Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 12 (1918)
- Issue
- 52 (27.12.1918)
- Date
- 1918-12-27
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Kr. 52 den Golusländern in päitischer Beziehung Minoritätsrechte fordere, welche sie mit Unterstützung der Antisemiten erhalten'würde. Zum Schluß bat er, man möge sich entweder auf eine gemeinsame Liste oder auf eine Listenkoppelung einigen, damit das Judentum in der Konstituante verteten sei. Sofort nach dem Referat wies Dr. von Pollack dem Vorstand der „Union“ nach, daß er in einem Beschluß die jüdische Nation für den Osten bereits anerkannt habe, und fragte, warum für Deutschösterreich nicht dasselbe geschehe. Ein Student namens Weiß erzählte dann, 99 Prozent der israelitischen Studentenschaft, bekennen sich zur deutschen Nation und betrachten sich bloß durch ein konfessionelles Band an die jüdische Religion geknüpft. Nach den Ausführungen eines gewissen Dr. ^Schwärzmann, der erklärte, er sei früher Zionist gewesen, habe sich aber wieder zur Assimilation bekehren lassen, katn Dr Plaschkes zum Wort Unter fortwährenden Störungen seitens des Vorsitzenden und des Sekretärs Fleischer führte er aus, die Behauptungen Dr. Ofners über die Haßbewegung und die Verhetzung der Jugend gegen sie seien unwahr. Die Zionisten haben keinen Grund, jüdische Renegaten zu lieben, aber zum Haß sei der Anlaß nicht gegeben. Redner glaube, Dr. Ofner, der in .den letzten zehn Jahren seine Stellung zur Judenfrage gebessert zu haben scheine, könne ruhig an den Jüdischen Nationalrat herantreten, ihm darzutun, daß er im Gegensatz zu seiner bisherigen Tätigkeit ein geeigneter Vertreter jüdischer Interessen sein wolle und dann könne vielleicht von einer Listenkoppelung die Rede sein. Dr. Ofner habe heute nicht von seiner Zugehörigkeit zur deutschen Nation, dagegen vom Bestand des jüdischen Volkes gesprochen, während er früher immer gesagt habe, er sei ein Deutscher und lasse sich sein deutsches Herz nicht aus der Brust reißen, die Verbindung mit der zionistischen Partei sei ihm also möglich, wenn er ein entsprechendes Programm aufstelle. Da erhob sich der alte Dr. Ofner und erklärte, er stehe auch heute noch auf dem Standpunkt, daß er dem deutschen Volke angehöre, sein deutsches Herz werde er nie verleugnen. Dr. Plaschkes erwiderte, nach dieser Erklärung gebe es mit Dr. Ofner kein Zusammenarbeiten. Nun wollte der Redner auf den Aufruf der Union zurückkommen und erklärte, dieser Protest enthalte vier Lügen. Das durch diese Bemerkung beleidigte Präsidium ging mit der Wortentziehung vor, in der offenbaren Absicht, die Auflösung der Versammlung herbeizuführen. Dieser Plan des Präsidiums scheiterte an der Besonnenheit der anwesenden acht Zionisten und es gelang noch Herrn David Nebenzahl, ebenfalls unter schweren Behinderungen, den Israeliten darzntun. daß ihre Liebe gumJudentum vergebens sei. wejin sie nur eine Konfession gelten, lassen wollten, das nur-konfessionelie Judentum sei im Absterben begriffen, nur das nationale Moment könne die Zukunft des Judentums sich erstellen. Von einer Verhetzung der Jugend gegen die Assimilanten sei keine Rede, es werde sich jedoch das altjüdische Wort daß die Väter die Söhne zu unterweisen haben, durch den Zionismus in das Gegenteil wenden, -da die Söhne ähre .Väter zum Zionismus und zur nationalen Idee bekehren müssen Nun kam es zu einem heiteren Zwischenfall indem der von der Union als Redner aufgestellte Student Weiss plötzlich ausrief, er werde sich taufen lassen, wenn die Zionisten obsiegen. Mit diesem Zwischenruf des deutschen Jünglings befaßte sich Nebenzahl nunmehr eingehend und wies nach, wie der Standpunkt der „Union“ zweifellos zur Verleugnung des Judentums und zur Taufe führe. \ Lt. K1 a r erwiderte dem Weiss namens der jüdische i Studentenschaft in einigen durchaus zutreffenden Worten und errang dafür die Zustimmung der ganzen Versammlung. Zum Schlüsse konnte noch der alte Hofrat Löwner den Versammelten erklären, daß er auf Grund seines Studiums der jüdischen Geschichte Assimilant geworden sei und daß er bitten müsse.