Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 13 (1919)
- Issue
- 5 (31.1.1919)
- Date
- 1919-01-31
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 5 Seite S ,Arbeiter-Zeitung“ diesen Eindruck abzuschwlchen, indem sie die christlichsozialen Zusätze verurteilt. Sie sind nur die Fortsetzung der soziaide- mokraiischen Anträge. Welchen Eindruck es allerdings im Ausland, insbesondere bei der gegenwärtig tagenden Friedenskonferenz, die vom Geiste Wilsons beherrscht ist, machen wird, wenn das gedemiitigte, kleine Deutschösterreich nun seine ganze Macht gegen die noch Schwächeren spielen läßt, wenn es die verfolgten, eine Zuflucht suchenden und zur Arbeit bereiten „Fremden“ gewaltsam wegtreibt und, wie es letzt immer geschieht, von der Arbeit aussperrt, das scheint der weise Stadtrat nicht bedacht za haben. Die Zukunft Wiens steht ohnedies auf schwachen Füßen. Man wird Menschen brauchen und sollte niemanden zurückstoßen, der Geld und Arbeit hereinbringt. Man sollte auch den Ruf der Stadt Wien nicht so leichtsinnig aufs Spiel setzca * Ein panjüdischer Kongreß. Für den Gedanken eines Jüdischen Weltkongresses, der schon von mehreren Seiten angeregt wurde (siehe z. B. unseren Bericht über den Vorschlag des Jüdischen Nationalrates für die Ukraine), setzt sich in der „Wiener Morgenzeitung" der bekannte Zionistenführer Dr. Alexander Marmorek sehr warm eia Tschecho-Slowakische Republik * Fortgesetzte Plünderungen ln Böhmen. Unsere Prager Bruderblätter, die „Selbstwehr“ und die „Zidovske Zpravy“, bringen ausführliche Berichte über die unaufhörlichen Plünderungen Jüdischer Geschäfte in den Landstädten Böhmens und Mährens. Besonders bemerkenswert ist eine Darstellung des Prager sozialdemokratischen Blattes „Pravo hdu“ über einen großen Pogrom in Neuhaus. Dort wurden die jüdischen Geschäfte systematisch bis auf das letzte Stück ausgeplündert und an diesem Raub beteiligte sich lauter Militär. Die Plünderung war offenbar von den agrarischen Kreisen der umliegenden Dörfer inszeniert Dazu paßt sehr gut die antisemitische Hetze, die seit langem von den agrarischen Blättern „Venkov“ und „Vecer“ betrieben wird. „Pravo lidu“ wendet sich mit sehr ernsten Mahnungen an die Regierung, der die Schuld für diese Ausschreitungen zuzuschieben ist. Die „Selbstwehr“ bemerkt dazu, daß die tschechische Oeffentlichkeit in ihren Kundgebungen die Pogrome verurteilt, in der Praxis aber sich an jene Beispiele hält, die der Präsident des .amerikanischen Kongresses öffentlich und unmißverständlich als „idiotisch und verbrecherisch“ bezeichnet hat. Polen * Die Wahlen ln Polen. Infolge der vollständigen Unterbrechung des Post- und Telegraphenverkehrs dur.ch, den Krieg zwischen .den Tschechen'und Polen sind bis zur Stünde keinerlei Nachrichten über den Ausgang der Wahlen, "Welche am 26. stattgefunden haben, hiehergelangt, Der waüiKampf scheint ein sehr heftiger gewesen zu sein, Jedoch ist es nicht möglich, angesichts der Neueinteilung der Wahlkreise und der Vermehrung der Stimmberechtigten irgendwelche Vermutungen aufzustellen. Von jüdischer Seite waren in Warschau 9 Listen mit 77 Kandidaten aufgestellt worden. Es ist also zu befürchten, daß es zu einer Zersplitterung der jüdischen Stimmen kam. In Krakau kandidierte Dr. Thon gegen den ehemaligen Abgeordneten Dr. Groß Für die Juden in Polen wird es von großer Bedeutung -seht, ob das nationale Judentum eine angemessene Vertretung erhält, wenn auch die staatsrechtlichen Verhältnisse Polens im gegenwärtigen Augenblick absolut nicht als geklärt angesehen werden können. * Polnische Roheit gegen Jüdische Kinder. Wir erhalten folgende Zuschrift: Am 9. bis 11. d. sind vom Barackenlager der galizischen Flüchtlinge in Nikolsburg etwa 230 Kriegswaisenkinder, deren Väter zum Ted also auch für Polens Freiheit gefallen