Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 13 (1919)
- Issue
- 1 (3.1.1919)
- Date
- 1919-01-03
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1 Seite & JÜDISCHE ZSTUN0 Pelen 4 P«l*isck« Preßfreiheit. Ein Schulbeispiel für die polnische Preßfreiheit ist das beispiellos soktitaiöse Verhalten der Lemberger Behörden «*»«*Sber dem dortigen jiddischen „T a g b 1 a t1“, ■Jas seinen ganzen Text auch in lateinischen Letter», als® doppelt, bringen muß. Nun hören wir wieder von einer eigenartigen Maßregelung des »illhbigen „Nowy Dziennik“. Da man dieser in polnischer Sprache erscheinenden jüdisekee Tageszeitung nicht ähnliche Schwierigkeit®« und Opfer aufbürden kann, geht man gegei sie in der Weise vor, daß man deren Exemplar* in den galizischen Bahnhöfen bei Eintreffe* letal vernichtet und einäschert'und es so verhindert, daß diese in die Hände der Abonnenten and Leser gelangen. In J a-r o s 1 a u hat sogar der Kommissärder P. L. K. den Trafikanten unter der Drohung, der Konzessionsentziehung den Verschleiß des „Nowy Dziennik“ verboten. Biese sonderbare Auffassung von der Preßfreiheit poinischerseits reiht sich würdig der von der polnischen Freiheit überhaupt an, deren spontane Aeußerung — die Judenpogrome waren . . . * Verhaftung wegen polenieindllcher Gesinnung. Dem „Nowy Dziennik“ wird aus Jaroslau öber die Verhaftung des dortigen Arztes Dr. 5. Roßberger, des Vorsitzenden des Jüdischen Natioiiälrates, berichtet. Gegen den Verhärteten liegen außer der angeblichn polenfeindlichen Gesinnung keine konkreten belastende* Momente vor. Strobelschen Artikel, der in der reaktionäre* „Deutschen Tageszeitung“ erschienen ist und Ausführungen mit antisemitischer Tendenz enthielt Es wurde darin gesagt, das deutsche Yolk sei ein Ariervolk, es dürfe sich nicht von secbsbunderttausend Semiten beherrschen lassen. Michel solle aufwachen usw. * Die Auflösung der Vaterlandspartei. Der Reichsausschuß der Deutschen Vaterlandspartei hat die Auflösung der Partei beschlossen. Trotz ihrer skrupellos betriebenen Judenhetze, in welche sie alle Vertreter eines Verständigungsfriedens einschloß, geht sie jetzt klanglos und rühmlos unter, trotz der Versicherung in ihrer Auflösungserklärung, daß ihr „Geist* fortdauern werde. Ihre fanatische alldeutsche Maßlosigkeit ist schuld an dem Machtfrieden, den das deutsche Volk jetzt über sich ergehen lassen muß. 4 Judenzählung im Heere. Das -antisemitische Parteiorgan, die „Deutschvölkischen. Blätter*', verlangen die Bekanntgabe des Ergebnisses der während des Krieges von der früheren Heeresverwaltung veranstalteten Judenzählung in der Armee. Die Kritik dieser reaktionären Maßnahme braucht jetzt nicht wiederholt zu werden, denn auch schon das alte Regime hatte sie als einen bedauerlichen Mißgriff erkannt. 4 Beschäftigungslose jüdische Arbeiter. Das jüdische Arbeitsamt in Berlin berichtet, daß dort 15.000 jüdische-Arbeiter als beschäftigungslos gemeldet wurden. * Der Pogrom in Brzesko. Der „Wiener Morgeuzeltnug“ zufolge seil der I eaionenrittmeister Z i g 1 e r, der während des Pogroms in Brzesko das Kommando der dortigen Garnison innehatte, i» der am 19. Dezember stattgeiuriaenen Geme»deratssitzung erklärt haben, daß die polnische I n t e 11 i g enz den Pogrom in Brzesko vorbereitet habe und sie hiefür auch die Verantwortung trage. Auf einen Zwischenruf, daß bloß die Jugend daran schuld sei. erwiderte der genannte Rittmeister, daß die gesamte polnische Intelligenz die Schuld trage, di* Alten ebenso wie die Jungen. * Wie das Standrecht gehandhabt wird. Gelegentlich einer Hausdurchsuchung bei einer Frau Smetanowa in Brzesko wurden bei ihr viele während des Pogroms geraubte Waren vorgefundeh. woraufhin