Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 13 (1919)
- Issue
- 5 (31.1.1919)
- Date
- 1919-01-31
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNO. Nr. » Schulung der Zionisten für die Schaffung der .Volksgemeinde, als deren Kern ja die zionistische Organisation angesehen werden kann, erreicht werden. Hat doch schon bisiier die Idee Stern* feld, für die Durchführung bestimmter Aufgaben „Arbeitskreise“ zu schaffen, das gänzlich veraltete Nur-Vereinssystem von anno Dazumal glücklich durchbrochen. Je mehr sich die konkreten Aufgaben der zionistischen Organisation häufen werden, desto mehr werden diese Arbeitskreise, die sich im Wege zwanglosen Zusammenschlusses von Zionisten, die für eine bestimmte Arbeit Verständnis und Interesse haben, bilden — an Bedeutung gewinnen, auf ihnen wird die ganze positive Arbeit ruhen und sie werden für die Ressortarbeiten der Volksgemeinde die Vorarbeiten leisten und die Vorschule sein. Die vorgeschlageue Aenderung der Organisationsform ergibt sich eben logisch durch das Hinauswachsen aus einer bloßen Programmpropaganda in einen positiven Aufbau einer Gemeinschaft Deshalb muß die frühere Alleinherrschaft der Verebisorganisation fallen und einer zweckmäßigeren Form weichen. Anmerkung. Dieser Artikel war schon geschrieben, bevor jener von Heinrich Margulies fn Nr. 4 dieses Blattes über denselben Gegenstand erschien Margulies fürchtet eine Atomisierung der Organisation, .wenn obige Vorschläge angenommen werden sollten. Schon 5 Leute könnten einen Verein bilden. Ja, warum nicht? Was schadete dies der Organisation? Auf die Dauer werden doch nur die wirklich lebensfähigen Vereine bestehen bleiben und. eine gewisse Rolle spielen können. Sebald aber einerseits die positive Arbeit in die Arbeitskreise verlegt sein wird und anderseits das Wabistatut Bestimmungen für. die Delegiertenwahl durch Vereine, nach denen nur solche, die eine gewisse Mindestanzah! von Mitgliedern haben, als Wahlzentren fungieren können, Mithalten wird, äst jede Gefahr einer Atomisierung der Organisation, die ja nach meinen Vorschlägen direkt alle'Zionisten umfaßt, nicht zu befürchten. Ein Musterprotest Durch die ungarische Tagespresse geht eine Erklärung des Budapester neologen Rabbinerseminars, die schon vom kulturhistorischen Standpunkte, aus verdient, auch außerhalb des magyarischen Globus festgehalten zu werden: Die jüdische Religion — heißt es in der Erklärung — ist unabhängig von Land und Staat, von Volk und Nation. Nach unseren Religionssatzungen äst . jedermann Jude, der sich zur jüdischen Reli- ~ ” gibn bekennt; ohne Rücksicht darauf,' welchem -• Volke er zufolge seiner .Geburt und welcher - Nation er vermöge seiner politischen Zuständigkeit angehört Zu dieser Auffassung bekennt sich das Judentum seit zweitausend Jahren und bekennt sich heute noch zu ihr. Damit hängt die unumstößliche Tatsache zu- - sammen, daß das Judentum seit zweitausend Jahren Religion ist und nicht Volk oder Nation. ' Auf diesem althergebrachten Religionsstandpunkte stand das Landes-Rabbinerseminar seit jeher und steht auch heute noch auf diesem Standpunkte. Die Pflege der jüdischen RelL ■ ’ gion und der jüdischen Wissenschaft und die r Verbreitung der magyarischen völkischen Kultur (!) ist die Aufgabe - unserer Hochschule, sie hat sie in der Vergangenheit treu erfüllt und wird sie auch in der Zukunft treu erfüllen. Nach wie vor entspricht sie dem Ziele, - das sie sieb bei ihrer Gründung gesteckt hat: für die ungarische Judenheit Rabbiner zu erziehen, die unserer Religionsgemeinschaft eifrig dienen und dabei . auch die Ideale der magyarischen Nation pflegen, jene Ideale, von denen sich die ungarische Regierung in ihren unsere An- > stalt betreffenden Beschlüssen leiten läßt und zufolge deren sie uns den staatlichen Cha- . rakter zuerkennt Vermöge unserer religiösen Ideen und glaubensgenössischer Gefühle hän- . gen wir am Heiligen Lande, begrüßen und unterstützen jede Bestrebung in seinem