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Jüdische Zeitung · 1919-01-03 · 1 (3.1.1919) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
13 (1919)
Issue
1 (3.1.1919)
Date
1919-01-03
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Kt. 1 ihm lebenden Tendenzen entsprechend zu entwickeln wünscht.“ Die Fräsen des deutschen Judentums und speziell die Fragen des Jüdischen Kongresses in Deutschland behandelte Kurt Bluraenfeld am Donnerstag nachmittags in seinem eingehenden Referat Die Entwicklung habe'dazu geführt daß um den ständig wachsenden Kreis der organisierten Zionisten sich eine Gruppe peripherer Elemente gebildet habe, die sich zu der unzerstörbaren Einheit des jüdischen Volkes zugehörig empfinden. Es handle sich dabeizuaächst um die ostiüdischen Elemente, ' deren Zahl und Bedeutung ständig wachse, dann aber auch um die Orthodoxie, die den nationalen Charakter der jüdischen Gemein-. Schaft jetzt anerkenne. Gerade jetzt, wo der Aufbau Palästinas beginne, sei die Existenz einer von echtjüdischem Leben erfüllten Diaspora erforderlich. Wir verlangten das Bekenntnis zum jüdischen Volkstum und den Willen, ein neues jüdisches Leben in Deutschland aufzubauen. Mit allen, die sich dazu bekennen, werden wir den jüdischen Kongreß machen, zu dem die Zionistische Vereinigung für Deutschland, von der Palästina- und Autonomieforderung abgesehen, folgendes Programm auf stelle: Als wichtigste Forderung die jüdische Schule: daun die Umwand- . Jung der Kultusgemeinden in Volksgemeinden, die alle Aufgaben des Kultus, der Schule, jüdischer Wissenschaft, Politik und Sozialpolitik zu erfüllen hahe und auf Grund des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Proportionalwahlrechts für alle mehr als 20jährigen Juden und Jüdinnen aufgebaut sein müsse. Die Volksgemeinde hat sich als lokale Organisation der jüdischen Gesamtheit zu fühlen und deshalb an allen Aufgaben der jüdischen Gesamtheit teilzunehmen, so an der Palästinaarbeit.' der sozialen Fürsorge und anderem. Nationalpersonale Autonomie wurde nicht gefordert aber nicht aus politischen Bedenklichkeiten, sondern wegen der fehlenden zahlenmäßigen Voraussetzungen. Wie in allen Ländern, so werde auch in Deutschland ein jüdischer Kongreß zustande kommen als ein Teil der, zukünftigen jüdischen Konstituante in Jerusalem. Auf das mit großem Beifall® auf genommene ' Referat folgte eine eingehende Diskussion, an der sich etwa 20 Redner beteiligten und in der nicht nur die Frage des jüdischen Kongresses, sondern alle Fragen der jüdischen Arbeit in Deutschland zur Erörterung gelangten. Die Aussichten der zionistischen . Propaganda wurden überall als äußerst günstig bezeichnet Mit großem Interesse wurden die Ausführungen der Herren Schocken und Calvari über die Arbeiten des Kulturaiisschnsses aufgenpmmen, zu denen verschiedene Redner eingehend Stellung nahmen. Am Schlüsse der Debatte wurden eine Reihe von Resolutionen angenommen. Aus den weiteren Beschlüssen ist! faervorzukeben: Die Schaffung eines besonderen Ressorts für die Propagierung des Hebräischen, die Festsetzung des Schekels entsprechend dem heutigen Kursstand mit 2.— Pf., des Landesbeitrages mit 5 — PL für. Angehörige der Jugendorganisationen 2.— Pf Es folgen die Wahlen. Rechtsanwalt Kollenscker erstattet die Vorschläge der Permanenzkommission. Auf Grund der Vorschläge wird zunächst Dr. Hantke einstimmig zum ersten Vorsitzenden der zionistischen Vereinigung für Deutschland unter großem Beifall wiedergewählt, dann nach Annahme der notwendigen Statutenänderungen ein aus den Herren Klee, Blumenfeld, Goldmann, Lichtheim, Pick, Rosenberg, Rosenblüth und Wolisteiner bestehender geschäftsführender Ausschuß und ein viergliedriges Zentralkomitee gewählt. Nach einem Schlußwort Dr. Hantkes, das einen Rückblick auf die