die Gendarmerie die Anzeige wegen Raubes erstattet«. __ Bei der am 13. JDezember durchgeführten Verhandlung verurteilte der Bezirksrichter Kunce die Smetanowa zu einer Geldstrafe von sage und schreibe — 15 Kronen. * Konsequent« Assimilation. Der. Sohn des Vizepräsidenten der Lemberger Kultusgcmeinde, des berüchtigten : Hermann Feldstein, veröffentlichte neulich im „Wiek Nowy“ einen Artikel, der das Schändlichste und Verräterischeste darstellt, das seit Pfefferkorn ein Jude' gegen Juden vorbrachte. In seinem Streben zu völliger Assimilation, stempelt er alle Juden zu Polenfeinden und beschuldigt sie des Verrates an ihrem polnischen Heimatlande. Die Ttrnfe des ■bekannten Warschauer Assnnilanten Näthanson ist für ihn der Beweis für den Bankerott der Assimilationsidee, und er fordert von den wahren Juden-Polen, sich durch einen unzweideutigen .Schritt auf die polnische Seite zu stellen. Wie das Lemberger „Tagblatt“ meldet, hat der Artikelsehreiber mitsamt seinem Brüder diesen Schritt bereits getan und sich taufen lassen. Was* wird der Vater den Kindern folgen? Litauen * Das kulturelle Leben der litauischen Judenheit ist im regen Aufschwung begriffen. Neben viele* Schulgründungen ist besonders die Grün-: düng einer jüdischen Theaterschule erwähnenswert, sowie der Versuch, eine jüdische Oper, die die modernen europäischen dramatisch-rausikalischea Werke in jidischer Sprache aufführen soll, i*s Leben zu rufen. Deutschland * Ei* reaktionärer Beschluß. Am Freitag, •de* 6. Dezember, wurde in Marburg eine Ver=. Sammlung aller Kliniker zwecks Bildung einer Klinikerschaft an der Universität Marburg einbenden. Der Versammlungsivorstand machte für die Statuten den Vorschlag, Ausländer nur mit vier Fünftel Stimmenmehrheit aufzunehmen. Ein Herr Berlin entgegnete dann: „Nicht nur alle Ausländer, sondern auch die Hebräer müßten voll-' ständig ausgeschlossen werden. Wir Deutsche“, so führte er aus, „müssen ebenso stolz auf unsere Rass* sein wie die Hebräer. Ich kenne die Marbur&er Verhältnisse. Die Juden bekommen bei uns die Oberhand. Sie sind es, die unsere heutig* Regierung bilden.“ Er schloß dann mit den Worten: „Marburg war stets die Hochburg des Antisemitismus und wird es auch bleiben.“ Eine große Anzahl Kliniker tat durch Trampeln kund, daß der Antragsteller ihnen ganz aus dem Herzen gesprochen habe. Ohne weitere Diskussion wurde •der Vorschlag des Herrn Berlin mit großer Mehrheit angenommen. Die Universität Marburg ist iefcasatlich die Stätte, wo Hermann Cohen jahrelang für di« Wissenschaft gewirkt hat , * Amtsenthebung. Der Vollzugsrat des Arbeiter- und Soldatenrates beschloß einstimmig: „Das Vollzugsratsmitglied Strobel wird sofort sjkjner ihm vom Vollzugsrat übertragenen Funktijbae* enthoben und aufgefordert, unverzüglich von seinem Amt als Mitglied des Vojlzugs-?ai*3 zurückzutreten.“ Es handelte sich um eixe* Italien * Eiue italienische Kundgebung für jüdisch« Rechte. Aus Rom wird der „J. P. Z.“ gemeldet: Am S. Dezember fand im römischen Nationaltheater eine große Manifestation für die jüdischen Forderungen statt, einberufen von der Organisation „Pro Israele“. (Pro Israele ist eine christliche Organisation, der u. a. viele bekannte italienische Politiker und Gelehrte angehören.) An der Versammlung waren italienische Zivil¬ und Militärbehörden sowie die Universität offiziell vertreten, darunter die Stadt durch den Bürgermeister Nathan und die Kammer durch den Vizepräsidenten Rava. Als Redner traten auf Senator Ruffini, Francesco Area, Abgeordneter Colonna di Cesaro, Professor Emmanuele Sella und Rabbiner Dante Lattes. Auf dem Meeting fand folgende Resolution einmütige Annahme: Das römische Volk fordert, daß der Friedensvertrag