Interesse. Das Martyrium von zweitausend Jahren verbindet uns mit unzerreißbaren, starken Banden mit der Judenbeit der ganzen, Welt mit der ganzen Glut unseres Herzens und mit voller Kraft fördern wir jede Bestrebung, die . auf die Befreiung unserer unterdrückten Glaubensgenossen gerichtet ist Wir hängen an der Gesamtheit des Judentums in unentwegter glaubensbrüderiicher Treue und'Liebe, lassen uns jedoch durch politische Strömungen nicht ... beeinflussen. Wir haben bekannt und bekennen, daß die ungarische Judenheil ein organischer Bestandteil der magyarischen Nation (!) ist, war und bleiben wird. Die ungarischen Juden sind bei Unversehrtheit ihrer jüdischen Religion Söhne der magyarischen Nation. *In diesem Geiste werden wir unsere Arbeit für die Konfession und das Land fortsetzen. Der Lehrkörper des Landes-Rabbiner- - Seminars. Die Assimüanten aller Länder müssen geradezu vergehen angesichts dieser Erklärung, denn so etwas bringt nicht bald eine nichtmagyarische "Körperschaft' zustande. Die Wiener israelitische ■ Union muß sich geradezu schämen beim Lesen dieser kernigen Sprache gottesgelahrter Männer. An längstverschwundeue Zeiten erinnert uns diese Erklärung, der Geist längstverschiedener Protestrabbiner umschwebt uns. bei ihrer ■vrzzjz's Lektüre. Die ältesten Ladenhüter werden da aufgetischt, und doch* enthält die Erklärung so manches Neue. Zwei Dinge sind es vor allem, die den jüdischen Leser geradezu frappieren müssen: Erstens’die These, daß das Judentum ohne jüdisches Volk bestehen könne. Diese Wahrheit, die übrigens nur die konsequente Fortentwicklung der konfessionellen Assimilationstheorie darstellt, auszuspreclicn, blieb den gelahrten Herren vom Budapester Rabbinerseminar Vorbehalten. Noch nie, seitdem das jüdische Volk besteht, auch in den traurigsten Zeiten der herrschenden Assimilation und der Anbiederung an fremde Nationen nicht, hat je ein jüdisches Forum gewagt, die Unzertrennbarkeit des .Judentums von» jüdischen Volke oder den Juden als Personen zu leugnen. Eine jüdische Religion, zu der sich ausschließlich zum Judentum überge’tretene Kernmagyaren bekennen, würde scheinbar den Budapester Herren ganz besonders behagen. Zweitens ist ein wenig ungewohnt derAnblick von Rabbinern, die sich mit magyarischnationalen Bestrebungen und Idealen identifizieren und sie mit der jüdischen Wissenschaft und Religion als gleichwertig ansprechen. Nicht uninteressant und für die Wiener Judenheit von.ganz besonderem Reize sind zwei Unterschriften unter dieser Erklärung: Dr. Simon Hevesi und Dr. Ludwig Venetianer. Diese beiden Rassenmagyaren hatten vor fünf Jahren die Unverfrorenheit, sich um'den Posten des Wiener Oberraomers zu bewerben, und der damalige Kultuspräsident Dr. Stern hatte nicht übel Lust gehabt, der Wiener Judenheit einen der beiden Herren aufzupeizeh. Daß heute keiner der beiden Herren Wiener Oberrabbiner ist, ist ausschließliches Verdienst derWiener Jüdischnationalen, die auf das entschiedenste Einspruch gegen die Einfuhr eines Rabbiners von „magyarischem Geblflte“ erhoben haben. Wahrscheinlich rechneten Dr Stern und sein Anhang damit, daß die Herren Hevesi und Venetianer gegebenenfalls gefunden hätten, daß sie ein „organischer Teil der deutschen Nation“ seien . ... Unverschämt wird aber die Erklärung, wenn sie davon zu sprechen, anhebt, daß die ungarischen Juden die Palästinabestrebungen' fördern und alle Aktionen unterstützen, die zur. Befreiung unterdrückter Juden emgeleitet werden. Die Erklärung muß als L ü g e gebraridmarkt werden, da sich die ungarischen Juden von ihren Brüdern bisher luftdicht’ abgeschlossen und weder für Palästina noch für die unterdrückten. Brüder auch nur einen Finger gerührt haben. Ungarische Minister erklären, die Juden bilden ein Volk, drei, jüdische Nationalräte des zerfallenden Ungarn entfalten eine segensreiche •upd. .allgemein! anerkannte, Tätigkeit, die; nationale Idee macht glänzende Fortschritte in der ungarischen Judenheit, und. da