Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 12 (1918)
- Issue
- 52 (27.12.1918)
- Date
- 1918-12-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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XII. Jahrgang — Nr. 52 National-jüdifches Organ Redaktion and Administration: '; Wen II., -Zirkusgasse 33 Fernsprecher-Nr. 45-325 Mit der Beilage: »Der jüdische Nationalfonds“ men, Freitag, des 27. Dezember I91& [Bezugspreis: Vierteljährig 6 -K gansj. 24 X, Einzelnummer 50 h Postsparkassenkonto 133.404 Atji 1. Jänner 1919 beginnt ein neues'^bonnementSi Wir ersuchen unsere Bezieher, sich zwecks- Erneuerung des Abonnements des beigelegten Erlagscheines zu, bedienen, damit in der Zustellung der ^jüdischen Zeitung-“ keine ' Unterbrechung eintrete. Abonnementspreise; Vierteljährig •.K 6.— HaSB- „ 12L— ßaiiz- 5, jj 24- Ausland ganzjährlich,, 30«- Die Administration. Das amerikanische Beispiel : ' Aus Philadelphia kommen Kabeltelegramme -J—-;-TT IS •*- * Das Jüdische Preibureau in Stock Balzt verbreitet folgendes telegraphischen Bericht ans Philadelphia: Vom 15. bis zum 18. Dezember tagte ln Philadelphia der jüdisch-amerikanische Kongreß, der drei Millionen Juden der Vereinigten Staaten vertrat. Die Kongreßtagung wurde am 15. d. M. höchst eindrucksvoll * mit Ansprachen de.s Vorsitzenden des Kongreßkomitees, Nathan Strauß, und des Präsidenten der zionistischen Organisation Amerikas, Richters Julian Mack, eröffnet. Richter Mack wurde zum permanenten Vorsitzenden, Nathan Strauß zum Ehrenvorsitzenden des Kongresses gewählt. Am 16. erstattete die Kommission, weiche das Material über die Lage, und die Forderungen der indischen Bevölkerung in den verschiedenen Ländern gesammelt und geprüft^atte, ihren Bericht. In allen vom Kongreß eingesetzten Komitees besitzen die Zionisten die überwältigende Mehrheit In seiner Eröffnungsrede erklärte der Kongreßvorsitzende Richter Mack; Palästina müsse unter der Sachwaiterschalt (trusteeship) einer Großmacht stehen, deren Basis Freiheit und Demokratie ist. Wenn entschieden werden sollte, daß Britannien, dessen Armee Palästina beireit hat, im Aufträge des Völkerbundes Palästina verigreß in Amerika walten sollte, so werden die Bestrebungen des jüdischen Volkes sicher anerkannt werden. Der Kongreß, faßte bezüglich Palästinas folgende Resolution: „Der Kongreß; der Juden der Vereinigten Staaten beauftragt die von ihm gewählte Delegation zur Friedenskonferenz, zusammen mit anderen jüdischen. Organisationen dahin zu wirken daß der Friedenskongreß' die Bestrebungen und historischen Anspriich.%. des jüdischen Volkes auf Palästina anerkenne, und erklärt, daß in Uebereinst&n* mung mit der von den Allierten und dem Präsidenten Wilson gutgeheißenen britischen Erklärung, derartige politische, administrative und ökonomische Bedingungen in Palästina geschaffen werden müssen, die die Entwicklung Palästinas unter der Sachwalterschaft des im Aufträge des zu. errichtenden Völkerbundes wirkenden Britannien^ zu einem jüdischen Gemeinwesen sichersteile» sollen. Dabei wird klar verstanden, daß nichts getan werden soll, was die bürgerlichen und religiösen Rechte der nichtjüdischea Gemeinden h% Palästina oder die Rechte und die politische Stellung der Juden in den anderen Ländern beelaträchtigen könnte.“ “ üher die .Eröffnung des amerikanischen jüdischen Kongresses. Diese Tagung der Vertreter von drei Miiliönen Juden, die vor aller Welt, weithin höTbär, das’ Lebensrecht und die Forderung des jüdischen Volkes proklamierte, ist ein Ereignis von weittragender und symptomatischer Lv>utung. Amerika ist heute das Land, wo die neuen politischen Weltenworte geboren wurden, das Land des stärksten politischen Einflusses, es spielt „ die .