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Jüdische Zeitung · 1919-01-03 · 1 (3.1.1919) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
13 (1919)
Issue
1 (3.1.1919)
Date
1919-01-03
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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öeite 2 tu. ,1 JÜDISCHE ZEITUNG Wählbar muß jeder Wahlberechtigte sein, welcher das dreißigste Lebensjahrzurückgdegt hat und vom Stimmrecht nicht etwa wesen strafbarer und unsittlicher Handlungen — die Ein- . schräukimgcn sind natürlich auf ein Mindestmaß herabsiedriickt — ausgeschlossen erscheint Die im § 4 bisherigem rückständigen Kultuswahlordnung enthaltene Vorschrift wonach Rabbiner, besoldete Angestellte der Gemeinde, sämtliche Religioitslehrer. Mlitärpersonen sowie die besoldeten Funktionäre der Bethausvereine. konfessiondien Vereine und Stiftungen der Wählbarkeit entbehren, muß unbedingt fallen, wenn auch die Machthaber des Wiener Kahals mit aller Zähigkeit dagegen ankämpfen. Die Zionisten setzen sich dafür auf das allerentschiedenste ein. ganz abgesehen von dem allen Wahlordnungen autonomer Vertretungskörper widersprechenden Inhalt «fieser Bestimmung, schon deshalb, weil die Zeit vorbei ist da irgendein Bonze aus dem Vorstand oder Vertreterkollegium mit sattem Behagen verächtlich auf einen Beamten herabblicken konnte, weil er vom Gehalte leben muß und nicht ata Rentenbezüge verweisen kann. Sämtliche Angestefiten der Kultusgemeinde, der konfessionellen Vereine, der Bethausvereine sowie der Stiftungen müssen «las Recht erlangen, wenn sie für befähigt erachtet werden und im Wahlgang obsiegen, an der Leitung der Gemeinde mitzuwirken. Man kann ohne besondere Phantasie Voraussagen, daß mancher aus diesem Kreise gewählte Vorsteher viele der bisherigen Kultusvorsteher an Fähigkeiten und Verständnis überragen wird. ln Wahrung des von der zionistischen Partei auigesteüten Kultuswalilprogrämms forderten wir die Zerlegung des Gebietes der jüdischen Gemeinde in Wien zur Wahl des auf 48 Mitglieder zu vermehrenden Vorstandes in sechs Wahlkreise, weiche je einen Wahlkörper bilden, um im Rahmen des Proportionalwahlrechtes auch dem Grundsätze der bezirksweisen Wahl Rechnung zu tragen. Lieber die Wahlkreise, insbesondere über die Art der Zusammenlegung mehrerer Bezirke,' kann man verschiedener Ansicht sein, Hauptsache bleibt, daß die Mandate streng nach der Bevölkerungsziffer der einzelnen Wahlkörper aufgeteiit werden. Nach reiflicher Erwägung haben wir uns für das Verhältnis Wahlrecht mit halbstarrer Liste ausgesprochen; der Wähler ist wohl an eine bestimmte Liste gebunden, hat jedoch die Möglichkeit, durch Streichung von Kandidaten, welche seinem Wunsche nicht entsprechen, eine wenigstens negative Kritik zu üben. Nur der Stimmzettel, welcher nicht einmal die Hälfte der in einer gütigen Wählvorschlagsliste enthaltenen Namen amweist, soll ungiitig sein. Die Ermüdung des Wahlergebnisses erfolgt nach dem d'Honcit’schen System, wobei die Gesamtzahl der gütig abgegebenen Stimmen, geteilt durch die um eins - vermehrte Zahl der im Wahlkreise zu vergebenden Vorstehersitze die Wahlzahl und die Summe der für eine Liste abgegebenen Stimmen, dividiert durch die Wahlzahl, die Anzahl der auf die Partei entfallenden Mandate ergibt Im Gegensatz zur gebundenen Liste wird sich für die Partei innerhalb der Liste die Verteilung der Sitze nach der Anzahl der auf den Kandidaten entfallenen Stimmen, bei Stimmengleichheit nach der Reihenfolge cler Namen in der Liste ergeben. Dadurch erscheint die Parteiwillkür bis zu einem gewissen Grade ausgeschaltet Unter dem Vorbehalt einer weiteren gründlichen Besprechung der geplanten Kultuswahlreform sei Folgendes bemerkt: Die Zionisten haben bisher alles getan, um durch Vorlage eines demokratischen Wahlordnungsentwurfes