- diese Erfahrungen eines alten Herrn zu berücksichtigen und sich nicht von der Jugend leiten zi lassen. Nach "diesen komischen Darlegungen fand die Versammlung ihr Ende .und alle Gg. entfernten sich mit dem Wunsche, die „Israelitische Union“ möge den Mut fänden, ihre Anschauungen und Wünsche in einer großen öffentlichen VersommlunsP zu vertreten und nicht hinter geschlossenen Türen unter dem Schutz von Polizeiagenten und unter terroristischer Leitung. Eine deutsche Stimme über, die Denunzianten Das führende Organ der Reichenberger Rathauspartei, also das halboffiziellc der ehemaligen deutschen Landesregierung, die „Reichenberger Deutsche Volkszeitung“, bringt, wie die Prager „Selbstwehr“ berichtet, folgenden Aufsatz, den auch andere nordböhmische Zeitungen nachgedruckt haben, an leitender Stelle in ihrer Nummer vom 11. Dezember d, J.: Ein Lichtblick in trüber Zeit. 'Während die ganze Welt sich gegen uns wendet, meldet sich uns ein. neuer Freund: Es erläßt in'den Wiener Blättern die österreichische israelitische Union einen Aufruf," .worin -die Judenschaft in Dcutschösterreich sich zum Deutschtum ünd als Glied des deutschen. Volkes bekennt und gegen die Bestrebungen des Jüdischen Nationalrates Stellung nimmt Der Inhalt dieses Aufrufes ist uns bekannt Haben wir doch vor einigen Tagen in den tschechischen Blättern gelesen,* daß die Juden in Tschechowien sich als Angehörige des tschechischen Volkes „deklarieren“, und denselben Aufruf haben ^ch die Juden in Frankreich, England usw. als Glieder der betreffenden Nationen geleistet Dabei wollen die Herrschaften nach gut altösterreichischer Methode — durch Vemaderung eines anderen — die national gesinnten Juden v'ejdächt i g e n, als ob sie weniger treue Söhne des deutschösterreicHschen Staates sein wollten als die „deutschen“ Juden. Ein wahrhaft Deutscher, ob er nun Antisemit ist oder nicht wird überdas Deutschtum dieser Herren nur lächeln; es ist heute eine feststehende Tatsache, daß ein Deutscher diese Stammesfremden niemals als Glieder des deutschen Volkes ansehen wird. Uns sind die Juden, die "sich als das ausgeben, was sie sind, immer noch lieber als diese Psetidodeutschen, die sich mit ihrem Deutschtum überall vordrängen — ein typisches Zeichen dieser Rasse — und uns in den Verdacht bringen, als ob es in Deutschböhmen kein' wahres Deutschtum gebe, soadea» nur von den Herren Israeliten genährt und gehalten werde. Wir aber denken unwiltkürfick: „Gott schütze uns vor unseren Freunden.'* . M.n Wir haben diesen Ausführungen kein Wort hinzuzufügen. Wir fühlen nur schmerzerfüflt unsere Schande. Die jüdischen Professoren und die jüdischen Studenten Für die jüdischen Universitiätsprofessorgn, die gegen Bestand . und Wirksamkeit des Jüdischen Nationalrates zu protestieren sich befqgt hielten, ergriff Dr. Ehrmann in Dr. Blochs Wochenschrift das Wort. Die Herren stellten sicherlich ihren Besten in die Bresche. Die integre Persönlichkeit Dn. Ehnnanns, sein redliches Bemühen, ln .verschiedenen Wohltätfigkeiitsanstaitö* und -Aktionen, auch für jüdische Akademiker, nach seinem besten Können zu wirken, haben wir stets gerne anerkannt. Gleiches gilt von einigen wenigen andern Und auch Herr Dr. Ehemann weiß nur wenige, leider nur allzuwemge anzuführen. Aber auch er und die Seinen haben den Weg zum jüdischen