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Jüdische Zeitung · 1919-01-10 · 2 (10.1.1919) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
13 (1919)
Issue
2 (10.1.1919)
Date
1919-01-10
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 2 Seite 3 JÜDISCHE ZEITUNG national, kulturell und politisch sich, zu entfalten, kurz, die Bewegung, die wir mit dem Namen Zionismus bezeichnen, waren der Gegenstand der Verhandlung dies Eröffnungsabends. Man nraß anerkennen, daß man diese Bewegung nicht unterschätzen darf, und es wäre ein Fehler, es zu übersehen. In unserer Republik, wo durch den Mund des Präsidenten Masaryk Worte gesprochen wurden, gewichtig wie ein Gesetz, alle wollen wir Menschen sein — Einzelne und Nationen, werden wir dieser Bewegung nicht entg egentreten können, im Gegenteil, wir werden mit ihm oft, wenn nicht dauernd, rechnen müssen. Der Eindruck, den man aus den Verhandlungen und dem ganzen Verlauf der Versammlung gewinnen konnte, hat diese Worte nachdrücklichst bestätigt' Und die Juden sind bekannt als zähe Rasse, und ein unnötiger Kampf gegen sie wäre der Republik nicht zum Vorteil. Durch den Bankerott dies Weltkrieges, die neugeschaffene staatliche und politische ja auch wirtschaftliche Konstellation^ durch die heuen Ströme, die die Welt ..durchwehen, wurde ihre Bewegung unterstützt und wesentlich verstärkt. Und man muß auch anerkennen, daß die Bewegung auch starke ethische Momente und starke demokratische urifl sozialistische Komponenten hat. Ein volles nationales Leben wird ihnen allerdings bei ihrer Zerstreuung kaum jemals erreichbar sein, jedoch eine gewisse Autonomie, verkörpert in ihren Kuitusgemefinden, welche sich in Volksgemeinden verwandeln würden, ist mögßch, und könnte ihnen nicht verweigert werden. * Und abgesehen davon, auf dem Eröfimmgsabend trat unter den Anwesenden so viel Begeisterung, so viel innere Kraft und Leidenschaft für ihre Sache, so viel aufrichtiges und energisches Streben Unkundige zu informieren, zutage, daß in dem Beobachter, selbst wenn er mit einem gewissen Vorurteil gekommen wäre, <Kese Bewegung Hochachtung und Wertschätzung erweckt Jede Nation, selbst eine geschichtslose, hat das Recht, zu leben und sich auszuleben, es geht daher nicht än, sich dagegen zu stellen, wenn auch die jüdische Nation dies anstrebt. Uebrigens hat die Versammlung bewiesen, daß die Juden im tschechoslowakischen Staat vorbereitet sind, sich zum Leben anzumelden, und uns Sozialisten kann es freuen, daß bei den Verhandlungen auch der sozialen und sozialistischen Fragen gedacht wurde und ihre Lösung mit starkem Nachdruck als Voraussetzung eines geordneten Aufbaues unserer Republik bezeichnet wurde.“ Hierauf folgt ein Bericht über die Versammlung. Wir bringen diese bemerkenswerte Aeußerung des „Prävo lidtt“ schon deswegen, weil sie beweist, mit welcher Objektivität und welchem ehrlichen VerständlgungswiUen die tschechoslawische. Sozialdemokratie dem jüdischen Nationalismus gegenübersteht. Allerdings -ist sie hierin mit allen großen sozialistischen Verbänden der Internationale, deren Führer Branting, Huysmans, Thomas, Henderson usw, sich wiederholt rückhaltlos für unsere Idee ausgesprochen haben, einig. Nur die deutschösterreiehische Sozialdemokratie bildet eine Ausnahme. Es scheint, als ob die Reaktion aus Deutschösterreich nicht schwanden dürfe und daß sogar innerhalb, der internationalen Sozialdemokratie die österreichische Gruppe diese echt österreichische Aufgabe übernommen hat. Oesterreich hinkt immer nach. Die österreichische Sozialdemokratie wird die Wahrheit des Zionismus erst anerkennen, wenn dieser Akt der Anerkennung durch Zeit und Umstände bedeutungslos geworden sein wird. Eine bewegte Plenarsitzung des Wiener Kultusvorstandes Wir erhalten folgenden Bericht: Freitag, den 3. d. M. erhielten die Mitglieder des Vorstandes eine Einladung zu einer Plenarversammlung für Sonntag, den 5. d. M. mit der Tagesordnung: Wahl des Präsidenten, des 1. und 2. Vizepräsidenten