Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 13 (1919)
- Issue
- 2 (10.1.1919)
- Date
- 1919-01-10
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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äeite 4 JÜDISCHE, ZEITUNG Nr. 2 Die zionistische Konferenz, die vom 3. bis 8. Dezember in Wilna tagte, stellte in der allgemeinen jüdischen Frage die bekannten nationalen and zionistischen Forderungen auf und forderte die Schaffung einer jüdischen Vertretung in Form eines jüdischen Weltkongresses und nationaler Vertreterschaften aller Länder. / In bezug auf Litauen faßte die Konferenz folgende Beschlüsse: 1. Die Konferenz begrüßt den Aufbau von Litauen als freien, demokratischen Staat auf Grund der vollen Gleichheit und national-personalen Selbstverwaltung der Völker. 2. Die gegenwärtige Taryba als eine Anstalt, die nicht auf demokratischer Grundlage gewählt ist, kann nicht als die legitime Vertreterschaft der Landsbevölkerung gelten. 3. Da aber die dringendste Forderung des Augenblicks die Aufnechterhalihmg der Ruhe und Ordnung im Lande wie auch die rasche Einberufung der Gründungsversammlung auf Grund des sechskantigen Wahlsystems' ist, so erkennt die Konferenz an, daß die Taryba das Recht und die Pflicht hat, die Erfüllung dieser Auigabe auf sich zu nehmen. 4. Bis zur Einberufung der Konstituante halten wir die sofortige Einberufung einer demokratischen Konferenz mit Proportion ei! er Vertreterschaft aller Völker im Lande für zweckmäßig. 5. Die Beteiligung jüdischer Vertreter in der gegenwärtigen Taryba finden wir nur unter folgenden Bedingungen zulässig: " a) Die Taryba pflichtet unserer Meinung über die Grenzen ihrer Kompetenz bei: b) die Taryba erklärt, daß sie bereit ist, allen Völkern im Lande proportionelle Vertreterschaft zu gwähren; c) die Taryba erklärt, daß sie der Gründung von jüdischen Gemeinden sowie der Einberufung eines jüdischen Kongresses in Litauen unter Schaffung besonderer Organe unserer nationalpersonalen Autonomie in Litauen kein Hindernis in den Weg legen wird. 6. Die jüdischen Vertreter in der Taryba und in der provisorischen Regierung sollen durch eh» Konferenz von Abgeordneten der jüdischen Gemeinden gewählt werden. Da aber die Teilnahme von Juden in den Landesorgahen dringend notwendig äst, hält däe Zionistische Konferenz denprovisorischen Eintritt der Juden in die Taryba und ihre Exekutive für möglich, mit der Maßgabe, daß die Vollmachten dieser Juden am Tage des Gemeindkongresses automatisch aufhören. , Parteitag der Jüdisch-sozialdemokratischen Arbeiterpartei Poale- Zion in Polen In der Zeit vom 19. bis 24. Dezember tagte in Warschau der erste öffentliche Parteitag der jüdisch-sozialdemokratischen Arbeiterpartei Poale- Zion in Polen. Erschienen wären 150 Delegierte? sowie eine große Zahl von Gästen aus Rußland, Galizien, Oesterreich und Deutschland. Aus dem Bericht des Sekretärs war zu ersehen, daß trotz der schweren Beschränkungen durch die Okkupätionsbehörden' und der unerhörten Strafen für politische Arbeit die Partei mehr als 150 Organisationen mit 12.000 Mitgliedern aufweist. Auf der Ta*, sordnnng des Parteitages standen wichtige politische Tagesfragen, zu denen ausführlich begründete Resolutionen gefaßt wurden. Der Parteitag sprach-sich für die Teilnahme an den -Wahlen zur polnischen Konstituante aus, erklärte jedoch schärfste Opposition. gegen die derzeitige polnische Regierung, die in ihrem Wesen antidemo- - kritisch ist. Zum Punkte Palästinaarbeit wurde beschlossen, eigene Emigrations- und Iniormationsbureaus zu errichten, die die planlose Emigration in geregelte Bahnen l enken sollen? Dem allweltlichen Verbandbureau der Poale-Ziou wurde der Dank und die. Anerkennung für die während der Kriegsze' -leistete Arbeit ausgesprochen