdischen^ypöc . sein Recht verbürgt ' diesen Erklärungen abgeschlossen hatte, scheint weniger- .Verständnis .'für. ,dSe .Notwendigkeit dieser Wiedergutmachung zu haben, obwohl gerade Frankreich sonst rät diesen Hinsicht sehr empfindlich ist Obwohl ■von den’ berufenen Ver- .. treten!' des Jüdischen Volkes der Wunsch ausge- . sprechen wurden daß England im Auftrag des Völkerbundes ' die Sachwalterschaft ' (trusteeship) über das jüdische.'Pälärtäito führen sollte, macht Frankreich auf Grtmd.eln.es apokryphen G-eheim- . Vertrages aus dem Jahre 19,16 Rechte auf Nord- - Palästina geltend; Pichcit hat. in der Kammervon - den hundertjährigen Rechten Frankreichs in . Syrien, in Ciliqen. än, Libanon und! in Palästina Besprochen; diese Rechte, so sagte er. beruhen auf Verträgen, der Verbündeten und.sind für England sowie für Frankreich bindend. Auf Grund dieser ■ Recjite hat auch Frankreich bekanntlich eine . Verwaltern»: in Nord-galääa eingerichtet Trotzdem Clemenoeau in einem Briefe an Shekri Gatnem, einen syrischen Agenten Frankreichs, erklärte. . daß Frankreich die Lösung der vorder- ' asiatischen Frage in ihrem ganzen Umfang der ' Friedenskonferenz anheimstellt, scheint doch das Auswärtige Amt am Quai. d'Orsay «anderer Meinung zu sein. Es ist nicht bekannt! geworden, in welchem Stadium sich der Konflikt momentan, befindet Die englischen Juden haben eine große ' Agitation für die englische Sachwalterscliait über Palästina eingeleitef. die zionistische Organisation hat sich ebenfalls dafür ausgesprochen und die Jüdischen Nationalräte der ganzen Welt sowie der jüdische Kongreß in Amerika haben denselben Wlilen kundgegeben. Das jüdische Volk muß vor allem fordern, daß Palästina innerhalb seiner historischen Grenzen unten solche ökonomische und administrative Bedingungen gestellt’ wird, daß dadurch seine Entwicklung zu einem jüdischen Gemeinwesen ermöglicht -ist Das jüdische Volk kann niemals in eine Teälung Palästinas willigen. Es wäre eine üble Auffassung der Befreiung der kleinen Nationen, wenn deren falteressen doch wieder hinter dem imperialistischen Egoismus der Großmächte zurücksfehen müßten und der Wille der Völker, selbst unbeachtet bliebe. Trotz dieser Komplikationen zweifeln wir <ücht daran, daß die Rechte des jüdischen Volkes; sich durchsetzen werden. Die Stunde der Befreiung hat geschlag-m. ■ Wir müssen unsere Kräfte prüfen,’ wir müssen Heerschau nalteu und uns fragen, ob wir für diese Stunde reif sind. Das Judentum der ganzen Welt beschäftigt sick bereits lebhaft nrit den Problemen des inneren Aufbaues Palästinas. Beim zionistischen Delegiertentag Ln Berlin wurde eine leidenschaftliche Diskussion über die Grundprinzipien des wirtschaftlichen Airibaues geführt Unsere Hauptsorge ist es, daß nicht der kranke Geist Europas sich in : unserer neuen Siedlung festsetze, daß von allem Anfang che Schäden des Kapitalismus ausgesdhähet bleiben. Die jüdische Wirtschaft muß nach den Grundsätzen des alten jüdischen Sozialismus errichtet werden, che Max Rosenfeld in einem soeben im „Juden“ erscheinenden Aufsatz als „Soziale Steintafeln“ charakterisiert Der Berner Sozialistenkongreß hat wieder gezeigt wie völlig ratlos die sozialistische internationale in der Stunde der Tat dem Problem der Sozialisierung gegenübersteht Das Mittel des „Klassenkampfes“ hat: versagt Die jüdische Gemeinschaft muß von allem Anfang an auf gesunden sozialen Grundlagen stehen. Wiedieses. Problem zu lösen