Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 13 (1919)
- Issue
- 6 (7.2.1919)
- Date
- 1919-02-07
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 6 JÜDISCHE ZEITUNG Seile 3 i erläge jeder darauf aufzubauenden sekundären Wirtschaftstätigkeit ist nun einmal nicht weiterzukommen. Wir müssen uns deshalb vor allem umsehen, welche Möglichkeiten in Landwirtschaft und Industrie für eine große Zahl von Siedlern vorhanden sind. Beginnen wir mit der Industrie, die Davis Trietsch am meisten, am Herzen liegt Das Land hat weder Kohle, noch Eisen, noch Holz, dasselbe ist in der Schweiz der Fall,' und doch hat sie eine große Industrie“, sagt Davis Trietsch. Sehr richtig! und trotzdem ist diese Analogie so bezeichnend für die Argumentation von Davis Trietsch und so grundfalsch, daß wir sie näher beleuchten müssen. Zunächst beruht ein Teil der Schweizer Industrie auf der landwirtschaftlichen Produktion des Landes (z. B. Milch zu Konserven. Kindemährmehl, Milchschokolade, Käse usw.). Ein ariderer ist feingewerbliche Kleinindustrie, wie z. B. die Uürcnindustrie. Diesbezüglich nimmt Davis Trietsch ohneweiters an, daß sich auch in Palästina derlei schaffen ließe, und auch ich selbst propagiere diesen Gedanken mindestens so lange wie er. Nur vergißt er, welche lange Zeit es braucht, um so etwas in halbwegs nennenswertem Umfang zu schaffen. Man erinnere sich an den „Uezalel“, der 1906 gegründet wurde und trotz aller Bemühungen es nicht über ein paar hundert Arbeiter (und an Arbeitskräften wäre auch bisher kein Mangel gewesen) und weder rentabler, noch sehr hochstehender Produktion gebracht hat. Ein Versuch, das Kunstgewerbe mit Landarbeit zu verbinden, mußte aufgegeben werden. Solche Dinge sind eben Sache spezieller Eignung und langer Erziehung. So ohneweiters sind Kleinindustrien durchaus nicht ins Leben zu rufen, geschweige Ueno, daß wir an ihre Einführung gleich die übertriebensten Hoffnungen knüpfen könnten. Die ganze Methode von Davis Trietsch besteht darin, daß er aus der ganzen Welt mit emsigen Fleiß Beispiele aus allen möglichen Produktionsgebieten samt Rentabilitätsrechnungcii herbeibringt und dann sagt: das alles könnten wir in Palästina machen und Zehntausende ernähren. Wie das angeführte Beispiel zeigt, ist das eben oft nur Phantasie. Ein dritter Zweig der Schweizer Industrie ist ihre Maschinen- und Textilfabrikation. Aber auch diese wurden unter jahrzehntelanger harter Arbeit geschaffen. wobei die Lage des Landes, seine Eigenart und die seiner Bewohner die größte Rolle spielten. Für Palästina ist schon deshalb an solche Industrien nicht zu denken, da bei den Anlagekosten, die heute eine neue Fabrik erfordert und die mindestens fünf- bis zehnmal so groß sein werden als sie im Frieden waren, mit einer Konkurrenz mit den alten Fabriken der Welt nicht zu denken ist. Davis Trietsch spricht immer davon, daß die Fabriken in Palästina für den inneren Markt arbeiten könnten. Ja, dies setzte voraus, daß sie darin wenigstens mit den ausländischen konkurrieren könnten. Dies ist aber aus den angeführten Gründen absolut nicht der Fall und wird nur dort der Fall sein können, wo die Rohstoffe tm Lande sind. Das trifft aber hauptsächlich mir zu bei Industrien, welche Agrarprodukte oder Bodenschätze verarbeiten und damit sind wir dabei angelangt, daß auch für die Industrien in Palästina die Landwirtschaft