Ergebnisse der Tagung enthielt und zu tatkräftiger Arbeit aufrief, schloß die imposante Tagung. Neues aus dem Lande Israel «» Selbsterlebtes eines jüdischen Mediziners, von der Front Ein jüdischer Student der Medizin aus Galizien, der durch Mouatc im k. u. k. Feldspital 202 in Tulkerem an der Palästinafront Dienst gemacht und den Durchbruch der englischen Armee durch die türkischen Linien miterlebt hat, berichtet wie folgt: Der türkischen Palästinaarmee waren etwa 38.000 deutsche Soldaten (davon das Asienkorps mit höchstens 3000 Mann Kampftruppen, der Rest Etappentruppen) und 3000 bis 4000 Oesterreicher und Ungarn, zumeist im Lande aufgeteilte Artillerie, beigegeben. Die Bevölkerung des noch von den Türken besetzten Landes, nördlich Jaffa—Jerusalem und östlich des Jordans, war ' ausgesprochen türkenieinölich gesinnt. Die Drusen, das bekannt interessante Völklein, von dem ein Großteil m der Landschaft Hauran südlich von Damaskus wohnt, hatte gar ein Hilfskorps von 6000 his 8000 Mann, meist Reiterei, aufgestellt, die von den Engländern besoldet und bewaffnet, diesen — nebst den Beduinenscharen des Königs von Hedjas — gute Dienste-leisteten. Auch die jüdischen Kolonisten trugen das türkische Joch schwer. So hatten es sich die Türken zurechtgelegt, die Hälfte des Getreides zu requirieren, ohne dafür einen Para zu zahlen. Ihr Überkommandicrender' Admiral Djemal Pascha war allgemein wegen seiner Grausamkeit, Willkür und Habsucht gefürchtet Es kursierten im Lande eine Menge' Erzählungen, wie er aus lächerlichstem Anlaß die Todesstrafe verhängte, um sich des Vermögens der „Hochverräter“ oder dgl. für die eigene Tasche zu bemächtigen. Namentlich’ auf blankes Gold, dessen Wert zum Papiergeld mindestens 1:5 stand, hatte er es abgesehen. Am 19. September, um 4 Uhr früh, setzte gegenüber El-Tire, das vor Tulkerem. an der . Straße nach Jaffa liegt, das Trommelfeuer der Engländer ein, die sich bald Bahn brachen. Dabei stand den Türken und ihren Verbündeten nicht einmal östlich Betsan die Bahnverbindung mit Damaskus mein offen. Denn schon vier Tage vorher hatten die arabischen' Hilfstruppen der Engländer den Eisenbahnknotenpunkt Derat im Ostjordanlande besetzt und, wenn auch von k. u. k. Artillerie wieder hinausgejagt, die Bahnstrecke auf 5 1cm Länge zerstört „So mußte auch ich“, erzählt unser Gewährsmann, „nachdem ich in den Disteln von Afule 24 Stunden lang gehungert und im Sonnenbrand gedurstet hatte, zu Fuß einen Ausweg nach Norden suchen. Alsbald aber fiel ich bewaffneten Arabern in die Hand, die mich splitternackt ausplünderten, mir aber sonst kein Leid taten. Hingegen sah ich Leichen von türkischen Soldaten, die von Arabern — offenbar aus National^ haß .— nicht nur getötet, sondern auch barbariscK verstümmelt■_ worden „waren. In der jüdischen' Kolonie M e s c h a, wo. unser junger Freund von den Juden freundlich aufgenommen, gelabt und bekleidet wurde, traf er auf jüdische Arbeiter, welche dorthin aus der kleinen Siedlung Bethanien, östlich des Jordanausflusses aus dem Tiberiassee, geflohen waren. Sie erzählter./ daß ihre Siedlung vollständig und das benaclibarte Dagania zum großen Teil von den Bewohnerneines nahen arabischen Dorfes ausgeraubt worden sei. Diese Banditen waren schon früher einmal über Bethanien her-» gefallen, mußten aber damals auf die Drohung deutscher Truppen hin, ihr Räubernest zu bombardieren, alle Beute zurückstelleii. Die hilfesuchenden Boten aus Bethanien erreichten in Merchawia nächst Afule die Engländer, welche wegen dieser und anderer Räubereien der Araber sofort deren Entwaffnung anordneten und auch durchführten.' Unser Gewährsmann entkam nach Damaskus, wo er Ende September unter anderen Zionisten Professor Salomon Schiller vom hebräischen Gymnasium in Jerusalem antraf Aus seiner ärztlichen