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Jüdische Zeitung · 1918-12-27 · 52 (27.12.1918) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
12 (1918)
Issue
52 (27.12.1918)
Date
1918-12-27
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 52 JÜDISCHE ZEITUNG Seite S fürchten fast alle für solche gehalten zu werden. la der Zeit der-Hochflut der Heilobrüder — der Wolf, Ofner und anderer deutschnationaler Gesinnungsgenossen unserer jüdischen Professoren — war es, daß man die jüdischen Studenten fast Wöchentlich zur Verherrlichung des Bummels unter dem Rufe „Juden hinaus“ mit Stock- und Fausthieben aus der Aula zu verdrängen suchte, bis die Arme der schmunzelnden christlichsozialen * Wachleute die Juden über- , »ahmen und unter Mißhandlungen auf die Wachstube schleppten. Hie und da sah man im Getümmel einen Dozenten oder Professor/ „mosaischfif Konfession“ sich scheu an der Wand hinschleichen. Schließlich konnte man die Herren ja auch im Kampfgewoge der Jungen nicht: brauchen: Wir gingen also in ihr Haus und baten in unserer Not um Hilfe und Waffen. Was wir da zu unserer Beschämung erfuhren und jahrzehntelang scheu_verschwiegen; soll nun endlich den edlen „deutschen“ Recken mosaischer Konfession, den. modernen Protestanten israelitischer Nation, ins Gesicht geschleudert werden. Der eine der Herren meinte verlegen stammelnd, er fühle ja sehr mit seinen Glaubensgenossen, aber er könne sich doch nicht gut bloßstellen, er habe zum Großteil deutschnationale Hörer, man könne seine Vorlesungen stören. Ein anderer meinte, er könne sich in seiner Stellung nicht exponieren, die jüdischen Studenten selbst sollten eben nicht ■hervortreten, von ihren phantastischen Idealen lassen usw. Angeekeit und beschämt verließen wir die Herren, die nur um ihre Vorlesungen, ihre Stellung, bangten, für die Leiden und Sorgen ihrer Komilitonen aber nicht mehr als schöne Worte im trauten Kämmerlein aufbrachten. Herr Dr. Ehrmann kann Herren dieser Art auch unter den Protestanten der israelitischen Union finden, er war etwas voreilig und kühn, ihre typischen- Aenßerungen, die jeder jüdische Student zu hören bekommet hat, für „'objektiv und wahre“ Verdächtigungen zu erklären. Er hat eine zu gute Meinung von seinen Kollegen. Er möge aber auch die Zaghaftigkeit seiner Kollegen nicht für unbegründet halten. Wohl ist es richtig* daß die Ab- . setzung akademischer Lehrer nach formellem Recht durch ein Disziplinarverfahren bedingt ist. So liest man es. anders tut man es. Man erinnere sich nur des Schicksals des Professor. Mahler an der Prager deutschen Universität. Einige Gassenjungen, darunter auch solche des „mos. Konfessionsbandes“. störten die -Vorlesungen Mahlers durch Demonstrationen. Die Deutschen Prags konnten den Jüdischnatioualen Mahler an der deutschen Universität nicht dulden. Und so ist Mahler denn auch geärgert und angeekelt gegangen. Die „deutschen“ Gasseniungcu Prags mos. Konfession haben auch weiter unverzagt für den deutschen Besitzstand gekämpft — bis in die letzten Tage und mit sehr rühmlichem Erfolg. Jüdische Passanten wurden vorn Pöbef geselligen, jüdische Geschäftsleute geplündert Aehnliche Erfolge werden wir den „deutschen Helden“ mos. Konfession in Wien zu wehren wissen. Den Geschäftspolitikern und ihren gedankenlosen, wenn auch ehrlichen Mitläufern wird das Handwerk gelegt werden. In allen möglichen politischen Lagen und in allen prominenten Stellungen vom Bezirksausschuß bis zum Staatsrat oder noch höher bis zum Führer der Roten Garde, findetnian die Herren des mosaischen, mitunter durch Taufe gewechselten Konfessionsbandes. Wir kennnen die furchtbare Gefahr, die maßlose Erbitterung, die das Treiben dieser „Notabeln“ in der Bevölkerung heraufbeschworen hat. unsere Vertretung ausscliließlich in "den gewählten Vertrauensmännern und in den Beamtenorganisationen, denen wir angehören. Wir sind überzeugt daß weder die Vorgesetzten Behörden, ’ denen wir stets unter Einsatz unserer besten Kräfte gedient haben, noch unsere Kollegen, mit' denen wir uns durch Heimat, Sprache, Erziehung und gemeinsame Arbeit vieler Jahre verbunden fühlen, den jüdischen Beamten eine Sonderstellung zuweüsen wollen, sondern daß' wir in dem neuen freien Staat mit gleichen Pflichten und Rechten an dessen Entwicklung und dem Gedeihen Deutschösterreichs mitarbeiten werden.