die Hauptgrund läge sein muß, indes Davis Trietsch das meiste Gewicht einseitig auf die Industrie schlechtweg legt Mühlen, Seifenfabriken, Gerbereien, Marmelade- und Parfümindustrien werden neben den Bau- und chemischen Industrien die Hauptrolle spielen. Nur die Landwirtschaft und sie allein, kann die triagfä hi ge Grundlage der Wirtschaft Palästinas sein. Davis Trietsch ist damit einerseits unzufrieden — die Juden sollen sich in Palästina mit dem beschäftigen, was sie schon in der Diaspora machen, sagt er. Dabei vergißt er, daß die Juden — wenn wir vom Handel absehen — überall dort, wo sie in Massen eingewandert sind und sich gewerblich betätigten, nur fähig zeigten, rückständige Industrien (Heimarbeit der Konfektionsbranche) zu schaffen. Wir müssen deshalb die Auswandernden erst in der Diaspora heranbilden. was längere Zeit erfordert. Andererseits hat er auch für die Landwirtschaft kühne Pläne: Mittels des Dampfpfluges könnte man rasch große Flächen urbar machen. Wieder eine Uebertragung aus ganz anders gearteten Ländern. Palästina . ist vor allem ein Hügelland. Zudem aber ist es jedermann aus den Fachschriften bekannt, wie richtig die flache Pflügung des Arabers ist, um die Bodenfeuchtigkeit zu erhalten, u. a. m. Weiters: Die genossenschaftlichen Arbeiter werden in zwei Jahren imstande sein, sich Haus und Gemüsefeld zu erwerben! Zehn Jahre der praktischen Arbeit in Palästina mit Arbeitergenossenschaften haben gezeigt, daß das leider nicht der Fall ist Sind diese praktischen Erfahrungen für Davis Trietsch nicht vorhanden? Und so geht es weiter. Herrenloser Boden sei in Palästina genügend vorhanden. Nun finden wir in Palästina Sumpf-, Sand- und Wüstenboden, der erst durch jahrelange mühseligste und kostspieligste Arbeit anbaureif gemacht werden kann, im .Ausmaße von zirka 46.000 Hektar, ferner Staätsländereien im Ausmaß von 100.000 Hektar, wovon aber fast die Hälfte sumpfiges Land ist oder, solches mit tropischem Klima (Jordantal) und zirka 73.000 Nektar nur scheinbar in Okkupation genommene Fläche mäßiger Beschaffenheit Daß man auf diesen Terrains rasch Zehntausende ansefzen kann, wird niemand behaupten. Von dem in der Araber befindlichen Böden ist gewiß )”•’ ein Teil bebaut und dieser meist extensiv iind. sciileclit. Aber selbst wenr vir das strikteste F-1. ...nirngsrecht erhielten, so muß die Auseinander?:- nng mit 'Besitzern und Pächtern HalM-jöiiMns Tagblatt in dentfdier Spratbe Erldieint ab Mitte Jänner Bizogsbeölngangsn: ES? tfltci: Eüp 2mUn Monatlich. •K 7.— Monatlich. K 7.50 Vier»e!jährig. - „ 20.- Vierteljährig ... „ 22- Halbjährig. „ *>•- Halbjährig - „ 44.- Ganzjährig. „ 80.— Ganzjährig. - „ 88.- Ausland: K 24.— für ein Vierteljahr Bin» Horge&zätang, Bien II., Tabarftrafie 1 v-—-- - sehr vorsichtig und behutsam gemacht werden, wir können die Araber, von denen 40 Millionen in geschlossener Siedlung rings um uns wohnen werden, nicht gegen uns auibringen. Und so leicht ist es nicht ihnen selbst dort wo wir im Rechte sind, dies klarzumachen. Aber nehmen wir selbst an, wir verfügten sofort über genügend Boden — ist die Ansiedlung zehntausender Juden wirklich eine so kinderleichte Sache? Ich denke, die Erfahrungen in Palästina sprechen nicht dafür Ja sogar die innere Kolonisation großer Staaten, die mit Hilfe all ihrer Machtmittel Leute, die Bauern sind, auf bestem, landwirtschaftlich