Praxis in Palästina wußte unser Freund zu erzählen, daß sich dort während des Krieges vor allem die Malaria stark ausgetyreitet hat. Zunächst .wurde das Militär von ihr. betrotten und' zwar meist in deTen krassester Form 'als , tropische Malaria. Am schwersten litten die türkischen Soldaten, welche über kein Chinin verfügten, dann die Deutschen, welche sich über die ärztlichen Vorschriften hinwegsetzten, am wenigsten die Oesterreicher und Ungarn, die täglich zum Nachtmahl ein halbes Gramm Gliinin eiuahmen. Auch in den 'jüdischen Kolonien war die Malaria leider stark verbreitet, . besonders unter den Kindern. Große Erfahrung hat man im Krieg über die Idiosynkrasie gegen Chinin gesammelt, die sich bei den Betroffenen meist durch Störung des Nervensystems von Magen und Darm, bisweilen aber auch von Ohren und Augen zeigt. So genügte in einem — freilich Ausnahmsfall — 1 Gramm Chinin zur völligen Erblindung des Patienten. Es wird daher künftig jeder Palästinafahrer vorher auf seine „Chininfestigkeit“ ärztlich geprüft werden müssen. «-»i uuvi uuu ocHn voiwiii« Ule ÖCder R«kti, Programme UHd Aufruf« ist endlich vorbei. Fast in der ganzen Well W . wertet sich jüdische Jugend als Chaluzb^ afc Pioniere vor. Aufgehört hat für sie das .Spreake« von der Tat und ihre Tat hat begönne»: Fht4ui Leltrkolonicn, Hebriüsierung des Jeton» tägliche Gedanken- und Arbcitskonzentrat/o* auf ^M^dna, jeder Tag ein Näherkommen 4mm Geiste und dem Lande der Juden. . Wir sind zurückgeblieben. Bei uns war •*- rede, während junge Juden in Polen, in 4er Ukraine. Sn England und in Amerika sich täglick durch die Arbeit für jenen Tag vorbereitete*, a* - em sie ein neues Leben beginnen und das alt« vergessen wollen, für jenen Tag. an (fern sie se^sch und körperlich bereitet, die Länder 4er' ualutn fröhlich singend verlassen und nach "Oste»' wandern werden nach Osten, wo Zion und* das Judenland hegt. Brüder und Schwestern, was ist also zu tun? i -t.i wird Bine Heclialuz-Gruppe sieh bilden. Eine Gruppe junger Juden, die unter alle» Umstanden nach. Palästina gehen werde», 4f« schon niesen Sommer hier mit der Feldarbeit b«^ ginnen, so wie es viele der galizischen Schomrim bereus getan haben. Ein Ansatz zu dieser Gruppe ist bereits vorhanden und es. ist auch der Ma** aa, der uns raten und dort führen wind, w« Führung notwendig ist. Im übrigen müssen wir uns den Weg selbst bereiten. Brüder, und Schwestern, fragt nicht mehr: Was ist zu tun? - ^r,aKt„IJicht’ nicht Es kommt die Stunde, wo sich' Wortmensch und Tatmensch scheide» wird' Robert Weil. Jahreskonferenz der Atiglo Jewish Association Das Stockholmer Jüdische Preßbüro teilt telegraphisch mit: Am 15. Dezember fand die Jahreskoniereaz der Anglo Jewish Association statt. Ein Brief des Oberrabbiners Herz an die Tagung gab der Freude über den Sieg der Allierten 'Ausdruck und sagte dann weiter, daß die Freiheitssonne verdunkelt werde durch die entsetzlichen Pogrome in Pole*, gegen die man aufs schärfste protestieren müsse. Gleichzeitig müsse man der britischen Regierung für ihr dabei bekundetes Interesse und für ihre Bemühungen, die Pogrome einzustellen, danke». Präsident Claude Montefiore drückt© i* seinem Jahresbericht seine Befriedigung über daß kommende neue Europa und Asien aus. Da das kommende jüdische Gemeinwesen i« Palästina nicht alle Juden umfassen werd«. müsse, noch viel Arbeit-geleistet werden. Bezüglich derauswärtigen Politik entwickelte er. daß die Jüdenirage öffentlich behandelt werden müsse, daß die Pogrome einzustetie» seien und die Rechte der Juden gesichert werden müssen. Der Friedenskongreß müsse die polnische Judenfrage lösen. Er gab da»» seiner Zufriedenheit über die Befreiung Palästinas Ausdruck und befürwortete die Aufnahme der zionistischen Frage in das Programm der Anclo Jewish