Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1918-12-13 · 50 (13.12.1918) · p. Seite 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
12 (1918)
Issue
50 (13.12.1918)
Date
1918-12-13
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2438141-2438675-2438724--6053-2446093
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. EO JÜDISCHE ZEITUNG Sefte & Rat Mediz.-Rat Dr. Löwenstein, Reg.-Rat Dr. Jerusalem und Herrn von Gomperz. Die Namen , sind immerhin interessant. Herr Reg.- Rat Mediz.-Rat Dr. Löwenstein, Reg.-Rat wert gesprochen.' Herr Löwenstein hat sich nie um das Judentum gekümmert und sich um die Gunst der antisemitischen Gesellschaft bemüht Herr Gomperz sollte lieber in seinen Wahl- -- kreis gehen, wo das Deutschtum in Not ist und wo es weniger vorteilhaft ist1, sich deutschnational zu erklären. Herr Fleischer . . . es ist besser, zu schweigen, ns gibt Dinge, die zu unappetitlich sind. Grazer Brief Von unserem Korrespondenten. (Infolge Raummangels verspätet) Noch Ende Oktober traten die hiesigen Zionisten an den ihnen bisher stets feindlicnen Kultusrat mit der Anregung heran, einen gemeinsamen Ausschuß zur Wahrung der jüdischen Interessen zu schaffen. Nach einigem Sträuben fügte.sich der Kultusrat und anfangs November wurde ein Exekutivausschuß eingesetzt in den sowohl der Kultusrat als auch die Zionisten je vier Mitglieder entsendeten. Des lieben Friedens wegen wurde von den Zionisten auch eingeräumt daß der Kulfuspräses Rendi den ..Ehrenvorsitz“ führe. Dieser Exekutivausschuß berief nun eine n. Versammlung aller Kultuswähler ein, bei. welcher 'Präses Rendi und für die Zionisten Dr. Spiegel referierten und die Aufgaben des neugesebaffenen Ausschusses darlegten. Die spontane Wirkung der Rede Df. Spiegels war der Beitritt von 40 neuen Mitgliedern zum Jüdischen Nationalverein. Bei der Sitzung des Exekutivausschusses vom 17. November forderten die Zionisten unter Hinweis darauf, daß die Mandate der Kultusvorsteher längst abgelaufen seien, die sofortige;Ausschreibung von Neuwahlen, und zwar auf Grund eines erweiterten Wahlrechtes. Die endgültige Festsetzung des Kultuswahlrechtes, das wir für alle Angehörigen der Gemeinde ohne Unterschied des Geschlechtes verlangen, sollte dem neuen Kultusrat Vorbehalten bleiben. Zugleich erklärten die Zionisten, sich zu einem Wahlkomoromiß bereit. wonach’ ihnen 8 -^rön den 24 Mandaten zufallen sollten. Kaiserlicher Rat Biller und Doktor Spieler lehnten schon hier namens der Offiziellen jede Neuwahl ab und redeten sich darauf aus. daß der Umfang des Kultusgemeindegebietes seit dem Abfall von Krain .und der slowenischen Teile Steiermarks und Kärntens nicht feststehe. Die „Offiziellen“ wollten nur die Kooptierung von 6 Zionisten dem Kultusrat in Vorschlag bringen. Am selben Tage noch fand eine von 200 Mitgliedern besuchte Generalversammlung des „Zion“ und „Jüdischer Natiönalverein“ statt, wobei deren Fusionierung zu einem „Jüdischen Nationalverband“ beschlossen wurde. Es wurden gewählt: Zum Obmann Julius Grüner. Stellvertreter Dr. Weiß und Dr. Spi,egeL Kassier Ormianer. Schriftführer 'Dr. Strauß und Dr. Adler, weitere Ausschußmitglieder: Hauser. Dr. Hafner. Heinrich Heller. Freudmann. Die Gründung des Jüdischen Nationalrates für' Deutschösterreich wurde stürmisch begrüßt und in denselben für Graz Grüner und Dr. Rosenberg entsendet. Am Kultusrat wurde scharfe Kritik geübt und jedes Paktieren mit ihm heftig bekämpft, schließlich aber das bisherige Vorgehen der zionistischen Vereinsleitungen zwecks Ermöglichung eines friedlichen einheitlichen Vorgehens der Judenschaft genehmigt Noch vor der Kultusratsitzung vom 20. November waren Vizepräses Birmann. der sich, wie noch zu erzählen sein wird, persönlich schwer bloßgestellt