Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 12 (1918)
- Issue
- 50 (13.12.1918)
- Date
- 1918-12-13
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 50 .JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 ■*v alle Pogröffte rechtfertigende Märchen in moderner Form, ln zeitgenössischem Kleide. Jeder Pogrom nraßte doch leider Ursache haben, im Mittelalter die Hostie, vergiftete Brunnen, christliches Blut zum Osterbrot und im Zeitalter der Maschinengewehre „die Juden schossen auf die Polen". Und im Namen di'eer schrecklichen, boshaften, von den polnischen Offizieren bewußt ausgegebenen Parolen, wurden die Przemysler Juden vom polnischen Heer (Krakauer Reg., früher Nr. Id) geplündert, beraubt und gemordet. Am 11. d. griffen die Polen aus Zasanie die Stadt, die im Besitze der Ukrainer war, mit Geschützfeuer und Panzerzügen an. Nach furchtbarem Kampf gelang es ihnen, den San zu überschreiten und in die innere Stadt einzudringen. Noch pfiffen die Gewehrkugeln, donnerten die Geschütze, noch rangen die Polen mit den Ukrainern um jede Straße und schon plünderten polnische Legionäre die polnischen Läden, schlugen Juden ins Gesicht, drangen in die jüdischen Bethäuser, 'besudelten die Heiligtümer, rissen die Büclier in Stücke und schossen darauf. Die jüdische Miliz, welche zum Schutz des Lebens und Eigentums der Juden gebildet war und im polnisch-ukrainischen Kampfe strikte Neutralität‘beobachtet hat, (was die gerichtliche Untersuchung der Polen am besten bewiesen hat) wurden sofort entwaffnet und unter dem Deckmantel, •daß sie auf Polen geschossen habe; grausam mißhandelt und verhaftet Offiziere wie: A . . ., 'W . . ., G^ . . und andere wurden, nachdem man :sie entwaffnet halte, geschlagen, gemartert, verhöhnt und nachher verhaftet! Alte 70-jährige Juden, die man in den Bethäusern angetroiien hat, wurden von polnischen Offizieren geohrfeigt uiul verhaftet Und alles geschah mit der Begründung: „die Juden schossen auf die Polen“. Jeder .Jude, den man auf der Straße packte, wurde mißhandelt und verhaftet Ein jüdischer Hochschüler wurde am 12. in der Früh von feinempolnischen Fähnrich gestellt mit der Frage, welcher Nation er angehöre? Auf die Antwort „der jüdischen", sagte der Fähnrich zu einer polnischen Patrouille „nehmt den Hund“. Auf seine Frage „wofür1' schlug der Fähnrich sein Gewehr an und sagte zu ihm „gehst, oder ich schieße“. Das geschah um 10 Uhr in der Früh auf der Dworskistraße. Die Franziskanergasse wurde planmäßig von polnischen Legionären (unter Eid ausgesagt) geplündert Die christlichen Geschäfte sind „merkwürdigerweise unberührt geblieben. Die Polen behaupten, daß Plünderungen ein Werk der einheimischen Bolschcwiki seien. Das ist eine Lüge! Legionäre mit Offizieren an der Spitze haben am 11. November um 6 Uhr abends die jüdischen Läden auf der Frauziskanergasse ausgeraubt und die ausgeraubteii' Waren im Wert von mehreren Millionen Kronen auf, Wagen weggefüJirt Einen Zimmermann namens R o 11 e r haben die polnischen Legionäre ermordet zwei andere Juden so lange geschlagen, bis sie gestorben sind. Allein das Schrecklichste geschah auf der jüdischen. Gasse Die Legionäre schossen in dieFenster hinein, überfielen die Wohnungen und mit wieder derselben Begründung, daß ans diesem oder jenem Hause auf sie geschossen worden sei, schlugen sie die Bewohner, plünderten die Möbel, raubten ihnen das. Geld und nahmen die Männer geiangen. Gewehre oder Maschinengewehre, aus welchen die Juden geschossen haben sollten, fand man bei ihnen keine! S-iährige Kinder und 80-jährige Greise .wurden auf diese Weise .verhaftet, 3 Tage lang im Gefängnis gehalten, ohne' Verpflegung, unter schrecklichen hygienischen Zuständen und den blutigen Streichen der polnischen Soldateska ausgesetzt Ein jäher Schrecken packte -die Juden in der Nacht vom 11. auf den 12., viele suchten Zuflucht in den •katholischen Kirchen. Und die grausame Ironie: •die jüdische Miliz lag im Gefängnis entwaffnet, ■mißhandelt. Am 12. kamen die Revisionen. Die •.polnischen Legionäre suchten bei den Juden Waffen, fanden keine,, aber dafür fanden sie bei ihnen anit dem Revolver in der Hand Geld. Und die .'Juden gaben. Das Kultusgebäude wurde ausgepliindert die Kanzlei des jüdischen Volksrates .ausgeraubt, ein Kanzleibeamter mißhandelt Es ist ihüt nicht möglich, alle Fälle auizuzählen, wo die polnischen Kulturträger — „sie säubern .doch Galizien von den ukrainischen Banden“ — ihre „KüUurünstitute“ manifestiert haben. Die Ukrainer waren in Przemys! 