folgendes sichert: 1. die Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina* innerhalb deren historischen, politischen und nationalen Grenzen und die Schaffung von Bedingungen sich frei entwickeln zu können; 2. eine vollständige und effektive Gleichberechtigung der .Juden ln allen Ländern; 3. nationale, kulturelle; soziale und politische Autonomie für die jüdische Bevölkerung der Länder, in welchen große jüdische Massen wohnen, oder wo sie es ausdrücklich verlangen. England * Welzmann über den Gestor des jüdische* Volkes. In seiner großen Rede am 7. Dezembersagi!e Weizmann, die Ausführung des Planes der Besiedlung Palästinas werde in den Händen einer jüdischen Organisation liegen. Die zionistische Organisation ist zu klein für diese gewaltige Aufgabe, sie wird deshalb ihre Sonderexistenz aufzugeben haben und in einer größeren jüdischen Organisation aufgehen, der das ganze Judentum angehört Die Leitung der Organisation muß denen anverfraiit werden, die an der Spitze der jüdischnationallen Bewegung standen und in langer Erfharung die Seele und die Ansprüche der Juden verstehen gelernt haben. Holland * Eine Fälschung des Haager polnischen Korrespondenzbüros. Das polnische Korrespondenzbüro hat in der holländischen Presse einen im Sinne durchaus unrichtigen Auszug aus einem Artikel. den Leonhard Adelt am 11. Dezember in der „Neuen Freien Presse“ veröffentlichte, übermittelt. „Nieuwe Rotterdamsche Courant“, der stets für die Polen warm eintrat, schrieb nach Darlegung der Entstellungen: „Wir müssen unsere scharfe Mißbilligung über die Art äußern, auf die offenbar polnische Dementis Zustandekommen.“ Das gleichfalls sehr polenfreundliche Tagblatt „Het Vaderland“ schreibt: „Der polnische Auszug wimmelt von Unrichtigkeiten und Verdrehungen. Mit dieser Probe schimpflicher Journalistik müssen wir zu unserem Bedauern sagen, daß die polnischen Berichte über die Pogrome mit aller Vorsicht aufzunehmen sind.“ In ähnlicher Weise schreib auch die einflußreiche Zeitung ,J)e Nieuwe Courant“: „Das polnische Preßbüro hat sich mit seiner Berichterstattung In der holländischen Oeffentlichkeit stark kompromittiert.“ i Frankreich * Französische Orthodoxie für Palästina. Laut Misrachi-Korrespondenz-Bureau ist in Paris vor einigen Monaten eine bedeutende orthodoxnationale Vereinigung entstanden, an deren Spitze Großrabbiner Levy steht. Die Vereinigung setzt sich u. a. zur Aufgabe, die öffentliche Meinung Frankreichs über die Kolonisationsarbeit Palästinas und die Frage des Judenstaates aulzulüären und sich speziell mit der Förderung der geistigen Interessen der Juden in Palästina zu befassen; Die nationale Bewegung National jfidiseher Delegiertentag in Prag Der Jüdische Nationalrat für den tschechoslowakischen Staat beruft für den 5. und 6. Jänner die Delegierten -der ihm unterstellten Korporationen zu einer großen Tagung mit folgende* provisorischen Programm ein: Samstag, den 4. Jänner, abends: Feierlicho Eröffnungssitzung. Einleitung (hebräisch): Doktor Hugo Bergmann. Referate: Dr. Ludwig Singer, Rud.Kohn, Dr.MaxBrod, Dr.S.Liebo». Sonntag: 1. Rechenschaftsbericht und politisches Exposee. (Rer. Dr. L. Singer.) 2. Organisationsbericht samt Vorlag« ein*« Oiganisationsentwurfes. (Ref. Dr. A. GolcL stein.) 3. und 4. Referate über die Lage der Jude* in Mähren und in der Slowakei. Montag: 1. Schulfragen. (Ref. Prof. Doktor A. Engel.) 