und das Verl Jbureau gleichzeitig aufgefordert, die bereits ergriffene Initiative zur Einberufung eüies allweltlichen jüdischen Arbeiterkongresses energisch fortzusetzen. Die Aufgaben der jüdischen Delegation (Gespräch mit Rechtsanwalt Grusenberg.) Das ukrainische Judentum wählte, wie wir bereits berichteten, eine fünfr-;ge Delegation zum Friedenskongreß, der!er bekannte Rechtsanwalt Grusenbe. -? angehort Ueber die Aufgaben dieser Delegation befragt äußerte sich Grusenberg folgendermaßen: In manchen Punkten, die die inneren Angelegepheiten des russischen Judentums betreffen, bin ich . anderer Ansicht als die Zionisten. In einer Beziehung jedoch befinde ich nfifch ganz auf ihrer Seite, und zwar hinsichtlich Palästinas, das meiner Meinung nach die wesentliche Arbeit der Delegation am Friedenskongreß bilden wird. Es ist eine betrübende Erscheinung, daß die linken Parteien Palästina entgegentreten. Wer sich den jüdischen Massen nähert und sie kennen lernt gelangt zur lifcberzeugimg. daß das ganze jüdische Volk die Errichtun.. seiner Heimstätte erstrebt Schließlich werden auch die sozialistischen! Parteien im Judentum d-n Nutzen unserer Arbeit zugunsten unseres Vaterlandes erkennen? Da:... «erden diese vielleicht die ersten sein. die hingeben wenden, um sich für die arbeitenden jüdischen Massen zu betätigen. Die jüdische Delegation in der Ukraine ist die erste der LänderdeäegatiOa - soll trotzdem nicht müßig äbwarten, bis die Delegationen der übrigen Länder eingesetzt sind. Sie muß sofort an die Arbeit und sich zugleich mit den nationaljüdischen Organen in den anderen Ländern verständigen um. mit ihnen gemeinsam zu wirken. In den nächsten Tagen wird -die 'Delegation der ukrainischen Juden an die Vertretungen Frankreichs, Englands, Amerikas und Italiens sowie an die ukrainische Regierung herantreten Die Delegation wird Sich auch Sprachrohre in den jüdischen und europäischen Sprachen scliaffen, die die jüdischen Forderungen an den Friedenskongreß propagieren sollen Sie wind sich auch mit den politischen Persönlichkeiten in Rußland ins Einvernehmen setzen und sich vi eil eicht auch nach Jassy wenden müssen Die übrigen Fragen, soz. B. die wichtige Frage der Personaiautonomie, werden dann geklärt wenden, nachdem der Friedenskongreß bereits zustande gekommen sein wird. Die letzte Warnung Nach seinem letzten Artikel im „Wiek Nowy“, den wir seinerzeit auszugsweise wiedergegeben haben, richtete jetzt der bekannte Führer der Assimilanten Dr. Tobias Aschkenase ün Lemberg ©Inen offenen Brief an den General Rozwadowislci, worin ©s u. al heißt: „In Lemberg werden die Juden von der polnischen Bevölkerung wieder drangsaliert und in schlimmster Weise behandelt In der Stadt kommen nach wie vor Räubereien und Mißhandlungen von Juden vor. Dals Versprechen ider polnischen Behörden, Ordnung zu halten und die Juden gegen Exzesse zu schützen, wurde gebrochen. Ich warne.die 'polnischen- Behörden zum letzten Male. Falls der grausamen Judenhetze kein Einhalt geboten werden sollte, würden alle Juden, die sich bis jetzt für Polen hielten, der polnischen Gesellschaft demonstrativ den Rücken wenden und sämtliche Aemter niederlegen. Sie werden auch in die Weit einen mächtigen Protest hinausschreien. Das Maß ist bald voll“. Wie schrecklich muß die Lage der Juden in Lemberg sein, wenn auch schon den Assimilanten das Maß voll scheint und sie mit solchen Warnungen in die Oeffentlichkeit treten. RUNDSCHAU Tschecho-Slowakische Republik * Die iüdis'chetfTiüchtllnge'in Böhmen. Das Jüdische Kornaspoatdtemzbiireau Bem-Züridh berichtet: Nach einer Meidling der „Monrting Post“ vom 20. Dezember halt Professor Masaryk, der Präsident der .tschechoslowakischen Republik, auf Grund , von persönlichen Vorstellungen seitens des