die seit dem Jahre 1896 bestehende Wahlschande der Wiener jüdischen Gemeinde zu beseitigen. Die Grundsätze des Entwurfes sind in den natürlichen Verhältnissen begründet und nichts anderes als eine Bestätigung der "modernen politischen Anschauungen, welche allenthalben zum Durchbruch gelangt sind und vor den engen, dumpfen Beratungszimmern der Seitenstettengasse nicht Halt machen werden. Die Männer, welche in dieser Sache das letzte Wort zu sprechen haben, sollen bedenken, daß es sich um die gerechte Lösung einer zwei Jahrzehnte alten Kampffrage handelt, für deren Entscheidung im Sinne der Forderungen des nationalen Judentums auch die großen Gedanken sprechen, um deretwillen 4% Jahre lang der mörderische Krieg geführt wurde. Die Wahlordnung soll den ersten Stein darstellen zum großen Umbau der israelitischen Kultusgemeinde in eine jüdische Volksgemeinde, die allein bei den bevorstehenden Aendcrungen den geordneten Bestand verbürgt Alles Sträuben ist zwecklos, die unüberwindliche Wahrheit muß siegen. Es handelt sich im wesentlichen darum, den Judengemeinden Deutschösterreichs und den anderen neugegründeten Nationalstaaten möglichst rasch ein gutes Beispiel zu geben. Die warten auf Wien! Zeichnet für den jüdischnationalen Wahlfonds! In der am 26. Dezember 1918 vom Jüdischen Nationalverein einberufenen Versammlung der Vertrauensmänner wurde einstimmig beschlossen, an den Waiden für die deutschösterreichische Nationalversammlung durch Aufstellung von Kandidaten aktiven Anteil zu nehmen. Es ergeht an alle Gesinnungsgenossen und Freunde der nationalen Bewegung die Bitte, durch Unterstützung des Wahlfonds einen erfolgreichen‘Kampf um das Jüdische Recht im neuen Staate zu führen. Geldsendungen sind an den „Jüdischen Nationalerem“, Wien, II. Zirkusgasse 33, zu richten. Der Schmerzensschrei des Volkes Die Lage in Lemberg nach dem Pogrom. Ein anschauliches Bild über die furchtbar bedrängte Lage der Lemberger Juden einen Monat nach dem Pogrom enthält der mit „Patron i 11 e! Patron ili e!“ überschriebene Leitartikel des Lemberger ..Tagbiattes" vom 20. Dezember. Dieser' Artikel, den wir tiefer auszugsweise folgen lassen, ist eine Auseinandersetzung mit einem Hetzartikel der offiziellen „Gazeta Lwowska“, worin gegen die Juden zu Felde gezogen wird, weil sie in ihrem Schmerze sich ans Ausland wenden und mit den Pogromen die große Welt beschäftigen. Dgt / Tagblatfarti^el ist umso « charakteristischer. aisVer' die beispiellos schikanöse Lemberger Zensur passierte. Das ..Tagblatt“ schreibt: .Wir wollen wahrlich die Pogromcrcignisse nicht aufbauschen. Es ist dies nicht notwendig. Das schreckliche Unglück ist groß genug. Wir werden aber auch niemandem gestatten, das Geschehene zu verkleinern und ungeschehen zu machen. Was ist in Lemberg eigentlich geschehen? Am hellichten Tage, oder richtiger, au helllichten drei Tagen und durch den Brand von vielen jüdischen Häusern hell beleuchteten 3 Nächten wurden im Leimberger jüdischen Viertel Hunderte Menschen. Männer; Frauen und Kinder ermordet und Millionen. Bargeld und Wertgegenstände, geraubt und viel, mehr vernichtet. Weshalb sucht man es gewaltsam zu verhindern, daß die Nachrichten über den Pogrom in die Welt dringen und ihr Mitgefühl und ihre Hilfe anrufen? Weshalb? ES“ muß doch irgendeine tiefere Ursache geben. Ist es etwa das Schamgefühl der polnischen Regierung ob des Geschehenen? Die Scham wäre ganz unverständlich. Wenn die Ereignisse tatsächlich — wie die polnische Presse es hinzustellen sich bemüht — unerwartet, mit elementarer Gewalt gekommen seien, weswegen sich schämen? Ein Unglück ist keine Schande. Daß man sich schämt, beweist, daß Grund hiezu da ist daß die Sache dennoch nicht ganz unerwartet gekommen war, daß menschlicher Wüle einigermaßen mitgewärkt habe. Und dieser