genutztem Boden ansetzen, hat sich als ein sehr, sehr kostspieliges und langwieriges Unternehmen — „eine schwere Kunst“, wie einer der ersten Fachleute sagte — erwiesen. Weil aber unsere besten Fachleute, wie Ruppin und Oettinger vor übertriebenem Optimismus warnen, versucht Davis Trietsch, sie zu diskreditieren, sie seien keine Fachleute. Und dies ist es, warum ich mit aller Schärfe Davis Trietsch entgegentrat, obzwar ich vieles, was er sonst sagte, hätte unterschreiben können. Den Zionisten Hoffnung machen, daß in den ersten Jahren schon hunderttausende in Palästina untergebracht werden können, und zugleich unsere Leitung, insbesondere unsere bewährten und verantwortungsbewußten Fachleute als. untauglich erklären — das ist ein Beginnen, das mir die schwersten Bedenken einflößt. Jeder von uns ist sich darüber klar, daß nur eine geregelte Einwanderung stattfinden darf. Eine Regelung ist aber nur dann möglich, wenn die Autori.tät unserer Leitung respektiert wird und die von ihren Fachleuten ausgearbeiteten Pläne zur Grundlage der Kolonisation genommen werden. Gewiß ist die Leitung nicht unfehlbar- und deshalb müssen alle, die an ihren Plänen etwas auszusetzen haben, in den Beratungen der Delegiertentage, Ausschüsse etc. ihre abweichenden Ansichten begründen und ihnen znm Siege zu verhelfen suchen. Auch mir erscheinen die bisher vorliegenden Pläne zu eng. Aber das werde ich nicht in Volksversammlungen sagen. Auch ist mit allgemeinen Betrachtungen, was sein könnte, nicht gedient Hier handelt es sich um konbaltene Diskussion tarn Ziele führ«! Zum Schluß noch eine mir wichtig erscheinende Richtigstellung. Einer der Diskussionsredner warf mir vor, daß ich seinerzeit gegen den Charter gewesen sei. Die Ereignisse hätten mir unrecht gegeben. Wie steht es in Wahrheit damit? Es hat sich in den Jahren 1906—1908 darum gehandelt, die praktische Palästinaarbeit gegen den Widerstand der Chartemten, welche den Nationalfonds thesaurieren wollten, durchzusetzen. Wir sagten ihnen, daß wir zunächst Stützpunkte in Palästina haben müßten, damit wir unsere Fähigkeit, das Land zu kolonisieren. erweisen, sonst würden wir niemals größere Rechte erlangen. Und in der Tat! Wir hätten ohne diesen durch die Arbeit der Organisation erbrachten Nachweis auch jetzt unsere Ansprüche auf Palästina nicht zur Geltung bringen können! Diese Arbeit, so sagten wir weiter, sei auch nötig, um die Kolonisation praktisch zu erproben, um im Momente, wo wir in größerem Stil werden arbeiten können, über die nötigen Erfahrungen zu verfügen. Zudem aber hätte die Thesaurierungs- und Wartepolitik unsere Bewegung, die damals auf sehr schwachen Füßen stand, vollends ansgehöhlt, so daß sie heute nicht mehr als beachtenswerter Faktor in der Weltoolitik eine Rolle hätte spielen können. Das Wachstum der Organisation, ihre Verlebendigung und ihre Nationalisierung sind Früchte ihrer Arbeit in Palästina, die auch im Lande selbst erst die Voraussetzungen, auf denen wir weiterbauen können, geschaffen hat Und noch' eines: So lange Palästina 3er Türkei gehört hat wäre es völlig verfehlt gewesen. den Chartergedanken In den Vordergrund zti' stellen. Wir hätten dadurch auch die geringen Möglichkeiten verscherzt, die uns zu Gebote -fanden und vir genutzt haben. Hat doch selbst Max Nord au, der Führer der Charterösten, nach der türkischen Revolution leierlich