7 Tage und in diesen 7 Tagen herrschte in der Stadt vollkommene Rühe und Ordnung. „Die ukrainischen Banden“ zeigten Organisationsgeist Gesittung. Die polnischen „Kulturträger“ zeigten die eben geschilderte Kulfcurhöhe .... -=- v * Der Eindruck der Lemberger Pogrome in Warschau. Die Nachricht über den Pogrom in Lemberg hat. auf die gesamte jüdische Bevölkerung in Warschau einen erschütternden Eindruck gemacht. Die jüdischen Zeitungen erschienen schwarz umrändert. Fast in sämtlichen Bethäusern wurden Andachtfeieni abgehalten. In .der Synagoge hielt Rabbiner Dr. P o s n a n s k i die Trauerrede. Am Jiskorabend sprach Rabbiner Doktor Thon aus Krakau. Die „Zeire Zion“ beriefen in den Venussaal eine Protestversammlurig ein. Es sprachen mehrere Redner, worauf die tausendköpfige Versammlung einstimmig eine scharfe Protestresolution, faßte.. Das Zentralkomittee der Zionistischen Organisation in Polen befaßte sich in einer Plenarsitzung, an der auch die Herren Dr. Thon und Dr. Leser aus Krakau sich beteiiigten, mit der Frage, wie das gesamte polnische Judentum auf die Pogrome und insbesondere auf den Lemberger Pogrom reagieren soll. Die Beratungen dauerten drei Tage. In einem 'Rundschreiben an die zionistischen Organisationen forderte das Zentralkomitee diese aui. die eventuell geplanten Chanukkafeiern zu verschieben und Protestversaminlimgen anläßlich der Pogrome zu veranstalten. Auf dessen Initiative wurde auch ein Retiungskomitee zwecks Organisierung einer großzügigen Hilfsaktion eingesetzt. Ebenso .leiteten viele Privatinstitute und Vereine Sammlungen ein. Manclte Finnen widmeten für diesen Zweck ■einen bestimmten Prozentsatz der Losung oder des Nutzens. Mit der Frage der Hilfsaktion beschäftigten sich außerdem das Rabbinat. der „Misrachi“. die „Zeire Misrachi“ u. a. Der Verein der Schuljugend „Sch'erit Jakob“ beschloß in einer ad hoc einberufeneil Sitzung die Einleitung einer Hilfsaktion unter der Schuljugend und setzte zu diesem Zwecke ein aus Vertretern sämtlicher Schulen bestehendes mehrgliedriges Komitee ein. das seine Arbeit bereits ausgenommen hat. In einigen Schulen veranstalteten dje Kinder spezielle Sammlungen „für die betroffenen Kinder“. Die jüdischen Schüler der Sonntag-Handelsschule setzten zum Zeichen des Protestes an einem Tage mit dem Schulbesuch aus und leiteten eine Spendensammiung ein. Auch das Präsidium der jüdischen Gemeinde beriet über die Frage der Hilfeleistung für die Lemberger Pogromopfer und der Zentralisierung der ' diesbezüglichen Spendcnsammiuugen. an denen die Gemeindevertretung mit einer eigenen Spende von 200.000 K sicii zu beteiligen gedenkt. Der jüdische Beerdigungsverein „Chessed sciiel Eniet“ beschloß, vier Mitglieder nach Lemberg zu delegieren, um der dortigen Gemeinde bei der Bestattung der Pogromopfer behilflich zu sein. Die jüdischen Zeitungen veröffentlichen bereits Spendenausweise. Au den ersten fünf Tagen .liefen allein in der Redaktion des „Moment“ an Einzelspenden über 60.000 Mark ein. — Das Zionistische Zentralkomitee in Warschau bestimmte den Montag, 6. Teweth, als Trauer¬ und Protesttag. Namens des Zentralkomitees ist eine spezielle mehrgliedrige Delegation nach Lemberg gereist. Besondere Abordnungen nach Lemberg sandten auch die assimilatorische Partei und die jüdische Gemeinde. Protest und Trouerlnindgebungen Eine Protestversammlung gegen die Pogrome im Haag Eine Rede des Exministers Trenb. Haag, 10. Dezember. (1 C- B. — Tel. d. Jüd. ■ Ztg) Im größten Saale Haags fand, in Anwesenheit von 3000 