ist, wird eine der wichtigsten Fragen sein, mit denen sich die zionistische Jahreskonierenz beschäftigen muß Die Konferenz der Arbeiterpartei „Hapoel hazair“ hat'auf ihrer letzten Tagung in Jaffa eine Resolutem’v 'gefaßt daß der Volkseinwanderung eine Einwanderung von arbeitenden Elementen vorangehen soll, die Träger nationaler und sozialer Gedanken sind; «SanwmmuB die Emwan- ' derung nach einem genauen Plane vor sich gehen. der vor allen Dingen den jungen Pionieren ‘ släcIeJh^^ydn* dem' nationalen ’ Arbeit und der nationalen Kultur erfüllt sein und . den . arbeitenden Elementen den Einfluß auf die ■ Verwaltung sichern. . In diesem entscheidenden Augenblick gehört zur Sairarilitng unserer Kräfte amch die Erstarkung . des Jrudtentinns in allen seinen Wohriländern. Alle zionästüschen Verbände rüsten zu einer. Arbefbs- letsfcung größten Stiles.-ln der Stunde der Wieder- ’ aufrichtung eines jüdischen Gemeinwesens muß es sich entscheiden, wer fpriiab im Verbände des - - jüdiischen Volkes bleiben wäll, und wer nicht Ohne dfe Stärkung dies Zusammenhanges mit ‘ Palästina und dem ganzere Volk wand eine Er- . haltung des Judentums . in Hinkunft nicht denk- . . bar sein. Und darüber hinaus äst es gar weht . wünschenswert daß - das schwächliche- Ghettojuderiftum weiterbestehe. Es wird in Zukunft nicht mehr sein dürfen, daß Mansche) der Schatten •des Juden ist. Darum üst auch im Hinblick auf Zion ein» gründliche Erneuerung ~ des jüdischen Lebens in der Diaspora erforderlich. Die jüdischnaltionale Politik in Oesterreich, die jficHsche Autft- norme in der Ukraine, die jüdische Kongreßbewcgung in Deutschland, der jüdische Kongreß in Amerika, der Wahlkampf der polnischen Juden . für den Landtag usw. sind mir verschiedene Er- ■ scheintmgsformen des ganzen großen Prozesses der Wiedergeburt des Volkes, dessen Krönung das jüdische Paläsdnfa .sein wird Dieser Prozeß verlangt allerdings Anstrengung aller Kräfte, ■ Opfer und Entbehrungen. Er verlangt die Hingabe der ganzen Person. Aber eaum ersten Mal seit zweitausend Jahren hat das jüdische Volk ein Zfel, für das m leben wert ist. Immer und in jedem Volk gab es in solchem Lagen .Kfeicmüüge und Zagende. AengstEche und Bequeme; und speziell im jüdischen Volk gab es stets, wenn die Freiheot rief und die Feuersäule vor dem Volke hertzog. Sklavenseelen, welche lieber bei den . Fleischtöpfen der Knechtschaft bleiben wollten. Wir sehen auch heute, welchen unfruchtbaren Kampf die JütSschnationalen überall gegen diejenigen Juden kämpfen, müssen, die sieb, im gegenwärtigen unwürdigen und unfreien Zustand wohl fithien und nur ja keine Störung und) Erschütterung ihres behaglichen. Leberts dulden wollen. Ein Volk, das Jahrhunderte lang im Ghetto ge- . sessen Ist, kann nicht plötzlich für <Ee Freiheit reif wenden. Als wir das erste Mal aus der Knechtschaft zogen, mußte das alte Geschlecht in der Wüste sterben. Unsere raschlebige Zeit braucht keine vierzig .fahre. Das Geschlecht det Jungen steht Wien Der Wahlkreis Nr. 4, Wlen-Nor*dosi (IL, XX. und XXL Bezirk) Ist der einzige Bezirk, ln welchem die jüdische Nationalpartel Kandidaten aufgestellt bat Es Ist Pflicht eines jedes Juden und einer jeder Jüdin, am 16. Februar ihre Stimme für die Kandidaten der Jüdischen Nationalpartei abzugeben. Die Zusammensetzung unserer Liste bürgt dafür, daß unsere Vertreter in wirtschaftlicher Hinsicht ein radikal-demokratisches Programm vertreten werden. Wir zweifeln nicht, daß jeder Jude und jede Jüdin in diesem Wahlkreise am 16. Februar bei der Wahlurne ihre Stimmen für nachstehende Kandidaten abgeben: 1. ing. Robert Stricker, Staatsbahnrat. 