sind, nach Krakau in drei Transporten angelangt. Das Mitleid der polnischen Bevölkerung regte sich dementsprechend und empfing die Kinder mit — Steinwürfen. Aus dem Schulgebäude in Podgorze- Xrakau, welches das Krakauer Jüdische Hilfskomitee von der polnischen Liquidierungskommission für die Waisenkinder zugewiesen erhalten hatte, mußten dieselben wegen der feindseligen Haltung der polnischen Bevölkerung ins jüdische Viertel fiberführt werden.' (Aber Herr Löwenstein nnd seine galizischen sowie Wiener Konsorten haben sich immer mit viel Eifer bemüht, daß die Kinder ,'fm „polnischen' Geiste“ erzogen werden Armer Geist, arme Kinder — reicher Löwenstein!) * Der Pogrom dauert an. Aus G r e b o w (Bez. Rzeszow) erhalten wir eine Zuschrift, in der die Schandtaten räuberischer polnischer Banditen geschildert werden, die nach Entwaffung der Wachgendarmerie alle Jüdischen Häuser völlig ausgeplündert haben. Wann werden die Polen endlich Mittel finden, diesem beispiellosen Treiben ein Ende zu machen. * Auszugsweise Uebersetzung eines Urteils des Bezirksgerichtes Zmigrod (Z. C. III181 6 18). Begründung: Der am 4. November 1918 in Zmigrod erfolgte Judenpogrom kann nicht als Zufall (§1311 a. b. G. B.) aufgefaßt werden, da er sich als Folge menschlicher Handlung und menschlicher Unterlassung darstellt; einerseits hat eine unberechenbare. verwilderte Menschenmenge beschlossen, die Bürger jüdischer Nationalität zu vernichten, welchen Beschluß sie auch verwirklichte, — es hat hier also bewußtes Handeln von Menschen stattgefunden — anderseits liegt eine Unterlassung der Organe der -öffentlichen Sicherheit v o r. welche das JÜDISCHE ZETTUHO Handeln der verwilderten Menge nicht verbfnderien,' Es folgt daraus, daß die durch das Handeln der verwilderten Menge und die Unterlassung der Sicherheitsorgane hervorgerufene Wirkungen keinesfalls durch einen Zufall, sondern nur durch menschliche Handlungen verursacht wurden. . . . Bezirksgericht in Zmigrod. Abteilung III. am 18. Dezember 1918. Mieczyslaw Gryblewski m. p. Für die Richtigkeit der Ausfertigung. der Kanzleileiter: Tymkiewicz m. p. Zionistische Bewegung Dr. Schmarja Levin in London Das Kopenhagener Zionistische Bureau teilt mit, daß einem Telegramm aus London zufolge die Ankunft des Mitgliedes des Engeren Aktionskomitees Dr. Schmarja Levin am 17. Jänner dort erwartet wurde. Noch tceineEinwanderung nach Palästina Die „Wiener Morgenzeitung“ erhält von ihrem Korrespondenten nachstehendes Telegramm aus Kopenhagen: Wie ihr Korrespondent erfährt, wird das Londoner zionistische Bureau mit .Rücksicht auf die in allen Ländern, insbesondere den Ländern jüdischer Massensiedlung, immer mehr um sich greifende Auswanderungsbewegung nach Palästina demnächst eine Erklärung veröffentlichen, welche genaue Angaben über die diesbezüglichen Möglichkeiten enthält Bis dahin übernimmt die zionistische Organisation keinerlei Verantwortung für eine ohne Einvernehmen mit den zionistischen Stellen erfolgende Auswanderung. Es ist somit dringend anzuraten, daß seitens der jüdischen Behörden eine vorzeitige Abreise von Gruppen oder Einzelpersonen aus ihren Wohniäudern verhindert wird. Die nationale Bewegung Delegation des jüdischen Nationalstes für Ostgalizien Am 18. Dezember 1918 trat in Stanislan der erste jüdische Nationalratstag Ostgaliziens zusammen. Von den 49 Bezirken des Landes lasen 37 östlich der Front, welche Ihren Anschluß erklärtem Bei den Beratungen, welche. bis zum 20. Dezember dauerten, waren 23 Bezirke durch 44 Delegierte vertreten. Der von der Konferenz gewählte jüdische Nationalrat für Ostgalizien in Stanislau setzte als seine Repräsentanz in Wien eine Delegation ein, welche aus Adolf Stand (Präsident), Mayer Henisch, Dr. Moritz Pachtmanr* Dr. Max Rosenfeld, Hermann T r op p undLeoS.Wdch s.l’er .