Personen eine Riesenversammlung zum Protest gegen die polnischen Pogrome unter dem Vorsitz von Jacobus H. Kann statt. Der erste Redner van Raalte erklärte Proteste für ungenügend und die Forderung nationaler Minderheitsrechte für Juden für notwendig. Exminister T r e u b führte aus, daß ein Protest nicht nur vom jüdischen Gesichtspunkt ausnötig sei, sondern auch vom menschlichen Standpunkt. Die polnischen Handlungen sind, sagte er, gemein, niederträchtig und feig. Er trat der Behauptung des polnischen Bureaus entgegen, daß die Pogromberichte deutsche Mache seien. Diepolnischen Dementis und Beschwichtigungsversuche seien lügnerisch Polen sei unreif für die - Freiheit. Ein freies Polen dürfe nur entstehen, wenn die jüdische Freiheit verbürgt ist. Ganz Holland schließe sich dem Proteste an. Die Entente werde die polnischen Gewalttaten nicht dulden und die polnische Regierung stürzen, wenn sie mitschuldig ist. Denn sonst hätte die Entente den Sieg nicht verdient. Ihre Verantwortlichkeit gegenüber der Weltgeschichte sei sehr groß. Wenn sich die polnischen Greueltaten wiederholten, dann würde die neue Weltordnung bei ihrem Beginn besudelt werden.. Die Pogrome bedrohen das jüdische Volk, aber noch mehr die Gesittung. Wenn die Pogrome ungestraft bleiben, schloß der Redner, dann würde ich vorzieben, ein jüdisches Opfer zu sein, als mich als Christ schämen zu müssen. Die Rede Treubs, der bei der Entente hohes Ansehen genießt, wurde lebhaft applaudiert. Senator v a n K o 1 führte aus: Die holländische Regierung könne und müsse intervenieren. Eine Neutralität gegenüber den Pogromen wäre Mitschuld. Auf Grund der englischen Warnung und der Erklärung des Posener polnischen Volksrates sei die Entsendung einer Kommission wünschenswert. Der Antisemitismus vergifte selbst die polnische Sozialdemokratie. Van Kol schloß mit den Worten: An dem demnächst stattfindenden Sozialistenkongreß in Genf oderLausänne wi rdmeineForderung derAusschluß der polnischen Soziald em o k r a t i e s e i n. Die Resolution der Versammlung, in der sehr viele Nichtjuden anwesend waren, forderte die Regierungen auf. in Zukunft die Pogrome mit allen Mitteln zu verhindern. Stockholm, 3 Dezember. Eine Deputation der Stockholmer Kultusgemernde, bestehend aus dem Oberrabbiner Ehrenpreis, dem Gemeinde- Präsidenten Hirsch, Gemeindevorsteher Direktor Thiel und dem Mitglied der ersten Kammer Lamm, suchte heute den Ministerpräsidenten Eden und den Außenminister Heikler auf, um die Intervention der Schwedenregierung für die Juden Galiziens anzurufen. Die Deputation überreichte ein Memorandum über die Pogrombewegung und die Lemberger Greuel und schilderte die Notwendigkeit einer Intervention. Die jVlinister drückten ihren Schmerz über die Judenverfolgungen aus und versprachen, den Wünschen der Judengememde in geeigneter Form nachzukommen. Deputationen des Poale-Zionverbandes und des skandinavischen Zionistenverbandes sprachen beim amerikanischen und französischen Gesandten und beim britischen Geschäftsträger vor und überreichten eine Resolution der Protest- Versammlung. Sie erstatteten genauen Bericht über die Lemberger Pogrome und forderten die Einsetzung einer neutralen Untersuchungskommission und sofortige militärische Intervention. Lodz. Anläßlich des Lemberger Pogroms fand in Lodz eine Trauer- und Protestdemonstration statt. Am Umzug nahmen über 20.000 Menschen teil. Den ganzen Tag waren die jüdischen Geschälte geschlossen. Gleichzeitig wurde eine Sammlung für die Pogromopfer veranstaltet. Die jüdischen Häuser waren schwarz beflaggt. Es wurde ein zentrates Rettungskomitee eingesetzt, das Vertreter von über 50 jüdischen Institutionen vereinigt. Manche Firmen bestimmten zugunsten der Opfer einen Teil ihrer Einkünfte während einer Woche. Sämtliche angekündigten Makkabäer-Abende wurden abberufen. An deren Stelle traten Trauerfeiern, deren Reinerträgnis dem erwähnten Zwecke zugeführt wurde. In einer der Protestversammlungen sprachen Rabbiner Kawalski aus Wloclawek und Rabbiner