abscheuliche, bestialisch-böse Wille, wenn auch eines kleinen Voiksteües, ist es eben; der «lie Schamröte ins Gesicht treibt. Wir begreifen dies voükommen. Wir hätte« der polnischen Regierung und der polnischen Gesellschaft diese Schande gern erspart und nicht s* laut aufgeschrien. Aber was können wir dafür? Wir schreien, ohne es zu woüen und fast ohne zu wissen, daß wir schreien — weil es uns schrecklich schmerzt Und wir können nicht dafür verantwortlich gemacht werden, daß unser wahrlick, elementarer Aufschrei, der Lärm des beleidigte» Rechtes und der gekränkten Menschenwürde weit über Lemberg hinausdringt Wir schreien vor Schmerz, ohne zu erwarten, daß uns jemand hört. Indem wir schreien, haben wir keine andere Absicht, als dadurch unseren Schmerz zu lindern. In den vier Wochen seit dem Pogrom ist es im Lemberger jüdischen Viertel fast zur ständige» Erscheinung geworden, daß in finsterer Nacht a» den Haustoren geklopft wird, ab und zu werden Schüsse hörbar, alle Fenster des Hauses werde» nun weit geöffnet und die Einwohner rufen aus ganzer Kraft: „Patrouille, Patrouille!“ Dieser Ruf liailt durch die ganze Gasse und findet in de* übrigen Häusern einen Wiederhall, und Jm schrecklichen Chor tönt weit das sich wiederholende Wort: „Patrouille!“. Trotzdem sie nicht bestimmt wissen, ob sie Gehör finden werden und obgleich es sich öiters ereignet, daß die herbelgeeüte Patrouille nicht die gewünschte Hilfe bringt, schreien sie dennoch unaufhörlich: „Patrouille, Patrouille!“. Dieser Schrei, die Tatsache, daß sie ihre eigenen Stimmen hören, verringert ihre Angst .und beruhigt sie. Ein ganzes Volk reißt die Fenster auf und schreit aus Verzweiflung und Schmerz.. . . trat! ihr klagt an? Und ihr wundert such, daß dieser Schrei eines ganzen Volkes so laut ist daß er von einem Ende der Welt zum andern dringt? ... Die Jewisti Company Ein Vorschlag. Die Ereignisse der letzten Zeit haben uns. wieder der Idee des „Judenstaats“ näher gebracht. Einerseits die in greifbare Nähe gerückte Schaffung einer Heimstätte für'das jüdische Volk in Palästina andererseits die traurigen Erscheinungen des tiefeingewurzelten Judenhasses int östlichen Zentraieuropa, zwingen uns, dem Problem der Emigration aus den bisherigen Wohnländer* und der Immigration nach Palästina unsere besondere Aufmerksamkeit ziizuwenden: Die Immigrationsfrage beschäftigt' schon lange unsere, '••Zentralleitung und ihre Organe und sie wird, entsprechend den geänderten Verhältnissen, eine» immer größeren Raum in unseren Beratungen und Plänen für die Zukunft einnehmen müssen. In diesem Moment jedoch schalte ich sie aus meiner Betrachtung absichtlich aus. Die mich hier interessierende Frage ist die der Auswanderung, wolügemerkt in erster Linie unter Bedachtnahme auf die Einwauerung nach Palästina,*' aber auch,, soweit diese in ihrer Totalität nach Palästina sich nicht ableiten ließe, in bezug auf andere, für. dlo Einwanderung in Betracht kommenden Länder, Die letzten Pogrome gegen die Juden i* Polen und Galizien werden zweifellos in der allernächsten Zeit eine starke Emigration hervorrufen. Es ist zwar zu hoffen, daß die blutige» Ausschreitungen und die Gewalttätigkeiten gege» die Juden und jüdisches Hab und Gut in absehbarer Zeit aufhören werden, da derartige Untaten den Bestand eines Rechtstaates überhaupt , gefährden. Gleichwohl kann aber als sicher a»- genommen werden, daß der durch Jahrzehnte gonährte und großgezogene Judenhaß im gesellschaftlichen und ökonomischen Leben sich noch lange geltend machen und das Verbleiben im Land» zahlreichen Schichten des jüdischen Volkes verleiden wird. Es ist somit mit einer andauernde* Emigrationsbewegung aus Polen zu rechnen. Der größte Teil der Auswanderer wird es vorziehe», nach Palästina zu gehen, die anderen werde» dazu vielleicht deshalb