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Jüdische Zeitung · 1919-01-17 · 3 (17.1.1919) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
13 (1919)
Issue
3 (17.1.1919)
Date
1919-01-17
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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öeite 4 JÜDISCHE ZEITUNG - . ' «»:•& Politik und Taktik Von Heinrich Margulles. Wir bringen die iniressamen Ausführungen unseres gesch. Mitarbeiters, obwohl seine Anschauung in manchen Punkten von der Redaktion nicht geteilt wird. Politik und Taktik sind gleichermaßen Formen, in welchen die Interessenvertretung einer Gruppe erfolgen kann. Dennoch sind beide wesentlich geschieden. - Politik und Taktik können oft dasselbe sagen, wollen oder tun — und dennoch steht ein Entweder—oder zwischen ihnen. Politik ist nicht denkbar ohne eine unverrückbar gerade Linie, Taktik ist sprunghaft, von Tageseinflüssen allein beherrscht Politik kann Taktik nicht entbehren; sie benutzt sie alsdann, ohne daß sie dadurch aufhören würde, Politik .zu sein. Taktik aber kann für sich bestehen, ohne Politik zu sein: Dann ist es leicht ihre Hohlheit und Unwahrhaftigkeit zu erweisen. Wir Juden haben, um es imbeschönigt auszusprechen, zur Vertretung unserer an das Galuth geknüpfteu Interessen bisher nur die Taktik gehabt So eindeutig unsere Politik in Hinblick auf Palästina war, so vieldeutig ist unser Verhältnis zu den Umvölkern im Galuth. Dieser Zustand ist unhaltbar und wir müssen versuchen, über . die Taktik liinaus zu jenem obersten Leitsatz zu gelangen, der eine allgemeine, einheitliche jüdische Politik zu schaffen 'vermag. Politik ist ein System von Verhandlungen, aufgebaut auf dem Prinzip von Leistung und Gegenleistung. Zu Verhandlungen schreitet man gewöhnlich nur dann, wenn man nicht die (materielle oder moralische) Macht hat zu diktieren. Daraus geht hervor, daß der Gegner, von dem man mittels der Politik etwas erreichen w®, nicht •nur - nicht der Schwächere, sondern gewöhnlich — und das trifft insbesondere für die Juden zu — der Stärkere ist. Will man nun bei' einem solchen Gegner Erfolge erzielen, so ist es nicht damit genug, daß man Ihm jene Leistung, bezw. Gegenleistung v e r s p r i c h t, ohne welche keine politische Vereinbarung denkbar Ist, man muß zunächst das Zutrauen erwecken, daß das Versprechen ernsthaft ist — und nicht allein aus den Tageseinflüssen hervorging. Somit ist Stabilität nicht nur begriffstheoretiscb das Unterscheidungsmerkmal der Politik gegenüber der Taktik, sondern sie ist auch bereits eine Brücke zum Erfolg. Das Zutrauen allein reicht noch nicht aus, -jene Atmosphäre des Wohlwollens zu schaffen, ohne welche keine Politik etwas erreichen kann. -Zum Zutrauen tritt das Vertrauen. Politik muß -das Gefühl der Wahrhaftigkeit verbreiten — und auch das unterschiedet sie von der bloßen Taktik. — Der oberste Leitsatz einer Politik muß . demnach so beschaffen sein, daß er auch dann nicht in' den Verdacht der rein taktischen Zweckmäßigkeit gelangt, wenn die Taktik zufällig auch nach ihm greifen sollte. Dies wird gerade beim jüdischen Problem Idar werden. Die Aufteilung' der Juden auf alle Völker bringt es nahe, daß der oberste Leitsatz der Jüdischen Politik das Prinzip der unbedingten Neutralität in allen Streitfragen dieser Völker sein müsse. Zu dieser Neutralität kann man aber, und gegenwärtig allzu leicht, jauch aus rein taktischen Gründen kommen. Das zeigt sich gegenwärtig in manchem jener Gebiete, in welchem die Herrschaft auf eine andere Nation überging; wenn daher die nationaljüdische Politik am Prinzip der Neutralität festhalten will, muß sie es so in die Erscheinung treten lassen, daß jede Verwechslung mit Tagestaktik und jede Verdächtigung unmöglich gemacht wird. Das ist nur möglich, wenn es gelingt, das Prinzip als im Wesen des jüdischen Organismus unlöslich ver-, wurzelt nachzuweisen. Wir sagen ausdrücklich: im