Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 13 (1919)
- Issue
- 1 (3.1.1919)
- Date
- 1919-01-03
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 schließen werden, wie es z. B. in Deutschland gegentÖfer den polnischen Juden unlängst gescliehen ist. Die Emigratioiisfrage wird somit zu einer bren- »enden Frage für das osteuropäische Judentum, brennend im buchstäblichen Sinne, weil tatsächlich Hunderte und vielleicht Tausende gezwungen werden, ihr brennendes Haus zu verlassen und #a vonzurennen. _ Diese Erscheinung, wenn ihr nicht zeitlich «iurch entsprechende Maßnahmen entgegengearbeitet wird, kann eine Katastrophe für zehntausende Emigranten werden, indem die Emigranten durch eine plötzliche und dringliche Auswanderung der vollständigen Pauperisierung verfallen würden. Die kopflose Emigration wird bestenfalls zum übereilten Ausverkauf aller vorhandenen Warenvorräte, Immobilien und Hausgeräte führen, zuweilen wird aber der Emigrant, um der Gefahr und den Schikanen zu entrinnen, alles zuriicklasseu und davonlaufen. Es würden so dem jüdischen Volke unermeßliche Werte verloren gehen, dazu wird auch die Unternehmungslust und Energie des aiso verarmten Emigranten gebrochen. Er würde so zum Lumpenproletarier werden, dem es an moralischen Halt gebricht, Pionier in Palästina zu sein. Es soll daher auf eine bereits ins Vergessen geratene Idee unseres unvergeßlichen HerzI zuriiekgegriffen werden, und zwar die von ihm im „Judcnstaat“ bereits vorgezeichnete Jewish- Company. Nur daß diese großzügiger und andererseits beschränkter gedacht sein müßte. Herzl schwebte eine in Ruhe abfließende Emigration vor, eine solche unter geordneten, rechtlichen Verhältnissen, wobei zuerst die Armen, dann die Bemittelten, endlich die Reichen auswanden!. Er konnte deshalb dieser Company sowohl die Liquidierung der Geschäfte zu Mause, wie auch die Vorbereitung des Immigrationsgebietes „die Organisierung des wirtschaftlichen Verkehrs im neuen Lande“, zur Aufgabe stellen. Die Lage hat sich seitdem wesentlich geändert. Die Vorbereitung des Siedlungsgebietes übernahm der Jewisli Colonial Trust mit den Tochterinstituten, dagegen wurde für die Liquidierungsgeschätfe der Emigranten bei Eintritt der Wanderung bisher gar nicht vorgesorgt. Die Hauptursache lag darin, daß in erster Linie für die Eröffnung des Immigrationsgebietes und für die vorbereitenden politischen Maßregeln gesorgt werden mußte, welche Arbeiten unsere Zentralleitung und deren Institutionen vollauf in Anspruch nahmen. Die politischen Vorbedingungen für die Gewinnung Palästinas werden hoffentlich in Bälde erreicht werden. Indessen wächst aber gleichzeitig unverhältnismäßig der Emigrationsdrang der Massen des osteuropäischen Judentums. Die Pogrome, der Boykott, die unerträglichen nationalen und "sozialen Zustände der Juden bewirken eine Tendenz der Auswanderung, und zwar nicht bloß bei den Armen, sondern auch bei den Bemittelten und sogar den Reichen. Für diese Massen in statu emigrationis, muß, ' wenn sie nicht vollständig verarmen sollen, ein Liquidierungsorgan auf breiter, kapitalistischer Basis geschaffen werden, damit sie ungestört und ohne erheblichen Vermögensverlust abziehen können. Hiezu muß eine weitverzweigte Gesellschaft, deren Hauptsitz in London oder New-York sein sollte, ins Leben gerufen werden. Ich will hier von Einzelheiten absehen. um nicht zu wiederholen, was bereits Herzl im Kapitel „Einige Formen der Liquidation“ im „Judenstaat“ ausgeführt hat, und weil ich die geschäftlichen Details dem finanziellen Fachmann überlassen möchte. Hier sollen bloß die Hauptaufgaben der zu gründenden Gesellschaft skizziert werden, die da wären: Uebernahme der Immobilien. Verwaltung, Verpachtung, Besorgung des Verkaufes. Übernahme der Warenlager, Ir.verwahrunguahme, Spedition, Kommissionsgschäfte, Ankauf, Geschäftsführung, Bank- und