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Jüdische Zeitung · 1918-12-13 · 50 (13.12.1918) · p. Seite 6

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
12 (1918)
Issue
50 (13.12.1918)
Date
1918-12-13
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Polen * ' Neuerlicher Boykott Der'' Warschauer „Moment“ meldet, daß seit der Uebernahme der Regierung seitens der Polen ein starker Boykott gegen die jüdischen Kanflcute eingesetzt hat. Die jüdischen Kaufleute der Marszalkowska- und der anderen Hauptstraßen erzählen; daß die christlichen Kunden davonlaufen, sobald sie nur die Tür öffnen und ein jüdisches Gesicht erblicken. Der gegenwärtige Boykott nimmt noch schärfere Formen an als der früherer Zeiten. * Protest der Warschauer Assimilanten. Die unter dem Namen „Bürgerliche Gleichberechtigung für die polnischen Juden“ in Warschau vor kurzem gegründete assimilatorische Parte} veröffentlicht anläßlich des Lemberger Pogroms den folgenden Protest: „Mehrere hundert Tote. Tausende verwundete und beraubte Juden — dies die blutige Ernte des Pogroms, der über das befreite Lemberg herangebrochen ist Die niederträchtige Aktion, von den reaktionären Elementen in vollem Bewußtsein durchgeführt, hat, dank der systematischen Aufhetzung seitens gewisser Preßorgane, Resultate gezeitigt, die den polnischen Namen mit Schmach bedecken. Erschreckend äst die Tatsache der verbrecherischen Passivität seitens der öffentlichen' Macht in diesem für Polen ernsten und für die jüdische Bevölkerung tragischen Augenblick. Tief erschüttert und, in Trauer gehüllt protestieren wir feierlichst gegen die verübten Gewalttaten und appellieren an den besseren Teil des polnischen Volkes, der gleich uns die Abscheulichkeit des . Verbrechens und die der Menschheit zugefügte ' Beleidigung empfindet“ Sichtlich haben die Pogrome auf die besseren assimilatorischen Elemente einigermaßen gewirkt wenn sie sich zu einem so scharfen Protest aufzuraffen vermögen. Verwunderlich ist nur, wie. sie angesichts des Umstandes, daß die heutige polnische Gesellschaft unterschiedlos die ''Pogrome zu vertuschen sucht statt sie öffentlich zu verdammen, an dem Glauben ■ an einen besseren Teil des polnischen Volkes noch festhalien können ... sf'. * „Juden, nach Palästina!“ Dieser Rur gellt . uns nicht nur von seiten des Straßenpöbels wiederholt .entgegen, wir finden ihn auch in ernsten Abhandlungen zur Lösung der Judenfrage, so namentlich in den Schriften des Führers der polnischen Nationaldemokratie, Roman DmowskL Nun hören wir ihn auch aus dem Munde des Kommandanten Pilsudski. Einer j üdischen Abordnung aus Jedrzejow gegenüber, die. bei ihm in Angelegenheit der blutigen Pogrome im Kreise Jedrzejow vorgesprochen hatte, machte Pilsudski folgende Bemerkung: „Uebrigens Ist die jüdische Frage gegenwärtig sehr verschärft Die Juden selbst könnten sie.lösen, indem sie nach Palästina emigrieren*1 So sehr* speziell * wir Zionisten auf Palästina als das letzte Ziel stets unser Augenmerk richten und dieses unser Sehnen und Streben ausfüllt müssen wir die in dieser Form und in diesem Zusammenhänge gebrauchte Redewendung entschiedenst zurückweisen. Wir werden wohl nach gehöriger Vorbereitung und in dem Maße, wie es die Umstände erlauben, dorthin gehen, aus freien Stücken gehen. Hinausdrängen lassen wir uns nicht aus einem Lande, wo'wir über 700 Jahre leben und für das Wohl des Landes arbeiten, auch nicht unter dem Drucke von Pogromen. Und wir können es nur aufrichtig bedauern, daß nunmehr auch Pilsudski sich zu den Theorien der extremsten - Antisemiten und Chauvinisten bekennt ... * Ein halbes Zugeständnis des Krakauer Gemeinderates. In einer Sitzung des Krakauer Gemeinderates, beantragte Dr. Groß die Annahme einer Protestresolution gegen die Lemberger «Po-- grame. Vizepräsident Rolle unterstützte den Antrag. verlangte aber, daß der Ausdruck „antiiüdische Exzesse“ durch die. Worte ersetzt würde: ..Exzesse, die zum größten Teii gegen die jüdische Bevölkerung gerichtet sind.