Zlotnik aus Gumbin. In Ubereinsitmmimg mit dein Beschlüsse des Zentralkomitees der zionistischen Organisation in Polen hat das zionistische Lokalkomitee in Krakau den 9. d. M. als Tag der allgemeinen Trauer und des Protestes anläßlich des Lemberger Pogroms ausgeruien1. Für diesen Tag. um 11 Uhr vormittags, wurden in Krakau zwei Trauerandachtsfeiern (im Tempel u’ud in der Synagoge/ angesetzt* mit Dr. Thon und Rabbiner Demb i t z e r als Redner. Für 4 Uhr desselben Tages wurden Andachtsversammlungen in allen übrigen Bethäusern Krakaus angesagt. Der Krakauer Kuitusrat beschloß in einer Plenarsitzung unter ■ dem Vorsitz des Dr Rafael Land an einen scharfen Protest gegen die Pogrome. Eine schweizerische Kommission zur Untersuchung der polnischen Judenmassacres. Dem Jüdischen Korrespondenzbureau in Bern wird berichtet: Die blutigen Judenmassacres in Galizien, die die ganze gesittete Welt in Aufregung gebracht haben, legten auch den in der Schweiz als freie Bürger lebenden Juden die Pflicht auf, im Interesse der Menschlichkeit und ihrer verfolgten Brüder, die Stimme zu erheben. Aus. Vertretern der schweizerischen Judenschaft hat sich ein Komitee gebildet, das die Entsendung einer unparteiischen Untersuchungskommission nach Polen und Galizien zu veranlassen hat, um den Tatbestand der furchtbaren Judenmassacres festzustellen. Ohne auf die Schuldirage einzugehen, die sich aus der Schweiz nicht prüfen läßt, verwahrt sich das Komitee der Schweizer Juden gegen den propagandistischen Vorwurf des Bolschewismus, der jetzt gegen das Judentum erhoben wird Nachdem man Jahrhunderte lang alle antisemitischen Exzesse mit dem jüdischen Kapitalismus zu begründen versucht hatte, benützt man jetzt dieses moderne Schlagwort des Bolschewismus, um das Judentum bei der Entente zu diskreditieren. Die zu entsendende Kommission wird die Lächerlichkeit dieses Vorwurfes festzustellen in der- Lage sein. Wie immer dem sei, das Hinschlachten unschuldiger Kinder und Frauen wird die Stichhaltigkeit derartiger Anklagen nie erweisen können. i Protestversammlung in Basel. . i Basel, 5.. Dezember. Mittwoch, den 4. Dezember fand in Basel im historischen Kongreßkasino eine Protestversammlung gegen die Pogrome in Polen und Galizien statt; an der mehr als 1200 Teilnehmer, Juden und Nichtjuden, beteiligt waren. Es sprachen Rabbiner‘Dr. Cohn (Basel), Dr. Klaizkirt und Olschwanscer. Eine ein~ stimmig angenommene Resolution verlangt die Einsetzung einer neutralen Untersuchungskommission, die Bestrafung der Verhrecher und genügende Garantien für die Zukunft. Der Eindruck der Versammlung war sehr groß. Stockholm (Tel. d. Jüd. Ztg.) Die schwedische Sozialdemokratie richtete an die sozialistische Partei Frankreichs einen telegraphischen Appell, ihren ganzen Einfluß auf die fianzösische öffentliche Meinung und auf ihre Regieauszuüben, sie möge alles aufbieten, um die Wiederholung solcher empörender Massacres zu verhindern. In der gegenwärtigen Weltlage sind die Alliierten die Einzigen, welche die Möglichkeit, folglich auch die Pflicht haben, die nationalen Minderheiten gegen Verfolgungen, die eine Schmach für die Menschheit sind, zu schützen. Im gleichen Sinne appellierte die schwedische Sozialdemokratie an die sozialistischen Parteien der anderen Ententeländer. Der schwedische Bürgermeister Lindhagen telegraphierte an den Ministerrat in Warschau und an die Liquidierungskommission in Krakau und bat, Morden, Plündern und die Gewalttaten gegenüber den Minoritäten mit aller Kraft zu bekämpfen. Eine Interpellation Im holländischen Senat Haag, 6. Dezember. Van Kol interpellierte im Senat und forderte die Entsendung einer neutralen Kommission. Er sprach die schärfste Anklage^ gegen die polnische Regierung aus und bekämpfte aufs heftigste die polnischen Dementis. Eine zweideutige Aeußerung des Ministers de» Auswärtigen Amtes wurde von Van Kol,, Polak und Embden getadelt. Embden verlangte, daß Hofland mit'PoIen keine Beziehungen herstefle. Der Minister erwiderte, er sei mißverstanden