und von 8 Mitgliedern des Vertrelerkollegiums. Mußte schon die ungewöhnlich überstürzte Einberufung wundernehmen, so war noch auffallender, daß die Permanenz- Korrfüiission, in deren Pilichtenkreis der Vorschlag eines neuen Präsidenten gehört, in der aber die . diesbezügliche Beratung von den Offiziellen mit dem Hinweis darauf, daß sie keinen geeigneten Mann hätten, immer verschoben wurde, übergangen worden ist. Dieser Empfindung gab zu Beginn der Sitzung Dr. Karl Pollak namens der zionistischen Vorstandsmitglieder und des Herrn Dr. Heinrich Schreiber in kurzen aber kräftigen Worten Ausdruck, und erklärte es, als der Vorsitzende die Sache zu bagatellisieren und so darzustellen versuchte, als ob es sich nur darum gehandelt hätte, dem Plenum in einem Re- Jerate zu erklären, warum von der Wahl eines Präsidenten abgesehen werden solle, als Ausfluß der herrschenden Senilität und des Marasmus in der Kultusgemeinde- . Vertretung, wenn die wichtigsten Angelegenheiten erst verschleppt und dann durchgepeitscht werden sollen. Eine weitere Ausflucht des Vorsitzenden, Herrn Hofrats Rappaport, er habe nicht die Permanenzkommission, sondefit den Nationalrat für zuständig erachtet, über die Prä- ■ sidentenwahl zu verhandeln, wurde von Staatsbahnrat Stricker als unhaltbar zurückgewiesen. Hierauf verlas Hoirat Rappaport - einen Brief, worin er wegen der bezahlten Entnahme von Lebensmitteln aus dem israelitischen Versorgungshaus denunziert wird. Seine Integrität wurde mit allen gegen eine Stimme ausgesprochen, seine Wahl zum 1. Vizepräsidenten erfolgte mit 21 von 2S Stimmen. Bei der Wahl des 2. Vizepräsidenten, als welcher vom Vertreterkollegium Dr. .Wilhelm Pappenheim vorgesehlagen war, entwickelte sich eine lebhafte Debatte, obgleich -Hofrat Rappaport eine Aussprache unter Berufung auf die bisherigen Gepflogenheiten der Kultusgemeinde als nicht zulässig erklärte. Von den Zionisten wurde gegenüber dem offiziellen Kandidaten, der sich nur in negativer Art betätige und jegliches Wohlwollen und wärmere jüdische Empfinden vermissen lasse, Herr Dr. Schwarz-Hill er als Gegenkandidat auigestellt Das Resultat war, daß Dr. Schv. arz-Hiller 6 Stimmen -erhielt, wohl als Dank des Vorstandes dafür, daß er es unternommen hatte, als einziges Vorstandsmitglied für die jüdischen Flüchtlinge aufopferungsvolle Arbeit zu leisten. Als neues Mitglied des Vertreterkollegiums wurde vom Präsidententisch Herr Baurat Kempier in Vorschlag gebracht Herr Doktor K. Schreiber erklärte, daß er, obgleich ein treues Mitglied der Vorstandspartei, doch in seinem Gerechtigkeitsempfinden dadurch aufs tiefste verletzt sei, daß man das jüngste Mitglied des Vorstandes ins Vertreterkollegium entsenden wolle, währenddem man sich nicht scheue, ein altes, hochverdientes-Mitglied desselben Berufes in unverantwortlicher Weise zurückzusetzen. Er könne infolgedessen dem Vertreterkollegium nicht jenes Vertrauen entgegenbringen wie bisher und verlange, daß die ganze Liste der Vertreter vom Plenum. einer Revision unterzogen werde. Herr Dr. Plaschkcs wünschte, obgleich die Opposition persönlich nichts gegen Baurat Kempier habe, die Gründe zu hören, welche das Vertreterkollegium zur Aufstellung def Kandidatur veranlaßt haben. Da erhob sich der 2. Vizepräsident, Herr Dr. Wilhelm Pappenheim, und erklärte, die Kandidatur des Herrn Baurates Kempier sei gar nicht vom Vertretcrkollegium aufgestellt, er wisse nicht, wieso sie plötzlich aufgetaucht sei. Darob allgemeines Schütteln des Kopfes und Wahl des vorgeschlagenen Baurates Kempier. Von wem er eigentlich vorgeschlagen war. blieb ebenso im Dunkel wie das vom Vorsitzenden eingangs der Sitzung versprochene Referat über die Wahl — sprich Nichtwahl! — des Präsidenten. Bei der Verifikation des Vertreterbeschlusses. der dem jüdischen Zentralhilfskomitee K 150.000.