2. Kultusgemeindefragen. (Rei. Dr. H. Bor gm a n n.) Eventuell -werden auch Subrelerat« üb ec mährische Kultusgemeindeangelegenheiten und über die Forderungen der Orthodoxen, ein sozialpolitisches Referat, ein Finanzbericht, ein Referat über soziale Arbeit und ein Pressereferat gehalten werden. Sitz und Stimme bei dieser Tagung hat jed« dem Jüdischen Nationalrat unterstellte Organisation nach der Anzahl ihrer Mitglieder, uad zwar nach folgender Skala: Bis 100 Mitglieder 1 Stimme, 100—200 Mitglieder 2 Stimmen, für jede weiteren angefangenen 200 Mitglieder j* 1 weitere Stimme. Konferenz der jüdischen Nationalräte In Ostgalizien Mittwoch, den 18. Dezember 1918, fand i*/ S t a n i s 1 a u die Eröffnung der Tagung der jüdischen Nationalräte in dem westukrainische* Gebiete statt. Es beteiligten sich an dieser sechs Vertreter des Stanislauer N. R„ je zwei Vertreter der N. R. in Kolomea, Stryj und Sniatyn und je ein Vertreter der N. R. in Buczacz, Drohobycz, Kalusz, Boryslaw, Gzortkow. Tlumacz, Zaleszczyki, Zydaczow, Zablotow, Nadworna, Kossow. Borszczow, Gwozdziec, Husiatyn, Kopyczynce, Ottynia, Tysmienica und Bursztyn. Die Eröffnungsrede hielt der Präsident des Jüd. N. R. in Stanislau, H. Dr. Karl H alp er», in hebräischer Sprache. Er begrüßte di* erste nationale Tagung aller Juden in Ostgalizien. Nach einer lebhaften Debatte zu den Frage* der Verhandlungssprache und der Geschäftsordnung wurde folgendes Präsidium gewählt: Vorsitzende: Dr. Karl Halpem (Stanislau), Dr. Bienenstock und Opper (Stryj) und Dr. Lachs (Kolomea). Als Sekretäre: Weiss (Stanislau) für Hebräisch und Dr. Bäudler (Tlumacz) für Jiddisch. Zur Beratung standen folgende Punkte: 1. Schaffung einer politischen Plattform für das jüdische Volk (Ref. Ing. Reich); 2. Die Grundlagen der jüdischen Autonom^ und die Organisierung der jüdischen Volksgemeinden (Ref. Dr. R. Jonas); 3. Sozialpolitische und wirtschaftliche Aufgaben des Jüdischen Nationalrates (Ref. Dr. HL Sussmann); 4. Schaffung eines Preßbüro» (Ref. A. L. Schlussheim); 5. Organisationsentwurf (Rei Dr. A. Rittermann); 6. Beschaffung der Fonds für den J. N. R. (Ref. Ing. Landau); 7. Schaffung eines statistischen Büros (Ref. Dr. A. Halpern); 8. Wahl des J. N. R. für Ostgalizien. Die Konferenz dauerte drei Tage und faßt* eine Reihe von Beschlüssen politischer und organisatorischer Natur. Unter anderem wurde di« Umgestaltung der israelitischen Kultusgemeinde* zu jüdischen Volksgemeinden beschlossen, und zwar auf Grund des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrechtes, sowie unter Anwendung des Proportionalsyslems. Die Wahle* sollen innerhalb vier Wochen ausgeschrieben werden. Wahlberechtigt werden alle männliche* und weiblichen Personen mit vollendetem 22. Lebensjahre sein. Schließlich wurde ein jüdischer Nationairat für Ostgalizien mit dem vorläufigen Sitz* i» Stanislau eingesetzt. Von der jüdischnationalen Bewegung in Ungarn Angesichts der wachsenden nationales Bewegung in Ungarn sah der Temesvarer jüdischnationale Bund den Zeitpunkt gekommen, dieser Bewegung den Anstoß zu einer auf das ganze Land sich ausdehnenden Verbreiten» zu geben imd ein Programm auszuarbeiten, auf Grund dessen die Juden des ganzen Landes in einer jüdischnationalen Organisation vereinigt werden können. Einen direkten Anlaß hiezu gab die am 1. Dezember in Temesvar abgehalten* Makkabäer-Feier, in welcher ein mehr als 206* Köpfe zählendes Publikum — darunter sehr viel* Christen — den Festredner Prof. Dr. Alexaader Marraorek begeistert applaudierte, als dieser Uber die jüdische Nationalität sprach. In der am 15. Dezember abgehaltenen Sitzühr des Temesvarer iücBschnationalen Bundes erschienen die Vertreter sowohl dar orthodoxe*; wie auch der nealogenr und Status quo-Gemetadm und erklärten sich nach Annahme des Programms bereit, an der Arbeit des Bundes teilzuneJnae*. ln der Temesvarer Sitzung führt» Fabrik»- direkter Ernst Vermes den Vorsitz, während das Programm des ungarischen iüdischmtiaBaleer Bundes Rechtsanwalt Dr. JaRas XVobäny v«r-