“ Die Beamtensektion des Jüdischen Nationalrates hat sich in einer Eingabe an Se. Exzellenz den Nordbahndirektor dagegen verwahrt, daß diese Kundgebung dahin auszulegen sei; als ob die jüdischnationalen Beamten nicht ebenso loyal, staatstreu und kollegial fühlen wie die deutschnationalen Juden. Das Traurigste an dieser Kundgebung liegt darin, daß sich einige Herren gefunden haben, die sie unterschrieben, trotzdem sie einige Tage vorher bei den Vertretern der Beamtensektion des Jüdischen Nationalrates - bitten waren, sie mögen auch ihre Interessen bei der Vertrauensmännersitzung vertreten. Die Namen dieser „Ehrenmänner“ werden wir noch gelegentlich veröffentlichen. Die Kopenhagener jüdische Hilfskonferenz Die Kopenhagener jüdische Hilfskonferenz, welche am 7. und 8. Dezember im Hotel „Phönix“ in. Kopenhagen tagte, war von leidenschaftlicher nationaler Begeisterung getragen. Eingeleitet wurde dieselbe durch zwei Reden, welche der Vorsitzende Professor Simonsen und Leo Motzkin hielten. Im Laufe des Sonntags wurden dann mehrere Referate gehalten, so vom Vize- Vorsitzenden der Konferenz, Splelvogel, über den Zusammenschluß aller jüdischen .Hilfskomitees, von Dr. Bernstein über den Kinderfonds, von Vladimir Großmann und Dr. Kurt Nawratzky über den ökonomischen Wiederaufbau. Starke Kundgebungen lösten sodann die Resolutionen über die - allgemeinen Forderungen an die Friedenskonferenz betreffs Entschädigung des jüdischen Volkes, betreffs der nationalen Rechte und Palästinas aus. Außer den Resolutionen lokalen Charakters faßte die Konferenz auch eine Reihe von Resolutionen allgemeiner Natur. Eine von Großmann vorgeschlagene Resolution fordert die Einberufung einesjüdischen Weltkongresses, der neben den politischen Fragen sich auch mit den ökonomischen Fragen des jüdischen Volkes befassen soll (namentlich Emigration und Kolonisation, Wiederaufbau). Eine von Motzkin efargebrachte Resolution fordert alle jüdischen Hilfsorganisationen und alle jüdischen nationalen Vertretungen auf, rechtzeitige Vorbereitungen für die Lösung der Aufgaben der konstruktiven H i 1 f e zu treffen uncfempfiehlt zu diesem Zwecke die Aufnahme einer nationalen Anleihe. Eine zweite Resolution Motzkins fordert die jüdischen Vertreter auf der Friedenskonferenz auf, spezielle Anträge betreffs Entschädigungen der vom Kriege heimgsuchten Juden einzubringen. Die Verteilung der Entschädigungssummen soll nach Maßgabe der von jeder nationatSfi Gruppe erlittenen Verluste unter den Juden, den Polen und den anderen osteuropäischen Völkern vorgenommen werden. Mit Rücksicht auf die bisher auf dem Gebiete der öffentlichen Kriegshilfe gemachten schlechten Erfahrugen wird eine internationale Kontrolle über die Verteilung der Entschädigungssummen gefordert Schließlich faßte die Konferenz eine Resolution Motzkins, wonach a) bürgerliche, politische und nationale Gleichberechtigung in allen Ländern und nationale Autonomie, wo es die Juden fordern* und b) Gwährung Palästinas als nationale Heimstätte für das jüdische Volk gefordert wird. Gemäß einem Vorschläge von Trotzki wurde eine aus 24 Personen bestehende Kommission eingesetzt, (he zusammen mit dem Kopenhagener Hilfskomitee, mit dem Skandinavischen Zentral- Hilfskomitee und den anderen jüdischen Organisationen in Skandinavien das Programm für eine skandinavische