jüdischen Organismus. Es wäre möglich, zu sagen: im jüdischen Nationalismus. Auch dies wird versucht und die Unverwendbarkeit des auf diesem Wege abzuleitenden Prinzipes muß zunächst erwiesen werden, bevor wir zum ersteren 'zurückkehren. Der jüdische Nationalismus ist eine Bekundung des Anspruches, daß jede nationale Minorität sich in Freiheit ihr Leben selbst bestimmen solle Hieraus wäre zu folgern, daßdie Jüdische. Nationalpolftik in allen Ländern mit der Politik der jeweiligen Minoritätenvölker solidarisch vorzugehen habe. Auf solche Weise wäre der jüdische Nationalismus gehalten, sich nicht nur mit dem Schicksal anderer Völker schlechthin zu belasten, sondern unterschiedslos, nur um des Prinzipes willen, auch für solche Völker einzutreten, die, wie das polnische, keines Juden Unterstützung rechtfertigen. Ueberdies wäre.unvermeidlich, daß der jüdische Nationalismus, wiederum mir des reinen Prinziper wegen, bald gegen ein Volk agitierend, bald für dasselbe Volk werbend auftreten würde: So müßte er in Böhmen sich mit den Deutschen gegen die Tschechen, in Deutschösterreich; mit den Tschechen gegen die Deutschen verbinden. Die Folge wäre, daß ihm überallnur Feinde, .keine Freunde entstünden. Denn der allen Völkern eigene Antisemitismus sorgt wohl dafür, daß man rasch vergißt, welche Dienste die Juden im Ausland leisten, und. dafür desto deutlicher behält, wie listig sie sich im Inland machen. Dieses Prinzip würde uns also in die Kämpfe -der Völker hineinmengen, würde uns zur Aufgabe -der Neutralität und zur denkbar ungünstigen Parteinahme'zwingen und uns in jedem Staate auf die Seite der Opposition-drängen. Es gibt noch eine zweite, nicht minder unzweckmäßige Möglichkeit, den obersten Leitsatz aus dem Wesen des Nationalismus abzuleiten. Diese besteht darin, daß. mau die gedankliche Trennung der Begriffe „staatszugehörig“ und „natkmszu®ehörig“ in den Vordergrund stellt und die Loyalität der Juden als Staatsbürger zum ürundprinzipe der jüdischen Politik erhebt. Theoretisch, leicht zu verteidigen, führt diese These ih der, Praxis zu Unzukömmlichkeiten. ließe sieh verwirklichen in Zeitendes Friedens, solange die Staaiskörper festbestimmte Größen bleiben, sie scheitert aber, sobald die Grenzen ins Wanken geraten. Da entstehen strittige Gebiete und die treuen. Staatsbürger wissen monatelang nicht, nach welcher Seite sie ihre Loyalität beteuern sollen. Gewöhnlich gibt hier ein Zweckmäßigkeilsgrund den Ausschlag, ein Zeichen, wie auch dieser Weg von der Politik ab und zur Taktik hin führt und statt der Neutralität eine (meist teuer bezahlte) Parteinahme mit sich bringt. Berne Versuche also, das oberste politische Prinzip aus dem Wesen des Nationalismus aibzuieiten, münden in -unhaltbaren Situationen, weicne nein ernstiialter Politiker verantworten 'Kann. Gehen wir indessen vom jüdischen Organismus aus, so werden wir sehen, daß sich das von uns erstrebte Prinzip der Neutralität aus ihm nicht nur abieiten iaht, sondern daß es in seinem Wesen lest verankert liegt. Der jüdische Organismus besteht aus lauter Minoritäten ohne territoriale Ansprüche sowie ohne Oie Macht, auf territoriale Fragen entscheidend Einiluß zu nehmen. Was er territorial will, liegt jenseits des Galuth in Palästina und die aui dieses Ziel gerichtete völlig eindeutige Politik dös ■ jüdischen'- Nationalismus bleibt! hi-er auiier' Diskussion. Es gibt aber keine Minorität außer uns, die nicht irgendwo, wenigstens gegenwärtig, auch territoriale Ansprüche stellen würde. Damit er- ■ weisen sich unser"e~nationalen Ansprüche als grundverschieden von denen der anderen Völker und wir haben nicht nur die Möglichkeit, eine auch nur rein gedankliche Solidarisierung mit anderen Völkern unter Hinweis auf die Verschiedenheit des Minoritätenprinzipes hier und dort zu vermeiden, sondern es ergibt sich auch für uns die Notwendigkeit, das Prinzip der unbedingten Neutralität. in allen