2. Dr. Leopold Plaschkes, Advokat 3. Erna Patak, Erholungsheim-Inhaberin. •1. Jakob Pinkas, Kaufmann. 5. Karl Blume. Obmann des Jüdischen Handlangsgehilienverbandes. 6. Isidor Blaß, Zahntechniker. 7. David Nebenzahi, Privatbeamter. S. Ing. Fedor Ackermann. OberkommiSsär. ♦ Wir haben ans, am iestzustellea, welche Kandidaten der anderen Partei wir in den anderen Bezirken unterstützen sollen, und für weiche Kandidaten wir Juden unsere Stimmen abgeben sollen, an die einzelnen Listenführer der demokratischen Parteien gewendet und von ihnen bindende Erklärungen bezüglich Anerkennung der jüdischen Nationalität sowie bezüglich des Schutzes nationaler Atinoritätsrechte. abverlangt. Es sind nun seitens der einzelnen Listen* lührer Antwortschreiben eingeiasgt, und whr küa- «psaren, G^iqnunggaeM^ea auf Grund der lins seitens der einzelnenUsteniübrer vorliegenden Erklärungen empfehlen, nachstehende Kandidaten zu wählen: Im Wahlkreis Nr. 1 Wien Innenost (L, HI. und IV. Bezirk) empfehlen wir unseren Gesinnungsgenossen den Listenführern der demokratischen Mittelstandspartei Natiooairat Zenker. Im Wahlkreis Nr. 2 Wien Innenwest' (IV» Vf], and VIII. Bezirk) empfehlen wir gleichfalls den Listeniührern der demokratischen MHtelstandspartei Zabranskl. Im Wahlkreis. Nr. 3 Wien Nordwest (IX» XV111. and XIX. Bezirk) steiten wir es unseren Geslnauagsgeaosea frei, für eine der nichtantisemitiseben Listen zu stimmen, warnen jedoch vor dem in diesen Wahlkreis aufgestellten Listeniührer Neumann. der ans dem Judentum ausgetreten ist. Im Wahlkreis Nr. 6. Wien Südwest (XU» XliL und XV. Bezirk) können wir auf Grund der eingelangten Erklärungen unseren Gesinnungsgenossen die Wahl der Liste der demokratischen Mitteistandspartei (Brenner) and der Liste der bürgerlich-demokratischen Partei (Dr. Bernhard) Ireigeben. im Wahlkreis Nr. 7, Wien-West (XIV» XVL und XVII. Bezirk) empfehlen wir die Liste der demokratischen Mittelstandspartei (Dr. Stark). Das Wahlkomitee der jödischen Nationalpartei Die Juden und der Wahltag Nachstehende Grundsätze hat das Zionistische Landeskomitee für Deutschösterneich und der Jüdische National verein für die bevorstehenden Wahlen aulgestellt: 1. Die bewußten Juden aller Bezirke Wiens haben sich mit ganzer Kraft ln den Dienst der Agitation für die nationalifldische Parteiliste (Listenführer Staatsbahnrat Ing; Robert Stricker, III., Bezirk, Bechardgasse 24) im Wahlbezirk Nordost zu stellen. 2. In den anderen Wahlbezirken Deutschcstenreichs sind (Bejenigen Kandidaten — mit Ausnahme der antisemitischen Wahlwerber-— zu wählen, welche die jüdische Nation anerkennen und sich verpflichten, für die Anerkennung der jüdischen Nation in der Konstituante wirken zn wollen. bereits da icntcD es sieht allen Gefahren und! Schwierigkeiten entschlossen ins Auge. Die kleinmütigen Gegner, seien sie auch heute noch so zahlreich, werden von der Geschichte vergessen werden; was lebendig ist in ihnen, wird zu uns kommen. Die Stunde der Befreiung steht bevor. Wir bähen Scwierigkeiten zu überwinden wie kein anderes Volk. Aber -für uns gibt es nur die Losung, die am Anfang unserer Geschichte Kaletf und Josua den entmutigten Kundschaftern zurief: Aloh na’ateh! Wir wollen doch hinansteigea!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.