Zfcmfetemührers Naihum Sokoiow Instruktionen, erteilt, den Ausweisungsbefehl gegen die nach Böhmen geflüchteten 17.000 gatizäsclhen Juden definitiv aufzuheben, dla deren Abschiebung nach GaSzfen .unter den gegenwärtigen Umständen eine außeroiKientiäche Härte, bedeuten würde. * Die Union der mitteleuropäischen Völker und das jüdische Volk. Das Prager Jüdische Pressebureau teilt mit: An der Union der mitteleuropäischen Völker, von der Präsident Masaryk in seiner Botschaft vom 22. Dezember Erwähnung tat und für die bisher zwölf Völker gewonnen wurden, nimmt auch das jüdische Volk teil. Auf dem Kongreß der unterdrückten Nationalitäten, der vor einigen Monaten in .Philadelphia unter dem Vorsitz des Präsidenten Masaryk stattränd, war das jüdische Volk durch zionistische Delegierte vertreten. Jugoslavien Ausschreitungen gegen Juden in Kroatien und Slawonien. Wie erst jetzt bekannt wind, kam es zu Beginn des Umsturzes in Kroatien und Slawonien in den meisten Provänzorten zu Plünderungen jüdischer Kaufläden und' zu Ausschreitungen gegen jüdische Grundbesitzer durch die van bolschewistischen Soldaten geführte Dorfbevölkerung. Die Plünderungen der Juden erfolgten unter dem Verwandle des jüdischen Wuchers und des magyanisiief enden oder genmamSsterenden Einflusses der Juden. In den folgenden Tagen nahmen dtie Ausschreitungen allerdings einen allgemeinen Charakter am. — Namentlich däe jüdischen^ 'Bewohner von Bad Daruvar, Naschitz, Neu-Gradiska, Pankratz und , Poschega' wurden in Miitfekfenschäft gezogen. Zahlreiche Juden aus der Provinz begaben sich nach Zagreb, um wenigstens ihr Leben zu netten. Dontselbst sowie in Bosnien herrschte Ruhe. ' ' Polen . * Konferenz der Orthodoxen in . Warschau. Die Konferenz der Orthodoxen in Warschau verlangt in ihrer Resolution u. a. die Anteilnahme der reügir-cu Juden auf dem Friedenskongreß bei detijt' : h .Beratungen, ' bei welchen die Paiästinafrage behandelt werden wird. Die Kon- . ferenz beschloß eine Registrierung derjenigen Juden, die sich -nach Palästina begeben' wollen, Vornahme einer intensiven Kolonisatipnsarbeit aufgenossenschaftlichen Grundlagen, Gründung eines Paiästinafonds, um Juden, die kein eigenes Kapital besitzen, die Reise nach Palästina zu ermöglichen, Gründung einer Agrarbank in-Palästina, Entsendung einer Delegation der Orthodoxen nach Palästina, ran Beziehungen mit den dortigen Orthodoxen anzuknüpfen, Gründung entsprechender Institutionen, um die orthodoxe Jugend Handwerk und Ackerbau zu lehren. Die Palästinaarbeit führt die orthodoxe Partei selbständig nach den Weisungen des „Rates .der Talmudisten“. * Sprachpogrom ln Tarnow. ln den Straßen Tamöws ist de den letzten Tagen ein. vom 3. Dezember .datiertes und vom Kommando der Bürgerwache imterzeächnetes Plakat folgenden Wortlautes erschienen: Ein Teil des Publikums hat sich bisher, ostentativ der Sprache unserer Feinde bedient Um Konflikte zu vermeiden, die durch ein derartiges provokatorisches Vierhalten entstehen könnten, verbieten wir den Gebrauch dier deutschen oder einer dir ähnlichen Sprache in den Straßen und öffentlichen Lokalen Tarnows. Der Erlaß ist selbstverständlich gegen die jüdische Bevölkerung gerichtet die 50 Prozent der Bevölkerung ausmacht und sich, wie bekannt, des Jiddischen als Umgangssprache bedient. Ungarn * Eine jüdischnationale Vertretung im ßa- .later Volksrat. Das Jüdische. Preßbureau in Budapest meldet: Neben den Rumänen, Serben und Magyaren erhalten auch die Juden eine _ proportionale Vertretung im Banater Volksrat. * Auch ein Zeichen der Zeit. Die seit 32 Jahren im Budapest erscheinende tägliche „Allgemeine jüdische Zeitung“,' d'as Organ dier ungarischen Orthodoxie, isit inden Besitz dier ümgiarischen Misrachii-0 rganisafcoai übergegangen und wird