Volk und zu seltner Jugend nicht gefunden. Die jüdischen Professoren und Lehrer wären berufen und verpflichtet, cfie jüdische Studentenschaft zu führen, ihre Leiden und Sorgen mitverstehend zu tragen, mit ihnen sich mitzufreuen, bei ihren Festen mitzujüböfa*. Die blauweiße Fahne des Volkes, welch anderen Händen, als denen unserer Lehrer sollte sie anv vertraut werden. ■ . v Aber die Herren Professoren stehen djera allen fremd gegenüber. Die Herren vermögen die Ideale des Volkes und der Jugend nicht eanmai begreifend zu verstehen; sie steilen sich unbedenklich zur. „Mehrheit“ der Wiener jüdische» Stadtbevölkerung, dieser molluskenartigen, durch Erwerbs- und Vergnügungssucht korrumpierten Masse, die wohlig in die Seuche der Assimilation untertaucht, die gierig Maske und Schirm des Pseudodeutschtums ergreift, um, wie sie vermeinen, ungestört dem Geschäft und dem Genüsse nachzujagen. Zu dieser armseligen Mehrheit rechnen sich auch unsere Professoren. Das jüdische Volk aber darf sie nicht zu den Seinen zählen, und die jüdischen Akademiker wissen, dal sie volksfremd und verständnislos abseits stehen. Wann immer die Not die jüdische Studenten- Schaft. drückte, wo waren die jüdischen Professoren? Man kennt den wüsten Terrorismus, den die deutschnationale'Studentenschaft auf dem Wiener Universitätsboden ausübt: Sie erkühnte sich, iri feierlichen Deklamationen die jüdischeil Akademiker „für aller Ehre bar“ zu erklären. Die jüdischen Professoren waren verstimmt und schwiegen. Man gönnte den Juden nicht den Bissen Fleisch in der mensa academica und trieb die jüdischen Studenten mit Brachialgewalt aus ihren Räumen. Die jüdischen Professoren schwiegen. Man erklärte, die Studenten der östlichen Kronländer (will sagen die Juden) zu den Ih-» skriptionen nicht zuzulassen. Herr Dr.' - Ehrmanx will hinterrücks dem einen oder andern Juden gleichwohl zur Inskription verholfen haben. Sehr löblich. Aber auch er hat geschwiegen; gleich allen andern. Denn sie fühlen sich nicht als Re-“ Präsentanten ihrer, leidenden Volksgenossen — und es muß auch das gesagt werden, sie. Erinnerung an Thomas Masaryk Von Dr. Heinrich Frost Es war. glaube ich im Jahre 1907. Im ungeheuren Saale der Cooper Union Building warteten Tausende mit Fähnchen und Taschentüchern in der Hand, um denjenigen brüderlich zu empfangen, der es wagte, vor der Weit zu erklären, daß Ritaalmora ein Märchen und Hälsner unschuldig sei. Auf dem Podium sah man die Spitzen der Behörden des Staates New- York, Repräsentanten des Judentums aller Schichten; auch Mitglieder dies-Kongresses, Deputierte und Senatoren konnte man beobachten. Der große Saal war voll Jubel und freudiger Erwartung .... Thomas Masaryk und seine Gattin erschienen auf. dem Podium. Ein Meer von Fähnchen und Flaggen bewegte sich vor ihm, als wäre er der größte Herrscher, ein Gesang legte sich zu seinen Füßen* aäs ziehe ein großer Triumphator auf das jüdische Kapitol Ein brausender Ruf „Masaryk“ erging aus Tausender Brust und viele buchstabierten diesen Namen; tun ihn nach amerikanischer Art zu ehnen und endeten mit dreifachem- Hurrah. Es begannen die Festreden. Der erste sprach Baron Dez im Jargon, er begrüßte den Wohltäter, dien Freund des Judentums in der Muttersprache des jüdischen Ghettos, der East-Side. Es sprachen Senatoren, Politiker und Völksredner. Masaryk zog ein kleines Notizbüchleim aus der Tasche und begann langsam über die. Judenfrage zu reden. Er führte aus, wie er im judenfeindlichen Sinne erzogen worden sei als er aber einst einen Juden heim Gebefverrichten heimlich beobachtet habe, sei er zur Ueberzeugung gekommen, wie standhaft und wie zähe dieses Volk doch sein müsse, wenn es beim Gebet so streng ,und