— zugesprochen hatte, ergab siclf ein kennzeichnendes Zwischenspiel, indem Herr L'Y. Karl Pollak, welcher als Schriftführer des Jüdischen Zentralhilfskomitees für die Annahme des Beschlusses zu sprechen hatte, erklärte, er könne dies, so gerne er es hätte tun wollen, nicht, weil er nach den Erfahrungen der heutigen Sitzung fürchten müsse, dem Hilfskomitee eine Ablehnung zu bringen, wenn er darstelle, wie gut und nützlich die Sache seil Ob wenigstens das die Herren verstanden haben?- Die Union an der Arbeit Wie die Znstimmungserklärungen „einlangen“.«*. Aus Graz wird uns geschrieben: Auf einer Versammlung der „Union“ in Wien erklärte Herr Dr. Ornstein, „es seien bereits 10.000 Zustimmungserklärungen zum Aufrufe vom 2. Dezember v. J. eingelangt“. Wie solche Zustimmungserklärungen z. B. in Steiermark „einlangen“, sei im nachstehenden ^erzählt: In einem eingeschriebenen Brieie befindet sich a) der Aufruf der Union, b) der Aufruf der reichsdeutschen Protestier, c) ein Auszug aus dem in „Dr. Blochs Wochenschrift“ vom 6. Dezember v. J. erschienenen Artikel des Dr. Krenberger: „Jüdische Gemeinde- und allgemeine Politik“, der besonders ziehen soll, weil der Verfasser ein umgefallener Zionist ist, d) eine frankierte Postkarte mit der aufgedruckten Adresse: Simon Rendi, Graz, und dem Inhalte: „Wir erklären unsere Zustimmung zu dem Aufrufe der Wiener österreichischen israelitischen Union“ und schließlich e) ein von der Kultusrepräsentanz Graz gefertigtes Zirkular mit der „höflichen Bitte, beiliegende Karte an Herrn Simon Rendi gelangen zu lassen“. __ __ _ Daß in diesem Zirkulare die Jüdischnationalen als Ruhestörer hingestellt werden, ist selbstverständlich. „Das Auftreten der Jüdischnationalen,“ heißt es in diesem Zirkular, „respektive deren Bestrebungen, die deutschösterreichischen Juden zu nationalisieren, wurde schon wiederholt von hervorragenden Juden als großes Unglück für die Judenschaft bezeichnet. Wir sehen, daß sie das tieftraurige Schauspiel des Kampfes von Juden gegen Juden darbieten. Wir sehen ferner, daß sie durch ihre Politik, trotz ihrer Versicherung der Staatstreue, dennoch alle in Oesterreich wohnenden Juden bei der andersgläubigen Bevölkerung in den Verdacht setzen, einer Deutschösterreich fremden Nation" anzugehören, so daß man sogar, um der Sicherheit der Judenschaft willen, dazu gedrängt wird, sich öffentlich dieses Verdachtes zu erwehren. Euer Wohlgeboren erweisen daher dem Ansehen des Judentums einen unauslöschlichen Dienst, wenn Sie überall und immer Ihren Binfluß gegen diese verhängnisvolle Propaganda der Jüdischnationalen einsetzen.“ Und zum Schlüsse die letzte Karte: ein roter Zettel mit fettem Druck: „Wer gegen den jüdischen Kataster, wer gegen eine Sonderstellung der Juden, wer also gegen deren Zurückversetzung in das Ghetto ist, möge Hngcsäumt seine Znstimmungserklärung absenden.“ So wird der steirische Jude, den eine antisemitische Hölle, umgibt, eingeschüchtert Hat er doch nach diesem Zirkulare das Allerschlimmste zu erwarten. Und . doch wird Herr Simon Rendi enttäuscht sein! Das Auifahren mit so einem schweren Geschütz um einige erbärmliche „Zustimmungen“ zeigt aber, daß die jüdischnationale Sache auch in Steiermark gut steht und daß die „Union“ abgewirtschaftet hat. M. M. Die jüdische Nationalkonferenz in Warschau Vom 26. bis zum 30. .Dezember 191S fand in Warschau die vorbereitende Konferenz der Nationalversammlung der Judefi in Polen statt, an der 498 Vertreter verschiedener sozialer und politischer Gruppen, Gemeinden und Kulturinstitutioneu teilnahmen. Auch der Jüdische Nationalrat in Krakau war durch zwei Delegierte vertreten. Die Konferenz wurde durch 'den Initiator derselben, Generalsekretär Jizcbak Grün* bäum, eröiinet., der auch das Referat über „die Aufgaben und Ziele eines jüdischen Kongresses in Polen“ hielt Ueber die. Pogrome reierierte Herr Farbstein, der soeben von seiner Reise nach Lemberg zuriiekgekehrt ist. Referate hielten weiters die Herren Schwalbe über „die bevorstehenden Landtagswahlen“ und Doktor G o 111 i e b über „unsere Forderungen an den Friedenskongreß“ und über „die nationale Repräsentanz". Ersterer