Association. Dr. Gasfer kritisierte dann die Tätige leeit des Vorstandes und führte die Unpopularität auf die Außerachtlassung der Bedürfnisse der it- . dischen Volksmassen zurück. Er forderte, daß die Arbeiten in voller O Öffentlichkeit vor «sich gehe«. Der auf der Tagung anwesende Vizepräsident der amerikanischen Zionistenföderation.. Stephan W i s e, wurde warm begrüßt. Er gab in einer Ansprache der Hoffnung Ausdruck, daß die Konferenz sich mit dem Jüdischen Kongreß in PMadelpüia identifizieren werde. Auffallend war die große Anzahl von Fällen, daß Soldaten unter dem Einfluß des heißen Klimas, welches — besonders durch das Schwitzen — große Anforderungen an das Herz stellt, herzkrank wurden oder daß sich ihr bestehendes Leiden verschlimmerte. Vom medizinischen wie auch vom zionistischen Standpunkt verdient schließlich die Tatsache Beachtung, daß das böse Fleckfieber ' am wirksamsten durch die seither berühmt gewordene „Weil—Felix'schc Reaktion“ bekämpft wurde, deren einer Schöpfer Dr. Ing. Artur Felix ist Er stammt aus Andrychau in Galizien, ist ein altbewährter Gesinnungsgenosse, und hat sich an der russischen wie auch an der Palästinafront alS'k. u. k. Militärarzt hoch verdient gemacht. Hechaluz*) Auf die Frage des. jüdischen Jugendlichen: ..Was ist zu tun?“, gibt es nur eine Antwort: Hechaluz. Pionier sein. Nicht warten, bis andere dirdein Bett gebettet, sondern hinübergehen nach Erez Israel m unbedingter Rücksichtslosigkeit allen persönlichen Bedenken und Kompromissen gegenüber. RUNDSCHAU Tschecho-SIowakische Republik ' * Hausdurchsuchung iu einem Temf«j. Aus Bodenbach wird uns geschrieben: Samstag, de* 14. v. Mi, fand über Auftrag des tschechoslowakischen Militärkommandos in Bodenbach ei»e Durchsuchung des Bodenbacher Tempelgobäudee statt, bei welcher sämtliche Räume durch eine Militärpatrouille einer Untersuchung . unterzöge» wurden. Bei derselben wurde festgestelit, daß sich in der Synagoge nur zur Verrichtung des Gottesdienstes notwendige Gerätschaften u*4 keinerlei sonstigen Gegenstände befanden. Der Vorsteher der hiesigen Kultusgemeinde begab sichmit zwei Ausschußmitgliedern sogleich, nachdem er von dem Vorfälle verständigt word« Svar, zum tschechoslowakischen Militärko»«- mando, um Aufklärungen zu verlangen. Dortselbst wurde ihm seitens des Kommandanten mitgeteilt, daß auf Grund einer .Anzeige, daß sick ärarische Lebensmittel im Tempelgebäude, befmden, die Durchsuchung verfügt und vorgeaommen worden wäre, die Anzeige sich jedoch als i» jeder Richtung" unbegründet und haltlos erwies« hätte. Hechaluz schließt alles in sich: Mensch werden und Jude werden. Hebräisch und Bodenarbeit, Leben in Unbedingtheit und Leben in Gemeinschaft. Brüder und Schwestern, dies alles ist unserem Leben geschenkt, wenn wir äufbrechen und-, nach Erez Israel wandern; Aller innerer Zwiespalt und äußere Unbill wird beendet sein, unsere ■Jagend wird sich .in segensreicher Tat ausleben und wir werden in; jeder Scholle, die wir bearbeiten. auch ein Stück unserer Seele umformen. *) Aus den . „Blättern aus' der jüdischen Jugendbewegung“ (Wien II,. Obere Donaustr. 91.) * Der Flüchtlingstransport aus Gaya, 4er durch Vermittlung des Jüdischen Nationalrates über Ungarn instradiert werden konnte, ist, wi« uns aus Gaya geschrieben wird, nach mehrfach«* Zuschriften aus Galizien, in der Heimat. glücklich angelangt. Es waren 267 Flüchtlinge. I» Uagara ist man ihnen auf der Reise hilfreich zur Seite gestanden. — In den Baracken in Gaya sollen i» kurzem 200 jüdische Waisenkinder, von Mähr. Schönberg, kommend, uritergebracht werde*. * Belm Parteitag der tscheckestewakjsefce* Sozialdemokrat!« in Prag erschien als ,Y«i$»jfrr des Präger jüdischen SozäaJästenrafces Herr '^twf Kok* (Poalb-Zioni Prag).

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