fallen, ihr plötzlich die Männer, die beruferif wären, Lehrer und Führer für das yolk auszubilden, in die Arme. Die Erklärung selbst zeigt aber von der Gewalt der nationalen Idee, gegen die die Vertreter des alten, abgewirtschafteten Systems Geschütze schwersten Kalibers auffahren lassen. Das Volk steht nicht mehr hinter ihnen, und wie das Kind, im Finstern vom Schrecken überwältigt, zu singen beginnt, stoße auch sie in die Fanfare, um den Schrecken zu bannen. Es ist das Schwanenlied einer sinkenden Welt L. B. Zur Jugendbewegung Ein lüdischer Studententae In Wien. Heinrich Margulies hat in seinem Aufsätze „Zu unserem Delegiertentag“ (Nr. 4 der „Jöd, Ztg.“) eine sehr wunde Stelle unserer Organisation aufgezeigt: Das Fehlen jeglichen Nachwuchses. Zweifellos eine Angelegenheit die unsere führenden Persönlichkeiten nachdenklich machen muß. und zwar nachdenklich zunächst über die Ursachen des Mangels (sonst kann er . nicht behoben werden) und über seine möglichen Wirkungen, die katastrophal sein können: aus beidem werden sich , dann die Wege zeigen, die beschritten werden müssen, und das'Tempo, in dem dies geschehen' muß. um unsere Bewegung vor den großen Gefahren zu behüten, die sich aus der Unmöglichkeit einer Verjüngung notwendig ergeben müssen. In der also zu fördernden Jugendbewegung sind zunächst die Gruppen der in Betracht kommenden Jugendlichen zu sondern, da die Tätigkeit die sich auf die verschiedenen Gruppen zu erstrecken hat naturgemäß verschieden ist Da sind: Hochschüler. Mittelschüler. Bürger-, Handelslind Gewerbeschüler und endlich Volksschüler. Weim man sich vor Augen hält was für jede dieser vier Gruppen bisher geschehen ist so kommt man zu folgendem Resultat: Für die zwei letztgenannten Kategorien haben wir hoffnungsvolle Anfänge einer auf die Erfassung dieser Jugendlichen abzielenden Arbeit, die hur. intensiviert und ausgebreitet werden muß. tun alles Wünschenswerte oder wenigstens viel davon zu leisten. Darüber soll hier nicht weiter gesprochen werden, denn die Arbeit liegt in bewährten Händen. Viel ungünstiger steht die Sache schon bei den Mittelschülern genauer gesagt bei den höheren Jahrgängen der Mittelschüler (für die jüngeren ist ja vielfach wie für die vorher erwähnten Gruppen schon vorgesorgt): hier hatte die Arbeit . bis in die. Novembertage des vergangenen Jahres große Schwierigkeiten, wenn man mit den bestehendem Gesetzen und Schulordnungen nicht in Widersprach geraten wollte: seit diese Hindernisse aber weggefallen sind, werden ja die achtbaren Erfolge-es alsbald zeigen: wenn aber triebt dann seien die maßgebenden Faktoren nachdrücklichst . darauf; hingewiesen, sonst, verschwindet eine ganze Generation im Rachen der Assimilation und in wenigen Jahren wird sich die Unterlassung — auch ganz äußerlich — bitter rächen. Wie aber steht es mit der vierten Gruppe, mit den Hochschülern? Wir wollen es gleich heraussagen: Für diese ist nichts, rein gar nichts geschehen. Lind gerade de Hochschüier sind ja am - allermeisten durch diesen vierjährigen Krieg zermürbt, an Leib und Seele schwer geschädigt, iu den Grundlagen ihrer* Existenz fast vernichtet. Gerade sie hätten am allermeisten liebevoller Fürsorge bedurft (hier sei nicht von materieller Fürsorge gesprochen, wiewohl auch diese leider zu den brennendsten Fragen gehört). Wie haben wir uns alle in diesen vier Jahren des Krieges nach dem Tag der Heimkehr gesehnt.' um alle unsere Kraft, um Leib und Leben in den Dienst unserer eigenen Sache steilen zu können! Und wie bitter sind wir enttäuscht'worden! — Aber es soll und kann niemandem ein Vorwurf gemacht werden — für das. was bisher geschehen ist. Die Gründe sind klar: In den ersten Jahren unserer Bewegung wären ia Studenten ihre hauptsächlichsten Träger und als diese Studenten dann Doktoren und Ingenieure geworden waren, konnten sie aus leicht begreiflichen Gründen nicht gleich daran denken, den nachrückenden Jahrgängen, mit denen sie vielfach - neck durch Bande der