“ Mit dieser Aenderung wurde der Antrag angenommen. * Persönliche „Aufklärung“. Zeitungsmeldungen zufolge hat sich Professor Grab o w s k i in offizieller Mission der Polnischen Liquidierungskommission nach Paris begeben, um die kompe-~ ■ tenten Faktoren über die wichtigsten laufenden Angelegenheiten persönlich aufzufclären.. Es ist anzunehmen, daß die letztem polnischen Juden- Pogrome es sind, die die Reise als nötig erscheinen ließen. Das Ausland läßt sich scheinbar van den Polen nicht düpieren und wußte die bisherigen schriftlichen „Aufklärungen“ von verschiedenen polnischen Seiten gebührend einzuschätzen. Nun versuchen es die Polen mit persönlichen Auf- . klärungen. Wir zweifeln aber, ob sie mit diesem jetzigen Versuch mehr Glück haben werden, nach- . dem auch das Ausland sowohl über den Charakter als auch über die Dimensionen der-Rpgrome bereits genügend aufgeklärt ist. Jaworzno. Wie .wir einem Berichte aus Ja- worzno entnehmen, wurden bei dem am 5. November a. c. dort stattgefundenen Pogrom alle jüdischen Geschäfte und anschließenden Wohnungen-gänzlich ausgeplündert. Todesopfer sind jedoch keine zu beklagen. ~ Ungarn * Minister Jaszi und die jüdischen Nationalrate. Aus Marmarossziget wird gemeldet: Dr. Elias Blank richtete an Minister Jaszi eine Depesche, in welcher er um Stellungnahme zu dem in Mar- JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 50 . marossziget zu errichtenden jüdischen Nationalrat ersuchte. Hierauf antwortete Minister Jaszi im Namen der ungarischen Regierung telegraphisch: ..Ich anerkenne die Berechtigung der jüdischen Nationalräte“. ’ * Die Lage in der Bukowina Aus dein Privatbriefe eines der Redaktion bekanten Gesinnungsgenossen aus' Czernowitz. 2. Dezember 191S wird uns folgende Stelle zur Verfügung gestellt: In Czernowitz ist es vollkommen ruhig. Die rumänische Regierung macht sich nicht sehr bemerkbar. die Aemter amtieren wie bisher. Die Juden haben sich als Nation konstituiert, besitzen eine Exekutive und einen-Nationalrat für die ganze Bukowina, der mit der Regierung unterhandelt, Gewisse Zugeständnisse sind bereits erlangt worden. In der ersten Zeit fanden im Süden, in-den Dörfern.' Pogrome statt. Die rumänische Militärverwaltung hat aber die .Aufrechterhaltung der Ruhe zugesichert. Im Anschluß an diese Unruhen iedoch und an die auch sonst ungemütliche Situation, macht sich eine weitgehende Palästina- Bewegung bemerkbar, die jeden Tag größere Dimensionen amiimmt und ganz große Massen ergreift. Man wird diese Bewegung organisieren und in geregelten Bahnen lenken müssen. EiiGher zu unserer Bewegung: A.) Politisches Roppen, Juden der Gegenwart brosch. K 13.20 geb. K 17.60 - Rosenfeld, Die polnische Judenfrage ‘geb. .. K 11.- Endres, Zionismus und Wellpolitik geb. K 5.50 Der Jude, herausgegeben von Martin Buber I. und II. Jahrgang komplett in Halbleinen geb. Jeder Band 800 Seiten jeK40.— Hedin, Jerusalem. Billige Ausgabe geh. K 4.40 B.) Literarisches Agnon. Und das Krumme wird gerade, geb. K 9.90 Jiskor, Ein Buch des Gedenkens, geb. K 14.30 Garion, zwei Generationen, Erzählungen geb. . K 3.85 Schnitzler, Der Weg in’s Freie. Roman geb. K 20.90 Lange vergriffen gewesene Perez, Chassidische Geschichten. Vollständige •‘Ausgabe. Geschenkband K 15.— Nationaljüdische Buchhandlung R. Löwit, Wien, I., Rotenturmstr. 