territorialen Streitfragen kraft seiner Verankerung im Wesen des jüdischen Organismus zum obersten Prinzipe der jüdischen Politik zu erheben. Um diese Neutralität -Zu retten, ist es sogar e riorderlich, auch aui jegliche rein ideelle Solidarität zu verzichten, da diese uns unweigerlich in territoriale Streitigkeiten einmengen würde. Damit hätten wir das Prinzip der Neutralität als obersten Leitsatz der jüdischen Galuthpolitik abgeleitet und es so fest mit dem Wesen des jüdischen Organismus verknüpft, daß es gegen den. Verdacht reihe*:- Taktik geschützt bleibt Lai . jüdische Programm hätte nun etwa so zu lauten: Au -den territorialen Streitfragen haben .wir als jüdische Nation kein Interesse. Auch haben wir keinerlei Einfluß aui ihre Regelung. Wir verhalten uns also still, unbeteiligt, neutral bis zur Entscheidung. Die: Bestimmung, zu welchem Staate wir morgen . zugehörig sein werden, müssen wir Euch überlassen. Beteiligt sind wir nicht daran. Habt ihr euch einmal geeinigt und uns unseren Platz angewiesen, so werden wir alsdann loyal dem Staate als Bürger dienen und auf dieser Grundlage unsere nationalen Landesinteressen vertreten. Auf den Schlußsatz ist deshalb Gewicht zu legen, weil von anderer Seite völlige Abstinenz ln allen Fragen der allgemeinen Politik gepredigt wird. *) Es ist unsinnig, von den Nationaljuden unter Hinweis darauf, daß sie ja selbst die Autonomiefür sich erstreben, eint Stimmenthaltung bei den Wahlen zur Nationalversammlung zu verlangen. Eine solche Auffassung kann nur auf völliger Unkenntnis der nätronalitätentheorefciscihen Literatur basieren. Die allgemeine Politik haftet nicht an dem Einzelnen als Mitglied, einer Nation, sondern als Bürger des Staates. Es ist nicht nur Recht, sondern Pflicht jedles Staatsbürgers, garaz gleich welcher Nation, sich an den allgemeinen Staatsgeschäften zu beteiligen und lediglich auf Grund-, läge des allgemeinen Fundamentes dann die besonderen nationallen Forderungen zu vertreten. Wenn Erich Cohn anderer Ansicht ist, so bleibt diese völlig subjektiv; sie läßt sich jedoch 'keines-' wegs mit jenen theoretischen Grundlagen vereinen, auf welchen der Zionismus basiert. ■ Darum irrt auch Paul Nathan, wenn er (im Berliner Tageblatt) für dGase „Leichtherzigkeit dilettdereuder Politiker“ düle. Jüdische Rundschau oder gar den Zionismus an sich verantwortlich, macht 'RUNDSCHAU Deutschland * Vom Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Zur jetzigen Lage der Juden in Deutschland ist die folgende Stelle aus einem Zirkular des „Zenfralvereines deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ charakteristisch, das jetzt versendet wiTd. „Das Judentum - steht einer ungeheuren Sturmflut des Antisemitismus gegenüber, die alles und alle zu verschlingen droht. Die Ereignisse, auf «Me wir hier anspielen, sind wohl jedem .bekannt Einzelheiten mitzuteilen, erübrigt rieh daher. Sollte ein Mitglied jedoch den Wunsch nach näheren Ausführungen . *) Erich Cohn in der „Jüdischen Rundschau" vom 24. Dezember 1918. haben,: so sind wir gern bereit ihm ausführliche Mitteilungen zugehen, zu. lassen. •Zugleich mit der Stunde der höchsten Not des Vaterlandes hat auch düe Stunde höchster Gefahr für «ias Judentum geschlagen. Deutsche Juden'— helft — rettet, solange es nicht zu spät Istl Zur Abwehr .den heranbrandenden Sturmwelle brauchen wir einen Schutzdamm an» Geld (!). Gebt, gebt schnell, gebt; was Ihr irgend entbehren könnt! Bedenkt, jede Mark, die Ihr - uns gebt, gebt Ihr Euch selbst zum Schutz Eures Heims, Eurer Frauen, Eurer Kinder! Denkt an- Warschau, denkt an Lemberg!