(Sekretär) besteht Der Delegation obliegt die Vertretung der Interessen des Jüdischen Nationalrates für Osfcgalizien gegenüber allen jüdischen und nichtiudischen Körperschaften in Wien und im Westen. Alle Zuschriften, die in normalen Verhältnissen direkt an den Jüdischen Nationalrat für Gstgalizien m Stanislau gesandt worden wären, sind an die Delegation in Wien, II., Taborstraße Nr. 20 a, zu schicken. Siebente Plenarsitzung des Jüdischen Nationalrates 27. Jänner, 4 Uhr nachmittags. Präsident Böhm eröffnet die Sitzung und teilt nach Erledigung mehrere Formalitäten mit, daß der ostgalizische Nationalrat in Wien eine Delegation errichtet hat, welche bis auf weiteres im Bureau des Jüdischen Nationalrates für Deutschösterreich amtiert Die ostgalizische Delegation wird im engsten Einvernehmen mit dem Nationalrat arbeiten. Der Nationalrat billigt den Schritt Als erster Punkt der Tagesordnung wird die Fortsetzung der Spezialdebatte über soziale Fürsorge durchgeführt Die bereits in unserem letzten Bericht mitgeteilten Richtlinien werden verlesen. Die Debatte bewegt sich hauptsächlich in dem Gebiete der jüdischen Arbeitsvermittlung und der Statistik hierüber. Von FrL Schorr (Poale Zion) wird ein Emigrationsamt vorgeschlagen, Herr Sitzmann beantragt ein statistisches Amt über die jüdischen Betriebe, Arbeitsgeber und Arbeitnehmer, zu schaffen. Frau Müller nimmt diese Anregungen gern zur Kenntnis und verweist insbesondere auf die bereits eingeleiteten Vorarbeiten zur Ausbildung von Arbeitern und Gewerbetreibenden. Schließlich wird die Vorlage gemäß demVorschiag des Nationalrates angenommen. Als zweiter Punkt der Tagesordnung wird der Wahlentwurf für den Jüdischen Nationalrat beraten. Der Vizepräsident der politischen Kommission, Dr. Sprecher, berichtet über die Tätigkeit dieser Kommission und die Prinzipien^ die bei der Beratung des Wahlentwuries zur Geltung gekomen sind. Hierauf erstattet das Referat der Referent der politischen Kommission Dr. Bloch: der politischen Kommission hat vorgeschwebt, dem Wahlakt eine großzügige Propaganda vorausgehen zu lassen. In dem Wahlentwurf sei das Prinzip weitgehendster Demokratie eingehalten. Wer außerhalb des Wahlortes wohnt soll brieflich abstämmen. Die Wahlberechtigung wurde jedem zuerkannt, der sich zur jüdischen Nation bekennt, das 20. Lebensjahr vollendet hat und in Deutschösterreich wohnt Das Bekenntnis zur jüdischen Nation soll nicht feierlich erklärt werden, es genügt, wenn man einer jüdisch-nationalen Organisation an gehört’ oder sich indie aufzukgeodem Wählerlisten aintragen läßt Wir wollen federn Juden, der mitarbeiten will, die Möglichkeit gebe». Wir haben uns für den Proporz entschieden, jedoch nicht mit gebundener Liste, weil wir unser* Wähler nicht zu Wahlmaschinen degradieren wollen. Es steht fest daß sich im Wahlkampi über Programm und Aufgaben des Ndtionalrates Differenzen ergeben werden, und wer als Bewerber auüritt, wird sein eigenes Programm haben. Wir haben uns für das System des einen Wahlkreises entschieden. Das Nähere über die Aufteilung der Mandate wird erst bestimmt werde« können, wenn die Zahl der Wäler annähernd feststeht Die anschließende Debatte dreht sich vor allem um den § 11 (Wahlberechtigung) Her* Sch. Horowitz, Wal tue h, Dr. B i r n b a u nt treten dafür ein, daß das Wahlrecht jedem Juden ohne Einschränkung zugesprochen werde. Nach ihrer Auffassung ist die Ausübung des Wahlrechtes schon ein Bekenntnis zum jüdischen Volk. Sitzmann will das Wahlrecht an die Zugehörigkeit zu einer Organisation binden. Dr. B i o c h# Dr. Abe 1 es’ und Dr. Bienenzucht treten für die Fassung der Kommission ein; diese will zwar keinem Juden Schwierigkeiten machen, kann aber auch einer Verwässerung nicht zustimmen. Nach längerer Diskussion wird der ganze Entwurf ra der Fassung der Kommission zum