hingebungsvoll vorgehe. Dann kam er auf dea HUsnerprozeß zu sprechen. Ein Bischof, ein Kollege, fragte brieflich den Universitätsprofessor, Masaryk, was er über. Ritualmord denke, zumal, er. der Bischof, davon überzeugt sei daß es Ritüalmord gäbe. Masaryk erwiderte darauf dem Bischof, es sei’ vom wissenschaftlichen Standpunkt ganz entschieden ein Absurdum. Der Schulkollege Masaryks, der Bischof, veröffentlichte dieses Antwortschreiben, wodurch er den Universitätsprofessor auf den Pranger der damaligen öffentlichen Meinung stellte. Die Menge stürmte das Haus Masaryks und demolierte dessen Eigentum, dieselbe Menge, welche später auf den Händen Thomas Masaryk als Gewählten emportrug und ihn zum erstenmal als Reichsratsabgeordneten zum Wiener Relchsiat absandte. Masaryk hat auch in einer Broschüre das Märchen vom Ritualmord widerlegt Ein Sturm von Jubel folgte diesen einfachen, aber aufrichtigen Ausführungen. Wieder sah man Fähnchen und Taschentücher in. der Luft schwingen. Kinder und Greise. Proletarier und Großkapitalisten dankten dem großen Manne für seine Tat Gerührt und bestürzt stand er da mit seiner Gattin. Tränen in den Augen, als verdiene er nicht diese Huldigung, als hätte er nur seine Pflicht getan, für die es keinen Dank gebe. . Das war vor Jahren. Und vor wenigen Tagen ist Thomas Masaryk als Befreier der tschechischen Nation, als' erster Präsident des tschechoslowafischen Staates von seinem Volke empfangen worden. Er wird sich sicher des damaligen Empfanges der, New-Yorker Juden entsinnen. Der Masaryk von heute ist noch derselbe Mann wie damals. „Gewuloth“*) Innerhalb dieser neuen „Grenzen“ soll jene alte Welt erneut werden,-die in Wien, im größten jüdischen Zentrum Mitteleuropas, seit den Tagen *) Eine literarische Monatsschrift, redigiert durch G. Schoffmann lind Z. Diesendruck. Verlag M. Hickl, Wien. Smolenskys verschüttet Jag: „das . hebräische Wort!“ Wir haben in Schoffmann und Diesendruck die Gewähr dafür, daß diese „Grenzen“ derart gezogen sein werden, daß hierin alle vollwertigen expansiven Kräfte des jüdischen Geistes freien .Spielraum finden werden und dal nicht aus diesem bescheidenen — man möchte sagen: keuschen — Heftchen eines jener Dutzendjournale wird, die, bei uns und auch wo anders, ein Tummelplatz sind für diplomierte Vollbärte und andere literarische Taugenichtse. Es gibt heute schon in der jungen hebräische» Literatur eine zweifellos „typische Polygraphie, die den stereotypen Imperativ immer auf de» frommen Dppen hat: „O gebt uns doch endlich den großen Roman, das volle Bild, das nationale Epos und überhaupt" — wobei sie natürlich doch die meiste Hoffnung m sich selbst setzen, diese Bescheidenen, und sie sogar leider erfüllen. Kurzum, die „junge“ hebräische Literatur ist i» einer Beziehung alt geworden: sie hat dis höhere schöpferische Demut verloren und ist i»s Reden gekommen ... Dies ist der Zustand Und wenn die „Gewuloth“ dieser geistigen Not abhelfen wollen, wenn in diesem Rahmen in Zukunft wirklich nur das gesagt werden wird* was „wert ist, gehört zu, werden, und weiter nichts“ — ich lege besondere* Wert auch auf die negative Verheißung — dann ist ein guter Schritt getan, zur Wiedergutmachung dessen, was wir verbrochen haben, nicht allein, indem wir „in Wien das hebräische Wort haben verstummen lassen“, sondern auch, indem wir es anderwärts haben sehr laut, allzu laut werden lassen. Dann, aber auch nur dann, wollen wir der Redaktion im Vertrauen auf ihr Wollen »nd Können auch verzeihen,- daß im vorliegende» ersten Hefte neben Schneur, Schoffmann und Diesendruck manches Andere veröffentlicht wurde, das nicht restlos ihren Verheißungen und unsere». Erwartungen' entspricht ' M. Gr.