legte auch den Entwurf einer Wahlordnung für die künftige jüdische Nationalversammlung vor, der auch von der Konferenz beschlossen wurde. Namens der politischen Kommission verlas Herr Grünbamn eine politische Deklaration, wonach gegen die Politik der polnischen Regierung gegenüber den Juden scharfer Protest erhoben und die Anerkennung der Juden als nationale Minderheit gefordert wird, der das Recht zusteht, ihr Leben nach autonomen Grundsätzen einzurichten. Diese Deklaration wurde unter großer Zustimmung beschlossen. Ferner wurden folgende Beschlüsse gefaßt: 1.. Es wird ein provisorischer jüdischer Nationalrat für Polen eingesetzt. 2. Diesem Nationalrat obliegt die Aufgabe, im März dieses Jahres eine allgemeine Nationalversammlung auf Grund der beschlossenen Wahlordnung einzuberufen; 3. Bis zur Einberufung der Nationalversammlung führt der provisorische Nationalrat den nationalen Kampf an. schützt die jüdischen Interessen in Polen und beteiligt sich am nationalen Kampfe des allweltlichen Judentums. 4. Der provisorische Nationalrat wird zur Entsendung einer Delegation ermächtigt, die an einer von den Nationalräten aller Länder beschickten Konferenz teilzunehmen hätte, welcher die Wahrung der jüdischen Interessen auf dem Friedenskongreß obliegen wird. 5. Der provisorische Nationalrat nimmt an dem Wahlkampf zum Landtag aktiven Anteil und stellt nur solche Kandidaten auf, die sich verpflichten, die Beschlüsse der Nationalversammlung zu unterstützen und vom nationalen Gesichtspunkt aus das volle Vertrauen verdienen. 6. Die Konferenz drückt den Wunsch aus, daß die Landtagswahlkampagne deutlich erkennen lassen möge, daß sich das polnische Judentum als Teil der jüdischen Nation und als nationale Minderheit betrachtet. Schließlich wurde der provisorische Nationalrat gewählt, dem die bekanntesten Zionistenführcr Polens, wie Dr. Braude, Farbstein, Advokat Grünbaum, Hartglas, Podlischcwski, Dr. Rosenblatt u. a. angehören. Die Konferenz sandte Begrüßungskundgebungen an Wilson. Balfour, Weizmann, Sokolow un I Brandeis. Die Neuordnung In der Ukraine und die Juden Eine aus den Herren Ing. Temkin. Kleinmann und Grüuietd bestehende Abordnung des jüdischen Sekretariats, der eivizig gesetzlichen Vertretung der jüdischen Nation in der Ukraine, wurde vom ukrainischen Direktorium empfangen. Die Abordnung begrüßte die neue Regierung hn Namen der jüdischen Bevölkerung in der Ukraine und betonte u. a.. daß die restlose Verwirklichung der nationalpersonalen Autonomie die beste Gewähr für das weitere freundliche Zusammenleben der Völker der ukrainischen Republik bildet. Die Zionisten in der Ukraine führen gegenwärtig Verhandlungen mit den dortigen demokratischen Parteien, insbesondere mit de» Sozialistenröderalisten. wonach bei Wiederherstellung der nationalpersonalen Autonomie diese sowie das ukrainische Direktorium hinsichtlich der Juden ausschließlich mit dem Willen und den Beschlüssen der indischen Nationalversammlung rechnen sollen. Die Vertreter des jüdischen Sekretariats verhandelten mit dem Vorsitzenden des ukrainischen Direktoriums Winitschenko bezüglich der Zentraloraane der jüdischen Autonomie. Sie forderten die Kreierung eines Postens eines Staatssekretärs für jüdische Angelegenheiten, der von der jüdischen Nationalversammlung zu bestimmen wäre. Das jüdische Sekretariat forderte auch von der ukrainischen Regierung die Abtretung sämtlicher jüdischer Angelegenheiten seitens der verschiedenen Ministerien, sowie die Üebergabe des Archivs des ehemaligen jüdischen Ministeriums. Die Juden im neuen Litauen Wir haben bereits über den Eintritt von jüdischen Vertretern in die provisorische litauische Regierung berichtet Der Eintritt erfolgte, wie das Jüdische Preßbureau in Stockholm meldet nachdem die provisorische litauische Regierung die von den einzelnen jüdischen Parteien und der Konferenz der Zionisten Litauens aufgestellten Forderungen Testlos angenommen hatte.

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