^htscheidende.JR^^cj^tt der Wenäe'dftr. Weltgeschichte. Auch das amerikanische Judentum ha't während des Krieges die Führerrolle übernommen, es hatte die Möglichkeit zu, fruchtbarer Arbeit für das gesamte Volk, und es hat eine innere Entwicklung durchgemacht, die jetzt in dem Kongreß kulminiert: Der Kongreß wird nicht nur in der politischen Oeffentlichkeit Aufmerksamkeit finden, er. wird auch im gesamten jüdischen Volk den stärksten Widerhall wecken. Er steht im Zeichen der Einigkeit des amerikanischen Judentums, und sein" leuchtender Leitstern ist die Solidarität des jüdischen Volkes der ganzen Welt, das Bewußtsein der Zugehörigkeit zu dem einheitlichen 14-MUlionen_Volk. Die weltpolitischen Forderun- . gen, zu denen er kommt, können unter diesen Umständen im heutigen Augenblick nicht zweifei- - haft sein. Der Kongreß hat eine fast vierjährige, schmerzensreiche Vorgeschichte. Noch zu Ende des Jahres 1914 war von den Poale-Zion Amerikas' die Anregungausgegangen, die auf begeisterte Zustimmung und hartnäckigen Widerstand stieß. Es begannen Verhandlungen zwischen den Parteien und Gruppen, und alle Bemühungen einer Einigung scheiterten trotz weitgehenden Entgegenkommens an der schroffen Ablehnung der durch das ..American Jewish Committee“ repräsentierten Assimilanteu, in deren Schlepptau sich auch 'die nichtnationalen Ärbeiterverbände : und der „Bund“ begaben. Trotzdem setzte sich der Wille des Volkes durch, und. das „A. J. C.“ . mußte wohl oder übel mittun, faljs es nicht ganz aus dein, jüdischen Leben ausgeschaltet werden wollte. Dann kam der „Friedensschluß“, das faule Kompromiß, das von den an der vorbereitenden Konferenz beteiligten Organisationen in einer denkwürdigen Abstimmung verworfen wurde, neue Verhandlungen, endlich die von allen gewünschte Einigung, die .einen vollen Sieg "der demokratischen Grundsätze und des nationalen Programms brächtet Im Verlauf dieser Bewegung*-, hat das amerikanische Judentum an politischer Reife gewonnen, die alten Führer. mußtenumlernen, die Weltgeschichte selbst war Lehrmeisterin; scMieß- \ lic*;.. haben unter dem Eindruck, der. Erfolge zio- JügtiA .r. Politik und der englischen Deklaration Dl».’ Marshall und Schiff, die assimilatorischen alt* - Plutokraten des „A. J. C.‘\ ihre Bekehrung zum nationalen Programm erklärt und der nationalen Bewegung keine Schwierigkeitei^mehr gemacht. Der Wille des Volkes hatte sich im demokratisch--» A*~o-ika durchgesetzt Trotzdem die Gegenc* heftig auieinandergeprallt waren, ist ein, Zusammenarbeiten möglich geworden; das traurige Schauspiel eines Rumpfparlamentes ist verhindert worden. Der Kongreß ist eine sted^ tretung des Jüdischen Volkes; äfich wir blicken mit Vertrauen und herzliciisten Gefühlen über den Ozean und grüßen unsere versammelten Brüder, die in dieser Stunde die Verantwortung für das gesamte Judentum tragen. Soll der amerikanische Kongreß vereinzelt b’eiben? Muß nicht in allen Ländern, wo dazu die Möglichkeit besteht das jüdische Volk sprechen und seine Forderungen erheben? Müßte nicht überall diese Stunde das Wunder der Einigung vollbringen und über alle kleinlichen Bedenken hinweg das gesamte Judentum zur Arbeit für seine Zukunit aufstehen? Die Erfahrung der letzten-Wochen gibt leider "wenig Hoffnung. Allerorts haben die Assimiianten es iür angezeigt gehalten, öffentlich gegen die nationale und demokratische Bewegung im ,Judentum zu protestieren, sie haben mit häßlichen Waffen gekämpft und keine Spur von Verständnis für die Gegenwartsaufgabe gezeigt. Aber dieser Pessimismus wird erschüttert, wenn man die Erfahrung des amerikanischen Kongresses sich vorhält Auch dort kam die Einigung gerade dann, als die Gegensätze am heftigsten aufeinandergeplatzt waren: bei gutem Willen muß sie zu erzielen