hatte, und fünf andere Kultusräte zurückgetreten. Bei der Sitzung selbst, die mit 18 Personen gerade noch beschlußfähig was. polemisierten Biller und Dr. Spieler gegen jede Neuwahl und der Kultusrat schickte sich, nachdem er auch über den Kooptierungsvorschlag des einzigen zionistischen 'Mitgliedes Grüner hinweggegangen war. an. dem Antrag Geller entsprechend, die Gültigkeit ihrer Mandate um ein weiteres Jahr zu verlängern. Durch den Protest Grünprs. welcher die Sitzung zu verlassen drohte, und einiger, die sich ihm anschlossen. wurde diese Abstimmung vereitelt. Dafür kooptierten sich die „Offiziellen“ fünf neue, ifjien genehme Kultusräte und zogen ihre Mitglieder aus dem Exekutivausschuß zurück, der hiemit aufgelöst erscheint. Die Zionisten, die sich in ihrem ehrlichen Mühen um den Frieden der Gemeinde leider getäuscht sehen. sind entschlossen, den ihnen hingeworfenen Fehdehandschuh aufzunehmen und haben noch für den 24. November eine allgemeine Wählerversammlnug einberufen, um mit dem volksfeindlichen Kultusrat abzurechnen. (Siehe Resolution in der vorwöchigen Nummer der ..Jüd. Ztg.“. D. R.) Die Ausschließung fremdnationaler Studenten Der gemeinsame jüdische Hochschulausschuß hat durch seine Vertreter den Rektoren der Universität und der Technischen’ Hoähschule folgendes Memorandum überreicht: Der akademische Senat wird sich. der Erwägung nicht verschließen können, daß —.wie alles andere ehemals gemeinsame Staatsgut — so auch die Universität respektive Technische Hochschule in Wien, welche als einstige Reichsuniversität respektive Technische Hochschule aus Steuergeldern und mit Hilfe aller Staatsbürger des österreichischen Staates ausgebaut und auf .ihre gegenwärtige Höhe gebracht wurde, zugunsten der neuen Nationalstaaten einer Liquidierung unterzogen werden muß. Diese Liquidierung kann natürlich nicht als materielle Aufteilung gedacht sein, wohl aber in dem Sinnei, daß die gegenwärtig hier inmatrikttlierten bzw. inskribierten Hörer, die Staatsbürger des affen Oesterreich waren, bis zur Vollendung ihrer Studien am der Universität respektive Technischen Hochschule zu belassen sind. Unsere im letzten Absätze, des eingangs erwähnten Memorandums abgegebene Erklärung» den deutschen Charakter der jetzt deutschösterreichischen Hochschulen anzuerkennen, wird durch unsere Forderungen in keiner Weise berührt; jedoch ertordMfc es das eigene Interesse der Hochschulen an uer Erhaltung ihrer Größe und ihres hohen Rufes, auch in den jetzigen Verhältnissen alle Mittel zur Anwendung zu bringen, um eine andere Lösung zu finden,, als die Ausschaltung der nicht deutschösterreichischen Studentenschaft. Wir fordern daher: 1. Die sofortige Einsetzung einer interfraktionellen Kommission unter Vorsitz der akademischen Behörden zur Erhebung des bestehenden Platzmangels seinem Umfange nach an den einzelnen Hochschulen bzw. Fakultäten und die Pflege des Einvernehmens seitens dieser Kommission mit den in Betracht kommenden akademischen und staatlichen Behörden zwecks ehester Behebung dieses Platzmangls. 2. Die Aufrechterhaltung des Rechtes aller inskribierten Hochschüler zur Teilnahme an der Mensa academika, um so mehr, als eine Verweigerung dieses Rechtes für den betroffenen Teil der Studentenschaft im gegenwärtigen Zeitpunkte katastrophal wirken und aller Menschlichkeit Hohn sprechen würde. 