Wechselgeschäfte, Lombard-Diskonto- und sonstige Kreditgeschäfte, Scheck- und sonstige Anweisungsgeschäfte, Geldwechsel- und Depositengeschäfte u. s. w., einfache Pfandleihgeschäfte, das Sachen- und Personentransportgeschäft, endlicli Auskunftsorteilung über allerlei mit der Emigration verbundenen Fragen. Hiebei möchte ich auf einen Zweig, welcher mir von größter Wichtigkeit für die Emigration scheint, besonders hinweisen, »ämlich auf das Belehnugsgeschäft sowohl von Immobilien, wie auch von Warenlagern, Geschäftsniederlagen, sowie Hauseinrichtungen. Dem Emigranten, der möglichst schnell den stiefmütterlichen Boden verlassen will, muß die Möglichkeit geboten werden, sein Vermögen sofort gegen mäßige Zinsen, höchstens 6 Prozent — sagen wir bis 60 Prozent des Wertes — bei der Company zu belehnen und auf diese Weise als kapitalskräftiger Auswanderer Palästina aufzusuchen. Dies wird insbesondere i ür die Fiüchlinge von großer Bedeutung sein. Die Company muß selbstverständlich in allen größeren Ortschaften der für die Emigration in Betracht kommenden Länder Filialen errichten, so z. B. für Polen in Warschau, Lodz, Petrikau, Lublin, Kielce, Krakau etc. Ueber die Rentabilität des Unternehmens ' mögen Fachleute urteilen. Meines Erachtens steht dieselbe außer Zweifel. Die Fachkundigen werden auch über die Form des Unternehmens zu entscheiden haben. Immerhin müßte es ein sehr kapitalkräftiges Institut sein. Den weiteren Kreisen müßte die Beteiligung an demslben durch nicht allzugroße Anteile ermöglicht werden. Durch ein Privileg der Ausgabe von Pfandbriefen, Neue EOebßr aus dem Uerlny fi. Läwit Soeben ist erschienen: 1. Dr. Alfred Nossig, Zur Lösung des Palästina- Problems. Vorschläge für die Friedenskonferenz und den Völkerbund. Preis K 1.63 Der bek annte Verfechter der jüdischen Palästinakolonisation entwirft im rechten Augenblick einen vollständigen Plan der Gestaltung Palästinas als Zentrum des iUdifches Volkes: Sicherung des allmähligen Aufbaues einer jüdischen Majorität — kulturelle und religiöse Freiheit — nationale Autonomie — zeitliche begrenzte Schulzberrschaft bis zur Errichtung einer jüdischarabischen Republik.—Sofortige scharfe Abgrenzung Palästinas von den arabischen Nachbarprovinzen. — Erklärung Palästinas als ewig neutrales und unverletzliches Gebiet. — Aufnahme des jüdischen Volkes in den Völkerbund. 2. Wandele Mocher Sforim, Fischke der Krumme. Ein jüdischer Roman. Deutsch von Alex. Eliasberg. Sehr schöne Aussaitung. — Preis geh. K 8.80, geb. K 11.— 3. ör. Nathan Birnbaum, „Gottes Volk“. 2. Auflage. .Preis geh. K 2.40 4. S. Cemach, „Jüdische Bauern“. Geschichten aus dem neuen Palästina. Aus dein Hebräischen von D. Cemach. Preis geh. K 8.80, geb. K 11.— 5. Irma Singer, Das verschlossene Buch. Jüdische Märchen. Mit einem Nachwort von Max Brod und 4 Textillustrationen von Agathe Löwe, ln schönem Geschenkband K 7.70 Durtfi alte Buchhandlungen oder Direkt von Löwit, Verlag Hbf. Versand, Wien, I., Fleischmarkt 1. die durch die za belehnenden Immobilien genügend gesichert sein würden, könnte sich dies Unternehmen ein entsprechendes Betriebskapital sichern. Die Unterstellung des Uhternehmns unter die Kontrolle der zionistischen Zentralbehörden ist unerläßlich. Für unsere Freunde, überhaupt für die Juden im Westen, bietet sich die Gelegenheit zu einer wahrhaftig nationalen Tat. An einem solchen Unternehmen würden sich jedoch zweifellos auch sehr viele Ostitiden beteiligen. Für das jüdische Volk würde dieses Unternehmen, abgesehen von anderen, nicht zu unterschätzenden Voi teilen, eine enorme Ersparnis an Volksvermügen und Arbeitskraft bedeuten, die bei einer Emigration unter den jetzigen Verhältnissen zugrunde gehen müßten. Krakau, Dezember 191S. Dr. David Buiwa. Der zionistische pelegiertentag in Deutschland Am Mittwoch, den 25. Dezember 1918 wurde in Berlin im großen Kaisersaal des Rheingold um 