sein, falls wirklich nur das Wohl des Volkes den Ausschlag gibt. Denn andere Ziele als das Wohl des jüdischen Volkes darf eine jüdische Bewegung nicht kennen. In Deutschland werden auf Anregung der Zionisten bereits die Vorarbeiten für einen jüdischen Kongreß geleistet Er soll alle Juden umfassen, die „im Bewußtsein der Zugehörigkeit zum jüdischen Volk an der Entwicklung eines lebendigen ^Judentums arbeiten“ wollen. Im tschecho-slowakischen Staat findet am 5. und 6. Jänner ein nationaljüdischer Kongreß in Prag statt der vom dortigen Jüdischen Nationalrat einberufen wurde, und an dem sich auch sämtliche mährischen und schlesischen Kultusgemeinden sowie Vertreter der slowakischen Juden beteiligen werden. In Deutschösterreich hat der Jüdische Nationalrat die Verpflichtung, eine demokratisch gewählte Tagung einzuberufen, welche an die Stelle des provisorisch von den Parteien eingesetzten Nationalrates eine gewählte jüdische Vertretung setzen soll.. Dieser Kongreß muß auf breitester Basis gewählt werden. Nach den vom Jüdischen Nationalrat verlautbarten Grundsätzen muß jeder Jude da* Wahlrecht haben, der sich dem jüdische* Volke zugehörig fühlt. Der Kongreß wird über die Richtlinien der jündischen Politik frei entscheiden. Mitreden können aber selbstverständlich nur jene, welche sich von keinen anderen als jüdischen Interessen leiten lassen. Wer heute noch meint, als Gelegenheitspolitiker in jüdischen Dingen _b^»«np.f)uscheit<z»i*s^»ea^ im öffentlichen Leben aber ais reiner Germane erscheinen möchte, schließt sich selbst aus der Gemeinschaft des lebendigen Judentums aus. Mit halbem Herzen läßt sich jüdische Politik nicht mehr'machen. Di* Zeit der Leisetreterei ist vorüber. Uns allen ist das Judentum Sinn, Inhalt und Wert des Lebens. Wir kennen bei seiner Bagatellisierung nicht mittun. Hoffen wir, daß auch in Wien das ganz* J udentum noch in zwölfter Stunde sich besinnt und sich sein Recht erwirbt, bei Lösung der Judeufrage mitzureden. Vor 100 Jahren hat das von Napoleon einberufene Synhedrion unter Pression das Judentum zu einer „Religionsgemeinschaft“ degradiert. Heut* richtet der amerikanische Judenköngreß die lebendige Wahrheit des jüdischen Volkes wieder aui. Sein Beispiel sollte nachdenklich stimmen und z» Besinnung und Tat führen. Eine Versammlung der »Union“ Bei von Offizieren und Soldaten streng bewachten Türen haben sich die tapferen Deutsche», der. „Israelitischen Union" am vergangenen Sonntag versammelt, um den Vorträgen des Dr. Oro- »stein und des Staatsrates Ofner zu lauschen. Dr. Ornstein führte einleitend, aus, daß bei einer Gegenüberstellung der jüdischen und der christlichen Preistreiber und Drückeberger die» Juden prozentuell sehr gut abschneiden werden, wodurch nach seiner Meinung gegen den Antisemitismus viel geleistet wäre. Er kam auch auf den Jüdischen Nationalrat und die Protestresolution der „Union“ zu sprechen und beruhigte die Versammlung mit der Erklärung, daß zirka 10.000 Zustimmungserklärungen „eingelangt“ seien. Staatsrat Dr. Ofner gab sodann eine Darstellung der derzeitigen politischen Lage und beklagte, daß infolge der Uneinigkeit der Juden in, der Konstituante kein, jüdischer Vertreter sitzen werde. Man brauche einen jüdischen Vertreter, um- Judendebatten zu verhindern, nicht um sie zu entfachen. So habe er seine Aufgabe erfaßt indem er nach Möglichkeit den Antisemiten den Anlaß zu judenfeindlichen Anträgen außerhalb der Nationalversammlungen ausgeredet habe. Er verwies auf die Stellungnahme der jüdischnationalen Gruppe, deren Tendenzen -bezüglich: des Palästinaprogramms unter Pflege der hebräischen Sprache er lobte, an der er aber bekämpfen müsse, daß. sie: eine Haßwelle gegen die Assimiianten verbreite.^ die. Jugend verhetze und, in