nunmehrdurch den seämerzeitigen Redakteur der „Welt“, Dr. Moritz Zobel, redigiert. * Irreführende Statistiken. Im ungarischen Organ „Mairmaros“ erschien eine Statistik, welche für Marmaros-Sziget 3100 Juden ' ausweist, während 50 Prozent der 22.000 Einwohner zählenden Stadt Juden sind. * Organisierung der orthodoxen Juden Budapests auf nationaler Grundlage. Der meugegriindete Verein- „Bachure-ili-srachi“ (Misrachi-Jünger), der bereits mehrere hundert Mitglieder zählt, ist daher berufen, dte großen Massen der konservativen Jugend' auf jüdischnationader Grundlage zu organisieren. . Ukraine. * jüdische Weltkonferenz. Das Jüdische Preßbureau in Kiew meldet: Laut Beschluß der jüdischen Nationalversammlung in der Ukraine unternahm das jüdische Nationalsekretariat die ersten Schritte zur Vorbereitung der jüdischen Weltkonferenz, die endgiltig die Forderungen des jüdischen Volkes an-die Friedenskonferenz formulieren und für ihre Verteidigung eine nationale Repräsentation. schaffen . .soll. Das Sekretariat; wandte sich'mit einem Rundschreiben, an die Präsidien der Hauptstadtgemeinden Polens utid~ Westrußlands, wie auch an die Zentrale der jüdischen Organisationen Litauens mit dem Vorschlag, in kürzester Frist die Nationalversamm-. lungen auf demokratischer Grundlage einzu- ' berufen, um Beschlüsse über alle Fragen des jüdischen Lebens zu fassen und Vertreter zur jüdischen Weltkonferenz zu wählen. Sobald der Bahn- und'Telegraphenverkehr hergestellt sein wird, wird das / Nationalsekretariat denselben Vorschlag auch an die Judenheit Deutschlands, Englands, Amerikas und ' aller anderen Staaten richten. ' * Das erste jüdische Schiff unter nationaler Flagge. Wie Odiessaer Zeitungen berichten, begann zwischen Jaffa und Konstantinopel das erste Schiff, mit national-jüdischer Flagge zu verkehren. Außerdem wind aus Odessa gemeldet, daß sich eine Gruppe von Odessaer Juden,’ die Schiffseigentümer smd, an das Oberkommando dier KoaMtiomsaranee mit dier Bitte gewandt hat, zu gestatten, daß auf der Linie Odessa—Konstantinopel—Jaffa ein Schiffsverkehr unter nationaljüdischer Flagge eingerichtet werden dürfe. Fürs erste ist düe Ausfahrt von zwei Personendampfem geplant. - Rußland * Vereinigung der Juden Rußlands. Im Zusammenhänge mit den letzten Ereignissen tauchte,. wie das Jüdische Preßbureau in Kiew meldet, in jüdisch-politischen Kreisen der Gedanke auf, die Tätigkeit der jüdischen Zentralorgane, die' in den Einzelstaaten des ehemaligen russischen Territoriums -entstanden sind, zusammenzufassen. Das jüdische Nationalsekretariat beschloß, zu diesem Zwecke eine permanente Beratung der jüdischen Zentrajorgane Groß - Rußlands, der Ukraine, Litauens und West-Rußlands zu schaffen. Diese Körperschaft soll später eine Vertretung wählen, die bevollmächtigt wäre, im Namen des rußländischen Judentums aufzutreten,' um seine nationalen und politischen Forderungen durehzusetzeru - . Die rassischen Juden für die hebräische Universität. Um das notige Material für däe Jerusalemer (hebräische Universität vorzdberelten, hat ein '.Zentralkomitee der russischen Zionäs tischen Organisation ein spezielles Komitee gewählt, das sicih’ aius den Herren J. D. Bruizkuis, A. -B. Salfcind, - A. D. Melson, R. B. Rubihsfeiri, Sahil Tscfaernjchowsky znsammensetzt Ferner wurde je ein Vertreter der 'Redhits-, medizinischem, technischen und' 'Phitasopbiisdhen Fakultät dier Organisation. In dlais Komitee gewählt Me Gesellschaft „Mada“ hat -Ihre' Tätigkeit wnleder Eingenommen und! bereitet wissensdhaftffichle iheihrääsche Wörterbücher - .und die Uebersetzumg wüssensdbalftlidher Werke ihis Hebräische vor. In Moskau wunde eine jüdische, philosophische Gesellschaft gegründet ran die philosophische Fakultät an der Universität, venzubenelten.