“ Aber derselbe „Zentralverein“ hat erst neur lich gegen den Zionismus und gegen andere Geltendmachung jüdischer Sonderinteressen protestiert, weil dies den Antisemitismus — erwecken konnte 1 Ungarn 91 Eine neue jüdische Wochenschrift ln Siebenbürgen. Zur Interessenvertretung des „Siebenbürgischen jüdischen Volksverbandes“ erscheint eine neue Wochenschrift unter dem Titel „Uj Kelet“ („Der neue Osten“) Polen * Das Dilemma der polnischen Eroberer. Die „Times“ bringt am 1. Jänner unter der Ueberschrift: „Lemberg oder -Wilna“ einen Bericht ihres Warschauer Korrespondenten mit folgendem Inhalt: „Der polnische Generalstab steht vor seiner schwierigen Frage — Wilna oder Lemberg? Die Polen haben nichtgenug Waffen für beide Aufgaben, nichtsdestoweniger stellen sie zahlreiche Soldaten auf.“ Inzwischen wird gemeldet, daß Lemberg bereits von den Rutbenen umzingelt'sei, so daß ein eipeirter Kampf um,die Stadt bevorstehe. Die. jüdische Bevölkerung sieht den Ereignissen mit größter Besorgnis entgegen und fürchtet, daß die Polen, falls sie zum Abzug genötigt werden sollten, wieder «Me gleichen Pogrome veranstalten werden, wie seinerzeit anläßlich ihres Einzuges. . . Unterdrückung des „Nowy Dziennik“ Dem jüdisch - polnischen Tagblatt „Nowy, Dziienmik“ in Krakau ist auf Veranlassung des polnischen Armeeoberkommandos für Galizien und Schlesien das Postdebit entzogen worden. Bereits seit einiger Zeit liegen Nachrichten vor, nach welchen polnische Eisenbahnbeamte usw. den Versand dieses Blattes bei jeder Gelegenheit verhinderten und die Zeitungsballen verbrannten. Statt diesem Terror der Bevölkerung Einhalt zu tun, sanktionierte die polnische Regierung das Vorgehen nunmehr offiziell. Mttsolchen Mitteln, welche ah ‘die’ reaktionärste Zeit der Kriegsjahre erinnern, glauben die Polen die Presse unterdrücken zu können. Der „Nowy .Dzienmk“ bat daraufhin das Erscheinen eingestellt. Es stellt den Polen vor der ganzen Welt «ias gebührende Zeugnis aus und spricht mehr als alle Anklagen, daß sie «iie einzige jüdische Stimme in der Oeffentlichkeit so fürchten, daß sie sie mit brutalster Gewalt unterdrücken. Es wird nichts nützen. Ukraine * Pogrome in der Ukraine? Die polnische Telegraphenagentur verbreitet Meldungen über angeblich ’ in der Ukraine vorgekommene Pogrome größeren Umfanges. Eine Bestätigung dieser Nachricht liegt noch nicht vor. Die Quelle, aus welcher sie stammt, mahnt zur Vorsicht Die Polen haben anscheinend zu spüren bekommen, welch nachteilige politische Wirkungen «öe Veranstaltung von Pogromen für ein Volk im Ausland hat; und versuchen nun ihrerseits den Ruthenen auf diese Weise Sn den politischen Kreisen der Entente zu schaden. Rußland * Vereinigung der. Juden Rußlands. Das „Jüdische Konespondenzbjfcyii Bern - Zürich“ teilt mit:' Im Zusammenhang mit den letzten Ereignissen tauchte in jüdischen politischen Kreisen der Gedanke auf, diie Tätigkeit der jüdischen Zentralorgane, «iie in den Einzelstaaten des ehemaligen russischen Territoriums entstanden sind, zu koordinieren. Das jüdische Nationalsekretariat beschloß zu diesem Zwecke eine permanente Beratung der jüdischen Zentralorgane Großrußlands, der Ukraine, Litauens und Weißrußlands zu schaffen. Diese Beratung soll später' eine Vertretung wählen, die bevollmächtigt wäre; im Namen des russischen Judentums aufzutreten, um seine nationalen und politischen Forderungen durchzuiüliren. . ’ . Frankreich * Die französischen Ansprüche auf Syrien. Die französischen Blätter erwecken den Eindruck, daß die, bereits gemeldeten Differenzen zwischen Frankreich und England hinsichtlich der Abgrenzung ihrer beiderseitigen Ansprüche in Kleinasien weitgehender Art sind. Der „Matin“, das „Journal des Debattes“ und andere Blätter entfalten eine rege Agitation für eine enge Verknüpfung der Republik mit Syrien; die Handelskammer der Stadt Marseille, welcher . insbesondere aa einem regen Handelsverkehr zwischen Marseille lind Syrien gelegen ist, beruft einen syrischen Kongreu ein. Die Leitungen lassen sich Sympathiekumigebimgen von Syrern ta Frankreich wie auch in Amerika telegraphieren, hach welchen die Syrer selbst verlangen, unter französisches Protektorat gestellt zu werden.

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