10 Uhr der 15. ordentliche Delegiertentag der 'zionistische Vereinigung für Deutschland vom Vorsitzenden, Herrn Dr. Arthur Hanke, eröffnet. Der große, mit einem Herzl-Bäid und! blauweißen Fahnen geschmückte Saal ist von 140 Delegierten aus allen Teilen des Reiches und weit über 1500 Gästen erfüllt, die auch die Galerie dicht besetzt halten. Die Zahl der Delegierten ist trotz der Erschwerung der Verkehrsverhältnisse größer als sie jemals aui einem zionistischen Delegiertentag früher gewesen ist- Herr Dr. Hantke weist in seiner Eröffnungsrede darauf hin, daß sich die deutschen Zionisten nach vier blutigen Jahren wieder zusammenfinden, daß aber leider auch die Gegenwart für unser Volk schrecklich sei. das den schärfsten Protesi gegen die unerhörten Pogrome erheben müsse, die als ein Mittel angesehen werden, politische Gegensätze auszirfragen. Erst wenn das jüdische Martyrium beendet sei, würde man von Gerechtigkeit im Völkerleben sprechen könnest Doch auch unsere Kräfte sind1 gewachsen, Erea Israel werde uieder unser sein. Unter Aufbietung unserer gesamten Kräfte werden wir Erez Israel als ein jüdisches Land ambauen. Aber auch (Ee Fragen des Diasporaiudem'ums dürften von uns nicht vernachlässigt werden, sie müssen behandelt werden unter Führung der zionistischen Organisatoin, die einheitlich geblieben un dSire Kräfte vervielfacht habe. Palästina müsse nicht? nur wirtschaftlich und kulturell eine Blüte erleben, sondern auch den sozialen Ueberlreferungen unseres Volkes entsprechen. Hebräisch sei die Sprache, i nder wir wieder schöpferisch werden könnten. Die notwendigen Mittel zum Aufbau des Landes würden unzweifelhaft Zusammenkommen, vor allem durch Stärkung des Nationalfonds, aber auch durch das zur Mitarbeit bereite Prrvatkapltal. Auch das Tätigkeitsgebiet des deutschen Zionismus sei weit über dlie Grenzen der früheren Arbeit herangewachsen; durch Ausnützung der in jahrelanger radikaler Kleinarbeit erworbenen Stellung werde der Zionismus zu einer Macht ’ira deutschen Judentum. Immer stärker sei die Palästinatendenz auch in Deutschland geworden. Een besonderes Paläsdinaressort werde eingerichtet werden, dem die Fragen der Berufsberatung und Berufsumschichtung unterliegen sollen. Der deutsche Zionismus bestrebe sich jetzt, alle Kräfte, die sich zum jüdischen Volke rechneten, zu einem Kongreß zusammenzufassen, der als ein Tedlkongreß ein Glied in der Kette der jüdischen Kongresse sein würde, bis der Weltkongreß zustande kommen könne. Ernst im Gedenken an unsere Gefallenen treten wir freudig dier Zukunft entgegen. Wenn wir wollen, wird es kein Märchen sein. Nach dieser mit großem Beifall angenommenen Eröffnungsrede hält JustÜzrat Boden hei me r. von der Versammlung stehend angehört, die Gedächtnisrede auf die Toten. Nur drei an dter so großen Zahl der von uns Gegangenen erwähnt er: Techlenow, den Führer des russischen Zionismus und das Mitglied unserer Leitung, der mitten aus d’er Arbeit hinweg in London vom Tode ereilt wurde, Doktor Hey mann, das Mitglied des Großen Aktionskomitees, der in voller Mamieskraft von uns gerissen ‘wurde, und das Mitglied des Deutschen Zentralkomitees, Dr. Pelz, den geliebten Führer der zionistischen Jugend, der auf dem Schlachtfelde gefallen ist. Bodenheimer gedenkt dann der Pogromopfer. Nachdem dann Herr W ollste r ne r, der Leiter der deutschen Sammelsrelle des Nationalfonds, auf die Notwendigkeit hingewiesen hat, die Einnahmen außerordentlich zu vergrößern und es dahin zu bringen, daß das deutsche Judentum im nächsten Jahre allein eine Million Mark zusammenbringen wird, wird das Präsidium gewählt, zu dessen Vorsitzenden Herr Dri Hantke gewählt wird. Dann begrüß# Herr Professor W a r b u r g namens des AEG. und Rechtsanwalt Rosenbaum. Wilna, namens des litauischen Judentums den Delegiertentag, der nunmehr zur Generaldebatte über die allgemeine politische Lage