Konferenz auszuarbeiten hat. weiches sich mit allem, das auf die Restaurierung des sozialen, kulturellen und politischen Lebens des jüdischen Volkes Bezug hat? befassen soll. An beiden Abenden fanden nach zahlreichen Ansprachen Geldsanimiungen statt, welche an Ort und Stelle den Betrag von K 115.000 ergaben. Das Gesamtergebnis nebst den nachträglichen Zuwendungen dürfte, wie angenommen wird, zirka 200.000 dänische Kronen betragen. Gegen die polnischen Pogrome Das Jüdische Preßbureau in Stockholm telegraphiert uns: Das polnische Nationalkomitee in New-York veröffentlichte eine Erklärung, welche die Pogrome dementiert und die Entsendung einer gemeinsamen Untersuchungskommission aus der Mitte der Juden und der Polen Amerikas vorschlägt. Der Präsident der zionistischen Organisation Amerikas, Richter Mack, und der Vorsitzende des „American Jewish Comittee“. Louis Mar sh all, erwiderten auf diese Erklärung, daff es erwiesen ist, daß von polnischer Seite Pogrome verübt wurden, daß sie aber den Vorschlag bezüglich der zu entsendenden Kommission annehmen. Eine in New-York abgehaltene ukrainische Konferenz, die eine Viertelmillion in Amerika lebender Ukrainer, vertrat, faßte eine schärte Protestresolution gegen die Pogrome. Das Jüdische Korrespondenzbureau iin Haag telegraphiert: Der holländische Senat nahm eine Resolution an, welche über die gegen die jüdische Bevölkerung verübten Pogrome Abscheu ausspricht. Der Plan, .eine Untersuchungskommission zu entsenden, wurde mit Rücksicht auf die politische Lage Hollands abgelehnt. Die Senatoren van Kol und Polak hielten in der Erörterung, welche zu der Resolution stattfaud, Reden, in denen sie den Opfern der Pogrome ihre wärmste Sympathie ausdrückten und die Sicherstellung ihrer Rechte verlangten. Insbesondere verlangte der Senator Polak für die jüdische Bevölkerung in den von den Pogromen heimgesuchten Gebiete» volle nationale Rechte. Die Zukunft Palästinas Die Juden Wiens sollen sich dessen bewußt •werden, daß sie mit dieser Gesellschaft nichts gemein haben. Aber unsere Ehre und unsere bür=- gerliche Sicherheit verlangt, daß auch die Deutschen Oesterreichs es erfahren: die Juden Deutschösterreichs bekennen sich zum jüdischen Volke und ihren freigewählten Führern. Sie wollen keinen anderen Platz. Was draußen steht und lärmt, protestiert und manifestiert, referiert und amtiert, sind abgefallene faule Reste, ihr Anhang gedankenlose oder verzagte. Mitläufer, die besten unter ihnen verirrte Ideologen, die ihre unerwiderte Liebe zu den Besten, zum deutschen Volke nicht verschmerzen können. Vielleicht werden sie dann doch den Weg zu uns, zum jüdischen Volk nach ihrer Irrfahrt -wieder finden. Wien, den 19. Juni 1918. Dr. Max Bernhardt. Protestler auch bei der Nordbahndirektioir , — Die Lorbeeren der „Union“ haben Herrn Staatsbahnrat Dr. Leo Mautner nicht ruhen lassen, weshalb er bei der Nördbahndirektion eine Kundgebung von „Jüdischen Beamten gegen die jüdischnationale Partei“ ins Werk setzte. In derselben maßt er sich an, im Namen „der weitaus überwiegenden "Mehrheit“, der jüdischen Beamtenschaft zu sprechen, was schon aus dem Grunde nicht zutreffen kann, weil die jüdischen Beamten ganzer. Abteilungen der. Nordbahndirektion — abgesehen von ihrem politischen Bekenntnis und in der richtigen Erwägung des Umstandes, daß die Nordbahndirektiön nicht das geeignete Forum zur Austragung politischer Gegensätze sej — die Unterschrift verweigerten. - In genau der gleichen anmaßenden, hinterhältigen und denunzierenden Form, wie das „rühmliche“ Vorbild, die „Union“, erklärte Herr Dr. Mautner dem Nordbahndirektor: „Wir sollen als getreue, gleichberechtigte Bürger und Beamte des deutschösterreichischen Staates gleich allen anderen Beamten behandelt werden, und sehen Erklärung der Englischen und französischen Regierung In einer gemeinschaftlichen