gezwungen sein, weil di» Staaten sich vor den einwandernden Juden ver¬ Vom israelitischen Weinachtsmarfct Die teuren Christbäume. „Eine Wiener Hausfrau schreibt uns: Es besteht die Gefahr, daß bei dem Mangel an Ghristbänmen viele christliche Familien heuer keine Christbäume haben werden, da firnen die Bäume weglizitäert wenden. Dieser Tage fragte ich auf einem Christbairniverkaufsplatz -nach dem Preis eines mir zusagenden Baumes. Er war mir zu teuer and ich sagte der Verkäuferin, unter den obwaltenden Umständen müssen wir uns mit einem kleineren Baum begnügen. Zwei Damen, welche ebenfalls hinzutraten, äußerten dieselbe Meinung, obwohl Ihnen rifar Baum ebenfalls gefiel. Da kommen zwei N i c h t Christinnen und siehe, diesen ist er nicht zu teuer. Sie kaufen ihn. Und solche Fälle nahm ich dann mehrere wahr. Wir werden also henier das merkwürdige Schauspiel haben, daß die Christen auf den Schmuck Ihres christlichen Festes, mit dem säe die Geburt ihres Heilands feiern, verzichten müssen, weil andere «Ile Christbäume uni jeden Preis aufkäufen können. Gibt es da keine Abhilfe? Wir bauen uns doch auch keine Laubhütten und backen keine Mazees!“ („Reichspost“) i Zur Beruhigung vieler IsraeÄnnen, die 'der "prdrtung Ausdruck gelben, diie Ghrtotbäume htjm heuer unerschwänglieb teuer werden, hat _ Behörde für dBe Bäumchen Höchstpreise festgesetzt „38iähriger Kaufmann, Gesellschafter einer großen Provinzfirma, miit bedeuterem Vermögen und Einkommen; sucht auf diesem nicht mehr ungewöhnlichem Wege Bekanntschaft mit. J üdin ..... mit größerem Vermögen . Zuschriften unter »Weihnachten 1918' an.“ . * (N. Fr. Pr.“) . „Hübsches israeflrMsches Fräulein erbittet vom Christkind seriösen, charaktervollen Mann. Nur ernstgemeinte Anträge unter .Glück* an.“ („N. Wr. Tgbl.“) * „Die Budaipester jüdäsdhie FBrma Julius WoKner & Co. hat anläßlich der Weihnachten 500.000 Kronen zu einer Stiftung für Witwen und Waisen ungarischer H o n v 6 d-B e r u f soffdziere gespendet“ („Ailgera. Jüd! Ztg,“) Auf die Fragte, welche ein jüdischer Börsenbesucher.zur Wefflinachtsze.it an einen christlichen Zeitui. gsbe rieh te nstaitter an der Weener Börse stellte: „Werden Sie auch einen Weihnachtsbaum anzünden?" erwiderte er: „Bim ich den» ein Jud?“ In dier Geigerachen „Alfoem. Ztg. des Judentums“ empfahl Herr Rabbiner Dr. Ziegler, die Israeliten mögen die Ghanukah-Lichter am — 24. Dezemeber amzüraden, mit der Begründung „Warum denn lacht?“ Auch mögen sie statt der acht — viele Kerafein anzünden, auch das: Warum denn nicht?“ * -7 Beim Christbaran-Verkaiulsstamd an der Servitenkirche schimpft eine Verkäuferin gründück über Saujuden und dergleichen, weil .ein spielender jüdischer Knabe einem Baume zu nahe gekommen ist. Ihre Kollegin aber ruft ihr lachend zu, sie möge das Schimpfen heute doch lassen, denn, wann net dö st imkerten Juden wäre»; hätt* man eh’ ka Bamsrl net verkauft” * Sylvester. „Warum sott ein religiöser Jude nicht Sylvester feiern dürfen? Der Name Sylvester gehört altendängs einem katholische* Heiligen, aber ebenso wenig, wie der Protestant, denkt der Jude dabei an den Ursprung dieses Namens. Miau feiert den Abschluß des Jahres und das äst eine Sitte aller Kulturvölker. Vcin „chukot hagojim“ kann hier nicht düe Rede sein, da es sich nicht um einen religiösen Brauch handelt Allerdings entspricht es der jüdischen Weltanschauung, nicht übermütig zu werden; sondern auch in der Freude Maß zu haltern Das ist in der ernsten Zeit umsomehr eim Gebot des Taktes.“ („Hamburger Israelit Familienblatt“) ‘ * «: Jüdische Bühne, 2. Bezirk. Freitag, den 31. Dezember 1916: Große Sylvester!el»j. ■ Zur Aufführung gelangt: „Mojsche Chajet“ Um 12 Uhr nachts: Großes Sylvestee-Blkf. (Aus der Sammlung „Matuscheieum“ des A1. S*M)

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