22 Zionistische Bewegung Zionistisches Landeskomitee. - Der Sitzung vom 10. Dezember 1918 wurde ein Propagandaplan vorgelegt. Die Propaganda wird sich von nun anauf die Einberufung von periodischen Versammlungen in den Wiener Bezirken und in der ganzen Provinz, auf die Herstellung eines innigen Koniaktes mit allen angeschlossenen Gruppen durch die regelmäßige Versendung von Zirkularen und auf die intensive Verbreitung der .zionistischen Ideen durch Herausgabe einer Broschürensammlung 'erstrecken. Außerdem wurdedas Budget für das Jahr 1919 nach dem Vorschläge des Referenten besprochen. Eine 50.000-Dollarspende für die amerikanische Zionistenorganisation. Das Kopenhagener Zionistische Bureau berichtet: „Anläßlich des Briefes, den der Präsident Wilson-an die amerikanische Zionistenorganisation gerichtet hat, spendete ein New-Yorker Kaufmann, Herr Sigmund Eisner. einen Betrag von 50.000'Dollars für den Palästina-Wiederatifbau-Fond. In dem Begleitbrief, zu dieser Spende kündigt der Geber an.'däß"er,‘sobald di&erste Million für den Fond - beisammen sei, ’ weitere’ 50.000 Dollars spenden wolle. — Von einer anderen Seite, die nicht genannt -werden möchte, wurden’ der Organisation — ebenfalls’ im Anschluß an Präsident Wilsons Brief — 12.500 Dollars überwiesen: ' Verkauf von Jewlsh Colonial Trust Shares. In diesen Wochen hat der Jewish Colonial Trust eine Aktion zur Zeichnung von 100.000 Shares unternommen. Das erhoffte Resultat wurde noch übertroffeu, indem T40.000 Shares gezeichnet wurden Der XV. Delegiertentag der’ Zionistischen Vereinigung für Deutschland findet am 25., 26. nud 27. Dezember 1918 im Kaisersaal des Rheingold. Berlin, Bellevuestraße (am Potsdamer Platz) statt. Auf der Tagesordnung steht ein Referat Dr. Haufkes über die zionistische Entwicklung. ein Referat von Kurt Blumenfeld über die zionistische Arbeit in Deutschland, ein Palästinareferat, Debatte und Wahlen. Der südslawische Nationalrat für den Zionismus. Das Kopenhagener Zionistische Bureau hatte sich an die zionistische Landesorganisation Südslaviens mit dein Ersuchen gewandt, die von ihm am 25. Oktober auf gestallten Forderungen des jüdischen Volkes dem südslawischen Nationalrat - vorzulegen. Diesem Ersuchen ist die Vertreterschaft der zionistischen Lahdesorganisation Südslawiens am 16. November nachgekommen." Außer einer mündlichen Rücksprache mit dem Präsidium “des südslawischen Nationalrates legte sie diesem 'ein ausführliches Memorandum vor. Das Präsidium gab daraufhin die folgenden Erklärungen ab: . 1 1. Die südslawischen Delegierten auf der Friedenskonferenz« werden bezüglich Palästinas in gleicher Weise wie die Entente stimmen. 2. Südslawien sympathisiert mit den Bestrebungen-des jüdischen Volkes zur Sicherstellung seiner Zukunft. _ . . 3. Das demokratische freiheitliche Südslawien garantiert jedermann volle bürgerliche Gleichberechtigung. 4. Südslawien garantiert die ungehinderte national-kulturelle Entwicklung-der südslawischen'Juden. 5. Das Präsidium des südslawischen National- -rates -verurteilt entschieden den Antisemitismus. Die nationale Bewegung Droiiobycz. Anfangs November haben die Ukrainer unsere Stadt besetzt. Nachdem schon Ende Oktober Bemühungen um Einsetzung eines^ Jüdischen .Natkmalrätes vorausgegangen wareiC 'konstituierte'er sich sogleich]nach Eimrücken der Ukrainer, unter Vorsitz des- Advokaten Doktor Tannenfiaum”und verlautbarte durch Plakate in den drei Sprachen, daß er volle Neutralität im Kampfe zwischen Polen und Ukrainern wahren und nur die jüdischen Interessen schützen wolle. Es wurde auch eine jüdische Miliz aus vormals österreichischen Soldaten gebildet, alsbald jedoch freiwillig wieder