Erklärung der englischen und französischen Regierung über ihre Ziele in der Türkei vom Oktober d. J. waren die Absichten der beiden Regierungen in folgenden Sätzen ausgesprochen: -Pas Ziel, welches Frankreich und Großbritannien bei der Fortsetzung des Krieges im Orient, der von dem deutschen Ehrgeiz befreit ist, vor Augen haben, ist eine vollständige und endgültige Befreiung der Völker, die, so lange von der Türkei unterdrückt. waren, und die Errichtung nationaler Regierungen und Behörden, die ihre Autorität aus der Initiative und der freien Wahl der eingeborenen Bevölkerung herleiten. Um diese Absichten zu verwirklichen, sind Frankreich und Großbritannien darin einig, auizumuntern und zu helfen bei der Errichtung eingeborener Regierungen und Behörden in Syrien und Mesopotamien, die jetzt von den Alliierten befreit worden sind, sowie in den Gebieten, deren Befreiung jetzt verwirklicht wird. Sie sind weiter einig, diese Regierungen und Behörden anzuerkennen, sobald sie auf wirksame Weise errichtet sind.“ Hierauf hat Israel Zangwill mit folgendem Brief im „Jewish Chronicle“ geantwortet: Ais vielleicht dem ersten Schriftsteller, der dafür eingetreten ist. daß Palästina unter britischer Suzeränität an die Juden zurückfalle, werden Sie mir wohl gestatten, meine Beunruhigung über die offizielle englisch-französische Erklärung auszusprechen, aus der Palästina vollständig verschwunden oder mindestens in Syrien aufgegangen ist. — Das wäre sogar weit mehr als Frankreich auf Grund des Sykes-Picot-Vertrages beanspruchte. Wenn England nicht gerüstet ist. sich mit der Bürde Palästinas zu beladen, so ist die natürliche Folgerung, nicht daß dieses als Teil eines französischen Syrien behandelt wird, sondern daß es ein unabhängiger Staat wird, ein Teil der künftigen Liga der Nationen, was eine automatische Garantie seiner Sicherheit bedeuten würde. Das jüdische Gemeinwesen In Palästina. „Jewish Chronicle“ bringt in seiner Nummer vom 15. November den Aufsatz eines anonymen Verfassers, der sich eingehend mit den Grundlagen des künftigen jüdischen Gemeinwesens in Palästina befaßt. Der Verfasser geht von den Ueberzeugung aus, daß die englische Regierung eine nationale Siedlung für notwendig hält, und zwar nicht nur im Interesse Palästinas, sondern im Interesse der ganzen Weit Um dieses Ziel zu erreichen, schlägt der Verfasser die folgenden Wege vor: I. Palästina soll den Namen „Israel1* erhalten. Dieser Vorschlag wird folgendermaßen begründet: „Der Name „ein jüdisches Palästina“ steht in keinerlei Beziehung zu der Nationalität, die innerhalb seiner Grenzen erstehen soll. We Nationalität Englands ist die englische, die Frankreichs die französische usw. Die Nationalität den Bevölkerung Palästinas als* „palästinensisch“ zu bezeichnen, hätte keinen Sinn. Es wäre weder iür die Majorität der jetzigen Einwohner bezeichnend, noch hätte es, wenigstens hinsichtlich den Juden, einen historischen Sinn. Dieser Anomalie muß ein Ende gemacht werden. Das kann dadurch geschehen, daß wir zu dem biblischen Namen „Erez Israel“ zurückkehrea und Palästina — Israel nennen. Da schon der Name an sich eine rein politische Bedeutung hätte, so würde daraus folgen, daß alle Bewohner, welcher Rasse und Religion sfe auch sein mögen, Israeliten wären und die jetzigen Bewohner den Kern des künftigen Volkes Israel bilden würden. Die Bevölkerung „Israels“ würde natürlich auch die Araber mohammedanischen Glaubens umfassen, aber auch die-Juden jüdischen Glaubens* Sie alle würden dann mit dem Namen „Israeliten“, d. h. Volk des Landes Israel bezeichnet! werden. Dadurch und nur dadurch würde die arabische Frage in Palästina gelöst werden. Diejenigen Araber nämlich, die Bürger von „Israel“ werden wollen, können dies tun, und ehe, welche das nicht wün-

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