Freundschaft der gemeinsamen Studienzeit etc., verbunden waren, feste V/ege weisen zu wollen. Und dann kam der Krieg und riß die große Kluft zwischen den Alten und den Jungen. Der Kontakt der Generationen war jäh unterbrochen. — Und nun. da der Krieg zu Ende ist. fehlt uns die Organisatiori. * die vorher durch diesen persönlichen Kontakt notdürftig ersetzt worden war. So liegen die Dinge heute: aber sie liegen darum nicht schlecht sagen wir, nicht aussiditslos schlecht; denn so manches wird ia leider nicht mehr zu reparieren sein. Es ist eia gutes Omen, daßder Mangel einer studentischen Organisation zuerst den Studenten selbst bewußt geworden ist: es zeugt von ihrem Verantwortüchkertsgetühl. von ihrem Pflichtbewußtsehl und von ihrer Arbeitsfreudigkeit daß sie die Wege gesucht haben, um aus eigener Kraft zu bauen und nicht erst auf Hilfe - von außen zu wartea Und ich glaube sagen zu könne«, daß wir den Weg gefunden haben: In wenigen Wochen wird der Allgemeine'Verband der jüdischnationalen Studenten Wi ens geschaffen und der 23. Februar wird mit der Eröffnungsfeier des ersten großen jüdischen Studententages in Wien sein Geburtsfest sein. — Das ist die erste Leistung der aus dem Felde heimgekehrten jüdischen Studenten und. wir glauben, auf sie stolz, sein zu körinea Damit ist gezeigt daß wir uns durch die schwersten wirtschaftlichen Sorgen nicht haben abhalten lassen, unserer. Bewegung .das Institut zu' schaffen, m dem die Höfnmuhaleh stüdeiitischeri ' Generationen werden herangebildet werden können, wie unsere Sache sie braucht Von unserer Leitung aber und von der jüdischen Oeffentlichkeit erwarten wir. daß sie diesen Bau nicht verfallen lassen, sondern dafür Sorga trage«, daß er seinen Zweck erfülle: denn das ist ihre und nicht mehr unsere Sache. Darum begrüßen wir den Vorschlag Margulies', in der Parteileitung'ein besonderes Ressort für die J ugendorganisation zu schaffen und danken, ihfn dafür. Wien. Isak Weiner. RUNDSCHAU Deutsch-Oesterreich •, Wählerversammlungen. Die jüdische Nationalpartei veranstaltete in der verflossene« Woche im II. und XX. Bezirk Wiens eine große Anzahl von Wählerversammlungen. Sonntag, de« 26., sprachen die Herren Stricker; Dr. Plaschkes. Nebenzahl, Stand, Horowitz, Buchhinder und Frau Patak in vier Versammlungen. Mittwoch, de'n 29., fanden ebenfalls vier Versammlungen statt, in welchen außer den Genannten auch Frau Anitta Müller, Herr Dr. Schalit, Herr Spitzer und Herr Pinkas sprachen. Sämtliche Versammlungen waren sehr stark besucht * Das Judengcld, Das schwerste Odium lastet auf dem Judengeld. Leider sind Juden immer noch würdelos genug, um antisemitische Parteien z. B. die christlichsoziale oder die sozialdemokratische, finanziell zu unterstützen und jede dieser Parteien findet dann Gelegenheit, der anderen den Vorwurf des Judengeldes an den Kopt zu werfen. Der Wahlkampf hat so ziemlich seinen Tiefstand erreicht/ Die Wiener Parteiblätter sind Mistkarren. Von wahrhaftem politischen Leben ist in Wien wenig zu merken, die ernsten Probleme des Staates locken niemanden hinterm ungeheizten Ofen hervor, aber da swüste Geschimpfe und die niedrigsten Argumente-der Gasse geben dem Wiener Wahlkampf sein Gesicht Hoffentlich werden die Juden es sich merken, wer zu Wahlzeiten, das Judengeld geschmäht hat und als schwerste Beschuldigung für den Gegner nur die Anrüchigkeit durch Judenfreundschaft, kannte. ••Der unerwünschte Zuzug. Der Wiener Stadtrat hat nach Anhörung des Referates des sozialdemokratischen Vizebürgermeisters Reumann beschlossen, Abwehrmaßnahmen gegen die Ueberflutung Wiens durch Flüchtlinge zu ergreifen. Der Antrag wurde nicht nur angenommen, sondern durch Zusätze der Christlichsozialen noch wesentlich verschärft, lnsbesonders wandte, man sich gegen die jüdischen. Flüchtlinge, welche aus Furcht vor Pogromen hieher kommen. Es ist bezeichnend, daß ein solcher Antrag gerade von einem sozialdemokratischen Referenten, vertretenwurde. Vergeblich suchtdie I