3. Wahrung der Gleichstellung aller deutschösterreichischen Hörer auch hinsichtlich neu zuzuerkennender Rechte in bezug auf das Tragen von studentischen Farben und Abzeichen sowie auf alle Verinsrechfe auf akademischem Boden. Die jüdische Studentenschaft, die im Kriege ebenso wie die gesamte andere Studentenschaft die schwersten Blutopfer gebracht hat, und die immer treu zu ihren akademischen Lehrern gestanden hat, glaubt die Gewährung ihrer be_ rchtigten Forderungen vom akademischen Senat erwarten zu können. Das Staatsbürgergesetz Nach der gegenwärtigen Fassung des Gesetzes über die Staatsbürgerschaft Ist jeder ipso iure Staatsbürger, der in. einer Gemeinde der deutschösterreichfiscben Republik heimatüsberechtigt ist. Da die Grenzen des neuen Staates noch nicht feststehert, dürften sich in der Beurteilung manche Schwierigkeiten ergeben. Wer nicht nach Deutschösterreich zuständig ist,’ kann „die Staatsbürgerschaft durch die. Erklärung erwerben, daß er „der deutschösterreichischea Republik als treuer Staatsbürger angehören will“, wenn er gegenwärtig in Deutschösterreich seinen Wohnsitz hat. Dies gilt für alle österreichischen Staatsbürger mit Ausnahme der nach Dalmatien, Istrien und Galizien zuständigen, also auch für die B u k o w i n e n s e r. Dje in Galizien heimatsberechtigten Bürger können durch vorerwähnte Erklärung die Staatsbürgerschaft nur dann erlangen,. wenn sie bereits vor dem 1. August 1914 in einer deutschösterreichischen Gemeinde ansässig waren und seither ununterbrochen in Deutschösterreich wohnen. Unterbrechung durch Kriegsdienst oder Kriegsleistung schadet nicht. Dies Gesuch um Zuerkennung der Staatsbürgerschaft ist an die politische Behörde (Bezirkshauptmannschaft, in Wien magistratisches Bezirksamt) zu richten. Die Nachweise über die Seßhaftigkeit sind durch Bestätigung der Pfelizei oder der. Gemeinde zu erbringen. Wie wir erfahren, wird der Jüdische Nationalrat eine Beratungsstelle für alle mit dem Staatsbürgerrecht zusammenhängenden Fragen in Wien einrichten. \ Vierte Plenarsitzung des jüdischen Nationalrates Der jüdische Nationalrat für Dentschösterreich hielt am 8. tL M. .seine vierte Plenarsitzung ab. Aus dem vom Sekretär Dr. Weltsch erstatteten Bericht geht hervor, daß die Tätigkeit der letzten Wochen von der Aktion gegen die Pogrome in Galizien sowie vpn der Flüchtlingsfürsorge ab- -biert war. Die wichtigen politischen F: . r uischösterreichs, insbesondere die Bcan; mfrage und das Staatsbürgergesetz, boten Gelegenheit zu wiederholtem erfolgreichem Einschreiten. Die positive Tätigkeit wird mit der Errichtung der Ressort-Aemter aufgenommen. In der Versammlung wurde’ der provisorisehe Organisationsentwurf sowie die Geschäftsordnung angenommen. Nach § 12 sind folgende Referate vorgesehen: L Politische Angelegenheiten (Präsidium); 2. Finanzen (Ref.: Doktor Bruno von Pollack): 3. Kultur und.Unterricht (ein zu bestellender Referent und 7- Dis lOgliedriger,Beirat): 4. ein zeitweiliges Referat für Demobilisiertenfürsorge; 5. Soziale Fürsorge (Ref.: Anittn Müller); 6. Palästina (Ref.; Adolf Böhm). Es wurde ferner pack längerer Debatte mit Majorität beschlossen, der .jüdisch-sozialdemokratischen Partei“ einen Sitz im Präsidium einznräumen. Hiefür wurde Herr Dr. Kissmann nominiert und gewählt. Weiters wurdeJieschlossen. als ersten Punkt auf die Tagesordnung der nächsten Sitzung das Referat der Frau Anifta Müller über Organisation ’ des * -ates für soziale Fürsorge zu setzen. Für Beratung der politischen Fragen und Vorbereitung der politischen Aktionen wurde eine „Politische Kommission“ eingesetzt, in die gewählt wurden: Adolf Stand. Dr. Plaschkes. Doktor Pachtmann, Dr. Ludwig Stricker, Dr. Abeies, Dr. Sprecher, Dr. Jacobson, Dr. Bernhard, Doktor Piekarski. Dr. Kadisch. Dr Bloch (Poale Zion), Dr. Bienenzucht (P. Z.), Dr. Wertheim (P. Z.). Wachs (jüd. Soz.-Dem.). Rosenmann (jüd. Soz.