von der Kongreßtribüne den Chartergedanken abgeschworen. Daß eine Politik klug mit den gegebenen Möglichkeiten rechnen muß, ist eine Binsenwahrheit Im Momente, wo die Konstellation günstig war, waren es die Anticharteristen, die Weizmann, Tschlenow, Soko- 1 o w u. a., die dem Chartergedanken zum Siege verholten haben. Gerade Weizmann, der hier an erster Steile zu nennen ist war seit dem achten Kongreß der Wortführer der „Praktiker“ gewesen. Aehnliches gilt für Tschlenow Der Vorwurf, seinerzeit mitgeholfen zu haben, die Anticharteristen zum Siege zu führen und den Gedanken der praktischen Palästinaarbeit in der Organisation durchzusetzen, ist deshalb nicht geeignet, einen Zionisten zu diskreditieren. Im Uebrigen ist die in jener Diskussion von vielen Seiten versuchte Methode, statt Gründe zu widerlegen, die Person, die sie äußerte, in Mißkredit zu bringen, sicher nicht die richtige. In sachlichen Fragen kann nur eine sachlich gehaltene Diskussion zum Ziele führen. Die Wahlreform zur Kultusgemeinde Eine Kritik des Entwurfes Pappenheffn von Gl P. Wir erholten von'einem Freund unseres Rlaites. der Gelegenheit hatte; in den Kulhis- Wohlreform-Entwurf des Dr. Pappenheim Einsicht zu nehmen, eine BuOerordenlliche interessante Darstellung der wshltechnischen Mänge de« Entwurfes. Wir können leider ans Raummangel nur einzelne Teile dies^rKrilik wiederl geben. Die Ret£ Nur die Wahlform und die Verteilung der Mandate und selbst bei diesen nur die ganz prinzipiellen Verfehlungen können Mer erörtert werden. Zunächst seien die Hauptbestimmungen dieses Abschnittes des Entwurfes auszugsweise wiedergegeben: Die Wahl findet auf Grund von Wahlvorschlägen statt, die vor der Wahl eingereicht werden (§ 15). Sowohl Einzelbewerber wie Listen, die höchstens soviel Kandidaten aufweisen dürfen, als Mandate zu vergeben sind, sind zulässig (§ 15, lit c). § 16. „Jeder Wahlberechtigte hat nur Eine Stimme für Einen Kandidaten abzugeben. Enthält der Stimmzettel mehr als -einen Namen, so gelten der zweite und die folgenden Namen als nicht geschrieben.“ § 17. Bei der.Ermittlung des Ergebnisses aller Abstimmungen ist vorzugehen wie folgt: a) Es ist zunächst die auf jeden einzelnes Bewerber entfallende Stimmenzahl festzustellen. Die Summe dieser Stimmenzahlen, gleich der Zahl der gültig abgegebenen Stimmen, geteilt durch 24 ergibt den Wahlquotienten. c) Die Summe (!) einer jeden Parteiliste, dividiert durch den Wahlquotienten, ergibt die der Partei zunächst schon gebührende Zahl von Vorstandsmitgliedern. d) Als zu Vorstandsmitgliedern gewählt sind nunmehr anzusehen: L Jene Wahlbewerber, die als Einzelbewerber vorgeschlagen wurden (Parteilose), wenn sie mindestens so viele Stimmen erhalten haben, als der Wahlquotient beträgt. 2. Von jeder Partei nach der Reihenfolge der begünstigsten Bewerber so viele; a ls die Partei Wahlquotienten aufgebracht (!) hat e) Für die Verteilung der noch nicht besetzten Vorstandsmandate gelten folgende Regeln: I. Es wird die Summe (!) jeder Parteiliste geteilt durch die Zahl der der Partei bereits zugewiesenen Mandate, und es wird nach arithmetischer Reihenfolge der sich ergebenden Ziffern (erste Verhäitniszahlen) jeder (!) Partei, von der höchsten (?) anfangend, ein weiteres Mandat zugewiesen (!), welches jenem noch nicht gewählten Bewerber zufällt, der auf der Parteiliste die höchste Stimmenzahl hat