schreitet. Am Beginn derselben übergibt der erste Diskussionsredner Herr Dr. Klee dem Präsidium die Reste verbräunter Thorarollen und Gebetmäntel aus Lemberg, die ihm von Lemberger Juden übergeben worden sind. Die Debatte, bei der die speziellen Palästinafragen und die Fragen der Arbeit in Deutschland nicht behandelt werden sollten, weil diese Fragen erst nach besonderen Referaten zur Behandlung standen, bespricht die allgemeine politische Situation des Zionismus und des jüdischen Volkes, insbesondere auch die Fragen des Ostiudentums der Orthodoxie sowie der allgemeinen Palästiiiaoolitik. Es beteiligen sieh an ihr u. a. die Herren Dr. Kiee. Trictsch. Berger, Dr. Arnold Barth. I)r. Auerbach und Dr. Hantke, der das Schlußwort hat. Dann wurden felgende Anträge einstimmig angenommen: „Der 15. Delegiertentag der Zionistischen Vereinigung für Deutschland dankt dem EAC.. daß es ihm gelungen ist. itn Kriege die Einheit und Neutralität der Organisation zu wahren. Er gibt der Ueherzemrung Ausdruck, daß die ungeteilte Einheit der Zionistischen Weltorganisation auch fernerhin in jeder Hinsicht aufrechterhalten wird. Er fordert die möglichst schnelle Einberufung des Zionistischen Zentralkomitees.“ Ferner wurde eine Protestresolution gegen die Pogrome ebenfalls einstimmig angenommen. Die Nachmittagssitznng dieses Tages' und die Vormittagssitzung des zweiten Tages füllte die Palästinadebatte. die sämtliche Fragen des Aufbaues von Erez Israel in einem Umfange und mit einer Gründlichkeit und Sachkenntnis erörterte, wie sie bisher nur selten auf Kongressen, niemals aber aui Delegiertentagen der Landesverbände stattgefunden haben. Eingeleitet wurde die Aussprache durch ein fast zweistündiges Reierat von Richard Lichthein, der unter Benutzung der eingehenden wissenschaftlichen Arbeiten, vor allem Riippins und Oettiugers ein umfassendes Kolonisationsprogramm aufstellte. Hierum setzt eine eingehende Diskussion ein. in der vor allem drei Gesichtspunkte im Vordergründe stehen: Einmal die Frage der Kapazität des Landes, wo insbesondere von Trietsch der Standpunkt vertreten wird, daß eine Einwanderung in viel schnellerem Tempo als vom Lichthein angegeben möglich sei. während andere Redner, wie Dr. Auerbach (Haifa). Dr. Naw r a t z k 1. Walter Mose s. den Standpunkt des Referenten vertreten. Die Frage der Orthodoxie wird von vielen Rednern erörtert, vor allem aber nimmt die Frage der Sozialisierung des palästinensichen Wirtschaftslebens einen großen Raum ein. Entschieden sprechen sich auch iiir eine Sozialisierung insbesondere die Herren Berger, Goldmann, Max Strauß und Arloscroff aus, andere vertreten den vermittelnden' Standpunkt des Referenten, während einige sich mit großer Entschiedenheit dagegen wenden. Am Schlüsse der Debatte ging der einstimmige Wunsch der Versammlung dahin, den Ortsgruppen Gelegenheit zu geben, die zahlreichen und bedeutsamen Anregungen dieser Debatte zu verarbeiten und zu Ihnen Stellung zu nehmen und im Verlaufe von zwei Monaten einen neuen Delegiertentag einzuberufen, der sich ausschließlich mit der Palästinafrage zu beschäftigen haben und der von einer neungliedrigen Kommission sachlich und technisch vorzubereiten sei. Im übrigen gelangte folgende R esolutron einstimmig zur Annahme: ,JDer Delegiertentag fordert von der Friedenskonferenz die Anerkennung Palästinas als nationale Heimstätte für das jüdische Volk und die Schärfung aller Möglichkeiten für den ungehinderten Aufbau eines jüdischen Gemeinwesens im Lande. Er fühlt sich mit den Zionisten aller Länder einig, daß die Besiedlung Palästinas mit Aufbietung aller Kräfte und so schnell als die Verhältnisse des Landes es gestatten, durchgeführt werden muß. und daß der innere Aufbau der iüdisehen Siedlung auf Grund des Selbstbestimmung^ rechtes dem jüdischen Volke selbst überlasten bleiben soll, das seine zukünftige Heimat deit-cin