Beschlufi erhoben. (Wir werden die wichtigsten Teils der Wahlordnung in der nächsten Nummer veröffentlichen.) Zu Punkt 3 (Eventualia) regt Stabsarzt Dr. M a y e r an, für die gefallenen jüdischen Soldaten eine Gedächtnisfeier zu veranstalten. Der Antrag wird nach längerer Debatte dem Jürfische» Nationalverein zugewiesen. Hierauf wird die Sitzung geschlossen. Korrespondenzen Wiener-Neustadt. Am Montiag, den 21. <L ML, veranstaltete die neugegründete „Zionistische Vereinigung Wiener-Neustadt“ daselbst im Saale der Restauration Aibler eine Versammlung, für welch* Herr Adolf Stand aus Wien das Referat übernommen hatte. Der Saal war von allen Teilen der Gesellschaft vollgefüllt In der dem Redner eigenen packenden, vom Herzen kommenden und zu Herzen dringenden Art des Vortrages riß er alle Zuhörer mit sich fort und einmütiger Beifall lohnte seine Ausführungen. Zahlreiche Neoanmeldnngen zur Vereinigung erbrachten den Beweis. daß der zionistische Gedanke in Wiener- Neustiadt nicht nur feste Wurzel gefaßt sondern von Tag zu Tag neue Anhänger gewinnt Wr.-Neustadt Für den *29. d. M., sind dto Neuwahlen in den hiesigen Kultusausschuß ausgeschrieben. .ln einer. Wahlbesprechung« die zwischen den Vertretern aller Parteien am Sonntag, den 20. d. M., im Sitzungssaale der Kultusgemeinda stattfand, wurde die Anregung gegeben, einer etnzuberüfenden Wählerversammlung eine gemeinsame Kandidatenliste vorzuschlagen. Eine solche kam auch zustande und wurde von der Wähler- Versammlung vom 22. d. M., genehmigt Nach diesem Kompromiß wurde den Zionisten, weiche sich die. vollste und uneingeschränkte Wahrung ihres Standpunktes vorbehielten, entsprechend ihrer Stärke, 8 Mandate, und zwar im Hauptaussebusse 3, im verstärkten Ausschusse4 und 1 Ersatzmann zugestanden. Damit ziehen die Vertreter der zionistischen Richtung das erstemal 4a die Gemeindestube der Kultusgemeinde Wiener- Neustadt ein. Ankündigungen Verebt zionistischer Hochschüler „Theodor Herzl“ Samstag,.den 1. Februar, findet im Klublokal des IndustrieUen-Cafe, I., Konkordiaplatz 3, ein Vortrag des A. H. Dr. Friedmann statt: Einführung in die Geschichte des Zionismus. Beginn halb 7 Uhr abends. Gäste willkommen. Versammlung in Hietzing. Der zionistische Zentralverein, Wien, veranstaltet am Samstag, den 1. Februar d. J., um 6 Uhr abends, im Ottakringer Bräu, XIII., Auhofstraße 1, eine öffentlich zugängliche Versammlung. Thema: Aktuelle jüdische Fragen. Redner: Dr. Siegfried Bernfeld, Gemeinderätin Anitta Müller, Dr. Isidor Schalit. Verein „Zion“. (II., Glockengasse 30.) Samstag, den 1. Februar 1919, um 3 Uhr nachmittags, wird in unserem Vereinslokale Herr Dr. Baron über: „Moses Chaimv Luzzallo' vortragen. Gäste willkommen! — Samstag, den 1. Februar 1919, um 6 Uhr abends, findet in unserem Vereinslokale ein hebräischer Thge-Abend zur Hebung der hebräischen Konversation statt. — Sonntag, den 2. Februar 1919, um 6 Uhr abends, findet in unserem Vereinslokale ein literarischer Thee-Abend für jugendliche Mitglieder statt Arbeiterorganisation für Palästina. Mittwoch, den 5. Februar, findet in den Reichshallen, I., Dorotheergasse 8, eine Versammlung aller, die beim Aufbau Palästinas durch eigener Hände Arbeit in der Landwirtschaft, im Gewerbe, oder als Pia. niere bei allen Okkupationsarbeiten zur Erschließung des Landes mitschaffen wollen, statt. Lese- und Redeballe jüd. Hochschüler. Samstag, den 8. Februar 1919, um 146 Uhr abends, spricht im Lokale des obigen Vereines,!X„ Türkenstraße 9, Dr. Z. F. Fink ei st ein über „Entwicklungsstufen der jüdischen Literatur“. Eintritt frei. Gäste willkommen! Nach Schluß des Vortrages Konvent Trauerkonvent Die Lesennd Redehallo jüdischer Hochschüler hi Wien hält Samstag, de» 1. Februar 1919, 146 Uhr abends, im Veremsfokaf, IX., Türkenstraße- 9, den Trauerkonvent für ihre