-Dem). Sch. Horowitz („Jischuw Erez Israel"). Die Konstituierung der Kommission erfolgt am 12. d. M. Zeichnet DesifSäiöügrFeäMtöe i ni RUNDSCHAU Deutsch-Oesterreich * Der Jüdische Nationalrat iür Deutschösterreich versendet ein aufldärendes Rundschreiben an die Juden Deutschösterreichs. Beigelegt ist das Manifest vom 9. November, ein kurzer Tätigkeitsbericht und die Aufforderung zur Zahlung der freiwilligen jüdischen Volks-' Steuer. * „Polen" beginnt zu reden. Die Nummer vom — sage und schreibe — 6. Dezember der Zeitschrift „Polen“ nimmt'mm auch, endlich Notiz von den Pogromen. Wie, kann man sich denken. Es ist ein Meisterstück der Lügenkunst. Natürlich wird auch unterschlagen. Wo ist der Erlaß der P. L. K. vom 27. November, Herr Goldscheider? — Man weiß wahrhaftig nicht, ob man lachen oder sich ärgern soll über dieses Maß van Frivolität. — Gegenüber den auch im Ausland aufgetischten polnischen Märchen ist es _ von Bedeutung, auf das Feuilleton in der „N. Fr. Pr.“ vom 11. d. M._hinzuweisen\, in dem Leonhard Adelt, ein unparteiischer Christ, die Lemberger Verwüstung schildert. * Die deutschösterreichische Staatsanleihe. Der Jüdiche Nationalrat für Deutschösterreich hat auf die deutschösterreicbische Staatsanleihe 100.000 Kronen gezeichnet. * Die Beförderung der Jüdischen Gagisten Deutschösterreichs. Das J P. W. teilt mit: In den einleitenden Bestimmungen zum Verordnungsblatt für das Heer vom 11. November 1918 wurde festgelegt. daß der deutschösterreichische Staat die Beförderung nur jener Offiziere anerkennen würde, die sich zur deutschen Nation bekennen. Dadurch werden die Offiziere jüdischer Nationalität von der Beförderung ausgeschlossen. Der jüdische Nationalrat für Deutschösterreich hat sofort interveniert und nun vom deutschösterreichischen Staatsamt für Heereswesen schriftlich den Bescheid erhalten, daß ..Bestimmungen über Soldaten. Offiziere und Militärbeamte nichtdeutscher Nationalität auf Juden, die sich zum deutschösterreichischen Staate bekennen, keine Anwendung finden.“ Tschecho-Slowakfsche Republik * Die Lage der Flüchtlinge im tschechoslowakischen Staate. Die Situation der galizischen Flüchtlinge ist im tschechoslowakischen Staate hoffnungslos. Im Gegensatz zur deutschöstefrreichischen und ungarischen Regierung beharrt die tschechoslowakische auf ihrem intransigente» Standpunkt und weigert sich, die Aufenthaltserlaubnis der Flüchtlinge über den 15. Dezember hinaus zu verlängern. Der Rücktransport würde sich unter den gegenwärtigen Verhältnissen zu einer Katastrophe ohnegleichen gestalten. Schon jetzt liegen Nachrichten vor. wonach einwaggonierte Flüchtlinge bereits 14 Tage unterwegs sind, ohne daß man ihnen die Möglichkeit gibt, irgendwo Aufenthalt zu nehmen. * Abg, Reizes ln Prag. Wie wir erfahren. Ist Abg. Reizes nach Prag gereist, um wegen der Möglichkeit eines Verbleibens der jüdischen Flüchtlinge im tschechoslovakischen Staat bei der dortigen Regierung zu intervenieren. * „Närodni llsty“ für die jüdische Selbstbestimmung. Das führende tschechische Blatt „Närodni listy“ bringt am 3. Dezember an auffälliger Stelle folgende bemerkenswerte Glosse unter dem Titel „Juden“: „Die Prager deutschen Blätter bezeichnen mit allzu durchsichtiger Tendenz die Ausschreitungen der letzten Tage als antisemitische. Wir konstatieren, daß sie lügen. Das Volk wandte sich gegen die alldeutschen Provokationen, und wenn es weitergegriffen hat, kehrte es sich nicht gegen Juden als Juden, sondern gegen Juden als Deutsche: Das Volk hat noch nicht gänzlich vergessen, daß die cntnationalisierten Juden Exponenten des österreichischen und deutschen Geistes waren. Es hat nicht das Betragen dieser Kreise während des Krieges vergessen. Man verlange nicht, daß wir uns darüber genauer aussprechen. Die letzten Ereignisse mögen aber den in unseren Ländern ansässigen Juden eine Warnung sein» daß sie nicht die feindliche Avantgarde bilden, sondern ihr eigenes Volk, ihre eigene Rasse in der Völkerfamilie."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.