aufgelöst, weil sich ergab, daß die ukrainische Besatzung die. Ordnung vollständg aufrecht hielt und keinerlei Plünderungen duldete. Überhaupt ist das Verhalten der ukrainischen Behörden gegenüber den Juden ein tadelloses und wird die vorübergehende Verstimmung wegen des überstürzten Verbotes, mit Rohöl und Rohölerzeiignissen zu handeln, dank der vom Jüdischen Nationalrat eingeleiteten Verhandlungen alsbald beseitigt sein. Bezeichnend ist, daß jüdische Eingaben an die ukrainische Behörde von ihr in jiddischer Sprache erledigt werden. Der Jüdische Nationalrat ist die einzige jüdische Autorität in der Stadt und hat auch die Agenden der vormaligen. Kultusgemejnde übernommen. Ihr bisheriger Leiter, der schon lange vor dem Kriege eingesetzte- Regierungskommissär Markus Sternbach hatte sich als jüdisch-national erklärt und war in den Jüdischen Nationalrat eingetreteii, ohne aber lange darin zu bleiben. Es kam nachträglich heraus, daß er, als die. Jüdisch-nationalen Ende Oktober den Kultussitzungssäal von ihm erbaten, bei der Bezirkshauptmannschaft Gendarmedeassistenz zur gewaltsamen. Ternhaltung der Versammlungsteilnehmer-angesproehen hatte, jedoch von dem polnischen Bezirkshauptmann abgewiesen worden-, war. Der Jüdische Nationalrat arbeitet eine Wahlordnung für jüdische Gemeinden auf Grund des allgemeinen, gleichen Wahlrechtes für beide Geschlechter aus, und wird die Neuwahl ehestens erfolgen. Ferner hat der Jüdische Nationalrat ein Arbeitsvermittlungsanit unter Leitung des Dr. Friedmann eingerichtet. In das paritätische Präsidium des gemeinsamen ■ „Rettungskomitees für Heimkehrer“ entsandte der Jüdische Natiönalrat den Gg. Doktor-Tannenbaum neben dem polnischen Direktor Jarosz und einem ukrainischen Geistlichen. Dieses Komitee, welches einen Aufruf in jiddischer, polnischer und ukrainischer Sprache erließ, wirkt sehr segensvoll, insbesondere durch Einrichtung einer Labestation. Als die Polen sich Lemberg näherten, nahm die ukrainische Behörde in Drohobycz„ wie sie sagte, als Revanche, von den Polen Geiseln in Haft, ließ sie aber auf Intervention des J üdischen Nationalrates . wieder frei. Der Lemberger Pogrom wurde erst später bekannt. Dem Jüdischen. Nationalrate in Wien wird unter dem 25. November aus Sambor berichtet: Hier-hat sich unter dem Präsidium des Gg. Dr. Rottenstreich ein Jüdischer Nationalrat konstituiert, der 24 Mitglieder zählt. Es gehören ihm Vertreter sämtlicher national-jüdischer Parteien an. Die Agenden der Kuitusgemeinde führt, der Nationalrat. Die Ruthenen verhalten sich den Juden gegenüber freundlich. Nach der Einnahme Lembergs durch die Polen drohten die Polen mit Pogromen, weil wir angeblich eine russophile Politik treiben, was nicht wahr ist. Wir -sind streng neutral. Zeitschriftenschau Die „sozialistischen Monatshefte“ bringen in ihrer Nummer vom 26. November einen Aufsatz von Julius Berger über die „Friedensforderungen des jüdischen Volkes“. Er erörtert darin das bekannte Manifest des Kopenhagener Zionistischen Bureaus und fordert vom deutschen Sozialismus eine Unterstützung dieser Forderungen, die bereits von den Sozialisten der Entente anerkannt wurden. - In der.Zeitschrift „De r Friede“ veröffentlicht Moses Waldmann einen instruktiven 'Aüfsatz über den „Politischen Pogrom“ in Galizien. In derselben Nummer richtet der bekannte Literat Richard A. Be’rmann einen Angriff gegen den Jüdischen Nationalrat, den' er mit den alten abgestandenen Argumenten begründet; der Aüfsatz beweist nur, daß der Autor sich niemals^ ernsthaft mit dem Wesen jüdischer Politik befaßt hat. In Thesen Blättern erübrigt sich eine Polemik.

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